{"id":110341,"date":"2017-03-23T15:17:44","date_gmt":"2017-03-23T15:17:44","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/03\/giudici-04-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:06:50","modified_gmt":"2023-08-23T21:06:50","slug":"giudici-04-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/03\/giudici-04-2017\/","title":{"rendered":"Beeinflussen atypische Arbeitsformen die Gesundheit?"},"content":{"rendered":"<p>Der soziale und wirtschaftliche Status von Personen wird \u00fcber die Arbeit definiert. Die Arbeit beeinflusst unseren Lebensstil sowie die materiellen, kulturellen und sozialen Ressourcen, welche uns zur Verf\u00fcgung stehen und mit denen wir Krankheiten vorbeugen und behandeln k\u00f6nnen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Heute beobachten wir eine starke Flexibilisierung der Arbeit. Sie folgte auf ein als postfordistisch bezeichnetes Akkumulationsregime, das zuvor das fordistische Produktionssystem abgel\u00f6st hatte.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Zuge der Flexibilisierung haben sogenannt atypische Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse zugenommen: Teilzeitarbeit, befristete Vertr\u00e4ge inklusive Tempor\u00e4rarbeit, Besch\u00e4ftigungen ohne Vertrag sowie Praktika, aber auch Besch\u00e4ftigungen mit atypischen Arbeitszeiten oder Arbeit auf Abruf. Der Lohn dieser atypischen Besch\u00e4ftigungen ist in der Regel sehr tief. Das Gegenst\u00fcck dieser Besch\u00e4ftigungsformen ist die Standardbesch\u00e4ftigung \u2013 worunter man eine Vollzeitstelle mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag, festen Arbeitszeiten von Montag bis Freitag und einer progressiven Entl\u00f6hnung versteht.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Zunahme der Teilzeitstellen in der Schweiz entspricht in etwa dem generellen Besch\u00e4ftigungszuwachs in den Nullerjahren<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> und steht im Zusammenhang mit dem massiven Eintritt der Frauen in den Arbeitsmarkt. W\u00e4hrend Teilzeitbesch\u00e4ftigte 2004 noch 31,5\u00a0Prozent aller Erwerbst\u00e4tigen \u2013 oder 1,2\u00a0Millionen Personen \u2013 ausmachten, lag ihr Anteil im Jahr 2015 bereits bei 36\u00a0Prozent (1,7\u00a0Mio.). Davon waren 75,7\u00a0Prozent Frauen.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEbenfalls gestiegen ist die Zahl der Unterbesch\u00e4ftigten, das heisst der Arbeitnehmenden mit einer Teilzeitbesch\u00e4ftigung, die gerne mehr arbeiten w\u00fcrden und bereit w\u00e4ren, dies innerhalb von drei Wochen nach der Befragung zu tun. Waren dies 2004 noch 6\u00a0Prozent der Erwerbst\u00e4tigen, betrug der Anteil im Jahr 2015 bereits 7\u00a0Prozent der Erwerbst\u00e4tigen (11,1% bei den Frauen, 3,5% bei den M\u00e4nnern). Die Zahl der Arbeitnehmenden mit einem befristeten Anstellungsverh\u00e4ltnis ist im gleichen Zeitraum von 5,5\u00a0Prozent aller Erwerbst\u00e4tigen auf 7,4\u00a0Prozent gestiegen.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) misst auch die Zahl der bei einem Tempor\u00e4rb\u00fcro angemeldeten Personen (mit oder ohne Wohnsitz in der Schweiz). Gem\u00e4ss Seco lag diese Zahl 2005 bei 211\u2019144 und 2014 bei 324\u2019596. In dieser Gruppe nimmt der Anteil Personen ausl\u00e4ndischer Herkunft stetig zu, insbesondere seit der Krise von 2008.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZwischen 2002 und 2015 ist der Anteil Personen mit einer Stelle, bei der Schichtarbeit verlangt wird, von 13,2 auf 16,1\u00a0Prozent aller Erwerbst\u00e4tigen gestiegen. Die Arbeit auf Abruf war zwischen 2004 und 2014 hingegen r\u00fcckl\u00e4ufig (\u22121,3\u00a0Prozentpunkte auf 4,8%; 6,1% bei den Frauen und 3,7% bei den M\u00e4nnern).