{"id":111579,"date":"2016-11-24T07:00:34","date_gmt":"2016-11-24T07:00:34","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/11\/raffelhueschen-12-2016\/"},"modified":"2025-06-16T09:19:30","modified_gmt":"2025-06-16T07:19:30","slug":"raffelhueschen-12-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/11\/raffelhueschen-12-2016\/","title":{"rendered":"Demografischer Wandel belastet Staatshaushalt"},"content":{"rendered":"<p>Acht Jahre nach Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise sind die \u00f6ffentlichen Finanzen in vielen europ\u00e4ischen Staaten weiterhin aus dem Lot. Dabei stellt sich die Herausforderung, die Lage der \u00f6ffentlichen Finanzen pr\u00e4zise zu erfassen, um somit ein wahrheitsgem\u00e4sses Abbild \u00fcber die Tragf\u00e4higkeit der Staatsfinanzen zu erhalten.<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr die Beurteilung der finanziellen Lage eines Landes sind nebst der aktuellen Haushaltssituation auch die zuk\u00fcnftigen Belastungen f\u00fcr die \u00f6ffentlichen Finanzen. Somit ergibt sich zus\u00e4tzlich zur expliziten Verschuldung eines Staates auch eine implizite Verschuldung (siehe <em>Kasten<\/em>). Explizite und implizite Verschuldung ergeben zusammen die sogenannte Nachhaltigkeitsl\u00fccke, die sowohl heutige als auch zuk\u00fcnftige Belastungen des Staatshaushaltes ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Der gesellschaftliche Alterungsprozess stellt die Nachhaltigkeit der \u00f6ffentlichen Finanzen vor enorme Herausforderungen. Bereits heute bel\u00e4uft sich der Altersquotient, der das Verh\u00e4ltnis der Anzahl der \u00fcber 65-J\u00e4hrigen zur Anzahl der 15- bis 64-J\u00e4hrigen angibt, in der EU auf 28, in der Schweiz auf 29 und in Deutschland auf 31. Aufgrund geringer Geburtenraten und einer anhaltend steigenden Lebenserwartung in Europa wird sich diese Kennziffer bis zum Jahr 2060 nahezu verdoppeln. Bereits heute wird ein F\u00fcnftel des Bruttoinlandprodukts (BIP) in der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr Altersvorsorge, Gesundheit und Pflege ausgegeben, wobei sich die H\u00f6he dieser Ausgaben in besonderem Masse nach der Altersstruktur eines Landes richtet.<\/p>\n<p>Als Folge des gesellschaftlichen Alterungsprozesses werden diese sogenannten altersabh\u00e4ngigen Ausgaben in Zukunft deutlich zunehmen. Um dem Anstieg entgegenzuwirken, sind in vielen L\u00e4ndern teils grundlegende Reformen ihrer Rentensysteme beschlossen worden. Jedoch zeigt sich, dass hierdurch ein Ausgabenanstieg nicht verhindert, sondern lediglich abgemildert werden kann.<\/p>\n<p>Zur Berechnung der zuk\u00fcnftigen finanziellen Lasten sind massgeblich zwei Komponenten zu beachten: Zum einen m\u00fcssen die Auswirkungen des demografischen Wandels und deren Konsequenzen insbesondere f\u00fcr die staatlichen Ausgaben bei der Altersvorsorge, bei der Gesundheit und bei der Pflege ber\u00fccksichtigt werden. Zum anderen ist die fiskalische Ausgangslage der einzelnen Staaten ausschlaggebend. Diese setzt sich aus der H\u00f6he der jeweiligen expliziten Staatsverschuldung und aus dem Anteil der impliziten Verschuldung zusammen.<\/p>\n<h2><strong>Hohe implizite Verschuldung in Europa<\/strong><\/h2>\n<p>In der Europ\u00e4ischen Union belaufen sich die expliziten Schulden auf durchschnittlich 89 Prozent des BIP; die impliziten Schulden betragen 177 Prozent. Z\u00e4hlt man die beiden Werte zusammen, erh\u00e4lt man eine Nachhaltigkeitsl\u00fccke von 266 Prozent des BIP (siehe <em>Abbildung 1<\/em>).