{"id":110595,"date":"2017-02-23T13:13:09","date_gmt":"2017-02-23T13:13:09","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/02\/bonoli-03-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:07:07","modified_gmt":"2023-08-23T21:07:07","slug":"schwierige-zeiten-fuer-europas-wohlfahrtsstaaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/02\/schwierige-zeiten-fuer-europas-wohlfahrtsstaaten\/","title":{"rendered":"Schwierige Zeiten f\u00fcr Europas Wohlfahrtsstaaten"},"content":{"rendered":"<p>Viele europ\u00e4ische Staaten haben eine Reihe von unbew\u00e4ltigten Herausforderungen f\u00fcr den Sozialstaat mit in die Zeit nach der Krise von 2008 geschleppt. Diese Schwierigkeiten haben ihren Ursprung in den weltwirtschaftlichen Entwicklungen und den politischen Entscheidungen der letzten 25 Jahre. Doch die Finanz-, Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise seit 2008 machte sichtbar, dass diese Herausforderungen in manchen europ\u00e4ischen Staaten nach wie vor ungel\u00f6st sind. Die erste und bedeutendste Herausforderung ist zweifellos die \u00dcberalterung der Gesellschaft. Das Zusammenfallen einer immer h\u00f6heren Lebenserwartung mit sinkenden Geburtenraten f\u00fchrt dazu, dass immer mehr Rentner von immer weniger Erwerbst\u00e4tigen abh\u00e4ngig sind (Abh\u00e4ngigenquotient steigt). Dadurch ger\u00e4t das Altersvorsorgesystem in vielen L\u00e4ndern unter Druck.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine zweite entscheidende Entwicklung, die nicht nur in Europa, sondern in allen hoch entwickelten Volkswirtschaften zu verzeichnen ist, betrifft den Arbeitsmarkt: Der technische Fortschritt und die Verlagerung zahlreicher Produktionst\u00e4tigkeiten in Schwellenl\u00e4nder haben zur Folge, dass in den Industriestaaten haupts\u00e4chlich hoch qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte gefragt sind. Die Unternehmen ben\u00f6tigen Ingenieure, Marketingspezialisten, Wirtschaftspr\u00fcfer und weitere spezialisierte Fachkr\u00e4fte. Die Nachfrage nach ungelernten und gering qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften nimmt dagegen immer weiter ab. Dies f\u00fchrt zu zunehmender sozialer Ausgrenzung, wie die hohen Anteile von Langzeitarbeitslosen in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zeigen (siehe <em>Abbildung 1<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Langzeitarbeitslosigkeit in verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, 2000 und 2015<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"Bonoli_Prisoni_Trein_de_1\"><\/div>\n<script>\n\n\n$(function () {\n    $('#Bonoli_Prisoni_Trein_de_1').highcharts({\n        chart: {\n\n            type: 'column'\n        },\n        title: {\n            text: ''\n        },\n       \n        xAxis: {\n            categories: [\n                'D\u00e4nemark',\n                'Frankreich',\n                'Deutschland',\n                'Griechenland',\n                'Italien',\n                'Spanien',\n                'Schweden',\n                'Schweiz',\n                'Gross-<br\/>britannien'\n                \n            ]\n        },\n        yAxis: {\n            title: {\n                text: ''\n            },\n            labels: {\n                format: '{value}%' \/\/ nacht, dass auf der Y-Achse das Prozentzeichen angezeigt wird. Man k\u00f6nnte auch Fr., Mia. oder was auch immer als Wert angeben.\n            }\n   \n        },\n   \n      \n        series: [{\n            name: '2000',\n            data: [21, 38.4, 50.1, 48, 61.8, 35.3, 29.3, 28.2, 32.6]\n\n        }, {\n            name: '2015',\n            data: [27.6, 45, 45.7, 72.7, 59, 50.4, 19.3, 36.7, 34.3]\n\n        }]\n    });\n});\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anteil der Langzeitarbeitslosigkeit (l\u00e4nger als ein Jahr) gemessen an der Arbeitslosigkeit insgesamt.