{"id":110470,"date":"2017-03-23T14:54:25","date_gmt":"2017-03-23T14:54:25","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/03\/zuercher-interview-04-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:07:05","modified_gmt":"2023-08-23T21:07:05","slug":"zuercher-interview-04-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/03\/zuercher-interview-04-2017\/","title":{"rendered":"\u00abDie Arbeitslosenquote wird sich unter drei Prozent einpendeln\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Herr Z\u00fcrcher, Sie arbeiten daran, die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative auf Verordnungsstufe zu definieren. Was ist noch offen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nGekl\u00e4rt werden muss beispielsweise der Ausl\u00f6semechanismus, ab welchem die Stellenmeldepflicht gilt. (Wenn in Regionen oder bei Berufsgruppen oder T\u00e4tigkeiten eine \u00fcberdurchschnittliche Arbeitslosigkeit vorliegt, dann m\u00fcssen Unternehmen frei werdende Stellen zun\u00e4chst den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren melden, Anm. d. Red.) Es ist vorgesehen, die Ausf\u00fchrungsbestimmungen in der Verordnung zum Arbeitsvermittlungsgesetz zu kl\u00e4ren.&#13;<\/p>\n<h3>Es geht also darum, zu bestimmen, bei welcher Arbeitslosenquote in welcher Region der Mechanismus einsetzt?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nGenau. Es sind konkret Wirtschaftsregionen, Berufsgruppen und \u00a0T\u00e4tigkeitsfelder zu identifizieren, in denen eine Stellenmeldepflicht eingef\u00fchrt wird. Wir werden Kriterien f\u00fcr den Ausl\u00f6semechanismus in einer Arbeitsgruppe mit den Kantonen und den Sozialpartnern diskutieren. Ein weiterer Punkt betrifft die Frage, wer Zugang zu den Informationen \u00fcber offene Stellen erh\u00e4lt und wie das konkret geregelt werden soll.&#13;<\/p>\n<h3>Schaffen wir mit dem Inl\u00e4ndervorrang light ein b\u00fcrokratisches Monster?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNein. Wir wollen selbstverst\u00e4ndlich vor allem Wirkung erzielen. Die Chancen der Stellensuchenden sollen verbessert werden. Der Aufwand f\u00fcr die Arbeitgeber und die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren soll aber m\u00f6glichst gering gehalten werden. Wir fangen zum Gl\u00fcck nicht ganz bei null an.&#13;<\/p>\n<h3>Wie meinen Sie das?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nBereits im letzten Jahr hatte sich eine Arbeitsgruppe der Aufsichtskommission der Arbeitslosenversicherung intensiv mit der Meldepflicht und dem Inl\u00e4ndervorrang besch\u00e4ftigt. Zudem zielt auch das bereits aufgegleiste Projekt E-ALV in die gleiche Richtung.&#13;<\/p>\n<h3>Heisst E-ALV, dass E-Government nun auch die Arbeitslosenversicherung erfasst?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa, wir wollen die Dienstleistungen f\u00fcr die Arbeitgeber und die Versicherten ausbauen. Es gibt zwei Aspekte bei der Umsetzung der Meldepflicht: einerseits die formale Umsetzung im Rahmen der Verordnung und andererseits die praktische Umsetzung in den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren. Beim zweiten Aspekt geht es um Prozesse, die man definieren muss. Hier helfen uns die bereits laufenden Bestrebungen, die digitale Unterst\u00fctzung bei der Arbeitsvermittlung zukunftsgerichtet auszubauen.&#13;<\/p>\n<h3>Wie kann die Verwaltung sicherstellen, dass die Unternehmen die Stellen bei den RAV melden?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Gesetz sieht eine Pflicht zur Meldung offener Stellen vor, und im Extremfall kann eine Missachtung dieser Pflicht sogar sanktioniert werden. Wenn sich dann in der Praxis abzeichnen sollte, dass die getroffenen Massnahmen nicht ausreichen, sieht das Gesetz weiter vor, dass der Bundesrat zus\u00e4tzliche Massnahmen beschliessen kann.