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZugenommen bei den Angestellten hat zudem die Angst vor einem Stellenverlust: Sie stieg von 11,3\u00a0Prozent im Jahr\u00a02002 auf 13,6\u00a0Prozent im Jahr\u00a02012.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2>Aus Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen Konfigurationen ablesen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAusgehend von den Arbeiten des Lausanner Soziologieprofessors Felix B\u00fchlmann aus dem Jahr 2013, wurden aus der f\u00fcr diesen Artikel verwendeten multiplen Korrespondenzanalyse von den charakteristischen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen Personenkonfigurationen abgeleitet (siehe <em>Kasten<\/em>). Um die Zusammenh\u00e4nge zwischen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen und Gesundheitszustand zu untersuchen, wurden die Daten der Schweizerischen Gesundheitsbefragung des Bundesamtes f\u00fcr Statistik (BFS) aus dem Jahr 2012 verwendet.<a href=\"#footnote_8\" id=\"footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor\">[8]<\/a> Die Stichprobe umfasst 12\u2019810 Erwerbst\u00e4tige (d.\u00a0h. Personen, die in der Woche vor der Befragung mindestens eine Stunde gearbeitet haben) im Alter von 20 bis 64\u00a0Jahren (Frauen) bzw. bis 65\u00a0Jahren (M\u00e4nner). Die ausgew\u00e4hlten Variablen sind die Art des Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisses (befristet\/unbefristet, selbstst\u00e4ndig, ohne Vertrag, Tempor\u00e4rarbeit), das Einkommen, die geleisteten Arbeitsstunden<a href=\"#footnote_9\" id=\"footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor\">[9]<\/a>, die H\u00e4ufigkeit von Arbeit auf Abruf oder Schichtarbeit sowie die M\u00f6glichkeit, bei der Arbeit Entscheidungen zu treffen. Zwei weitere Variablen betreffen die subjektive Wahrnehmung der Arbeitsplatzsicherheit: die Angst einer Person, ihre aktuelle Stelle zu verlieren, und die Chance, bei einer Entlassung eine andere Stelle zu finden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Ergebnis der multiplen Korrespondenzanalyse wurde in eine Grafik \u00fcbertragen, deren Achsen die beiden wichtigsten und ausschlaggebenden Faktoren des untersuchten Bereichs darstellen. In unserem Fall sind das die Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse. In der <em>Abbildung 1<\/em> sind einerseits Wolken aus Personen (<span style=\"color: #000000;\">kleine Punkte<\/span>) und Wolken aus Kategorien (grosse Punkte) dargestellt, die von Interesse sind. Nahe beisammen liegende Personen haben eine grosse Anzahl Kategorien gemeinsam, und nahe beisammen liegende Kategorien werden von vielen Personen geteilt. Fett dargestellt sind diejenigen Kategorien, bei denen der erste Faktor \u00fcber dem Durchschnitt liegt. Bei den unterstrichenen Kategorien trifft dies f\u00fcr den zweiten Faktor zu.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Analyse hebt drei Besch\u00e4ftigungskonfigurationen hervor: Die erste<em>, <\/em>unten links in der Abbildung, ist gepr\u00e4gt von Tempor\u00e4rarbeitenden, sehr tiefen L\u00f6hnen und sehr wenigen Arbeitsstunden. Hier trifft man auch Arbeit auf Abruf an. Unten rechts finden sich \u00abver\u00e4ngstigte\u00bb Arbeitnehmende, die Angst vor einem Stellenverlust haben und die bei einer Entlassung nur schwer wieder eine Besch\u00e4ftigung finden w\u00fcrden. Sie arbeiten auch im Schichtbetrieb, und manche haben Vertr\u00e4ge mit Tempor\u00e4rb\u00fcros. Oben befinden sich alle Arbeitnehmenden, deren Arbeitsbedingungen den \u00abStandardvertr\u00e4gen\u00bb \u00e4hneln. Diese Personen haben ein durchschnittliches bis hohes Einkommen, unbefristete Arbeitsvertr\u00e4ge und arbeiten pro Woche zwischen 31 und 45\u00a0Stunden. In dieser Gruppe finden sich links die Personen, die keine Angst vor einem Stellenverlust haben und viele Arbeitsstunden leisten, und rechts die Angestellten. Die selbstst\u00e4ndigen Erwerbst\u00e4tigen befinden sich ebenfalls im oberen Bereich der Grafik, obwohl Unterschiede zu den anderen Kategorien bestehen. Diese Resultate sind deshalb nicht wirklich vergleichbar.