{"id":110625,"date":"2017-02-23T13:13:07","date_gmt":"2017-02-23T13:13:07","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/02\/eling-03-2017\/"},"modified":"2023-08-23T23:07:15","modified_gmt":"2023-08-23T21:07:15","slug":"eling-03-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/02\/eling-03-2017\/","title":{"rendered":"Versicherer haben Kosteneffizienz stark gesteigert"},"content":{"rendered":"<p>Die Schweiz hat ein relativ effizientes Gesundheitssystem mit einem hohen Leistungsniveau. Entsprechend nimmt die Schweiz im internationalen Vergleich der Gesundheitssysteme in der Regel einen der oberen Pl\u00e4tze ein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEiner der Vorteile des Gesundheitswesens ist die unternehmerische Pr\u00e4gung der Krankenversicherer \u2013 was ein wesentlicher Unterschied zu anderen Krankenversicherungssystemen im internationalen Vergleich ist. Denn die Krankenversicherer sind aufgrund der unternehmerischen Pr\u00e4gung eine der (wenigen) Parteien im Gesundheitssystem, welche ein Interesse an tiefen administrativen Kosten und damit an der Effizienz des gesamten Systems haben. Die Sorge um die Effizienz spiegelt sich in vielen Aussagen und Medienmitteilungen der Krankenversicherer wider. Dies sicherlich ein St\u00fcck weit aus Eigeninteresse, aber zugleich auch aus Interesse an der nachhaltigen Entwicklung des Sektors insgesamt. Beides ist aus volkswirtschaftlicher Sicht zu begr\u00fcssen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine neue Studie der Universit\u00e4t St. Gallen hat die Kosteneffizienz der Grundversicherer seit der Einf\u00fchrung der obligatorischen Krankenpflegeversicherung (OKP) im Jahr 1996 analysiert. Effizienz wird hier relativ verstanden \u2013 als Verh\u00e4ltnis der Inputfaktoren Arbeit und Kapital zum Pr\u00e4mienvolumen und den geleisteten Schadenzahlungen (siehe <em>Kasten<\/em>).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNach einem anf\u00e4nglich stagnierenden Verlauf \u2013 die Kosteneffizienz betrug 1997 im Durchschnitt lediglich 31 Prozent \u2013 zeigen sich seit dem Beginn der Nullerjahre enorme Effizienzgewinne (siehe <em>Abbildung 1<\/em>), sodass die Versicherer inzwischen als relativ kosteneffizient bezeichnet werden k\u00f6nnen. Dies war nicht immer der Fall: Die vergleichsweise geringe Effizienz des Sektors zu Beginn des Betrachtungszeitraums spiegelt dabei auch eine gewisse Heterogenit\u00e4t gerade vieler kleiner Versicherer in den Neunzigerjahren, wo grosse Unterschiede in der Produktivit\u00e4t zu beobachten waren. Demgegen\u00fcber pr\u00e4sentiert sich die Produktivit\u00e4t der Krankenversicherer heute deutlich homogener, was mit der Automatisierung und der Digitalisierung vieler Prozesse, aber auch mit dem Wettbewerb und einer zunehmenden Konsolidierung erkl\u00e4rt werden kann.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Kosteneffizienz der Krankenversicherer (Marktdurchschnitt, 1996 bis 2014)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='Eling_Abb1'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n\n$(function () {\n    Highcharts.chart('Eling_Abb1', {\n        title: {\n            text: ' ',\n            x: -20 \/\/center\n      \n       \n        },\n        xAxis: {\n            categories: ['1996', '1997', '1998', '1999', '2000', '2001',\n                '2002', '2003', '2004', '2005', '2006', '2007', '2008', '2009', '2010', '2011', '2012', '2013', '2014']\n        },\n        yAxis: {\n            title: {\n                text: 'Kosteneffizienz (1=max)'\n            },\n            plotLines: [{\n                value: 0,\n                width: 1,\n                color: '#808080'\n            },\n            \n            ]\n        },\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ''\n        },\n         plotOptions: { \/\/ Punkte auf Linie ausblenden\n            series: {\n                marker: {\n                    enabled: false\n                }\n            }\n        },\n        \n        legend: {\n            enabled: false,\n        \n        },\n        series: [{\n            name: 'Kosteneffizienz',\n            data: [0.31, 0.37, 0.38, 0.35, 0.28, 0.3, 0.38, 0.44, 0.45, 0.51, 0.48, 0.58, 0.59, 0.59, 0.63, 0.6, 0.68, 0.73, 0.74]\n        },\n        \n        ]\n    });\n});\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Eling (2017) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAllerdings gibt es weiterhin ein Steigerungspotenzial, denn im Durchschnitt betrug die Kosteneffizienz erst 74 Prozent. In Zukunft sind folglich weitere Produktivit\u00e4ts- und Effizienzsteigerungen im Krankenversicherungssektor zu erwarten. So werden wenig effiziente Krankenversicherer zunehmend aus dem Markt ausscheiden. W\u00e4hrend derzeit noch knapp 60 Versicherer im Wettbewerb stehen (siehe <em>Abbildung 2<\/em>), ist selbst bei einer linearen Fortschreibung der Entwicklung in wenigen Jahren mit weniger als 50 Marktteilnehmern zu rechnen.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Anzahl Grundversicherer (1996 bis 2014)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class='chart chart--normal' id='ELING_ABB2'>\n\n<\/div>\n\n<script>\n\n$(function () {\n    Highcharts.chart('ELING_ABB2', {\n        chart: {\n            type: 'column'\n\n        },\n          title: {\n            text: ''\n        },\n        xAxis: {\n            categories: [\n                '1996',\n                '1997',\n                '1998',\n                '1999',\n                '2000',\n                '2001',\n                '2002',\n                '2003',\n                '2004',\n                '2005',\n                '2006',\n                '2007',\n                '2008',\n                '2009',\n                '2010',\n                '2011',\n                '2012',\n                '2013',\n                '2014',\n            ],\n            crosshair: true\n        },\n        yAxis: {\n            min: 0,\n            title: {\n            text: ''\n        },\n        },\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ''\n        },\n        \n        plotOptions: {\n            column: {\n                pointPadding: 0.2,\n                borderWidth: 0\n            }\n        },\n legend: {\n            enabled: false,\n        \n        },\n        series: [{\nname: 'Anzahl Grundversicherer',\n            data: [142, 129, 118, 109, 101, 99, 93, 93, 92, 85, 87, 87, 86, 81, 81, 63, 61, 60, 60]\n\n        }]\n    });\n});\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">BAG (2015) \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Langzeitpflege als demografische Bombe<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAus meiner Sicht stellt die demografische Entwicklung die gr\u00f6sste strategische Herausforderung f\u00fcr eine effiziente Weiterentwicklung des Gesundheitswesens und der Krankenversicherungsbranche dar. Sie besteht darin, dass die Menschen, welche in den kommenden Jahren das Rentenalter erreichen, in etwa 10 bis 15 Jahren das Pflegealter erreichen. Zudem sind im Gesundheitswesen L\u00f6sungsans\u00e4tze zum effizienten Management der Langzeitpflege und von altersbedingten Krankheiten (wie etwa Alzheimer) nur rudiment\u00e4r vorhanden: Im Gegensatz zur Altersvorsorge, wo angesichts des demografischen Wandels Reformhebel wie Rentenalter und Umwandlungssatz vollst\u00e4ndig bekannt sind, sind im Gesundheitsbereich die entsprechenden L\u00f6sungsans\u00e4tze noch zu entwickeln.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDies belastet in den kommenden Jahren das System. Insofern kann die These aufgestellt werden, dass die eigentliche demografische Bombe nicht die AHV ist, sondern die Themen Langzeitpflege und altersbedingte Krankheiten. Diese werden in den n\u00e4chsten 10 bis 15 Jahren zu Mehrkosten in Milliardenumfang f\u00fchren. Es ist dabei noch weitgehend unbestimmt und teilweise unbekannt, wie diese Kosten in der Gesellschaft ad\u00e4quat aufgefangen werden k\u00f6nnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAus dem Blickwinkel der Krankenversicherer ist diese Entwicklung eine Herausforderung. Denn im bestehenden Sozialsystem mit Grundversicherung und Erg\u00e4nzungsleistungen wird es nicht m\u00f6glich sein, die h\u00f6heren Pflegekosten ohne eine deutliche Beitrags- und Steuererh\u00f6hung zu stemmen. Aus unternehmerischer Sicht ist die Entwicklung damit gleichzeitig eine Chance, da die Pflegekosten im Rahmen von privaten Zusatzversicherungen abgedeckt werden k\u00f6nnten. Analog zu Nachbarl\u00e4ndern wie Deutschland d\u00fcrfte sich die Alterspflege zu einem grossen Markt f\u00fcr Zusatzversicherungen entwickeln. Auch ist zu erwarten, dass sich der Anteil der \u00fcber Sozialversicherungselemente finanzierten Kosten tendenziell reduzieren und der Anteil privat zu tragender oder \u00fcber privatwirtschaftliche Versicherungsl\u00f6sungen finanzierter Kosten tendenziell erh\u00f6hen wird.