{"id":111067,"date":"2016-12-21T16:08:24","date_gmt":"2016-12-21T16:08:24","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/12\/willimann-01-02-2017\/"},"modified":"2023-08-23T23:07:22","modified_gmt":"2023-08-23T21:07:22","slug":"willimann-01-02-2017","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/12\/willimann-01-02-2017\/","title":{"rendered":"Vielf\u00e4ltige Finanzierungsangebote f\u00fcr Jungunternehmen"},"content":{"rendered":"<p>Innovative Jungunternehmen schaffen Arbeitspl\u00e4tze, tragen zur St\u00e4rkung der Innovations- und Wettbewerbsf\u00e4higkeit einer Volkswirtschaft bei und f\u00f6rdern den Strukturwandel. Dennoch treffen Start-ups bei der Finanzierung ihres Projekts regelm\u00e4ssig auf eine bedeutende Herausforderung. Da sie meistens keine Sachanlagen als Sicherheit hinterlegen k\u00f6nnen und ein hohes Risikoprofil aufweisen, gelangen sie nur erschwert an Fremdkapital \u2013 beispielsweise von Banken. Hinzu kommt: Der Aufbau eines tragf\u00e4higen Verh\u00e4ltnisses zu Finanzierungspartnern f\u00fcr Eigenkapital ben\u00f6tigt Zeit und Kompetenzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Finanzierungsengp\u00e4sse sind haupts\u00e4chlich auf die Risiken, die sich aus Informationsasymmetrien zwischen Gl\u00e4ubigern und Schuldnern ergeben, zur\u00fcckzuf\u00fchren und damit auf h\u00f6here Transaktionskosten. Da es f\u00fcr die Gl\u00e4ubiger meist schwierig ist, potenziell erfolgreiche Unternehmen von weniger erfolgreichen Unternehmen zu unterscheiden, stellen sie Jungunternehmen m\u00f6glicherweise weniger Geld zur Verf\u00fcgung, als diese ben\u00f6tigen. Zudem fordern sie ein h\u00f6heres Risikoentgelt.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Rolle des Staates \u2013 ein Blick ins Ausland<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEin Ansatz bei der Suche nach Fremdkapital sind beispielsweise staatliche B\u00fcrgschaften. Sie geben Gl\u00e4ubigern die geforderten Sicherheiten, um Finanzierungsl\u00fccken zu schliessen. Gem\u00e4ss der OECD<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> stellten Kreditgarantiesysteme gerade w\u00e4hrend der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008\/2009 in vielen L\u00e4ndern die Finanzierung von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sicher.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNeben solchen Absicherungsinstrumenten kann der Staat Jungunternehmen direkt oder indirekt mit Eigenkapitalprogrammen unterst\u00fctzen. Viele OECD-L\u00e4nder verf\u00fcgen \u00fcber solche staatlichen Eigenkapitalprogramme. Von 2007 bis 2012 haben diese als Antwort auf die globale Finanz- und Wirtschaftskrise in den Industriel\u00e4ndern zugenommen \u2013 insbesondere im Vergleich zu fiskalischen F\u00f6rderinstrumenten. Den gr\u00f6ssten Zuwachs verzeichneten die Ko-Investitionsfonds, bei denen \u00f6ffentliche Gelder die privaten Investitionen erg\u00e4nzen sollen: Im Jahr 2012 bewirtschafteten 21 von 32 OECD-Staaten diesen Fondstypus. Ebenfalls zugenommen haben \u00f6ffentlich-private Dachfonds, welche ihrerseits in private Risikokapitalgesellschaften investieren. Solche Fonds fanden sich 2012 ebenfalls in 21 von 32 Staaten. Gleichzeitig ist die Anzahl der direktinvestierenden \u00f6ffentlichen Fonds zur\u00fcckgegangen, \u00fcber welche 2012 nur 13 von 32 OECD-L\u00e4ndern verf\u00fcgten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAllgemein kann festgestellt werden: \u00d6ffentliche Direktinvestitionen sind weniger effektiv als \u00f6ffentliche Investitionen in sogenannte Ko-Investitionsfonds oder Dachfonds, welche danach streben, private Investitionen zu mobilisieren. Dabei ist jedoch darauf hinzuweisen, dass kaum Evaluationen von staatlichen Start-up-Finanzierungsprogrammen ver\u00f6ffentlicht werden, weshalb empirische Nachweise \u00fcber deren Effektivit\u00e4t fehlen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Europ\u00e4ischer Investitionsfonds spielt Schl\u00fcsselrolle<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer