{"id":110798,"date":"2017-02-23T13:11:29","date_gmt":"2017-02-23T13:11:29","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/02\/aufgegriffen-scheidegger-03-2017fr\/"},"modified":"2023-08-23T23:07:19","modified_gmt":"2023-08-23T21:07:19","slug":"aufgegriffen-scheidegger-03-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/02\/aufgegriffen-scheidegger-03-2017\/","title":{"rendered":"S\u00fcndenbock Globalisierung"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man den Medien Glauben schenkt, geht 2016 als Jahr der aufkeimenden Antiglobalisierung in die Annalen ein. Als Vorboten einer Deglobalisierung gelten etwa der Brexit-Entscheid, die Wahl von Donald Trump zum US-Pr\u00e4sidenten oder das Erstarken von nationalkonservativen Parteien in Europa.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAn dieser Einsch\u00e4tzung irritiert weniger die Tatsache, dass die j\u00fcngste Welle der Globalisierungskritik nichts Neues ist. Die \u00f6ffentlichkeitswirksamen Proteste, welche um die Jahrtausendwende die WTO-Konferenz in Seattle, die G-8-Treffen von Genua und Evian sowie im Jahresrhythmus das WEF von Davos begleiteten, sind offenbar vergessen. St\u00f6render ist vielmehr die wiederkehrende Behauptung, die aktuelle Globalisierungskritik sei eine logische und damit berechtigte Reaktion der \u00abVerlierer\u00bb der Weltwirtschaft.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs ist wohl die Erfahrung aus der Sportwelt, aus Wahlen oder Bestenlisten jeglicher Art, welche uns reflexartig denken l\u00e4sst, dass es Verlierer geben muss, wo es Gewinner gibt. Im Umkehrschluss scheint es uns deshalb geradezu unglaublich, dass es in einer von Wettbewerb getriebenen wirtschaftlichen Entwicklung Gewinner geben soll, ohne gleichzeitig Leidtragende hervorzubringen. Auf die Globalisierung \u00fcbertragen, folgt deshalb typischerweise die Intuition, dass die m\u00e4ssige Lohnentwicklung in Industriestaaten mit dem Erfolg aufstrebender Schwellenl\u00e4nder zu begr\u00fcnden ist.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Klagen auf hohem Niveau<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nTats\u00e4chlich ist die Besch\u00e4ftigung in der US-Industrie seit der Jahrtausendwende r\u00fcckl\u00e4ufig, und die L\u00f6hne sind im Industriesektor nur moderat gestiegen. Gleichzeitig sind die Industrieproduktion sowie die Arbeitnehmerentgelte in China f\u00f6rmlich explodiert. Folgerichtig gibt es zahlreiche Untersuchungen, welche den eindr\u00fccklichen Fortschritt des ostasiatischen Landes mit der schwachen Besch\u00e4ftigungs- und Einkommensentwicklung in den Vereinigten Staaten in Verbindung bringen. Zwei wichtige Vorbehalte sind bei solchen Studien anzubringen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nErstens muss zwischen Wachstum und Niveau unterschieden werden. Zwischen 1988 und 2008 nahm das Pro-Kopf-Einkommen in China um \u00fcber 340 Prozent zu. In den USA betrug der Zuwachs in derselben Periode \u00abnur\u00bb 40 Prozent, was den amerikanischen Verliererstatus belegen k\u00f6nnte. Ausgeblendet wird dabei jedoch, dass das j\u00e4hrliche Pro-Kopf-Einkommen 2008 in den USA mit 53\u2019000 Dollar fast sieben Mal h\u00f6her war als in China. Der absolute Zuwachs beim Einkommen war somit in den USA viel gr\u00f6sser. Wer in diesem Lichte betrachtet Gewinner oder Verlierer sein soll, ist alles andere als offensichtlich.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZweitens ist es methodisch schwierig, bei solchen Direktvergleichen urs\u00e4chliche Zusammenh\u00e4nge zu sch\u00e4tzen, da die alternative wirtschaftliche Entwicklung nicht bekannt ist. Wie l\u00e4sst sich beurteilen, ob es dem US-Durchschnittsb\u00fcrger heute besser ginge, wenn er immer noch in der alten amerikanischen Stahlindustrie oder dem abgewanderten Textilgewerbe arbeiten w\u00fcrde anstatt in modernen Dienstleistungsbranchen?&#13;<\/p>\n<h2><strong>Marktzugang f\u00fcr alle<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAber ja, die Globalisierung hat auch wirtschaftliche Schattenseiten. Und ja, die \u00d6konomen sind sich weitgehend einig, dass Freihandel f\u00fcr eine Volkswirtschaft insgesamt von Vorteil ist, es aber kurz- und mittelfristig benachteiligte Betroffene geben kann (Stolper-Samuelson-Theorem). Dennoch sollte man das Gewinner-Verlierer-Schema aus Alltagserfahrungen nicht unbedacht nachbeten, insbesondere wenn es um Wirtschaftssektoren geht, die (zu) lange von der internationalen Konkurrenz abgeschirmt waren. Eindeutig falsch ist es zudem, negative Wirtschaftsentwicklungen in Industriel\u00e4ndern einseitig der Globalisierung zuzuschreiben. Da machen es sich solche Kritiker zu leicht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDen beklagten benachteiligten Bev\u00f6lkerungsschichten w\u00e4re in vielen OECD-L\u00e4ndern am besten geholfen, wenn sie den Zugang zu einer besseren (Weiter-)Bildung, zu einem flexiblen Arbeitsmarkt, zu einer leistungsf\u00e4higeren Infrastruktur oder einem hochwertigen Gesundheitswesen h\u00e4tten. Diesen berechtigen Anspr\u00fcchen kann jedes wohlhabende Land autonom nachkommen \u2013 mit oder ohne Globalisierung. Den internationalen Handel zum S\u00fcndenbock zu erkl\u00e4ren, hilft den benachteiligten Bev\u00f6lkerungsgruppen ganz sicher nicht.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man den Medien Glauben schenkt, geht 2016 als Jahr der aufkeimenden Antiglobalisierung in die Annalen ein. 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