{"id":110065,"date":"2017-04-27T15:50:25","date_gmt":"2017-04-27T15:50:25","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/04\/baur-05-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:06:25","modified_gmt":"2023-08-23T21:06:25","slug":"baur-05-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/04\/baur-05-2017\/","title":{"rendered":"Jobsharing hat nicht nur Vorteile"},"content":{"rendered":"<p>Wer eine Familie gr\u00fcnden m\u00f6chte und gleichzeitig arbeiten will, steht vor grossen Herausforderungen. Diese sind in der Schweiz noch schwieriger zu bew\u00e4ltigen als in anderen L\u00e4ndern.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> So sind die Angebote an familienexterner Kinderbetreuung unzureichend. Ausserdem erschweren in den meisten Kantonen die Unterrichtszeiten der Schulen eine Vollzeitarbeit, und die Kosten f\u00fcr die Fremdbetreuung sind abschreckend hoch.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweiz geh\u00f6rt zu den Industriestaaten, die am wenigsten staatliche Mittel f\u00fcr die Familienpolitik aufwenden.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Dies gilt insbesondere f\u00fcr die Angebote im Bereich der Kleinkinderbetreuung. Im internationalen Vergleich setzen Schweizer Eltern den gr\u00f6ssten Anteil ihres Einkommens f\u00fcr die familienerg\u00e4nzende Kinderbetreuung ein. Zu diesen Kosten kommen verh\u00e4ltnism\u00e4ssig hohe Steuern. Denn das Steuersystem kennt keine Individualbesteuerung und besteuert insbesondere den Mittelstand stark progressiv.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDa auch die Kinderbetreuungskosten von der H\u00f6he des Einkommens abh\u00e4ngen, h\u00e4lt das System den zweiten Erwerbst\u00e4tigen eines Elternpaars \u2013 in der Regel ist das die Mutter \u2013 davon ab, w\u00f6chentlich mehr als zwei oder drei Arbeitstage einer Erwerbst\u00e4tigkeit nachzugehen.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nLaut der Organisation f\u00fcr wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) schneidet die Schweiz bei der Gleichstellung der Geschlechter schlecht ab: Sie liegt auf dem 27.\u00a0Rang und damit weit hinter den meisten anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern. Insbesondere die beruflichen M\u00f6glichkeiten von Frauen werden als unbefriedigend erachtet, da lediglich ein Viertel der Frauen Vollzeit arbeitet \u2013 gegen\u00fcber drei Vierteln bei den M\u00e4nnern. Unter diesen Umst\u00e4nden hat Teilzeitarbeit bestenfalls eine Stagnation von beruflicher Karriere und Lohn zur Folge, im schlimmsten Fall bewirkt sie eine R\u00fcckstufung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine Aufteilung einer Stelle in zwei gleiche Teile erscheint somit grunds\u00e4tzlich als Fortschritt. Insbesondere das sogenannte Topsharing \u2013 eine geteilte F\u00fchrungsposition \u2013 bietet die M\u00f6glichkeit, trotz Teilzeitarbeit eine verantwortungsvolle Funktion auszu\u00fcben. Dennoch sind die Risiken und Nachteile dieser Arbeitsform nicht zu untersch\u00e4tzen. Namentlich in Bezug auf die Gleichstellung von Mann und Frau kommen die gleichen Nachteile zum Zuge wie bei der Teilzeitarbeit.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Die \u00abRabenm\u00fctter\u00bb<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie in Teilzeit ausge\u00fcbte Erwerbst\u00e4tigkeit hat sich in den Neunzigerjahren stark entwickelt. Sie galt als idealer Kompromiss zwischen dem Wunsch der Frauen nach beruflicher Verwirklichung und ihren Vorstellungen vom Muttersein. Die Frauen der letzten Jahrg\u00e4nge der Babyboomer-Generation standen im Spannungsfeld zwischen der Vorg\u00e4ngergeneration, die sich haupts\u00e4chlich auf ihre Mutterpflichten und die Arbeiten im Haushalt konzentriert hatte, und ihrem Bed\u00fcrfnis, auch ausserhalb des Haushalts einer T\u00e4tigkeit nachzugehen. Vor diesem Hintergrund haben sie sich als Kompromiss f\u00fcr die Teilzeitarbeit entschieden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuch die \u00f6ffentliche Hand profitiert: Sie spart umfangreiche Investitionen in die familienerg\u00e4nzende Kinderbetreuung. Es kommt zwar selten vor, dass Arbeitgeber ihren Angestellten, die eigentlich mehr arbeiten m\u00f6chten, eine Teilzeitarbeit aufzwingen. Trotzdem wirft der \u00abfreie Entscheid\u00bb f\u00fcr die Teilzeitarbeit einige Fragen auf.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Mythos von der \u00abRabenmutter\u00bb, die ihr Kind extern betreut und damit vermeintlich im Stich l\u00e4sst, ist insbesondere in der Deutschschweiz noch immer weit verbreitet. Ausserdem ist die liberale Auffassung, die durch Kinder verursachten Kosten seien Privatsache, ebenfalls nach wie vor in vielen K\u00f6pfen verankert, wie sich bei allen Abstimmungen \u00fcber familienpolitische Fragen gezeigt hat \u2013 sei es bei der Mutterschaftsversicherung oder beim Verfassungsartikel \u00fcber die Familienpolitik, mit dem den Kantonen eine gewisse Verantwortung f\u00fcr die familienerg\u00e4nzende Kinderbetreuung \u00fcbertragen werden sollte.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Eine ungleiche Wahl<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Kombination von institutionellen und regulatorischen Faktoren hat zur schwierigen Situation gef\u00fchrt, mit der wir heute in der Schweiz konfrontiert sind. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie lastet haupts\u00e4chlich auf den Schultern der Frauen, welche sich f\u00fcr ein Familienmodell \u00abentscheiden\u00bb. Demgegen\u00fcber wird die berufliche Karriere von V\u00e4tern nicht beeintr\u00e4chtigt. Entsprechend h\u00e4ngt der Besch\u00e4ftigungsgrad der M\u00fctter von ihrem Einkommen, vom Einkommen des Partners, vom Alter der Kinder und vom Angebot im Bereich der Betreuungsstrukturen ab.