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Tempor\u00e4rarbeitende, \u00abver\u00e4ngstigte\u00bb Arbeitnehmende und \u00abStandardbesch\u00e4ftigungen\u00bb mit ihren Konfigurationen<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/03\/Giudici_DE_1_1_2.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-67684\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/03\/Giudici_DE_1_1_2.png\" alt=\"\" width=\"1966\" height=\"1991\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Giudici, Lepori, Marazzi \/ Die Volkswirtschaft<\/span><span style=\"color: #ff00ff;\">&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Ergebnisse zeigen, dass die beiden \u00abatypischen\u00bb Besch\u00e4ftigungskonfigurationen, n\u00e4mlich \u00abTempor\u00e4rarbeitende\u00bb und \u00abver\u00e4ngstigte\u00bb Arbeitnehmende, nicht am Rande des Arbeitsmarktes liegen, sondern ganz im Gegenteil gut integriert sind. Mithilfe einer \u2013 hier nicht abgebildeten \u2013 passiven Projektion der wichtigsten soziodemografischen Variablen auf den Raum<a href=\"#footnote_10\" id=\"footnote-anchor_10\" class=\"inline-footnote__anchor\">[10]<\/a> lassen sich diese Besch\u00e4ftigten eruieren: Unter den \u00abTempor\u00e4rarbeitenden\u00bb und den \u00abver\u00e4ngstigten\u00bb Arbeitnehmenden sind mehrheitlich Personen zu finden, die nur die obligatorische Schulbildung abgeschlossen haben, weiblich sind oder getrennt leben bzw. geschieden sind.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nFrauen sind nicht nur in Teilzeitstellen \u00fcberrepr\u00e4sentiert, sondern auch bei anderen Arten von Tempor\u00e4rarbeit. Zudem haben sie grosse Angst, ihre Stelle zu verlieren. Die weibliche Arbeitskraft ist h\u00e4ufig bei jenen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen anzutreffen, die mit hohen Flexibilit\u00e4tsanforderungen verbunden und prek\u00e4rer sind. Dies hat automatisch Folgen in Bezug auf die Arbeitsbedingungen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.<a href=\"#footnote_11\" id=\"footnote-anchor_11\" class=\"inline-footnote__anchor\">[11]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Gesundheit: Grosse Unterschiede je nach Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer physische und psychische Gesundheitszustand der Besch\u00e4ftigten abh\u00e4ngig von ihrem Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis wurde gest\u00fctzt auf die folgenden Variablen untersucht<a href=\"#footnote_12\" id=\"footnote-anchor_12\" class=\"inline-footnote__anchor\">[12]<\/a>: Selbstbeurteilung ihrer Gesundheit, Suizidgedanken, Schw\u00e4chegef\u00fchl, Herzschmerzen, Schlaflosigkeit, Niedergeschlagenheit und Einnahme von Antidepressiva. Diese Variablen werden in dem von den Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen definierten Raum als passiv betrachtet&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie <em>Abbildung\u00a02<\/em> zeigt nur die Antwortkategorien, die mindestens 0,4\u00a0Punkte von der Nullstelle entfernt und damit im einen oder anderen Sinne spezifisch sind f\u00fcr die Personen und die nahe davon liegenden Merkmale. Personen mit schlechtem Gesundheitszustand sind nur unterhalb der x-Achse zu finden. Somit beurteilen \u00abTempor\u00e4rarbeitende\u00bb und \u00abver\u00e4ngstigte\u00bb Arbeitnehmende ihren Gesundheitszustand als schlecht bis sehr schlecht: Sie hatten in den Wochen vor der Befragung Suizidgedanken, sind h\u00e4ufiger niedergeschlagen, leiden unter Schlaflosigkeit, haben oft Herzschmerzen und nehmen regelm\u00e4ssig Antidepressiva. Personen mit einer Tempor\u00e4rstelle oder Angst vor einem Stellenverlust haben demnach am h\u00e4ufigsten physische und psychische Gesundheitsprobleme.