{"id":110803,"date":"2017-02-23T13:11:28","date_gmt":"2017-02-23T13:11:28","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2017\/02\/jaeggi-03-2017\/"},"modified":"2023-08-23T23:07:29","modified_gmt":"2023-08-23T21:07:29","slug":"sharing-economy-ruhe-bewahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2017\/02\/sharing-economy-ruhe-bewahren\/","title":{"rendered":"Sharing-Economy: Ruhe bewahren"},"content":{"rendered":"<p>Die Sharing-Economy und ihre Auswirkungen sind in aller Munde. Entsprechend ist die Spannweite der Prognosen riesig. Sie reicht teilweise bis zur Prophezeiung der kompletten Umw\u00e4lzung von Wirtschaft und Gesellschaft verbunden mit der Forderung nach staatlichem Aktivismus. Auch wenn die Auswirkungen vermutlich nicht ganz so heftig sein werden, ist doch mit Ver\u00e4nderungen zu rechnen. So bringt die Digitalisierung beispielsweise die traditionellen Gesch\u00e4ftsmodelle von Reiseb\u00fcros und Taxiunternehmen unter Druck.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nInnovation und Strukturwandel sind wichtige Konstanten in einer funktionierenden Volkswirtschaft. Eine gute Wirtschaftspolitik erm\u00f6glicht beides und setzt den richtigen Rahmen, damit sich Besch\u00e4ftigte sowie Unternehmen an neue Produktionsmethoden und Vertriebskan\u00e4le anpassen k\u00f6nnen. Ein Erhalt von nicht mehr \u00fcberlebensf\u00e4higen Strukturen w\u00e4re teuer und w\u00fcrde zu Wohlstandsverlusten f\u00fchren. Es ist kein Novum, dass neue Technologien bew\u00e4hrte Gesch\u00e4ftsmodelle herausfordern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBevor neue Regulierungen erlassen werden, lohnt sich ein \u00f6konomischer Blick auf die Sharing-Economy und die Frage, was daran wirklich neu ist. Die Idee \u2013 im Sinne von Teilen oder Mieten \u2013 gibt es schon sehr lange. Man denke zum Beispiel an die gemeinsame Waschk\u00fcche, Bibliotheken oder Bauern, die sich einen M\u00e4hdrescher teilen. All diese Produkte werden von den Nutzern nicht selbst besessen, sondern gegen ein Entgelt zum Gebrauch \u00fcberlassen. Auch das Taxi, die Autovermietung oder die Reka-Ferienwohnung sind keine Erfindungen des 21. Jahrhunderts. \u00d6konomische Triebfeder dieser Tausch- und Mietwirtschaft ist oft, dass sich ein Erwerb eines einmalig genutzten Gutes gegen\u00fcber einer Miete nicht ausbezahlt. Es werden tempor\u00e4r ungenutzte Produkte und Dienstleistungen \u00abgeteilt\u00bb und somit effizienter genutzt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDoch wieso setzten sich solche \u2013 vermeintlich effizienzf\u00f6rdernde \u2013 Modelle in der \u00abold economy\u00bb nicht \u00f6fter durch? Hierf\u00fcr gibt es mehrere Gr\u00fcnde. Erstens resultieren teilweise erhebliche Transaktionskosten. Man muss das gew\u00fcnschte Objekt zuerst ausfindig machen (zum Beispiel via Telefonbuch), es muss zu einem bestimmten Zeitpunkt verf\u00fcgbar sein (die gemeinsam genutzte Wachmaschine), man muss es irgendwo abholen und sp\u00e4ter wieder zur\u00fcckbringen (bei der Autovermietung), zudem muss es in einwandfreiem Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt, welcher auch ungelegen kommen kann, zur\u00fcckgebracht werden. Immanent beim Teilen ist zudem die ungleich verteilte Information \u00fcber die Qualit\u00e4t des gew\u00fcnschten Mietobjekts (das Ferienhotel).&#13;<\/p>\n<h2>Weltweites Nutzerfeedback als Plus<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nTypischerweise stellt der Markt Dienstleistungen zur Verf\u00fcgung, welche Informationsasymmetrien sowie Transaktionskosten f\u00fcr Kunden erheblich senken. Gut illustrieren kann man dies anhand eines Reiseb\u00fcros. Im besten Fall senkt der Anbieter nicht nur die Transaktionskosten bei der Buchung von komplexen Reisen, sondern beseitigt auch die unerw\u00fcnschte Informationsasymmetrie, indem er ein Hotel bucht, welches effektiv den W\u00fcnschen des Kunden entspricht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHier ist eine zentrale Innovation der neuen Technologien auszumachen, welche unter anderem in der Sharing-Economy Anwendung findet. Sie erm\u00f6glichen dank weltweitem Nutzerfeedback einen Informationsaustausch, wodurch die unerw\u00fcnschten Informationsasymmetrien und Transaktionskosten reduziert oder gar ganz eliminiert werden. Dank Internet kann praktisch die ganze Welt einfach auf dieses Feedback zugreifen sowie zeitnah und ohne grossen Aufwand eine Reise buchen. F\u00fcr die Kunden ist dies eine ausgezeichnete Nachricht. Dank Tripadvisor, Booking.com und Co. wissen Kunden heutzutage besser \u00fcber die Qualit\u00e4t Hunderttausender Hotels Bescheid, als es ein Reiseb\u00fcro je k\u00f6nnte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNeu ist somit nicht das Tauschen und Mieten an sich, sondern die effizientere Vermittlung der G\u00fcter und Dienstleistungen. Viele Technologieplattformen sind im Grunde genommen nichts anderes als Intermedi\u00e4re, welche die Transaktionskosten und Informationsasymmetrien bei der Vermittlung von G\u00fctern und Dienstleistungen senken. Zu beachten ist, dass sich mithilfe von Internetplattformen derzeit nicht s\u00e4mtliche Transaktionskosten eliminieren lassen. Darin liegt vermutlich auch der Grund, wieso sich gewisse Sharing-Economy-Modelle \u2013 beispielsweise die Vermittlung von selten gebrauchten Haushaltsger\u00e4ten wie Bohrmaschinen oder Raclette\u00f6fen \u2013 bisher nicht richtig durchgesetzt haben. Um eine st\u00e4rkere Nutzung herbeizuf\u00fchren, m\u00fcssten die zu leihenden Gegenst\u00e4nde wohl rasch, l\u00fcckenlos und somit mit noch tieferen Transaktionskosten verf\u00fcgbar sein. Ansonsten scheint der Erwerb des Ger\u00e4ts, auch bei seltenem Gebrauch, die attraktivere Option.