{"id":110547,"date":"2017-03-23T14:30:21","date_gmt":"2017-03-23T14:30:21","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/03\/keuschnigg-04-2017fr\/"},"modified":"2025-06-14T11:59:00","modified_gmt":"2025-06-14T09:59:00","slug":"keuschnigg-04-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/03\/keuschnigg-04-2017\/","title":{"rendered":"Ein gesunder Finanzplatz dient Innovation und Wirtschaftswachstum"},"content":{"rendered":"<p>Wer mehr verdienen und Karriere machen will, muss nach besseren Jobs Ausschau halten und darf nicht dort verharren, wo die Perspektiven schlecht sind. Dasselbe gilt auch f\u00fcr das Kapital: in niedergehenden Branchen und schrumpfenden Unternehmen kann keine gute Rendite erzielt werden. Auf der Suche nach hohem Ertrag muss es dorthin wandern, wo Innovation stattfindet und die Wirtschaft expandiert. Mehr als die H\u00e4lfte des Produktivit\u00e4tswachstums einer Volkswirtschaft kommt dadurch zustande, dass innovativere und produktivere Firmen rascher wachsen, Marktanteile besetzen und weniger produktive Unternehmen verdr\u00e4ngen. Dabei treiben vor allem Produkt- und Prozessinnovationen das Wachstum an.<\/p>\n<p>Innovation ist ein Prozess sch\u00f6pferischer Zerst\u00f6rung und untrennbar mit Strukturwandel verbunden. Innerhalb grosser Konzerne werden Arbeit und Kapital im Zuge der Erneuerung des Produktzyklus neu eingesetzt. Gesamtwirtschaftlich spielt sich der Strukturwandel auch durch Schrumpfung oder gar Marktaustritt von unprofitablen Firmen ab. Dadurch werden Kapital und Arbeit freigesetzt, die wieder von jungen, innovativen Firmen nachgefragt werden.<\/p>\n<p>Doch nicht allen Staaten gelingt es gleich gut, Finanzierung und Besch\u00e4ftigung zu den rentablen Branchen zu lenken. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Verfassung des Finanzplatzes: Seine Aufgabe ist es, die Finanzierung zu stoppen, wenn die Rendite unterdurchschnittlich und die R\u00fcckzahlung zweifelhaft wird. Er muss die Finanzmittel dorthin lenken, wo ein h\u00f6herer Ertrag m\u00f6glich ist. Wie Kapitalreallokation zum Wachstum beitr\u00e4gt, war Thema einer Arbeitstagung im Oktober 2015 an der Universit\u00e4t St. Gallen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/p>\n<h2>Gesunde Banken sind zentral<\/h2>\n<p>Die Banken stehen im Zentrum dieses Prozesses. Mit der Steuerung der Kreditvergabe tragen sie auch zur Bew\u00e4ltigung des Strukturwandels bei. Die Kreditw\u00fcrdigkeitspr\u00fcfung, die laufende Kredit\u00fcberwachung, die Nichtverl\u00e4ngerung von bestehenden Kreditlinien bis hin zur Ausl\u00f6sung einer Insolvenz, wenn bei Problemkrediten eine volle R\u00fcckzahlung unwahrscheinlich wird \u2013 sie alle sind Teile eines Prozesses, der die produktivit\u00e4tssteigernde Kapitalreallokation unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p>Damit Banken auch in Krisensituationen eine stabile Quelle der Kreditversorgung bleiben, m\u00fcssen sie \u00fcber gen\u00fcgend Eigenkapital und Liquidit\u00e4t verf\u00fcgen. Ein starker Eigenkapitalpuffer kr\u00e4ftigt einerseits die Widerstandsf\u00e4higkeit und erlaubt den Banken so, profitable Unternehmen mit vor\u00fcbergehenden Liquidit\u00e4tsschwierigkeiten weiter zu finanzieren. Andererseits versetzt er sie auch in die Lage, die Finanzierung von unprofitablen Unternehmen zu stoppen, Kredite teilweise abzuschreiben und Verluste zu absorbieren, ohne das regulatorische Mindestkapital zu unterschreiten. Auch wenn ein Teil der Kredite verloren ist, wird bei einer Insolvenz Kapital freigesetzt, das in die Finanzierung von anderen profitablen Unternehmen fliessen kann. Wenn die Banken jedoch ihre Kapitalpolster aufgebraucht und keinen Spielraum mehr haben, neigen sie dazu, bestehende Kreditlinien auch an Firmen mit zweifelhafter Bonit\u00e4t zu verl\u00e4ngern, um Verluste zu vermeiden. Also werden auch keine Mittel frei, um neue Kredite zu vergeben.