{"id":111520,"date":"2016-11-24T07:20:10","date_gmt":"2016-11-24T07:20:10","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/11\/renold-12-2016-franz\/"},"modified":"2025-06-16T09:12:23","modified_gmt":"2025-06-16T07:12:23","slug":"renold-12-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/11\/renold-12-2016\/","title":{"rendered":"Berufsbildung: Das Erfolgsrezept der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>Das internationale Interesse am dualen Bildungssystem der Schweiz ist gross. Ausschlaggebend f\u00fcr den Erfolg ist nicht zuletzt die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und Berufsschulen. Was bedeutet diese \u00abKoppelung\u00bb von Akteuren des Arbeitsmarktes und der Berufsbildung? Wie kann sie gemessen werden? Antworten liefert der \u00abKOF Education-Employment Linkage Index\u00bb: Er basiert auf einem systemtheoretischen Ansatz und misst die Koppelungsintensit\u00e4t anhand einer Expertenbefragung in ausgew\u00e4hlten L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Die Koppelung der Bildungs- und Besch\u00e4ftigungssysteme bezieht sich auf die Qualit\u00e4t der Kommunikation zwischen den jeweiligen Akteuren. Daraus ergibt sich eine Relation zwischen dem Machtverh\u00e4ltnis von Bildungs- respektive Besch\u00e4ftigungssystem und der Koppelungsintensit\u00e4t. Wenn das Bildungssystem alleine f\u00fcr Berufsbildung zust\u00e4ndig ist, stimmen die in der Berufsbildung erlernten F\u00e4higkeiten nicht mit der im Besch\u00e4ftigungssystem nachgefragten F\u00e4higkeiten \u00fcberein, sodass ein sogenannter Skills Mismatch entstehen kann.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Wenn hingegen das Besch\u00e4ftigungssystem alle Macht aufweist, kippt die Balance, und es werden zu einseitig firmenspezifische F\u00e4higkeiten vermittelt. Folglich ist die Koppelungsintensit\u00e4t am h\u00f6chsten, wenn Bildungs- und Besch\u00e4ftigungssystem die Macht teilen, indem die Kommunikation zwischen den beiden Systemen optimiert wird.<\/p>\n<p>Um die Koppelungsintensit\u00e4t zu messen, m\u00fcssen die Prozesse identifiziert werden, in denen Akteure des Bildungs- und Besch\u00e4ftigungssystems miteinander kommunizieren k\u00f6nnen und sollen. Daf\u00fcr wird das Konzept einer Wertsch\u00f6pfungskette \u00fcber den Bildungsprozess hinweg verwendet. Diese sogenannte Curriculum Value Chain unterteilt den Bildungsprozess in drei Phasen: In der ersten \u2013 der Designphase \u2013 werden der Lerninhalt, die Qualifikationsstandards sowie die Pr\u00fcfungsform definiert. In der darauf folgenden Anwendungsphase findet die Ausbildung statt. Daraus resultieren beobachtbare Ergebnisse im Arbeitsmarkt, welche schliesslich in der dritten Phase, der Feedbackphase, in den Bildungsprozess einfliessen.<\/p>\n<h2><strong>Koppelungsintensit\u00e4t anhand von 11 Prozessen gemessen<\/strong><\/h2>\n<p>Das Konzept erlaubt es, in jeder Phase der Wertsch\u00f6pfungskette die f\u00fcr die Koppelungsintensit\u00e4t relevanten Bildungsprozesse zu identifizieren (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). So werden in der Designphase die Prozesse untersucht, durch welche die Ausbildungsinhalte und die Pr\u00fcfungsform definiert werden. Zudem wird die Qualit\u00e4t der Koppelung gepr\u00fcft, zum Beispiel anhand des Anteils repr\u00e4sentierter Firmen und ob einzelne Firmen involviert sind oder ob Organisationen der Arbeitswelt die Informationen von Firmen aggregiert einbringen.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Prozesse in den drei Phasen einer Wertsch\u00f6pfungskette (mit Beispielen)<\/strong><\/h3>\n<p><a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2016\/11\/Renold_Bolli_1-2.