{"id":110273,"date":"2017-03-23T15:17:45","date_gmt":"2017-03-23T15:17:45","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/03\/hauser-04-2017fr\/"},"modified":"2025-06-14T11:54:57","modified_gmt":"2025-06-14T09:54:57","slug":"hauser-04-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/03\/hauser-04-2017\/","title":{"rendered":"Schweiz und Lateinamerika: Wirtschaftliche Berg-und-Tal-Fahrt"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Jahren sind zahlreiche Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder, allen voran in Asien, dynamischer gewachsen als die traditionellen Industriel\u00e4nder. Eine Region, die sich zwischen 2004 und 2015 \u00f6konomisch ebenfalls schneller entwickelt hat als der weltweite Durchschnitt, ist Lateinamerika<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>. Wirtschaftliche Zugpferde der Region sind Brasilien mit einem Anteil von knapp 40 Prozent am regionalen Bruttoinlandprodukt, gefolgt von Mexiko, das ein Viertel zur Wirtschaftsleistung beitr\u00e4gt, und Argentinien mit rund 10 Prozent.<\/p>\n<p>Zur akzentuierten wirtschaftlichen Dynamik Lateinamerikas trug insbesondere die grosse Nachfrage nach Agrar- und Bergbauprodukten von Schwellenl\u00e4ndern wie China bei. Wichtige Agrarexportg\u00fcter aus der Region sind beispielsweise Gefl\u00fcgel- und Rindfleisch, Kaffee, Soja, Zitrusfr\u00fcchte oder Zucker. Lateinamerika ist zudem ein bedeutender Lieferant von mineralischen Rohstoffen wie Bauxit, Eisenerz, Kupfer, Lithium oder Zinn. Dar\u00fcber hinaus beg\u00fcnstigte der 2004 einsetzende H\u00f6henflug der internationalen Rohstoffpreise das Wirtschaftswachstum. Hinzu kam schliesslich die steigende Inlandsnachfrage. Nachdem sich diese Faktoren ab 2011 zum Teil deutlich abgeschw\u00e4cht hatten, stagnierte die wirtschaftliche Entwicklung, und seit 2014 ist sie sogar r\u00fcckl\u00e4ufig.<\/p>\n<p>Im Folgenden wird die Entwicklung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und Lateinamerika in den Jahren von 2004 bis 2015 nachgezeichnet. Der Betrachtungszeitraum kann in drei Phasen gegliedert werden: erstens die Jahre vor der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise (2004 bis 2008), zweitens das Krisenjahr 2009 und drittens die Jahre nach der Krise (2010 bis 2015).<\/p>\n<p>Da sich die Intensit\u00e4t internationaler Wirtschaftsbeziehungen in Handels- und Investitionsaktivit\u00e4ten manifestiert, fokussiert der Beitrag auf die beiden Aspekte der realen Aussenwirtschaft Warenhandel und Direktinvestitionen. Die Analyse basiert auf Statistiken der Eidgen\u00f6ssischen Zollverwaltung (EZV) sowie der Schweizerischen Nationalbank (SNB).<\/p>\n<h2><strong>Starkes Wachstum der Importe<\/strong><\/h2>\n<p>Von den G\u00fctern im Umfang von insgesamt 166 Milliarden Franken, welche die Schweiz 2015 einf\u00fchrte, stammten lediglich 2,7 Milliarden aus Lateinamerika (1,6%). Allerdings haben sich die Importe aus der Region von 2004 bis 2015 wertm\u00e4ssig verzweieinhalbfacht und damit \u00fcberdurchschnittlich dynamisch entwickelt (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Zum Vergleich: Insgesamt stiegen die Schweizer Einfuhren um 21 Prozent.<\/p>\n<p>Von den Importen aus Lateinamerika stammten 40 Prozent aus Mexiko, an zweiter Stelle folgte Brasilien mit 29 Prozent. Auf Rang drei lag Kolumbien mit einem Anteil von 6 Prozent.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Aussenhandel zwischen der Schweiz und Lateinamerika (2004 bis 2015)<\/strong><\/h3>\n<div class='chart chart--normal' id='hauser_1_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#hauser_1_de').highcharts({\n  title: {\n        text: '',\n    },\n    xAxis: {\n        categories: ['2004', '2005', '2006', '2007', '2008', '2009', '2010', '2011', '2012', '2013', '2014', '2015']\n    },\n    yAxis: {\ntitle: {\n        text: 'In Mrd. Fr.',\n    }  },\n    plotOptions: {\n        series: {\n            marker: {\n                enabled: false\n            }\n        }\n    },\n    series: [{\n        type: 'column',\n        name: 'Export',\n        data: [3.539,3.601,4.410,5.126,5.683,4.974,5.648,5.737,6.290,6.679,6.537,6.233],\n tooltip: {\n            valueSuffix: ' Mrd. 