<\/p>\n<p>Nicht aufgearbeitete faule Kredite sind letztlich der Inbegriff eines mangelnden Strukturwandels. Laut Mario Draghi, dem Pr\u00e4sidenten der Europ\u00e4ischen Zentralbank, vergeben schwer angeschlagene Banken kaum neue Kredite und verz\u00f6gern damit die wirtschaftliche Erholung: \u00ab[\u2026] je l\u00e4nger diese Situation anh\u00e4lt, desto l\u00e4nger wirken sich die Kreditkonditionen auf die von Schumpeter beschriebene sch\u00f6pferische Zerst\u00f6rung aus. Das Kommen und Gehen der Unternehmen am Markt \u2012 eine bedeutende Triebkraft des Produktivit\u00e4tswachstums \u2012 w\u00fcrde unterbrochen werden.\u00bb<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a><\/p>\n<h2>Das Beispiel Japan<\/h2>\n<p>Wie ein verhinderter Strukturwandel das Wachstum bremst, zeigte das Platzen der Verm\u00f6genspreisblase im Jahr 1990 in Japan: Wissenschaftler von amerikanischen Universit\u00e4ten haben die dortige Wachstumsschw\u00e4che mit mangelnder Kapitalreallokation aufgrund von Problemen in der Kreditvergabe erkl\u00e4rt.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> In wenigen Jahren fielen die Aktien- und Immobilienpreise um mehr als 50 Prozent. Als viele schwach kapitalisierte Banken mit notleidenden Firmenkrediten konfrontiert waren, h\u00e4tte eine marktwirtschaftliche Strukturbereinigung einsetzen m\u00fcssen. Die Banken h\u00e4tten entweder unproduktive Firmen in die Insolvenz schicken oder bei \u00fcberschuldeten, aber wettbewerbsf\u00e4higen Firmen einer Restrukturierung mit Schuldenschnitt zustimmen sollen, um ihnen neue Wachstumsperspektiven zu erm\u00f6glichen. Beides w\u00e4re mit hohen Kreditabschreibungen und Verlusten verbunden gewesen, h\u00e4tte aber letztlich die Wachstumsflaute \u00fcberwunden.<\/p>\n<p>Doch angesichts schwacher Kapitalausstattung wollten viele Banken weitere Verluste vermeiden, um nicht unter die regulatorischen Kapitalanforderungen zu fallen. Daher haben sie Kreditlinien an strukturschwache Firmen weitergef\u00fchrt, anstatt neue Kredite an wettbewerbsf\u00e4hige Firmen zu vergeben. So wurden viele unproduktive Firmen k\u00fcnstlich am Leben erhalten, die Marktanteile besetzen, das Wachstum der wettbewerbsf\u00e4higen Unternehmen bremsen und den Markteintritt neuer Anbieter behindern. Gem\u00e4ss den Berechnungen der Forscher ist dadurch \u00fcber zehn Jahre ein kumulativer Investitionsverlust von 17 Prozent des Kapitals entstanden. Die Besch\u00e4ftigung der wettbewerbsf\u00e4higen Unternehmen w\u00e4re um 9,5 Prozentpunkte h\u00f6her ausgefallen, wenn der Anteil der unproduktiven Firmen nicht gestiegen w\u00e4re.<\/p>\n<h2>Innovatoren brauchen Eigenkapital<\/h2>\n<p>Keine Investition ist riskanter als diejenige in Innovation. Deshalb brauchen innovative Unternehmen mehr Risikokapital als andere. W\u00e4hrend Kreditgeber und Anleihenk\u00e4ufer mit fixen Zinszahlungen rechnen k\u00f6nnen, m\u00fcssen die Eigenkapitalgeber weit mehr Risiko tragen, denn Dividenden k\u00f6nnen nur vom \u00fcbrig bleibenden Gewinn ausgesch\u00fcttet werden. In einer Rezession gibt es deshalb wenig zu verdienen, oder es m\u00fcssen tempor\u00e4r sogar Verluste weggesteckt werden. Doch was f\u00fcr die Fremdkapitalgeber sicher ist, bringt das Unternehmen eventuell in Bedr\u00e4ngnis: Je mehr Fremdkapital ein Unternehmen aufnimmt, desto gr\u00f6sser werden die festen Zinsverpflichtungen. Deshalb ist die Schuldentragf\u00e4higkeit begrenzt. Die F\u00e4higkeit, mehr Fremdkapital aufzunehmen, h\u00e4ngt von einer ausreichenden Ausstattung mit Eigenkapital ab.