wichtigste Akteur in Europa bei der Risikokapitalfinanzierung und bei Garantien f\u00fcr KMU und Start-ups ist der Europ\u00e4ische Investitionsfonds (EIF). Seine Eigen- und Fremdkapitalinstrumente richten sich an die Finanzpartner von KMU und Start-ups \u2013 also an Banken, Finanzinstitutionen oder Fonds. So fliessen die vom EIF (beziehungsweise von den staatlichen Auftraggebern) bereitgestellten Gelder nicht direkt,\u00a0sondern via Finanzvermittler an die Unternehmen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweiz ist geografisch umgeben von EU-Staaten und daher naturgem\u00e4ss im Investitionsbereich des EIF einbezogen. Insgesamt investierte der EIF in 67 Fonds, die auch die Schweiz einschliessen. Diese Fonds verf\u00fcgen \u00fcber ein Investitionskapital von rund 8 Milliarden Euro. Obwohl die Schweiz nicht Mitglied des EIF ist, k\u00f6nnen somit auch hierzulande ans\u00e4ssige Risikokapitalfonds von der Investitionst\u00e4tigkeit des EIF profitieren. Weiter wurden in den letzten zehn Jahren 56 Schweizer Start-ups mit EIF-Geldern kofinanziert. Die Schweiz bildet jedoch keinen Investitionsschwerpunkt des EIF <em>per se<\/em>.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Zahlreiche Finanzierungsangebote in den Kantonen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der Schweiz besitzen die Kantone die wirtschaftspolitische Kompetenz, Finanzierungsprogramme zugunsten von Unternehmen einzurichten. Sie bieten eine grosse Vielfalt von Finanzierungsangeboten f\u00fcr Unternehmen und Start-ups an. Gem\u00e4ss einer Umfrage des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) bei den Kantonen existieren insgesamt 87 Finanzierungsangebote.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> 15 Kantone verf\u00fcgen \u00fcber mehr als ein Angebot, wobei die Kantone Jura, Tessin und Wallis mit je 9 Programmen an der Spitze liegen. Auf der anderen Seite bieten Basel-Landschaft, Luzern, Nidwalden, Schwyz, Solothurn, St. Gallen, Thurgau und Zug kein Finanzierungsangebot an.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie kantonalen Angebote unterscheiden sich stark. So bieten 15 Kantone beispielsweise Fremdfinanzierungsprogramme an, welche haupts\u00e4chlich Darlehen und B\u00fcrgschaften von Bankkrediten enthalten. Vier Kantone haben sogenannte Eigenkapitalangebote, bei denen sich der Kanton am Eigenkapital eines Start-ups beteiligt.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Rolle des Bundes<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAuch auf Ebene des Bundes erleichtern F\u00f6rderinstrumente wie das gewerbeorientierte B\u00fcrgschaftswesen, die Schweizerische Gesellschaft f\u00fcr Hotelkredit (SGH) und der Technologiefonds KMU und Start-ups den Zugang zu Fremdkapital.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTrotz den zahlreichen privaten und kantonalen sowie bestehenden erw\u00e4hnten Finanzierungsangeboten des Bundes steht regelm\u00e4ssig die Forderung nach einem Finanzierungsinstrument des Bundes zur Unterst\u00fctzung von Start-ups im Raum. Ein entsprechendes Postulat des Waadtl\u00e4nder FDP-Nationalrats Fathi Derder ist beispielsweise beim Bundesrat h\u00e4ngig.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> In seiner Antwort wird der Bundesrat im Rahmen der Analyse von rasch wachsenden, jungen Unternehmen auch die Frage eines \u00f6ffentlichen Finanzierungsprogramms des Bundes eingehend pr\u00fcfen. Der Bericht wird voraussichtlich im Fr\u00fchjahr 2017 ver\u00f6ffentlicht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGleichzeitig streben die zust\u00e4ndigen Bundesstellen aktiv nach weiteren privatwirtschaftlichen L\u00f6sungen. Bundesrat und Parlament haben 2014 eine Motion des Luzerner CVP-St\u00e4nderats Konrad Graber mit dem Titel \u00abLangfristanlagen von Pensionskassen in zukunftstr\u00e4chtige Technologien und Schaffung eines Zukunftsfonds Schweiz\u00bb angenommen.