{"id":109938,"date":"2017-05-22T07:09:20","date_gmt":"2017-05-22T07:09:20","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/05\/weissbrodt-06-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:06:23","modified_gmt":"2023-08-23T21:06:23","slug":"weissbrodt-06-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/05\/weissbrodt-06-2017\/","title":{"rendered":"Angepasste Arbeitsmethoden k\u00f6nnen psychosozialen Risiken vorbeugen"},"content":{"rendered":"<p>Im Bereich Gesundheit am Arbeitsplatz ist in den letzten Jahrzehnten der Begriff \u00abpsychosoziale Risiken\u00bb immer wichtiger geworden. Er umfasst einerseits Risikofaktoren, die insbesondere im Zusammenhang mit der Arbeitsorganisation, den zwischenmenschlichen Beziehungen sowie den Stressmechanismen \u2013 den sogenannten pathogenen Prozessen \u2013 stehen. Ausserdem beschreibt er auch deren Folgen f\u00fcr die Gesundheit: beispielsweise Ersch\u00f6pfung, Burn-out, Depression oder kardiovaskul\u00e4re Erkrankungen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Ber\u00fccksichtigung dieser Ph\u00e4nomene wirft Fragen auf, die nicht so einfach zu beantworten sind. Denn w\u00fcrden Sie als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer eines Unternehmens akzeptieren, dass das Arbeitsinspektorat Sie \u00fcber Ihren Umgang mit der Belegschaft und Ihre Arbeitsorganisation befragt? Und wie w\u00fcrden Sie umgekehrt als Arbeitsinspektor einen Arbeitgeber auf Themen wie Mobbing oder Stress ansprechen? Angesichts der zunehmenden Komplexit\u00e4t und des gestiegenen Drucks in der heutigen Berufswelt stellt sich auch f\u00fcr die Gewerkschaften die Frage, wie sie sich f\u00fcr die Interessen ihrer Mitglieder einsetzen k\u00f6nnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie meisten westlichen Regierungen haben zur Pr\u00e4vention psychosozialer Risiken Massnahmen ergriffen. Dabei kommt den Arbeitsinspektoraten eine entscheidende Rolle zu. In einer k\u00fcrzlich durchgef\u00fchrten systematischen Analyse der bestehenden Literatur zu diesem Thema<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> konnten wir zeigen, dass die Arbeitsinspektorate in einem g\u00fcnstigen Kontext eine positive Pr\u00e4ventionswirkung erzielen k\u00f6nnen. Dazu braucht es insbesondere eine gut entwickelte Sozialpartnerschaft sowie geschulte Inspektoren, die \u00fcber gen\u00fcgend Zeit und Ressourcen verf\u00fcgen \u2013 beispielsweise um Betriebe zu zweit zu kontrollieren und \u00fcber l\u00e4ngere Zeit begleiten zu k\u00f6nnen. Zudem muss auch die Mitwirkung der Mitarbeitenden m\u00f6glich sein. Und schliesslich sollten neben den Kontrollbesuchen auch andere Informations- und Kommunikationskan\u00e4le genutzt werden.&#13;<\/p>\n<h2>Innovative Studie in der Schweiz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Wirkung \u00f6ffentlicher Massnahmen auf die Pr\u00e4vention psychosozialer Risiken wurde bisher erst selten untersucht. Die bestehenden Studien stammen gr\u00f6sstenteils aus den nordischen L\u00e4ndern. Das Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) leitet nun in Zusammenarbeit mit den kantonalen Arbeitsinspektoraten und der Universit\u00e4t Lausanne eine Studie, um diese L\u00fccke zu schliessen. Das Ziel der Studie ist es, die Wirkung des f\u00fcr den Zeitraum 2014 bis 2018 festgelegten Vollzugsschwerpunkts zu messen. Dabei wurden die Inspektoren bez\u00fcglich der psychosozialen Aspekte der Gesundheit am Arbeitsplatz geschult und aufgefordert, dieses Thema in ihre Kontrollbesuche zu integrieren. Zus\u00e4tzlich wurde Informationsmaterial f\u00fcr die Unternehmen erstellt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUm die Wirkung dieses Vollzugsschwerpunkts zu messen, haben die Verantwortlichen der Studie ein Panel mit 400\u00a0Unternehmen aus allen drei Sprachregionen zusammengestellt. In jedem dieser Betriebe wurde die Person, die sich am besten mit der Gesundheit am Arbeitsplatz auskennt \u2013 meist der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer oder eine h\u00f6here F\u00fchrungskraft \u2013, im Abstand von einem Jahr zweimal mittels eines Fragenkatalogs telefonisch oder schriftlich befragt. Nach der ersten Befragung war f\u00fcr die H\u00e4lfte der beteiligten Unternehmen ein Besuch vom kantonalen Arbeitsinspektorat vorgesehen. Die andere H\u00e4lfte setzt sich aus vergleichbaren Betrieben zusammen, bei denen kein Besuch erfolgte. Sie bilden die Kontrollgruppe. Jetzt \u2013 ein Jahr nach der ersten Befragung \u2013 l\u00e4uft gerade die zweite Befragung. Die Ergebnisse werden im Herbst vorliegen.