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine schlechte Nachricht ist die technologische Entwicklung f\u00fcr alle Formen der klassischen Intermediation: Viele Reiseb\u00fcros, Taxizentralen, Musikl\u00e4den, Videotheken und Buchhandlungen sind bereits heute von der Bildfl\u00e4che verschwunden. Dar\u00fcber hinaus setzt diese Tendenz auch weitere Intermedi\u00e4re ausserhalb der Sharing-Economy unter Druck \u2013 beispielsweise im Finanzsektor durch die elektronische Vermittlung von Versicherungen oder das Crowdfunding. Auch der Handel, welcher ebenfalls eine Intermediationsfunktion wahrnimmt, k\u00e4mpft stark mit der Onlinekonkurrenz.&#13;<\/p>\n<h2>Voreilige Verbote vermeiden<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWo soll nun die Wirtschaftspolitik ansetzen? Diesbez\u00fcglich kann ein zweistufiges Verfahren wertvolle Erkenntnisse liefern. Erstens ist es ein guter Ratgeber, sich zu \u00fcberlegen, welche Regulierungen man heute einf\u00fchren w\u00fcrde, wenn noch keine existierten. Beispielsweise w\u00fcrde man wohl dem Taxifahrer kaum mehr vorschreiben, ein handschriftliches Fahrtenbuch zu f\u00fchren, da moderne Autos standardm\u00e4ssig ihre Position \u00fcber GPS \u00fcbermitteln k\u00f6nnen. \u00dcberfl\u00fcssige Regeln w\u00e4ren entsprechend zu streichen. Zweitens ist zu analysieren, inwiefern die heutige Gesetzgebung die neuen F\u00e4lle bereits angemessen abdeckt.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWirtschaftspolitisch ein schlechter Ratgeber sind voreilige Verbote. Damit werden nur vermeintlich die bestehenden Strukturen gesch\u00fctzt. In einer globalisierten Welt werden dadurch vor allem Chancen verpasst. Die Erfahrung zeigt, dass sich die technologische Entwicklung nicht durch Regulierungen aufhalten l\u00e4sst.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGerade f\u00fcr die Schweiz als ressourcenarmes Land ist es von Bedeutung, dass man den innovationsgetriebenen Strukturwandel erkennt, annimmt und die sich bietenden Chancen nutzt. Auch wenn es letztendlich langweilig t\u00f6nt: Ein bew\u00e4hrtes Rezept hierf\u00fcr sind im internationalen Vergleich optimale Rahmenbedingungen wie eine generell liberale Wirtschaftsordnung, gut ausgebildetes Personal, zuverl\u00e4ssige und moderne Infrastrukturen, eine vertr\u00e4gliche Steuerlast sowie politische Stabilit\u00e4t.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">F\u00fcr eine \u00dcbersicht siehe: Bundesrat (2017): Bericht \u00fcber die zentralen Rahmenbedingungen f\u00fcr die digitale Wirtschaft. Bericht des Bundesrats vom 11. Januar 2017.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sharing-Economy und ihre Auswirkungen sind in aller Munde. Entsprechend ist die Spannweite der Prognosen riesig. 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Die Transaktionskosten \u2013 also der Aufwand f\u00fcr die Suche, die Abwicklung und die Qualit\u00e4tskontrolle \u2013 sind im Web oft tiefer als in der \u00abold economy\u00bb. Aus wirtschaftspolitischer Sicht empfiehlt sich daher eine pragmatische Herangehensweise. Dabei zeigt sich: Bestehende Regulierungen reichen oft aus oder sind gar nicht mehr n\u00f6tig.","magazine_issue":"03-2017","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[4127,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20170224","original_files":[{"file":110818}],"external_release_for_author":"20170131","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/586e56f1a8f75"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110803"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3072"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=110803"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110803\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126475,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110803\/revisions\/126475"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4127"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3072"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157094"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156403"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/26931"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=110803"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=110803"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=110803"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=110803"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=110803"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=110803"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}