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">OECD \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDrittens sind die europ\u00e4ischen Gesellschaften in den letzten Jahren multikultureller geworden, was mit enormen Herausforderungen f\u00fcr Politik und Verwaltung verbunden ist. Migranten sind in vielen Sozialprogrammen \u00fcberrepr\u00e4sentiert, und sie werden im Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft insgesamt diskriminiert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nViertens hat sich die Jugendarbeitslosigkeit w\u00e4hrend der letzten Jahre in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zu einem dr\u00e4ngenden Problem entwickelt. Jugendliche sind in der Regel st\u00e4rker von Arbeitslosigkeit bedroht, sie haben Schwierigkeiten, sich dauerhaft in den Arbeitsmarkt zu integrieren, und sind von Konjunktureinbr\u00fcchen besonders stark betroffen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nF\u00fcnftens verursachen die grundlegenden Sozialleistungen und Sozialdienste weiterhin hohe Kosten, obwohl zahlreiche Reformanstrengungen zur Begrenzung der Sozialausgaben unternommen werden. Insbesondere die Gesundheitsausgaben liegen nach wie vor auf einem hohen Niveau oder steigen sogar weiter an. Ausserdem hat der Abbau von \u00f6ffentlichen Gesundheitsdiensten f\u00fcr die B\u00fcrger eine h\u00f6here finanzielle Selbstbeteiligung zur Folge.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie bew\u00e4ltigen die europ\u00e4ischen Staaten diese Herausforderungen? Aus einer Analyse der Reformen und des politischen Diskurses ergeben sich f\u00fcr die Entwicklung des europ\u00e4ischen Sozialmodells drei verschiedene Szenarien: Dualisierung, Wohlfahrtschauvinismus und soziale Investition.&#13;<\/p>\n<h2>Dualisierung bei den Sozialleistungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIhren Ursprung hat die Dualisierung in den rigiden Arbeitsgesetzen, die verschiedene europ\u00e4ische L\u00e4nder, insbesondere in S\u00fcdeuropa, in den Siebzigerjahren verabschiedeten. Um den Arbeitsmarkt flexibler zu gestalten, f\u00fchrten die betreffenden Staaten eine Reihe von ungesch\u00fctzten Arbeitsvertr\u00e4gen ein. Auf diese k\u00f6nnen die Arbeitgeber bei Bedarf neben den nach wie vor bestehenden stark gesch\u00fctzten Vertr\u00e4gen zur\u00fcckgreifen. Bei den neuen Vertragsarten, die teilweise als \u00abatypische\u00bb Vertr\u00e4ge bezeichnet werden, handelt es sich um befristete Arbeitsvertr\u00e4ge, Vertr\u00e4ge von Selbstst\u00e4ndigerwerbenden, Teilzeitvertr\u00e4ge, Vertr\u00e4ge auf Abruf oder Vertr\u00e4ge f\u00fcr Arbeitsstellen mit L\u00f6hnen, die unter einem bestimmten Schwellenwert liegen (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). Gemeinsames Merkmal dieser Vertr\u00e4ge ist der Umstand, dass mit ihnen keine umfassenden Anspr\u00fcche auf Sozialversicherungsleistungen wie Arbeitslosengelder und Altersrenten verbunden sind.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb 2: Zeitlich befristete Arbeitsverh\u00e4ltnisse in verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, 2000 und 2015<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"Bonoli_Prisoni_Trein_de_2\"><\/div>\n<script>\n\n\n$(function () {\n    $('#Bonoli_Prisoni_Trein_de_2').highcharts({\n        chart: {\n   \n            type: 'column'\n        },\n        title: {\n            text: ''\n        },\n       \n        xAxis: {\n            categories: [\n                'D\u00e4nemark',\n                'Frankreich',\n                'Deutschland',\n                'Griechenland',\n                'Italien',\n                'Spanien',\n                'Schweden',\n                'Schweiz',\n                'Gross-<br\/>britannien'\n                \n            ]\n        },\n        yAxis: {\n            title: {\n                text: ''\n            },\n            labels: {\n                format: '{value}%' \/\/ nacht, dass auf der Y-Achse das Prozentzeichen angezeigt wird. Man k\u00f6nnte auch Fr., Mia. oder was auch immer als Wert angeben.