&#13;<\/p>\n<h2>Bisherige Erkenntnisse<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAus den bisherigen Befragungen geht hervor, dass die Arbeitgeber den durch Zeitdruck und die Arbeitsbelastung entstehenden Stress als wichtigstes psychosoziales Risiko f\u00fcr ihre Mitarbeitenden sehen. Angriffe auf die pers\u00f6nliche Integrit\u00e4t, wie Mobbing, Bel\u00e4stigung, Diskriminierung, Gewalt usw., stufen sie als Randerscheinungen ein. Weitere Risikofaktoren, wie starre oder unregelm\u00e4ssige Arbeitszeiten, schwierige Kundschaft, Kommunikationsprobleme und Arbeitsunsicherheit, sch\u00e4tzen sie als mittelwichtig ein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAus der Datenanalyse wird deutlich, dass es zwei Pr\u00e4ventionsarten gibt: Die eine Art fokussiert auf Managementmassnahmen, wie formelle Prozesse f\u00fcr den Umgang mit Konflikten, Mobbing, Bel\u00e4stigung oder Gewalt, sowie Schulungen und Informationen f\u00fcr die Mitarbeitenden. Solche Vorkehrungen existieren vor allem in grossen Betrieben. Die zweite Pr\u00e4ventionsart umfasst Massnahmen zur allgemeinen Verbesserung der Arbeitsbedingungen, beispielsweise hinsichtlich der Arbeitszeiten, der Arbeitsorganisation, des Personalbestands oder der Hilfsmittel. Dieser Ansatz ist in fast allen Unternehmen, auch in KMU und Kleinstunternehmen, anzutreffen. Auf diese Weise lassen sich die Ressourcen der Mitarbeitenden sehr direkt optimieren. Allerdings nehmen Arbeitgeber solche Massnahmen nicht als Pr\u00e4vention wahr, sondern eher als Instrument zur St\u00e4rkung ihrer eigenen Produktionsmittel.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Studie zeigt, dass es nicht ausreicht, sich eines Risikos bewusst zu sein, damit Verbesserungen umgesetzt werden. Die Pr\u00e4ventionspraxis h\u00e4ngt vor allem von der Gr\u00f6sse des Unternehmens und seinem T\u00e4tigkeitsbereich ab (siehe Punkt 1 in der<em> Abbildung<\/em>), aber auch vom allgemeinen Niveau des Gesundheits- und Sicherheitsmanagements (2) und von den Mitwirkungsm\u00f6glichkeiten des Personals (3). Das Empfinden, wonach die Mitarbeitenden einem Risiko ausgesetzt sind, scheint dabei nebens\u00e4chlich zu sein: Einzig der Zusammenhang zwischen Angriffen auf die pers\u00f6nliche Integrit\u00e4t und spezifischen Massnahmen ist statistisch signifikant (4).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUnternehmen mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten weisen bei den Angriffen auf die pers\u00f6nliche Integrit\u00e4t sowie bei den anderen Risikofaktoren \u00fcberdurchschnittliche Werte auf. Entsprechende formelle Prozesse und Schulungen bestehen in diesen Unternehmen eher selten (5). Die Arbeitgeber, die die Existenz psychosozialer Risiken ansprechen, sind oftmals von krankheitsbedingten Absenzen, einer grossen Mitarbeiterfluktuation (hoher Turnover) und Rekrutierungsschwierigkeiten betroffen (6).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Faktoren, die mit der Pr\u00e4vention psychosozialer Risiken verbunden sind<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/05\/Weissbrodt_Giaque_DE_1.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-69376\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/05\/Weissbrodt_Giaque_DE_1.png\" alt=\"\" width=\"2016\" height=\"1568\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Weissbrodt und Giauque \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h2>M\u00f6gliche Ans\u00e4tze f\u00fcr die \u00f6ffentliche Hand<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie bisherigen Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, die Unternehmen \u2013 insbesondere die kleinsten \u2013 bei der Weiterentwicklung ihrer Kompetenzen im Bereich Gesundheit am