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-63258 size-large\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2016\/11\/Renold_Bolli_1-2-1170x683.png\" alt=\"Renold_Bolli_1\" width=\"1170\" height=\"683\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Anwendungsphase enth\u00e4lt insgesamt sechs Prozesse: Die ersten beiden erfassen, wie wichtig der Arbeitsplatz als Lernort ist und wie die Qualit\u00e4t der Ausbildung am Arbeitsplatz sichergestellt wird. Drei weitere Prozesse messen, inwieweit sich Akteure des Besch\u00e4ftigungssystems in der schulischen Ausbildung einbringen k\u00f6nnen. Dies kann durch Kostenteilung, durch Lehrpersonen oder durch das Einbringen von Ausr\u00fcstung wie zum Beispiel Maschinen und Werkzeuge geschehen. Der letzte Prozess erfasst, inwieweit Pr\u00fcfungen sowohl am Arbeitsplatz als auch in der Schule durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>In der Feedbackphase wird schliesslich gepr\u00fcft, inwiefern gute Informationen zur Auswirkung von Ausbildungen auf die Arbeitsmarktsituation von Jugendlichen vorliegen. Dies gew\u00e4hrleistet eine evidenzbasierte \u00dcberarbeitung der Curricula. Ebenfalls untersucht wird, wer die Entscheidung trifft und wann ein Curriculum \u00fcberarbeitet werden soll.<\/p>\n<h2><strong>Vergleich mit den Besten<\/strong><\/h2>\n<p>Um die Koppelungsintensit\u00e4t empirisch zu untersuchen, wurden Berufsbildungsexperten aus dem Bildungssystem, dem Besch\u00e4ftigungssystem und der Wissenschaft in 20 L\u00e4ndern befragt. Die L\u00e4nder dieser Pilotuntersuchung wurden anhand zweier Indikatoren<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>, welche auf erfolgreiche und arbeitsmarktorientierte Bildungssysteme hindeuten, ausgew\u00e4hlt: Einerseits sind dies L\u00e4nder oder Gebiete wie Schanghai, Singapur, Hongkong und S\u00fcdkorea, die in der Pisa-Studie 2012 die besten Ergebnisse erzielt haben, also ein gut funktionierendes Grundbildungssystem haben. Andererseits wurden Staaten wie die Schweiz, die Niederlande, D\u00e4nemark und Deutschland gew\u00e4hlt, welche H\u00f6chstwerte im KOF Jugendarbeitsmarktindex aufweisen.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a><\/p>\n<p>In den sechs Fokusl\u00e4ndern D\u00e4nemark, Hongkong, Niederlande, Singapur, S\u00fcdkorea und Schweiz wurden im Durchschnitt 20 Experten befragt. In 12 L\u00e4ndern gab es jedoch nur je ein bis zwei Befragungen \u2013 weshalb diese Ergebnisse mit Vorsicht zu geniessen sind. In zwei L\u00e4ndern haben gar keine Experten geantwortet. In der Schweiz liegen Antworten von 59 Experten vor, was einer R\u00fccklaufquote von 57 Prozent entspricht. Sie stammen zu 39 Prozent aus dem Bildungssystem, zu 53 Prozent aus dem Besch\u00e4ftigungssystem und zu 8 Prozent aus der Forschung.<\/p>\n<p>Um einen Index der Koppelungsintensit\u00e4t zu berechnen, ist es n\u00f6tig, jeder Phase und jedem Prozess ein Gewicht zuzuordnen. Aufgrund der explorativen Natur der Untersuchung ist es a priori unklar, wie hoch diese Gewichte sein sollten, weshalb sie aufgrund der Antworten der befragten Bildungsexperten bestimmt werden. Die Ergebnisse zeigen, dass die Designphase im Durchschnitt mit 42 Prozent das h\u00f6chste Gewicht erh\u00e4lt, gefolgt von der Anwendungsphase mit 34 Prozent und der Feedbackphase mit 24 Prozent. Bei den einzelnen Prozessen \u00a0wurde der Aufdatierungszeitpunkt (22,5%) am st\u00e4rksten gewichtet, gefolgt von der Definition der Ausbildungsinhalte (15,8%). Ebenfalls ein hohes Gewicht erhielten die Koppelungsqualit\u00e4t (14,3%) und der Zeitanteil, welche Studierende am Arbeitsplatz anstelle der Schule verbringen (13,2%).<\/p>\n<h2><strong>Schweiz \u00fcberall \u00fcber dem Durchschnitt<\/strong><\/h2>\n<p>Das h\u00f6chste Gesamtergebnis hat \u00d6sterreich erzielt. Allerdings ist das Resultat nur bedingt aussagekr\u00e4ftig, da f\u00fcr das Nachbarland nur eine Beobachtung vorliegt. Nur unwesentlich tiefer ist die Koppelungsintensit\u00e4t der Schweiz, gefolgt von D\u00e4nemark und Deutschland \u2013 alles L\u00e4nder mit einem ausgepr\u00e4gten dualen Berufsbildungssystem. Hingegen liegen die s\u00fcdostasiatischen Pisa-Spitzenreiter Hongkong, Singapur, S\u00fcdkorea und Japan bez\u00fcglich der Koppelungsintensit\u00e4t am Ende der Skala. Das mag ein Hinweis darauf sein, dass gute Schulleistungen in der Grundbildung zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung f\u00fcr eine erfolgreiche Integration von Jugendlichen in den Arbeitsmarkt ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Schweiz zeigen die Ergebnisse: Das Land liegt in den meisten der 11 Prozesse weit \u00fcber dem Durchschnitt (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). Ausnahmen sind die Bereitstellung von Ausr\u00fcstung in der schulischen Ausbildung sowie die Informationssammlung. Hier schliesst die Schweiz lediglich durchschnittlich ab, und der Abstand zur h\u00f6chsten Auspr\u00e4gung innerhalb der untersuchten L\u00e4nder ist sogar relativ hoch.