\n            }\n        },\n   \n      \n        series: [{\n            name: '2000',\n            data: [8.5,14.6,12.5,11.8,8.7,30.9,13.0,10.5,6.1 ]\n\n        }, {\n            name: '2015',\n            data: [7.9, 15.9, 13, 11.4, 13.6, 25.1, 15.5, 13.7, 5.8]\n\n        }]\n    });\n});\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anteil der zeitlich befristeten Arbeitsverh\u00e4ltnisse am Gesamtvolumen der abh\u00e4ngigen Erwerbsarbeit.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">OECD \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZusammengenommen ver\u00e4ndern diese Reformen die Bedeutung der sozialen Sicherungssysteme, insbesondere der Alterssicherung. Die verh\u00e4ltnism\u00e4ssig grossen Kohorten von atypischen Besch\u00e4ftigten, die seit den Neunzigerjahren in L\u00e4ndern mit stark regulierten Arbeitsm\u00e4rkten \u2013 wie Italien, Spanien oder Frankreich \u2013 zur Erwerbsbev\u00f6lkerung gestossen sind, werden keinen finanziell abgesicherten Ruhestand geniessen k\u00f6nnen. Bei vielen Arbeitspl\u00e4tzen, die in diesen L\u00e4ndern geschaffen wurden, handelt es sich um befristete Vertr\u00e4ge, Stellen von Selbstst\u00e4ndigerwerbenden oder andere Formen von atypischen Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen, die durch das Sozialversicherungssystem nur unzureichend oder \u00fcberhaupt nicht abgesichert sind. In Italien, Spanien und Frankreich n\u00e4hern sich ganze Kohorten nicht mehr junger Erwerbst\u00e4tiger mit nur sehr geringen Rentenanspr\u00fcchen dem Pensionsalter. Diese Besch\u00e4ftigten leiden unter dem unstabileren Arbeitsmarkt und dem weniger grossz\u00fcgigen \u00f6ffentlichen Rentensystem.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDoch atypische Erwerbst\u00e4tige sind nicht nur hinsichtlich der Altersversorgung benachteiligt. Sie sind auch gegen die meisten anderen besch\u00e4ftigungsbezogenen sozialen Risiken wie Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Invalidit\u00e4t nur ungen\u00fcgend abgesichert. Nach Auffassung verschiedener Kommentatoren hat sich sowohl der Arbeitsmarkt als auch die Gesellschaft insgesamt dualisiert. Dies bedeutet, dass sich eine immer gr\u00f6ssere Kluft zwischen zwei Hauptgruppen von Besch\u00e4ftigten \u00f6ffnet. Auf der einen Seite stehen die \u00abInsider\u00bb, die den standardm\u00e4ssigen K\u00fcndigungsschutz und nach wie vor verh\u00e4ltnism\u00e4ssig gute Sozialversicherungsleistungen geniessen. Ihnen gegen\u00fcber stehen die \u00abOutsider\u00bb, die abwechselnd (zu einem tiefen Lohn) besch\u00e4ftigt oder erwerbslos sind. Da sie oftmals in prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen angestellt sind, geniessen sie keinen K\u00fcndigungsschutz, und auch innerhalb des Sozialversicherungssystems sind sie nur unzureichend gesch\u00fctzt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie gr\u00f6sste Bedrohung f\u00fcr das europ\u00e4ische Sozialmodell ist nicht der Sparkurs, sondern die Dualisierung. Diese ist im Wesentlichen darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass es den europ\u00e4ischen Regierungen nicht gelingt, die Kosten von wirtschaftlichen Anpassungen gleichm\u00e4ssig auf die sozialen Schichten zu verteilen. Schwache Regierungen haben die Sparmassnahmen haupts\u00e4chlich den ohnehin benachteiligten Gesellschaftsgruppen aufgeb\u00fcrdet. Das hat zur Folge, dass sie nicht in den Gesellschaftsvertrag eingebunden sind, der Europa in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts in Bezug auf den sozialen Zusammenhalt und die Gleichstellung zu einem einzigartigen Kontinent gemacht hat.