Arbeitsplatz und bei der Identifikation von Massnahmen, die ihren Bed\u00fcrfnissen entsprechen, zu unterst\u00fctzen. Die Unternehmen sollten f\u00fcr das Thema psychosoziale Risiken generell sensibilisiert werden und ein umfassendes Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr entwickeln, das sich nicht auf Mobbing, Bel\u00e4stigung, Gewalt oder zwischenmenschliche Konflikte beschr\u00e4nkt. Die \u00f6ffentliche Hand k\u00f6nnte sich ihrerseits verst\u00e4rkt f\u00fcr konkrete organisatorische Massnahmen zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen einsetzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAus der wissenschaftlichen Literatur geht hervor, dass der direkte Kontakt zwischen den Arbeitsinspektoren und den Arbeitgebern ein zentraler Faktor f\u00fcr die Pr\u00e4vention ist. Angesichts der begrenzten \u00f6ffentlichen Mittel bietet sich allerdings eine Zusammenarbeit mit verschiedenen Drittstellen an, beispielsweise mit den Sozialpartnern oder mit Fachpersonen f\u00fcr Gesundheit am Arbeitsplatz. Zudem ist unter Forschenden die Frage umstritten, ob die psychosozialen Risiken in den Rechtsgrundlagen expliziter erw\u00e4hnt werden sollten. Einige sind der Ansicht, dass den Arbeitgebern dadurch die Ausrichtung ihrer Massnahmen leichterfallen w\u00fcrde und die Arbeitsinspektoren ihre Forderungen damit besser begr\u00fcnden k\u00f6nnten. Die gegenteilige Meinung, dass die generelle Pr\u00e4ventionspflicht der Arbeitgeber ausreiche, ist in der analysierten Literatur weniger h\u00e4ufig vertreten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nStress, Burn-out und Gewalt sind symptomatische Ph\u00e4nomene f\u00fcr die aktuellen Umw\u00e4lzungen in der Arbeitswelt. Der gestiegene Druck und die immer gr\u00f6ssere Flexibilisierung der Arbeitsformen tragen zur Zunahme der Disparit\u00e4ten bei, deren gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Folgen die OECD seit Jahren mit Sorge beobachtet.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>\u00a0Das ist denn auch der Grund, weshalb sich nicht nur Fachpersonen f\u00fcr Gesundheit am Arbeitsplatz mit der Pr\u00e4vention psychosozialer Risiken auseinandersetzen sollten, sondern \u2013 und vielleicht vor allem \u2013 auch die Wirtschaftspolitik. Nur durch einen regelm\u00e4ssigen Dialog zwischen diesen beiden \u00f6ffentlichen Handlungsfeldern liesse sich in dieser Hinsicht wirklich etwas bewirken.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe Weissbrodt R. und Giauque D. (2016). <a href=\"http:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S092575351730317X\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Labour Inspections and the Prevention of Psychosocial Risks at Work: A Realist Synthesis<\/a>. In: Safety Science.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe dazu \u00ab<a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/social\/inequality-and-poverty.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Income Inequality and Poverty<\/a>\u00bb auf der Website der OECD.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Bereich Gesundheit am Arbeitsplatz ist in den letzten Jahrzehnten der Begriff \u00abpsychosoziale Risiken\u00bb immer wichtiger geworden. 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Eine Studie unter der Leitung des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco), in Zusammenarbeit mit den kantonalen Arbeitsinspektoraten und der Universit\u00e4t Lausanne, soll die Wirkung der Interventionen der Arbeitsinspektoren in diesem Bereich messen. F\u00fcr die Arbeitgeber ist der Stress infolge von Zeitdruck und hoher Arbeitsbelastung das wichtigste psychosoziale Mitarbeiterrisiko. In den Unternehmen existieren grunds\u00e4tzlich zwei Pr\u00e4ventionsarten: Zur Pr\u00e4vention von Angriffen auf die pers\u00f6nliche Integrit\u00e4t stehen die Information und das formelle Vorgehen im Vordergrund. Die zweite Pr\u00e4ventionsart betrifft eher allgemeine Verbesserungen der Arbeitsbedingungen. Dass dies auch zur Pr\u00e4vention psychosozialer Risiken beitr\u00e4gt, wird vielerorts noch verkannt. 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