<\/p>\n<p>Je innovativer und internationalisierter ein Land ist, desto h\u00f6heren Risiken sind die Unternehmen ausgesetzt. Besonders hoch ist das Risiko f\u00fcr innovative Start-ups. Aber auch f\u00fcr innovative Exportunternehmen und multinationale Konzerne: Denn sie sind nicht nur der heimischen, sondern der weltweiten Konkurrenz ausgesetzt und brauchen deshalb mehr risikotragendes Eigenkapital. Aber Eigenkapitalfinanzierung ist keine Aufgabe der Banken. Eigenkapital wird einerseits selber, \u00fcber einbehaltene Gewinne, langsam angespart. Bei Gr\u00fcndungen und starker Expansion mit besonders hohem Kapitalbedarf muss es andererseits auf dem Markt beschafft werden, d. h. bei Anlegern, an der B\u00f6rse, von Beteiligungsgesellschaften, Finanzdienstleistern oder Wagnisfinanciers. Aus diesem Grund nimmt die Bedeutung der Kapitalm\u00e4rkte f\u00fcr die Finanzierung der Wirtschaft zu, je n\u00e4her ein Land an die Technologiegrenze vorst\u00f6sst. Denn ein Innovationsf\u00fchrer muss radikalere und riskantere Innovationen hervorbringen als ein technologisch aufholendes Land, das andere Innovationen \u00fcbernehmen und imitieren kann.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a><\/p>\n<h2>Risikokapital f\u00fcr Start-ups<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend Banken langfristige Gesch\u00e4ftsverbindungen pflegen, sind auf dem Kapitalmarkt die Bindungen zwischen Investoren und Unternehmen schw\u00e4cher. Daher fallen die Anlageentscheidungen radikaler und h\u00e4rter aus. Dazu kommen Informationsnachteile und die Risikoscheu der passiven Investoren: Sie k\u00f6nnen bei auftauchenden Schwierigkeiten eine Kapitalflucht beg\u00fcnstigen, die Aktien- und Anleihekurse der betroffenen Firmen stark fallen lassen und damit den Zugang zum Kapitalmarkt prohibitiv verteuern.<\/p>\n<p>Die Marktdisziplin auf Kapitalm\u00e4rkten ist h\u00e4rter. Daf\u00fcr gibt es aktive Investoren wie sogenannte Wagniskapital- und Private-Equity-Gesellschaften oder \u00abBusiness Angels\u00bb. Sie sind auf die Finanzierung von innovativen, aber hoch riskanten Wachstumsunternehmen spezialisiert, die sich mit Bankkrediten nicht finanzieren k\u00f6nnten. Oft betreuen diese Gesellschaften nur wenige Portfoliounternehmen, diese daf\u00fcr umso intensiver. Um ihr Investitionsrisiko zu begrenzen, treffen sie Investitionsentscheidungen mit wesentlich mehr unternehmerischem Know-how, bieten strategische Beratung an und \u00fcben intensivere Kontrolle aus. Solche Wagnisfinanciers geben keinen Kredit, sondern investieren risikotragendes Beteiligungskapital und trimmen diese Unternehmen auf Wachstumskurs. Firmen mit Wagniskapital schaffen daher mehr Besch\u00e4ftigung, haben ein rasanteres Umsatzwachstum und erzielen wesentlich h\u00f6here Wertsteigerungen als andere, vergleichbare Firmen.