&#13;<\/p>\n<h2>Wohlfahrtschauvinismus ignoriert demografische Alterung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie meisten Europ\u00e4er sind sich an ethnisch und religi\u00f6s homogene Gesellschaften gew\u00f6hnt. Das Auftreten unterschiedlicher Lebensstile, Werte und Verhaltensweisen ist nicht immer einfach zu akzeptieren. Hinzu kommt, dass die gegenw\u00e4rtige Zuwanderung in einem wirtschaftlichen Umfeld erfolgt, in dem verh\u00e4ltnism\u00e4ssig grosse Teile der Bev\u00f6lkerung wegen der oben erl\u00e4uterten wirtschaftlichen Ver\u00e4nderungen und der Krise mit sozialen H\u00e4rten konfrontiert sind. Die Verlierer dieser Entwicklungen sind haupts\u00e4chlich Einzelpersonen und Familien des unteren Mittelstands, da sie am st\u00e4rksten davon betroffen sind. Vor allem auf dem Arbeitsmarkt ist es f\u00fcr sie schwieriger geworden, da der technische Fortschritt viele Arbeitspl\u00e4tze mit mittlerem Anforderungsprofil, wie Sekret\u00e4rinnen oder Sachbearbeiter, vernichtet hat. Deshalb sind sie h\u00e4ufig gezwungen, eine Stelle mit tiefem Anforderungsprofil anzunehmen, womit sie im direkten Wettbewerb mit gering qualifizierten Zuwanderern stehen. Dies hat zur Folge, dass sich die Verlierer der j\u00fcngsten wirtschaftlichen Ver\u00e4nderungen relativ einfach von politischen Meinungsf\u00fchrern vereinnahmen lassen, die ihnen versprechen, die Entwicklung zu einer multikulturellen Gesellschaft zu stoppen und die Zuwanderung stark einzuschr\u00e4nken.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn den letzten zehn Jahren waren politische Parteien, die eine restriktive Einwanderungspolitik vertreten, in mehreren europ\u00e4ischen L\u00e4ndern sehr erfolgreich. In Frankreich konnte der Front National bis zu 20 Prozent der W\u00e4hlerstimmen f\u00fcr sich verbuchen und wurde nur durch ein Wahlsystem von der Macht ferngehalten, das Parteien beg\u00fcnstigt, die Koalitionen eingehen. Auch in den skandinavischen L\u00e4ndern waren einwanderungskritische Parteien in den letzten Jahren recht erfolgreich. Bei den j\u00fcngsten Wahlen erzielten sie meist W\u00e4hleranteile zwischen 10 und 20 Prozent. Was den Sozialstaat betrifft, neigen diese Parteien zu einer \u00e4hnlichen Auffassung, wie sie in der Fachliteratur als \u00abWohlfahrtschauvinismus\u00bb bezeichnet wird. Im Gegensatz zu anderen Rechtsparteien bef\u00fcrworten diese Parteien einen grossz\u00fcgigen Sozialstaat, der jedoch haupts\u00e4chlich Staatsb\u00fcrgern und weniger Zuwanderern zugutekommen soll. Der Wohlfahrtschauvinismus spricht die Verlierer der laufenden wirtschaftlichen Ver\u00e4nderungen an, da er ihnen einen guten sozialen Schutz und hochstehende Leistungen verspricht. Aus ihrer Sicht w\u00fcrden die finanziellen Probleme, welche die europ\u00e4ischen Sozialstaaten zu Leistungsk\u00fcrzungen zwingen, dadurch gel\u00f6st, dass die Zahl der Leistungsberechtigten durch das Stoppen der Zuwanderung verringert w\u00fcrde.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Vision der Wohlfahrtschauvinisten gewinnt inner- und ausserhalb Europas an Bedeutung, wobei verschiedene Probleme damit verbunden sind. Das gr\u00f6sste Problem besteht darin, dass der Wohlfahrtschauvinismus die demografische Herausforderung nicht bew\u00e4ltigen kann. Denn die h\u00f6heren Kosten des Sozialstaats sind nicht in erster Linie auf die Zuwanderung, sondern vielmehr auf die demografische Alterung zur\u00fcckzuf\u00fchren. Da gr\u00f6ssere Kohorten das Pensionsalter erreichen, erh\u00f6ht sich die Summe der ausgerichteten Altersrenten. Um den Sozialstaat wieder ins finanzielle Lot zu bringen, ist die Beschr\u00e4nkung der Zuwanderung angesichts der alternden Gesellschaft nicht nur eine unwirksame Massnahme. Sie ist sogar ganz offensichtlich kontraproduktiv, nicht zuletzt auch deshalb, weil die Geburtenraten in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern dank den Zuwanderern wieder ansteigen.&#13;<\/p>\n<h2>Soziale Investition in produktivere Erwerbst\u00e4tige<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Konzept der sozialen Investition bezieht sich auf eine andere Vision f\u00fcr die Zukunft des Sozialstaats. Demgem\u00e4ss kann der soziale Zusammenhalt angesichts der gegenw\u00e4rtigen Herausforderungen nur erhalten und gef\u00f6rdert werden, wenn Staaten deutlich mehr in Humankapital investieren. Das Konzept der sozialen Investition wurde zwischen Anfang und Mitte der Neunzigerjahre entwickelt, als sich zeigte, dass der Neoliberalismus zur Bew\u00e4ltigung gewisser anstehender sozialer Herausforderungen ungeeignet ist. Es orientiert sich am traditionellen Ansatz, der in den skandinavischen L\u00e4ndern, vor allem in Schweden, f\u00fcr die soziale Sicherheit angewandt wird.