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie \u00dcbervertretung von M\u00e4nnern bei den Vollzeitstellen und von Frauen bei der Teilzeitarbeit l\u00e4sst sich in allen Altersgruppen feststellen. Die Unterschiede beim beruflichen Werdegang zwischen V\u00e4tern und M\u00fcttern sind der Grund daf\u00fcr, dass sich haupts\u00e4chlich Frauen f\u00fcr ein Arbeitsmodell wie das Jobsharing interessieren. Je nach sozialer Schicht f\u00e4llt der \u00abEntscheid\u00bb f\u00fcr die Teilzeitarbeit allerdings unterschiedlich aus. So ziehen sich Frauen mit einem h\u00f6heren sozio\u00f6konomischen Status nach der Geburt ihrer Kinder weniger h\u00e4ufig vom Arbeitsmarkt zur\u00fcck. Es ist davon auszugehen, dass diese gut ausgebildeten Frauen am ehesten ein Jobsharing oder ein Topsharing f\u00fcr sich in Anspruch nehmen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nW\u00e4re die Reduktion des Besch\u00e4ftigungsgrads gleichm\u00e4ssig auf beide Partner verteilt, w\u00fcrde sie die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern nicht verst\u00e4rken. Bleibt hingegen die Teilzeitarbeit haupts\u00e4chlich eine Sache der Frauen, besteht weiterhin die Gefahr, dass sie als minderwertige Arbeitsform betrachtet wird \u2013 als Besonderheit, die auf eine traditionelle Rollenverteilung zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Die Teilzeitarbeit zementiert diese stereotype Aufgabenteilung, indem die Teilzeitarbeit als etwas betrachtet wird, was in erster Linie Frauen betrifft.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWenn also Frauen weiterhin haupts\u00e4chlich f\u00fcr die Hausarbeit zust\u00e4ndig sind, w\u00e4hrend die M\u00e4nner weiterhin zwei Drittel zum Familieneinkommen beisteuern, ist zu bef\u00fcrchten, dass die Ungleichheit weiter zunimmt oder dass sie zumindest beibehalten wird. M\u00e4nner und Frauen werden dadurch auch in Zukunft nicht im gleichen Umfang in die berufliche Vorsorge einzahlen, und sie werden nicht die gleichen Karrierechancen haben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZweifellos verm\u00f6gen Job- oder Topsharing die Nachteile, welche die Teilzeitarbeit mit sich bringt, am besten zu kompensieren. Aber: Das heutige b\u00fcrgerliche Familienmodell \u2013 der Mann arbeitet zu 100\u00a0Prozent und die Frau zu 50\u00a0Prozent \u2013 wird nicht infrage gestellt. Indem die Frauen weiterhin den wesentlichen Teil der Kinderbetreuung leisten, gef\u00e4hrden sie ihre Chancen auf berufliches Weiterkommen und Lohnerh\u00f6hungen. Damit nehmen sie grosse wirtschaftliche Risiken auf sich, insbesondere bei einer Scheidung und bei der Pensionierung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEbenfalls nicht infrage gestellt wird die haupts\u00e4chlich private Finanzierung der familienerg\u00e4nzenden Kinderbetreuung \u2013 was die Nachteile verst\u00e4rkt. Selbst wenn zwei Frauen die Aufgaben einer Kaderstelle unter sich aufteilen, bringen sie mit ihrem Entscheid f\u00fcr die Teilzeitarbeit zum Ausdruck, dass sie den wesentlichen Teil der Haus- und Familienarbeit \u00fcbernehmen. Erst wenn gleich viele V\u00e4ter wie M\u00fctter Teilzeit arbeiten, wird die mit dieser Arbeitsform verbundene Symbolik neu definiert.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Dieser Artikel bezieht sich auf den Beitrag der Autorin Job sharing: atout ou pi\u00e8ge pour l\u2019\u00e9galit\u00e9 entre les sexes?, in: Le partage d\u2019emploi \u2013 Job sharing, Paris, 2016, 251\u2013260.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">In Prozent des BIP, OECD Family Database.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Monika B\u00fctler (2009), Wenn die Arbeit mehr kostet als sie einbringt, Studie \u00fcber die Auswirkungen der Besteuerung und Krippenkosten auf die Erwerbst\u00e4tigkeit der Frauen, Universit\u00e4t St. Gallen, im Auftrag der der Westschweizer Gleichstellungskonferenz; BFS, Sake-Daten (2013).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer eine Familie gr\u00fcnden m\u00f6chte und gleichzeitig arbeiten will, steht vor grossen Herausforderungen. 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Solange fast ausschliesslich Frauen Jobsharing praktizieren, werden das vorherrschende Familienmodell und die Rollenteilung zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit nicht infrage gestellt.","magazine_issue":"05-2017","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[3988,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20170428","original_files":[{"file":110080}],"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/58b03b3ed0ff8"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110065"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4522"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=110065"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110065\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126431,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110065\/revisions\/126431"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3988"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4522"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157079"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156382"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26121"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=110065"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=110065"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=110065"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=110065"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=110065"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=110065"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}