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Im Zuge der Krise brachen die Einfuhren aus Brasilien jedoch merklich ein, w\u00e4hrend die Importe aus den \u00fcbrigen L\u00e4ndern auch in der Krise weiter zunahmen. In der Folge entwickelten sich die Einfuhren aus den spanischsprachigen L\u00e4ndern deutlich dynamischer als jene aus Brasilien. Wobei auch bei den Importen aus dieser L\u00e4ndergruppe seit 2013 eine Stagnation festzustellen ist.<\/p>\n<p>Auch bei den Exporten nach Lateinamerika resultierte im weltweiten Vergleich ein \u00fcberdurchschnittliches Wachstum. Im Jahr 2015 lagen die Schweizer Ausfuhren in die Region um 76 Prozent h\u00f6her als 11 Jahre zuvor. Die gesamten Exporte der Schweiz wuchsen im selben Zeitraum um 39 Prozent. Von den Ausfuhren im Wert von 203 Milliarden entfielen im Jahr 2015 rund 6,2 Milliarden auf Lateinamerika (3,1%). Davon gingen ein Drittel nach Brasilien, 23 Prozent nach Mexiko und 13 Prozent nach Argentinien.<\/p>\n<p>Bei der innerregionalen Analyse f\u00e4llt auf: Zwischen 2007 und 2012 entwickelten sich die Exporte nach Brasilien dynamischer als in der Gruppe der spanischsprachigen L\u00e4nder der Region. Dies ist darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die brasilianische Wirtschaft in der zweiten H\u00e4lfte des letzten Jahrzehnts besonders dynamisch gewachsen ist und im Vergleich zur \u00fcbrigen lateinamerikanischen Wirtschaft kaum von der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise beeinflusst wurde.<\/p>\n<h2><strong>Direktinvestitionen gehen seit 2012 zur\u00fcck<\/strong><\/h2>\n<p>Neben dem Aussenhandel sind Direktinvestitionen ein zentrales Element der internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Unternehmen k\u00f6nnen Investitionen im Ausland einerseits dadurch t\u00e4tigen, dass sie ein bereits bestehendes ausl\u00e4ndisches Unternehmen teilweise oder vollst\u00e4ndig \u00fcbernehmen. Andererseits k\u00f6nnen sie eigene, rechtlich unselbstst\u00e4ndige oder selbstst\u00e4ndige Neugr\u00fcndung im Ausland vornehmen \u2013 etwa in Form von Niederlassungen oder Tochtergesellschaften. Vom weltweiten Direktinvestitionsbestand der Schweiz im Umfang von rund 1100 Milliarden Franken befanden sich Ende 2015 gut 30 Milliarden Franken in Lateinamerika (2,6%). Im Gegensatz zum Aussenhandel entwickelte sich der Schweizer Kapitalbestand in der Region im weltweiten Vergleich jedoch unterdurchschnittlich. Auffallend ist die hohe Volatilit\u00e4t (siehe <em>Abbildung 2<\/em>): Bis 2012 stiegen die Direktinvestitionen auf mehr als das Dreifache \u2013 seither sind sie r\u00fcckl\u00e4ufig.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Schweizer Direktinvestitionen in Lateinamerika (2004 bis 2015, jeweils Jahresende)<\/strong><\/h3>\n<div class='chart chart--normal' id='hauser_2_de'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n$(function () {\n    $('#hauser_2_de').highcharts({\n chart: {\n        zoomType: 'xy'\n    },\n    title: {\n        text: ''\n    },\n    \n    xAxis: [{\n              categories: ['2004', '2005', '2006', '2007', '2008', '2009', '2010', '2011', '2012', '2013', '2014', '2015'],\n\n        crosshair: true\n    }],\n    yAxis: [{ \/\/ Primary yAxis\n        labels: {\n            format: '{value}'\n        },\n        title: {\n            text: 'Kapitalbestand in Mrd. 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Nach einem kontinuierlichen Anstieg zwischen 2004 und 2013 sank die Besch\u00e4ftigtenzahl ein Jahr sp\u00e4ter markant. Ende 2015 resultierte gegen\u00fcber dem Basisjahr ein Plus von noch 40 Prozent. Weltweit lag die Zunahme bei 49 Prozent.<\/p>\n<p>Auch bei der Besch\u00e4ftigtenzahl hatte Brasilien in Lateinamerika \u2013 mit einem Anteil von 38 Prozent \u2013 die Nase vorn. In Mexiko arbeiteten 19 Prozent und in Argentinien 7 Prozent der Mitarbeitenden, die Ende 2015 in der Region f\u00fcr Schweizer Unternehmen t\u00e4tig waren. Zwischen 2004 und 2008 verlief die Entwicklung der Besch\u00e4ftigtenzahl in Brasilien und der Gruppe der spanischsprachigen L\u00e4nder weitgehend parallel. Anschliessend wuchs der Personalbestand in Brasilien bis 2012 dynamischer als in den anderen L\u00e4ndern. Da die Besch\u00e4ftigtenzahl in Brasilien 2014 deutlich sank, lag sie Ende 2015 nur rund 16 Prozent \u00fcber dem Basisjahr. In den \u00fcbrigen L\u00e4ndern betrug die Steigerung 60 Prozent.