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nInvestitionen in Humankapital werden in allen Lebensphasen als \u00e4usserst wichtig betrachtet, von der fr\u00fchen Kindheit bis zum lebenslangen Lernen. Forschungsarbeiten zur Entwicklung von Kindern haben gezeigt, dass erlebte Benachteiligung in fr\u00fchen Lebensjahren langfristige Folgen haben kann. Denn so werden beispielsweise die Erfolgschancen in der Bildung und Ausbildung sowie anschliessend auf dem Arbeitsmarkt beeintr\u00e4chtigt. Durch lebenslanges Lernen hingegen bleiben die Arbeitskr\u00e4fte am Ball, sodass sie den Herausforderungen eines sich ver\u00e4ndernden Arbeitsmarktes gewachsen sind. Ganz allgemein wird Humankapital f\u00fcr Erwerbst\u00e4tige angesichts der Entwicklung unserer Gesellschaft zu einer Wissensgesellschaft ein immer wichtigeres Kriterium.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Ansatz der sozialen Investition beruht auf Elementen wie gute Kinderbetreuung, fr\u00fchkindliche Bildung, Berufsbildung, lebenslanges Lernen, Gesundheitsvorsorge und aktive Arbeitsmarktpolitik. Nach Auffassung der Bef\u00fcrworter k\u00f6nnen soziale Investitionen in einer multiethnischen und alternden Gesellschaft eine zukunftsf\u00e4hige L\u00f6sung sein, da sie die Produktivit\u00e4t aller Menschen im erwerbsf\u00e4higen Alter verbessern. In den letzten Jahren hat sich die soziale Investition zu einem der Schl\u00fcsselbegriffe der politischen Handlungskonzepte entwickelt, die von der Europ\u00e4ischen Kommission unterst\u00fctzt werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin Ansatz, der auf der sozialen Investition beruht, scheint die vielversprechendste Strategie zu sein, um die derzeitigen Herausforderungen zu bew\u00e4ltigen. Es handelt sich jedoch um einen kostenintensiven Ansatz, dessen Nutzen sich erst in mehreren Jahren zeigen wird. F\u00fcr Politiker ist das Konzept der sozialen Investition daher eine weniger attraktive Option als die Dualisierung oder der Wohlfahrtschauvinismus.&#13;<\/p>\n<h2>Welche Lehren lassen sich f\u00fcr die Schweiz ziehen?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Vergleich mit anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern hat sich die Schweiz in den letzten 20 Jahren wirtschaftlich gut entwickelt. Nach der Wirtschaftskrise Mitte der Neunzigerjahre ist unser Land in eine lang anhaltende Phase mit wirtschaftlichem Wachstum eingetreten. Es wurden verschiedene Anstrengungen f\u00fcr eine Reform der Sozialpolitik unternommen, die dem Wandel des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umfelds gewachsen ist. Insgesamt ist es der Schweiz gelungen, ein anhaltendes Wirtschaftswachstum zu gew\u00e4hrleisten, die Arbeitslosigkeit auf einem tiefen Niveau zu halten und die \u00f6ffentlichen Finanzen im Griff zu haben. Trotzdem sieht sich die Schweiz mit \u00e4hnlichen Herausforderungen wie andere europ\u00e4ische L\u00e4nder konfrontiert: demografische Alterung, abnehmende Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitskr\u00e4ften, hohe Zuwanderung und hohe Kosten von staatlichen Sozialleistungen, insbesondere im Gesundheitssektor. Diese Dynamik hat zu verschiedenen politischen Entwicklungen gef\u00fchrt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDa in der Schweiz eine verh\u00e4ltnism\u00e4ssig flexible Arbeitsgesetzgebung gilt, ist die Dualisierung kein grosses Thema. Gleichwohl besteht im Arbeitsmarkt eine grosse Kluft zwischen gut integrierten, dynamischen Arbeitskr\u00e4ften und einer Minderheit von Erwerbst\u00e4tigen, die zunehmend Schwierigkeiten haben, im Arbeitsmarkt richtig Fuss zu fassen. Dies kommt in der zunehmenden Zahl der Sozialhilfeempf\u00e4nger und im verh\u00e4ltnism\u00e4ssig hohen Anteil zeitlich befristeter Arbeitsvertr\u00e4ge zum Ausdruck. Verschiedene Reformen des schweizerischen Sozialstaats waren unter anderem darauf ausgerichtet, Sozialhilfeempf\u00e4nger wieder zur\u00fcck in den Arbeitsmarkt zu