&#13;<\/p>\n<h3>Gibt es eine Vernehmlassung zu den Ausf\u00fchrungsbestimmungen der Meldepflicht?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDa es sich um ein politisch bedeutendes Projekt handelt, ist eine breite Vernehmlassung geplant. Wir gehen aktuell davon aus, dass die Verordnung Anfang n\u00e4chstes Jahr in Kraft treten kann.&#13;<\/p>\n<h3>Wann k\u00f6nnen die im RAV gemeldeten Arbeitslosen mit der Umsetzung rechnen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nSobald der Bundesrat gr\u00fcnes Licht gibt. Aber mit dem Verordnungsartikel alleine ist es ja noch nicht getan. Denn parallel dazu m\u00fcssen Prozesse angepasst und Instrumente \u2013 wie die erw\u00e4hnte E-ALV \u2013 bereitgestellt werden.&#13;<\/p>\n<h3>Was ist mit den Grenzg\u00e4ngern? Braucht es daf\u00fcr in der Verordnung eine Regelung?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nAuch dieses Thema werden wir in der Arbeitsgruppe diskutieren. Gem\u00e4ss der jetzigen L\u00f6sung k\u00f6nnen sich Grenzg\u00e4nger auch bei der \u00f6ffentlichen Arbeitsvermittlung des Besch\u00e4ftigungsstaats melden.&#13;<\/p>\n<h3>Die EU-Kommission plant, dass arbeitslose Grenzg\u00e4nger vom Land, wo sie arbeiten, die volle Arbeitslosenentsch\u00e4digung erhalten sollen. Was hiesse das f\u00fcr die Schweiz?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDabei handelt es sich um einen Vorschlag der Kommission, der noch durch die EU-Gremien gehen muss. F\u00fcr die Schweiz besteht keinerlei Pflicht, eine solche Regelung zu \u00fcbernehmen. Wenn also die EU etwas \u00e4ndert, m\u00fcssten wir das nicht automatisch \u00fcbernehmen \u2013 sondern gegebenenfalls neu mit der EU verhandeln.&#13;<\/p>\n<h3>Profitiert die Schweiz von der jetzigen L\u00f6sung?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Moment werden die Kosten zwischen der Schweiz und dem betreffenden EU-Land geteilt. Aus unserer Sicht ist diese Regelung fair.&#13;<\/p>\n<h3>Wie lange dauert denn durchschnittlich die Arbeitslosigkeit eines Stellensuchenden bei den RAV?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEin Stellensuchender ist gegenw\u00e4rtig im Durchschnitt zwischen sechs und sieben Monaten als arbeitslos gemeldet. Zahlreiche Arbeitslose, vor allem j\u00fcngere, finden bereits fr\u00fcher wieder eine Stelle.&#13;<\/p>\n<h3>Die Arbeitslosenquote hat letztes Jahr mit durchschnittlich 3,3 Prozent den h\u00f6chsten Stand seit sechs Jahren erreicht. Wie widerstandsf\u00e4hig ist der Arbeitsmarkt tats\u00e4chlich?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nGemessen an den zahlreichen Schocks, welche der Arbeitsmarkt seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise 2008 durchlaufen hat, ist diese Quote relativ tief. Angefangen mit der Finanzmarktkrise 2009 \u00fcber den ersten Frankenschock 2010 bis hin zur Aufhebung des Mindestkurses des Frankens zum Euro Anfang 2015 stand der Schweizer Arbeitsmarkt st\u00e4ndig unter Anpassungsdruck. Vor allem die exportorientierten Branchen wurden dadurch massiv herausgefordert. Mit 3,3 Prozent liegt die Arbeitslosenquote daher leicht \u00fcber ihrem langj\u00e4hrigen Durchschnittswert von 3,2 Prozent.&#13;<\/p>\n<h3>Warum gibt es nicht mehr Arbeitslose?