<\/p>\n<p>Ebenfalls deutlich unter dem H\u00f6chstwert liegt die Schweiz bei der Koppelungsqualit\u00e4t in der Designphase. Dies deutet darauf hin, dass das schweizerische Berufsbildungssystem dahin gehend m\u00f6glicherweise noch Verbesserungspotenzial hat. So sollte zum Beispiel eruiert werden, wie die Verkn\u00fcpfung von administrativen Daten, die das Bundesamt f\u00fcr Statistik neuerdings bereitstellt, dazu genutzt werden kann, bessere Informationen bez\u00fcglich der Auswirkungen von Ausbildungen zu gewinnen. Zudem sollte untersucht werden, inwieweit Verbesserungspotenzial bez\u00fcglich des Einbezugs von Firmen in der Auswahl und Bereitstellung von Ausr\u00fcstung, Werkzeugen und Maschinen im schulischen Unterricht besteht. Bei der Koppelungsqualit\u00e4t sehen die befragten Experten m\u00f6gliche Verbesserungen in Bezug auf den Anteil repr\u00e4sentierter Firmen.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: Koppelungsintensit\u00e4t des Bildungs- und Besch\u00e4ftigungssystems der Schweiz im Vergleich (nach Prozessen)<br \/>\n<\/strong><\/h3>\n<p><a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2016\/11\/Renold_Bolli_2-2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-63244 size-large\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2016\/11\/Renold_Bolli_2-2-1170x1031.png\" alt=\"Renold_Bolli_2\" width=\"1170\" height=\"1031\" \/><\/a><\/p>\n<p>Allerdings werden die Schw\u00e4chen im Direktvergleich mit D\u00e4nemark relativiert, welches ebenfalls sehr gut abgeschnitten hat und f\u00fcr welches gen\u00fcgend Expertenantworten vorliegen, um eine Analyse dieses Detaillierungsgrades zu erm\u00f6glichen: Ausser bei der Qualit\u00e4t der Koppelung in der Designphase und bei der Bestimmung des Aufdatierungszeitpunktes des Curriculums in der Feedbackphase schl\u00e4gt die Schweiz D\u00e4nemark in allen Dimensionen.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich feststellen: Der \u00abKOF Education-Employment Linkage Index\u00bb leistet einen wichtigen Beitrag, die Koppelungsintensit\u00e4t zwischen den Akteuren des Bildungs- und Besch\u00e4ftigungssystems zu messen. Bildungsverantwortliche aus dem In- und Ausland erhalten dadurch ein Werkzeug. Der Index schafft somit eine Diskussionsgrundlage f\u00fcr die Schw\u00e4chen und St\u00e4rken von Berufsbildungssystemen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Renold und Bolli (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Renold et al. (2015).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Renold et al. (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das internationale Interesse am dualen Bildungssystem der Schweiz ist gross. 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Dabei wird oft die Verbundpartnerschaft, also die Koppelung zwischen Akteuren des Bildungs- und des Besch\u00e4ftigungssystems, als wichtige Determinante f\u00fcr die Qualit\u00e4t von Berufsbildung genannt. Allerdings besteht wenig Evidenz zur Frage, wie und wo Akteure aus dem Besch\u00e4ftigungssystem sich im Bildungsprozess beteiligen sollten. Der \u00abKOF Education-Employment Linkage Index\u00bb basiert auf einem neuen Ansatz, der die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Akteurgruppen in Berufsbildungsprozessen misst. Dadurch soll eine Diskussion \u00fcber St\u00e4rken und Schw\u00e4chen der Berufsbildungssysteme angeregt werden. Die Forschungsergebnisse zeigen: Die Schweiz steht im internationalen Vergleich insgesamt sehr gut da. 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