f\u00fchren. Anscheinend reichen aber diese Anstrengungen nicht aus, um die zunehmende Polarisierung zu stoppen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSoziale Investitionen sind relativ verbreitet: Instrumente f\u00fcr Investitionen in Humankapital wurden sowohl in der Arbeitslosen- und Invalidenversicherung als auch in einigen kantonal geregelten Sozialhilfesystemen erfolgreich eingef\u00fchrt. Doch aus den politischen Anstrengungen auf gesamtschweizerischer Ebene, einen umfassenderen rechtlichen Rahmen f\u00fcr eine solche Politik zu schaffen \u2013 beispielsweise im Bereich der pr\u00e4ventiven Gesundheitspolitik \u2013, resultierte bislang nur St\u00fcckwerk. Ausserdem fanden Volksinitiativen f\u00fcr die Einf\u00fchrung einer Einheitskrankenkasse nur geringe politische Unterst\u00fctzung. Die Finanzierung der Gesundheitsversorgung beruht somit weiterhin auf einem regulierten Krankenkassenmarkt. Die Versicherten m\u00fcssen entweder hohe Krankenkassenpr\u00e4mien entrichten oder eine hohe Selbstbeteiligung \u00fcbernehmen (den h\u00f6chsten Eigenanteil im Vergleich mit anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern). Dieses System stellt Personen mit niedrigem Einkommen \u2013 wie beispielsweise junge Leute, Immigranten oder \u00e4ltere Menschen mit tiefen Renten \u2013 vor erhebliche Probleme. Unter Umst\u00e4nden verzichten diese Personen wegen der hohen Kosten darauf, notwendige Gesundheitsleistungen in Anspruch zu nehmen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWas schliesslich den zunehmenden Wohlfahrtschauvinismus betrifft, bildet die Schweiz keine Ausnahme. Mit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative im Februar 2014 wurde ausdr\u00fccklich die M\u00f6glichkeit eingef\u00fchrt, den Bezug von Sozialleistungen f\u00fcr Ausl\u00e4nder einzuschr\u00e4nken. Solche Initiativen sind nicht nur kontraproduktiv, wenn der Sozialstaat wieder ins finanzielle Gleichgewicht gebracht werden soll. Sie gef\u00e4hrden auch ganz allgemein die Schweizer Wirtschaft, da sie die Beziehungen mit der EU belasten, die der wichtigste Handelspartner der Schweiz ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie ungel\u00f6sten Probleme, mit denen Europa bereits vor der Krise von 2008 konfrontiert war, und ihre mittelfristigen Auswirkungen erweisen sich als enorme Herausforderung f\u00fcr das europ\u00e4ische Sozialmodell. Falls Europa nicht auf den Pfad des wirtschaftlichen Wachstums zur\u00fcckfindet, d\u00fcrfte es sehr schwierig sein, diese Herausforderung erfolgreich zu bew\u00e4ltigen. Dank ihrer insgesamt st\u00e4rkeren Wirtschaft hat sich die Schweiz bislang vergleichsweise gut geschlagen. Doch sie ist keineswegs vor den demografischen, wirtschaftlichen und politischen Risiken gefeit, von denen ein grosser Teil Europas bedroht ist.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele europ\u00e4ische Staaten haben eine Reihe von unbew\u00e4ltigten Herausforderungen f\u00fcr den Sozialstaat mit in die Zeit nach der Krise von 2008 geschleppt. Diese Schwierigkeiten haben ihren Ursprung in den weltwirtschaftlichen Entwicklungen und den politischen Entscheidungen der letzten 25 Jahre. Doch die Finanz-, Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise seit 2008 machte sichtbar, dass diese Herausforderungen in manchen europ\u00e4ischen [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3918,"featured_media":26701,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[98],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":3918,"seco_co_author":[4497,4496,0],"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Professor f\u00fcr Sozialpolitik, Institut f\u00fcr \u00f6ffentliche Verwaltung (Idheap), Universit\u00e4t Lausanne","seco_author_post_occupation_fr":"Professeur de politique sociale \u00e0 l\u2019Institut de hautes \u00e9tudes en administration publique (Idheap), universit\u00e9 de Lausanne","seco_co_authors_post_ocupation":[{"seco_co_author":4497,"seco_co_author_post_occupation_year":"","seco_co_author_post_occupation_de":"Assistentin