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Gesundheitsindikatoren und Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/03\/Giudici_2_DE.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-68042\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2017\/03\/Giudici_2_DE.png\" alt=\"\" width=\"1871\" height=\"1829\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Abgebildet sind die Antworten zu den betreffenden <em>Stichw\u00f6rtern<\/em>:<\/span>&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li><span class=\"text__legend\">Hatten Sie in den letzten vier Wochen M\u00fche einzuschlafen oder litten Sie unter <em>Schlaflosigkeit<\/em>?<\/span><\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li><span class=\"text__legend\">Wie oft haben Sie in den letzten sieben Tagen <em>Antidepressiva<\/em> genommen?<\/span><\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li><span class=\"text__legend\">Hatten Sie in den letzten vier Wochen unregelm\u00e4ssige <em>Herz<\/em>funktionen, <em>Herz<\/em>klopfen, <em>Herz<\/em>rasen oder <em>Herz<\/em>rhythmusst\u00f6rungen?<\/span><\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li><span class=\"text__legend\">Litten Sie in den letzten vier Wochen an einem <em>Schw\u00e4che<\/em>gef\u00fchl, an einem Ersch\u00f6pfungsgef\u00fchl oder an Energiemangel?<\/span><\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li><span class=\"text__legend\">Hatten Sie in den vergangenen zwei Wochen <em>Suizidgedanken<\/em> oder dachten Sie daran, sich Schmerzen zuzuf\u00fcgen?<\/span><\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li><span class=\"text__legend\">Wie oft f\u00fchlten Sie sich in den letzten vier Wochen <em>niedergeschlagen<\/em> oder deprimiert?<\/span><\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li><span class=\"text__legend\"><em>Selbstbeurteilung<\/em>: Wie beurteilen Sie Ihren allgemeinen Gesundheitszustand?<\/span><\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>\n<p>&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Giudici, Lepori, Marazzi \/ Die Volkswirtschaft<\/span><span style=\"color: #ff00ff;\">&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHierf\u00fcr gibt es zahlreiche Erkl\u00e4rungen. Der schlechtere Sozialschutz, der direkt mit diesen Besch\u00e4ftigungsformen zusammenh\u00e4ngt, und die tiefen L\u00f6hne erlauben es diesen Arbeitnehmenden nicht, Krankheiten korrekt vorzubeugen und zu behandeln. Generell f\u00fchrt die \u2013 bei Tempor\u00e4rarbeitenden objektive, bei ver\u00e4ngstigten Arbeitnehmenden subjektive \u2013 Unsicherheit zu einer hohen Stressbelastung. Es entsteht ein Gef\u00fchl der Ohnmacht und einer unklaren Zukunft.<a href=\"#footnote_13\" id=\"footnote-anchor_13\" class=\"inline-footnote__anchor\">[13]<\/a> Auffallend ist dabei Folgendes: Sogenannter Pr\u00e4sentismus<a href=\"#footnote_14\" id=\"footnote-anchor_14\" class=\"inline-footnote__anchor\">[14]<\/a> und Arbeitsunf\u00e4lle kommen h\u00e4ufiger vor, wenn die Besch\u00e4ftigten einer hohen Stressbelastung ausgesetzt sind und Angst vor einem Stellenverlust haben.