<\/p>\n<p>In den meisten EU-Staaten ist ein erheblicher Anteil der Nachhaltigkeitsl\u00fccken auf die implizite Verschuldung des jeweiligen Landes zur\u00fcckzuf\u00fchren. Das sind alarmierende Signale, die darauf hindeuten, dass sich die meisten L\u00e4nder in der EU bei Weitem noch nicht ausreichend auf die fiskalischen Herausforderungen der Zukunft vorbereitet haben. Eine ungew\u00f6hnliche Situation mit negativen impliziten Schulden zeigt sich in Italien und Portugal. Die impliziten Verm\u00f6gen beruhen dort auf der Annahme, dass die bereits verabschiedeten tiefgreifenden Reformen insbesondere der Rentensysteme auch umgesetzt werden. Die altersbedingten Ausgaben weisen daher in beiden Staaten eine deutlich vorteilhaftere Entwicklung auf, und die zuk\u00fcnftigen Belastungen f\u00fcr die \u00f6ffentlichen Haushalte sind erheblich niedriger.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Nachhaltigkeitsl\u00fccken in ausgew\u00e4hlten EU-Staaten (in&nbsp;% des BIP)<\/h3>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"Raffelhueschen_1_DE\"><\/div>\n<script>\n\n$(function () {\n    $('#Raffelhueschen_1_DE').highcharts({\n        chart: {\n            type: 'column'\n        },\n        title: {\n            text: ''\n        },\n        xAxis: {\n            categories: ['Italien (57)','Portugal (109)','Deutschland (149)','\u00d6sterreich (221)','EU28 (266)','Frankreich (291)','Griechenland (392)','Grossbritannien (498)','Spanien (592)','Irland (1171)']\n        },\n        yAxis: {\n            min: -75,\n            title: {\n                text: ''\n            },\n                 labels: {\n                format: '{value}%'\n            },\n            stackLabels: {\n                enabled: false\n                \n            }\n        },\n        \n        tooltip: {\n            headerFormat: '<b>{point.x}<\/b><br\/>',\n            pointFormat: '{series.name}: {point.y}%'\n        },\n        plotOptions: {\n            column: {\n                stacking: 'normal',\n                dataLabels: {\n                    enabled: true\n                }, style: {\n                    textShadow: false \n                }\n            }\n        },\n        series: [{\n            name: 'Implizite Schulden',\n            data: [-75,-21,74,137,177,195,213,410,492,1063]\n        }, {\n            name: 'Explizite Schulden',\n            data: [132,130,75,84,89,96,179,88,99,107]\n        }]\n    });\n});\n\n\n\n<\/script>\n<p><span class=\"text__legend\">Anmerkung: Der Wert in Klammern gibt die Nachhaltigkeitsl\u00fccke an. Sie setzt sich aus der expliziten und der impliziten Verschuldung zusammen. Das Basisjahr ist 2014.<\/span><\/p>\n<p><span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: Europ\u00e4ische Kommission, Aging Report (2009, 2012, 2015); Europ\u00e4ische Kommission, European Economic Forecast \u2013 Autumn 2015; Raffelh\u00fcschen, Reeker, Weisser \/ Die Volkswirtschaft<\/span><\/p>\n<h2><strong>Andere Berechnungsgrundlage in der Schweiz<\/strong><\/h2>\n<p>F\u00fcr die Untersuchung der Nachhaltigkeit der \u00f6ffentlichen Haushalte der Schweiz wird die Methode der Generationenbilanzierung verwendet. Sie unterscheidet sich in einigen methodischen Punkten vom Konzept des EU-Nachhaltigkeitsvergleichs. So gibt es Unterschiede in den Annahmen zu den wirtschaftlichen und fiskalischen Rahmenbedingungen und in der L\u00e4nge des zugrunde liegenden Betrachtungszeitraums, der in der Generationenbilanzierung theoretisch unendlich festlegt ist.