und Doktorandin, Institut f\u00fcr \u00f6ffentliche Verwaltung (Idheap), Universit\u00e4t Lausanne","seco_co_author_post_occupation_fr":"Assistante et doctorante, Institut de hautes \u00e9tudes en administration publique (Idheap), universit\u00e9 de Lausanne"},{"seco_co_author":4496,"seco_co_author_post_occupation_year":"","seco_co_author_post_occupation_de":"Leitender Forschungsmitarbeiter SNF, Institut f\u00fcr Politik, Geschichte und Internationale Studien (Iephi), Universit\u00e4t Lausanne","seco_co_author_post_occupation_fr":"Chercheur FNS \u00e0 l'Institut d'\u00e9tudes politiques, historiques et internationales (IEPHI), universit\u00e9 de Lausanne"}],"short_title":"Schwierige Zeiten f\u00fcr Europas Wohlfahrtsstaaten","post_lead":"Die Schuldenkrise, die demografische Alterung und der Strukturwandel im Arbeitsmarkt stellen den Sozialstaat vor Herausforderungen und geben in vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern dem Wohlfahrtschauvinismus rechter Parteien Auftrieb. Doch deren Antworten sind nur Scheinl\u00f6sungen. Die Schweiz sollte besonnener reagieren.","post_hero_image_description":"Viele s\u00fcdeurop\u00e4ische Staaten k\u00e4mpfen mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit. Spanische Studenten demonstrieren gegen K\u00fcrzungen im Bildungsbereich.","post_hero_image_description_copyright_de":"Keystone","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":110598,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":110602,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"65135","post_abstract":"Seit den \u00d6lpreisschocks in den Siebzigerjahren gab es in vielen europ\u00e4ischen Hauptst\u00e4dten immer wieder Zweifel, ob das vorherrschende Wirtschafts- und Sozialmodell nachhaltig erhalten werden kann. Dieses beruht h\u00e4ufig auf einer starken Umverteilung des Einkommens und auf einer umfassenden Sozialversicherung. Bis Mitte des letzten Jahrzehnts hat sich das Modell als ausserordentlich anpassungsf\u00e4hig erwiesen. Doch seit der Finanz- und Schuldenkrise von 2008 liegen die Dinge anders. Die seither eingeleiteten Reformen haben das Herzst\u00fcck des europ\u00e4ischen Sozialmodells diesmal viel st\u00e4rker beeintr\u00e4chtigt, insbesondere in einigen s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern. Zudem stellt die politische Vision des \u00abWohlfahrtschauvinismus\u00bb die F\u00e4higkeit von Sozialstaaten, weiterhin eine starke Umverteilung und sozialen Zusammenhalt zu gew\u00e4hrleisten, infrage. Vor diesem Hintergrund hat sich die Schweiz bisher gut gehalten. Doch es bestehen erhebliche Risiken, die nicht ignoriert werden sollten.","magazine_issue":"03-2017","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[3988,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20161222","original_files":[{"file":110614},{"file":110618}],"external_release_for_author":"20170131","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/5840610520119"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110595"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3918"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=110595"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110595\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126463,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110595\/revisions\/126463"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3988"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4496"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4497"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3918"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26701"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=110595"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=110595"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=110595"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=110595"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=110595"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=110595"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}