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Ein erstaunlich weitverbreitetes Ph\u00e4nomen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Daten zeigen, dass Personen mit \u00abatypischen\u00bb Besch\u00e4ftigungskonfigurationen eine schlechtere Gesundheit haben als die anderen. Nicht aufzeigen k\u00f6nnen diese Daten hingegen die Kausalit\u00e4t des Ph\u00e4nomens: Sind die Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse mitverantwortlich f\u00fcr den Gesundheitszustand einer Person, oder garantiert der Arbeitsmarkt mit seinen immer h\u00f6heren Anforderungen nur Personen mit guter Gesundheit eine gewisse Stabilit\u00e4t?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUm das Ph\u00e4nomen besser zu verstehen, m\u00fcsste die Frage mit longitudinalen Daten genauer untersucht werden, beispielsweise anhand der Daten des Schweizer Haushalt-Panels. Sollte sich zeigen, dass atypische Besch\u00e4ftigungen nicht nur gelegentlich vorkommen, sondern ganze Berufslaufbahnen pr\u00e4gen und dass sie mit einem h\u00f6heren Erkrankungsrisiko einhergehen, m\u00fcsste dringend dar\u00fcber nachgedacht werden, welche Verantwortung die Arbeitgeber in Bezug auf die Gesundheit ihrer Angestellten tragen. Ausserdem m\u00fcsste der Sozialschutz \u00fcberdacht werden, den diese Besch\u00e4ftigungsformen eben nicht bieten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDar\u00fcber hinaus ist die Unterscheidung zwischen atypischen und typischen Besch\u00e4ftigungen problematisch: Einerseits ist sie hilfreich zur Kategorisierung von Besch\u00e4ftigungs- und Vertragsformen; andererseits kann damit nicht zwischen flexiblen und nicht flexiblen Arbeitskr\u00e4ften, prek\u00e4ren und nicht prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen oder zwischen garantierter und nicht garantierter Besch\u00e4ftigung unterschieden werden. Die Arbeitsflexibilit\u00e4t kommt heutzutage in so vielf\u00e4ltiger Form daher, dass sie alle Kategorien von Besch\u00e4ftigten betrifft, unabh\u00e4ngig vom unterzeichneten Arbeitsvertrag. Die hier beschriebenen Gesundheitsprobleme k\u00f6nnten sich somit auf die Gesamtheit aller Besch\u00e4ftigten ausweiten und folglich ein staatliches Eingreifen erfordern.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Phelan (2004).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Die Autoren bedanken sich bei Felix B\u00fchlmann von der Sozial- und Politikwissenschaftlichen Fakult\u00e4t der Universit\u00e4t Lausanne sowie bei Margaret Graf von der Direktion f\u00fcr Arbeit im Seco f\u00fcr die Relekt\u00fcre und die fachliche Unterst\u00fctzung.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Bonoli (2007).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Die \u00abatypischen\u00bb Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse haben schon vorher stark zugenommen, n\u00e4mlich in den Neunzigerjahren. Dennoch schien es uns wichtig, hier die j\u00fcngsten Entwicklungen aufzuzeigen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Schweizerische Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Sake). Zahlen, deren Quelle nicht explizit angegeben ist, stammen ebenfalls aus diesem Dokument.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Sake, nur f\u00fcr Personen mit st\u00e4ndigem Wohnsitz in der Schweiz.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Schweizerische Gesundheitsbefragung (BFS).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_8\" class=\"footnote--item\">Eine erste Untersuchung mit diesen Daten wurde ausschliesslich f\u00fcr das Tessin durchgef\u00fchrt, ergab aber sehr \u00e4hnliche Resultate (Giudici, 2015).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_9\" class=\"footnote--item\">Der Besch\u00e4ftigungsgrad wird nur als passive Variable ber\u00fccksichtigt, da diese Variable den geleisteten Arbeitsstunden sehr \u00e4hnlich ist.