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nUnser Arbeitsmarkt ist sehr flexibel und durchl\u00e4ssig und dadurch auch sehr widerstandsf\u00e4hig: Rund 11 Prozent der Erwerbst\u00e4tigen wechseln pro Jahr den Job oder die Funktion im Betrieb. Hinzu kommen pro Jahr Arbeitsmarkteintritte und Zuwanderungen im Umfang von rund 9 Prozent der Erwerbsbev\u00f6lkerung. Der Arbeitsmarkt ist also st\u00e4ndig im Fluss. Das gilt besonders auch f\u00fcr die Arbeitslosenversicherung: Im Jahresdurchschnitt waren bei den RAV pro Monat fast 150\u2019000 Personen arbeitslos gemeldet. Insgesamt bezogen aber mehr als doppelt so viele \u00fcber eine gewisse Zeit Taggelder. Es sind also nicht immer die gleichen Personen arbeitslos.&#13;<\/p>\n<h3>Das t\u00f6nt alles sehr positiv. Aber der Strukturwandel schreitet voran. Ein Industriearbeiter l\u00e4sst sich nicht einfach im Gesundheitswesen einsetzen.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa, das ist sicherlich so. Die Arbeitslosenquote reflektiert sozusagen den Reibungsverlust im Strukturwandel. Mit den zus\u00e4tzlichen Herausforderungen wie der Frankenst\u00e4rke l\u00e4uft die Anpassung etwas weniger geschmeidig als vor zehn Jahren. Ich bin aber \u00fcberzeugt, dass sich die Arbeitslosenquote in wenigen Jahren wieder unter 3 Prozent einpendelt.&#13;<\/p>\n<h3>Wichtig f\u00fcr die Widerstandsf\u00e4higkeit des Arbeitsmarktes ist auch die Bildung. Wieso?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nGut ausgebildete Leute sind vielf\u00e4ltiger einsetzbar, sie finden sich besser im komplexer werdenden Arbeitsmarkt zurecht. Es gibt wahrscheinlich kein Land, das eine so gut ausgebildete Erwerbsbev\u00f6lkerung hat wie die Schweiz. Bei uns gilt die Grund\u00fcberzeugung: Du musst etwas lernen, wenn du beruflich weiterkommen willst. Nach der Lehre oder dem Studium bilden wir uns auch privat weiter. Beispielsweise macht einer aus privatem Antrieb einen Buchhaltungskurs. Diese meritokratische Haltung wirkt sich positiv aus. Hinzu kommt die regionale Flexibilit\u00e4t: Die Leute sind bereit, dorthin zu pendeln, wo es Arbeit gibt.&#13;<\/p>\n<h3>Wie tr\u00e4gt die Arbeitslosenversicherung zur Flexibilit\u00e4t bei?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nOhne Existenzsicherung durch die ALV m\u00fcsste man den erstbesten Job annehmen, auch wenn dieser nur schlecht zu den eigenen F\u00e4higkeiten passen w\u00fcrde. Die ALV hilft, das Matching auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Das kommt letztlich allen zugute. Das ist vor allem in unserem Hochleistungsarbeitsmarkt ganz entscheidend, wo eine hohe Spezialisierung dominiert. Auch unsere L\u00f6hne z\u00e4hlen nicht zuletzt deshalb weltweit zu den h\u00f6chsten \u2013 und ich denke da nicht an die Spitzenverdiener, sondern an den Durchschnittslohn.&#13;<\/p>\n<h3>Die Nettozuwanderung ist gesunken. Die Schweiz ist also weniger attraktiv geworden?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Zuwanderung aus der EU und der Efta ist nachfragegetrieben. Das heisst, die Leute aus den EU- und Efta-Staaten reagieren auf die Arbeitskr\u00e4ftenachfrage der Unternehmen in der Schweiz. Konjunkturbedingt nahm letztes Jahr die Zuwanderung im Baugewerbe, im Gastgewerbe und im Personalverleih am st\u00e4rksten ab. In den strukturell wachsenden Branchen des Gesundheitswesens oder der ICT-Dienstleistungen verringerte sich die Zuwanderung demgegen\u00fcber nur leicht. Daraus sieht man: Die relativ hohe Arbeitslosenquote ist keine Folge der Zuwanderung, denn diese passt sich der Arbeitskr\u00e4ftenachfrage in der Schweiz an. Nicht zu vernachl\u00e4ssigen ist auch, dass wir die Besch\u00e4ftigungsl\u00fccken aufgrund des demografischen Wandels schon heute vielfach mit ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4ften f\u00fcllen m\u00fcssen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Z\u00fcrcher, Sie arbeiten daran, die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative auf Verordnungsstufe zu definieren. 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