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUnter Effizienzgesichtspunkten ist schwer zu sagen, wie der optimale Mix aus Sozialversicherung und privat zu tragenden Elementen aussehen sollte. Auch im internationalen Vergleich von Krankenversicherungssystemen ist kein Rollenmodell erkennbar, welches eine eindeutige Indikation gibt, wohin die Gesundheitssysteme konvergieren sollten.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Ungleichheit als volkswirtschaftliches Risiko<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nW\u00e4hrend aus marktwirtschaftlicher Sicht eine verst\u00e4rkt private oder \u00fcber privatwirtschaftliche Versicherungen finanzierte L\u00f6sung w\u00fcnschenswert erscheint, d\u00fcrfen auch die Risiken einer derartigen Entwicklung nicht \u00fcbersehen werden: Denn aus volkswirtschaftlicher Sicht kann es durchaus problematisch sein, wenn gut situierte Menschen etwa das Pflegerisiko durch Zusatzversicherungen an einen Versicherer transferieren, w\u00e4hrend weniger gut situierte dies nicht k\u00f6nnen und damit schlussendlich Erg\u00e4nzungsleistungen beziehen m\u00fcssen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSo kann der demografische Wandel, der f\u00fcr viele Menschen ein l\u00e4ngeres Leben bei guter Gesundheit erm\u00f6glicht, prek\u00e4re Konsequenzen haben und vielleicht sogar zu mehr Ungleichheit f\u00fchren. Politik wie Wirtschaft sollten folglich schon heute Konzepte erarbeiten, wie dieser Problematik begegnet werden kann. Eine Variante, die beispielsweise diskutiert wird, ist der verst\u00e4rkte Aufbau von Geldern in der zweiten S\u00e4ule der Altersvorsorge zur expliziten Pflegeabsicherung, also die Einf\u00fchrung einer obligatorischen Pflegeversicherung als Teil des bestehenden Vorsorgesystems. Auch weitere innovative Modelle der Pflegeorganisation wie etwa Zeitkonten sollten intensiver gef\u00f6rdert und diskutiert werden. In der Stadt St. Gallen werden beispielsweise j\u00fcngere Pensionierte, welche \u00e4ltere Rentner bei Alltagsaufgaben unterst\u00fctzen, f\u00fcr ihren Einsatz mit einer Zeitgutschrift entsch\u00e4digt. Darauf k\u00f6nnen sie dereinst selbst zur\u00fcckgreifen \u2013 und dadurch Pflegekosten sparen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWie die Studie zeigt, ist das Schweizer Gesundheitssystem seit der Jahrtausendwende wesentlich effizienter geworden. Einzig das relativ hohe Kostenniveau bleibt Gegenstand anhaltender, kontroverser Diskussion \u2013 denn die relativ hohe Qualit\u00e4t wird mit relativ hohen Kosten erkauft. Daher konzentriert sich die politische Diskussion h\u00e4ufig auf die Frage, wie die Gesundheitsvorsorge kosteneffizienter gestaltet werden kann. Sprich: Wie erh\u00e4lt man \u00e4hnlich gute Leistungen zu m\u00f6glichst geringeren Kosten? Im Hinblick auf die kommenden Jahre erscheint dieser Ansatz aber wohl kaum realistisch, denn es ist eher mit einem weiteren Kostenwachstum zu rechnen. Allerdings bestehen weiterhin Potenziale f\u00fcr Effizienzsteigerungen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schweiz hat ein relativ effizientes Gesundheitssystem mit einem hohen Leistungsniveau. 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Wenn also beispielsweise der beste Versicherer mit 100 Mitarbeitenden ein Pr\u00e4mienvolumen von 100 Millionen abwickeln kann, ein zweiter Versicherer f\u00fcr das gleiche Pr\u00e4mienvolumen aber 200 Mitarbeiter ben\u00f6tigt, erh\u00e4lt der erste Versicherer einen Effizienzwert von 1 und der zweite einen Effizienzwert von 0,5."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":110628,"main_focus":[156396,157089],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":110632,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"65948","post_abstract":"Im Durchschnitt betr\u00e4gt die Kosteneffizienz in der Grundversicherung rund 75 Prozent, wie eine Studie der Universit\u00e4t St. Gallen zeigt. 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