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_10\" class=\"footnote--item\">Projizierte Variablen sind bei der Raumkonstruktion nicht aktiv. Der Raum wird somit durch die Variablen mit Bezug zu den verschiedenen Besch\u00e4ftigungsformen definiert. F\u00fcr weitere Erkl\u00e4rungen zur Projektion passiver Variablen siehe: Le Roux und Rouanet (2010).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_10\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_11\" class=\"footnote--item\">Lepori et al. (2012).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_11\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_12\" class=\"footnote--item\">Es handelt sich hier um eine Auswahl von Variablen; andere Variablen zur Messung von physischen und psychischen Problemen ergaben \u00e4hnliche Resultate.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_12\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_13\" class=\"footnote--item\">Burgard et al. (2009).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_13\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_14\" class=\"footnote--item\">Erscheinen zur Arbeit, obwohl man sich krank f\u00fchlt.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_14\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der soziale und wirtschaftliche Status von Personen wird \u00fcber die Arbeit definiert. Die Arbeit beeinflusst unseren Lebensstil sowie die materiellen, kulturellen und sozialen Ressourcen, welche uns zur Verf\u00fcgung stehen und mit denen wir Krankheiten vorbeugen und behandeln k\u00f6nnen. Heute beobachten wir eine starke Flexibilisierung der Arbeit. 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Perceived Job Insecurity and Worker Health in the United States, Social Science &amp; Medicine, 69(5), S.\u00a0777\u2013785.<\/li>&#13;\n \t<li>Giudici F. (2015). L'impatto del lavoro sulla salute: impieghi atipici e insicurezza lavorativa, Dati \u2013 Statistiche e societ\u00e0, 15(1), S.\u00a05\u201315.<\/li>&#13;\n \t<li>Le Roux B. und Rouanet H. (2010). Multiple Correspondence Analysis, London, Sage.<\/li>&#13;\n \t<li>Lepori A., Greppi S. und Marazzi C. (2012). Travail, ch\u00f4mage et \u00c9tat social, Revue d\u2019information sociale Artias, S.\u00a01\u201322.<\/li>&#13;\n \t<li>Phelan J. C., Link B. J., Diez-Roux A., Kawachi I. und Levin B. (2004). Fundamental Causes of Social Inequalities in Mortality: a Test of the Theory, Journal of Health and Social Behaviour, 45, S.\u00a0265\u2013285.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Multiple Korrespondenzanalyse","kasten_box":"Mit der multiplen Korrespondenzanalyse lassen sich <em>Personenkonfigurationen<\/em> untersuchen, ohne den Dualismus zu bedienen zwischen Standardarbeitsbedingungen einerseits und prek\u00e4ren Arbeitsbedingungen, die \u00abam Rande\u00bb oder \u00abausserhalb\u00bb des Arbeitsmarktes liegen, andererseits.<sup>a<\/sup> Ein weiterer Vorteil dieser Methode besteht darin, dass man sich nicht auf eine kausale Logik beschr\u00e4nkt, bei der gezwungenermassen abh\u00e4ngige und unabh\u00e4ngige Variablen definiert werden m\u00fcssen (wie bei der Regression). 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Dazu geh\u00f6ren Teilzeitarbeit, befristete Vertr\u00e4ge inklusive Tempor\u00e4rarbeit, Besch\u00e4ftigungen ohne Vertrag sowie Praktika, aber auch Besch\u00e4ftigungen mit atypischen Arbeitszeiten oder Arbeit auf Abruf. In einer multiplen Korrespondenzanalyse wurde anhand von Daten der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2012 untersucht, ob ein Zusammenhang zwischen den Besch\u00e4ftigungsbedingungen und der Gesundheit besteht. 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