<\/p>\n<h2><strong>Dynamische Entwicklung bis 2014<\/strong><\/h2>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen: Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Schweiz und Lateinamerika haben sich im Zeitraum von 2004 bis 2015 intensiviert \u2013 sowohl beim Aussenhandel als auch bei den Direktinvestitionen. Die Entwicklung verlief jedoch nicht durchg\u00e4ngig positiv. Vielmehr wechselten sich Jahre, in denen sich die wirtschaftlichen Beziehungen dynamisch vertieften, mit Jahren der Stagnation und des R\u00fcckgangs ab. Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise war nur mit einem kurzfristigen Einbruch des Handels verbunden und hatte kaum Auswirkungen auf die Schweizer Direktinvestitionen. Ab 2014 f\u00fchrte das Abflauen der wirtschaftlichen Dynamik in Lateinamerika jedoch zu einer Stagnation der Wirtschaftsbeziehungen.<\/p>\n<p>Im Zeitraum 2004 bis 2015 erwirtschaftete die Schweiz ein Sechstel ihres gesamten Handelsbilanz\u00fcberschusses mit Lateinamerika. Insgesamt exportierte die Schweiz im Betrachtungszeitraum Waren im Wert von 40 Milliarden Franken mehr in diese Region, als sie von dort importierte. Gr\u00fcnde hierf\u00fcr sind zum einen die strukturell asymmetrischen Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und Lateinamerika: W\u00e4hrend es sich bei der Schweiz um eine hochentwickelte Volkswirtschaft handelt, ist die Industrialisierung in den meisten L\u00e4ndern Lateinamerikas deutlich weniger ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Auf L\u00e4nderebene sind jedoch Unterschiede zu erkennen. So verf\u00fcgt Mexiko mittlerweile \u00fcber eine Wirtschaftsstruktur, die durchaus mit den traditionellen Industriel\u00e4ndern zu vergleichen ist. Die brasilianische Wirtschaft hingegen ist im Zuge des Rohstoffbooms der zur\u00fcckliegenden Jahre rohstofflastiger geworden, was zulasten der verarbeitenden Industrie ging, deren Bedeutung gesunken ist. Zum anderen sind im Zuge des florierenden Wachstums Lateinamerikas neue Bed\u00fcrfnisse und M\u00e4rkte entstanden, f\u00fcr die Schweizer Unternehmen innovative und hochwertige Produkte und L\u00f6sungen anbieten. Hier besteht Potenzial f\u00fcr eine weitere Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen.<\/p>\n<h2><strong>Freihandelsabkommen als T\u00fcr\u00f6ffner<\/strong><\/h2>\n<p>Gegenw\u00e4rtig verf\u00fcgt die Schweiz \u00fcber Freihandelsabkommen mit Chile, Kolumbien, Mexiko, Peru und einigen zentralamerikanischen Staaten. Ausserdem besteht mit dem Handelsb\u00fcndnis Mercosur, welches Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay umfasst, eine Efta-Zusammenarbeitserkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>Um die wirtschaftlichen Beziehungen insk\u00fcnftig weiter zu intensivieren, sollten die Chancen, die die bestehenden Abkommen bieten, konsequent genutzt werden. Gleichzeitig kann das regionale Netz an Freihandelsabkommen weiterentwickelt und ausgedehnt werden. Mit dem Mercosur wurden die Gespr\u00e4che hierzu im Rahmen des Weltwirtschaftsforums 2017 wieder aufgenommen. Sollte die derzeitige Wachstumsschw\u00e4che Lateinamerikas l\u00e4nger andauern oder sich gar versch\u00e4rfen, ist jedoch abzusehen, dass sich dies trotz aller Anstrengungen weiterhin negativ auf die Wirtschaftsbeziehungen auswirkt.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Der Beitrag bezieht sich auf folgende 20 Staaten: Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Dominikanische Republik, Ecuador, El Salvador, Guatemala, Haiti, Honduras, Kolumbien, Kuba, Mexiko, Nicaragua, Panama, Paraguay, Peru, Uruguay, Venezuela. Im Rahmen der Analyse wird Haiti der Gruppe der spanischsprachigen L\u00e4nder zugeordnet.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Jahren sind zahlreiche Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder, allen voran in Asien, dynamischer gewachsen als die traditionellen Industriel\u00e4nder. Eine Region, die sich zwischen 2004 und 2015 \u00f6konomisch ebenfalls schneller entwickelt hat als der weltweite Durchschnitt, ist Lateinamerika. 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