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> In einem in diesem Kontext vom Seco organisierten Workshop fanden im Juni 2015 erstmalig Gespr\u00e4che zwischen der sogenannten Risikokapitalindustrie und den Vorsorgeeinrichtungen statt. Dabei wurden Abkl\u00e4rungen getroffen, und Fondsanbieter hatten die M\u00f6glichkeit, direkt mit potenziellen Nachfragern Gespr\u00e4che zu f\u00fchren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Oktober 2016 unterzeichneten die Akteure nach einem Spitzentreffen<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> auf Einladung der Vorsteher des Eidgen\u00f6ssischen Departements des Innern (EDI) und des Departements f\u00fcr Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) eine gemeinsame Erkl\u00e4rung, dass sie den Risikokapitalmarkt und damit die Finanzierungsm\u00f6glichkeiten mittels gr\u00f6sserer Risikokapitalfonds f\u00fcr rasch wachsende Jungunternehmen in der Schweiz weiterentwickeln und st\u00e4rken wollen: Insbesondere sollen Risikokapitalfonds mit gr\u00f6sseren Volumina f\u00fcr institutionelle Anbieter, einschliesslich Pensionskassen, zur Verf\u00fcgung stehen. Im n\u00e4chsten Jahr soll die Informationslage mit einer weiteren Veranstaltung, organisiert durch das Bundesamt f\u00fcr Sozialversicherungen, verbessert werden.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Gutes Gesamtbild \u2013 Handlungsbedarf im Einzelnen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz ist im internationalen Vergleich \u00fcberdurchschnittlich von rasch wachsenden Jungunternehmen und bestehenden Unternehmen gepr\u00e4gt.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a>\u00a0 Trotz dieses im Allgemeinen positiven Bildes darf nicht verkannt werden, dass in einzelnen Bereichen, wie beispielsweise bei den Steuern, Handlungsbedarf besteht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuch hinsichtlich der Start-up-Finanzierung gibt es Verbesserungspotenzial, das insbesondere durch die erw\u00e4hnten Massnahmen im Rahmen der Motion Graber gehoben werden soll. Ein stetes schrittweises Vorgehen, abgestimmt mit den betroffenen und interessierten Kreisen, ist auch in diesem Bereich der K\u00f6nigsweg.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">OECD (2013): Financing SMEs and Entrepreneurs, an OECD Scoreboard.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Stand 1. Februar 2016&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Postulat 13.4237: F\u00fcr eine bessere Entwicklung innovativer Jungunternehmen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Motion 13.4184.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Am Treffen nahmen u. a. auch der Schweizerische Pensionskassenverband (ASIP), die Schweizerische Bankiervereinigung Swissbanking, der Schweizerische Versicherungsverband (SVV) sowie Venture-Capital-Unternehmen teil.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Zur Studie im Auftrag des Seco siehe den Beitrag von Michael Mattmann und Felix Walter (Ecoplan) in dieser Ausgabe.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Innovative Jungunternehmen schaffen Arbeitspl\u00e4tze, tragen zur St\u00e4rkung der Innovations- und Wettbewerbsf\u00e4higkeit einer Volkswirtschaft bei und f\u00f6rdern den Strukturwandel. 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Die Forderung nach staatlicher Unterst\u00fctzung l\u00e4sst deshalb nicht lange auf sich warten. Doch wie stark leiden Start-ups tats\u00e4chlich unter dem fehlenden Finanzierungsangebot? Oder gibt es andere Gr\u00fcnde, welche die Beschaffung von finanziellen Mitteln erschweren? Gerade Jungunternehmen zeichnen sich durch bedeutende inh\u00e4rente Unsicherheiten und ein h\u00f6heres Risiko aus. Es existiert bereits heute eine Vielzahl von staatlichen und privaten Finanzierungsm\u00f6glichkeiten. Allein die Kantone verf\u00fcgen insgesamt \u00fcber fast 90 Finanzierungsangebote. Ein wichtiger Player ist zudem der Europ\u00e4ische Investitionsfonds (EIF), welcher auch in der Schweiz aktiv ist. 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