<\/p>\n<p>Investoren von Wagniskapital sind auf die Phase nach der Gr\u00fcndung spezialisiert, wo die unternehmerische Erfahrung am geringsten ist, der Markttest noch bevorsteht und deshalb auch die \u00dcberlebenswahrscheinlichkeit am geringsten ist. Meist ist die Finanzierung auf bis zu zehn Jahre begrenzt. Je l\u00e4nger die Firmen sich auf dem Markt bew\u00e4hren, desto mehr k\u00f6nnen sie andere, weniger teure Finanzierungen wie Bankkredite erschliessen. Wenn f\u00fcr die Firmen die Vorteile des Wagniskapitals schwinden, r\u00fcckt der Ausstieg n\u00e4her, und es wird Kapital frei, das dringend f\u00fcr die Finanzierung von neuen Start-ups ben\u00f6tigt wird.<\/p>\n<h2>Liquide M\u00e4rkte erleichtern den Handel<\/h2>\n<p>Den gr\u00f6ssten Teil ihres Ertrags erzielen die Wagnisfinanciers allerdings erst beim Verkauf ihrer Beteiligung an der B\u00f6rse, auf dem Kapitalmarkt oder an andere Unternehmen. Dieser besteht vorwiegend in der Wertsteigerung der Beteiligung, sofern nicht schon vorher ein Totalverlust zu verbuchen war.<\/p>\n<p>Ein liquider Kapitalmarkt und der B\u00f6rsengang von innovativen Jungunternehmen erleichtern den profitablen Ausstieg f\u00fcr Investoren und sind deshalb so wichtig f\u00fcr die Risikofinanzierung. Denn die Financiers sind umso eher bereit, mit neuem Kapital einzusteigen, je leichter sie nachher ihre Beteiligung wiederverkaufen und den Ertrag realisieren k\u00f6nnen. Wie bei den Anlegern gilt auch hier: Man kauft nur, wenn man sicher ist, bei Bedarf wieder einen geeigneten K\u00e4ufer f\u00fcr seine Anteile zu finden. So lenken auch die Akteure des Kapitalmarkts mit ihren Investitionsentscheidungen das Kapital von unrentablen zu innovativen und wachsenden Unternehmen um und steigern damit das Produktivit\u00e4tswachstum. Ein diversifizierter Finanzplatz mit leistungsf\u00e4higen Banken und einem liquiden Kapitalmarkt ist unerl\u00e4sslich, damit die Ersparnisse und vorhandenen Verm\u00f6gen mehr Einkommen und Wachstum hervorbringen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Die erste FGN-Tagung \u00fcber \u00abFinance, Capital Reallocation and Growth\u00bb wurde von Christian Keuschnigg, Universit\u00e4t St. Gallen, und Holger M\u00fcller, New York University, zusammen mit CEPR organisiert. Ein Video und weitere Informationen sind auf <a href=\"http:\/\/www.wpz-fgn.com\/veranstaltungen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Wpz-fgn.com<\/a> erh\u00e4ltlich. Die drei Keynote Lectures sind im Sonderband der Schweizerischen Zeitschrift f\u00fcr Volkswirtschaft und Statistik, 2016, Vol. 152 (4) publiziert.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Nach dem Redemanuskript von Mario Draghi, \u00abBankenrestrukturierung und wirtschaftliche Erholung\u00bb, anl\u00e4sslich der Verleihung des Schumpeter-Preises der \u00d6sterreichischen Nationalbank am 13. M\u00e4rz 2014 in Wien.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Vgl. Caballero, Ricardo J., Takeo Hoshi und Anil K. Kashyap (2008), Zombie Lending and Depressed Restructuring in Japan, American Economic Review 98, 1943\u20131977.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Vgl. dazu Philippe Aghion (2016), Competitiveness and Growth Policy Design, in: Christian Keuschnigg (Hrsg.), Moving to the Innovation Frontier, CEPR und Universit\u00e4t St. Gallen, VoxEU Ebook, 5\u201329.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer mehr verdienen und Karriere machen will, muss nach besseren Jobs Ausschau halten und darf nicht dort verharren, wo die Perspektiven schlecht sind. Dasselbe gilt auch f\u00fcr das Kapital: in niedergehenden Branchen und schrumpfenden Unternehmen kann keine gute Rendite erzielt werden. 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