<\/p>\n<p>In der Generationenbilanz der Schweiz werden alle zuk\u00fcnftigen Zahlungen pro Kopf einer jeden Generation \u00fcber deren jeweils verbleibende Lebensdauer diskontiert und aufsummiert. So bedeutet eine negative Nettosteuerzahlung, dass die durchschnittliche Person dieses Altersjahrganges in ihrem \u00fcbrigen Lebensverlauf mehr Leistungen des Gesamthaushaltes in Anspruch nimmt, als diese Person zum Haushalt beitr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Bei der aktuellen Gesetzeslage weisen lediglich die 15- bis 45-J\u00e4hrigen ein positives Generationenkonto auf (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). Diese Altersgruppe hat zum einen ihre Kindheit und Jugend bereits hinter sich, in der sie unter anderem viele staatliche Gesundheits- und Bildungsleistungen in Anspruch genommen hat. Zum anderen ist sie noch viele Jahre vom Renteneintrittsalter entfernt.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Generationenbilanz in der Schweiz<\/h3>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"Raffel_2_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n$(function () {\nHighcharts.setOptions({\n       \n\/\/------->\n mit numerics Symbols, macht es hinter der Zahl auf der Y-Achse das was man dort eingibt. 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Denn: Sein Erwerbsleben ist bereits abgeschlossen, und w\u00e4hrend seiner anstehenden Rentenbezugszeit wird er haupts\u00e4chlich Leistungsempf\u00e4nger sein und (netto) nicht mehr in den Gesamthaushalt einzahlen. Die Babyboomer \u2013 die heute etwa 46- bis 72-J\u00e4hrigen \u2013 bewegen sich immer mehr in den Altersbereich der st\u00e4rksten Nettoempf\u00e4nger: Hier wird in Zukunft ein deutliches Missverh\u00e4ltnis zwischen Einnahmen und Ausgaben des Gesamthaushaltes herrschen. Dieses wird durch die implizite Staatsschuld der Schweiz von 167,4 Prozent des BIP zum Ausdruck gebracht. Werden die expliziten Staatsschulden vom Jahr 2011 in H\u00f6he von 35,5 Prozent des BIP addiert, ergibt sich f\u00fcr die Schweiz eine tats\u00e4chliche Verschuldung von 202,9 Prozent des BIP. Die Schweiz verf\u00fcgt jedoch anders als die\u00a0meisten EU-Staaten \u00fcber ein bestehendes explizites Verm\u00f6gen in H\u00f6he von 36,9 Prozent des BIP, zu dem neben den Finanzanlagen von Bund, Kantonen und Gemeinden oder dem AHV-Ausgleichsfonds auch die Beteiligungen des Bundes z\u00e4hlen, wie beispielsweise Post, SBB oder Swisscom. Diese m\u00fcssen noch von der tats\u00e4chlichen Verschuldung abgezogen werden, womit die Nachhaltigkeitsl\u00fccke der Schweiz 166,0 Prozent des BIP betr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Die sowohl f\u00fcr die Schweiz als auch f\u00fcr die EU dargestellten Projektionen, insbesondere f\u00fcr die altersbedingten Ausgaben, sind mit erheblichen Unsicherheiten behaftet. Die Erfahrung zeigt leider: Der Politik fehlt es h\u00e4ufig an Durchhaltewillen. Es besteht also stets das Risiko, dass auch bereits umgesetzte Reformen wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht oder zumindest in ihrer Wirkung abgeschw\u00e4cht werden. Ob sich die in der Schweiz oder in der EU teilweise erfreulichen Entwicklungen in der Reformt\u00e4tigkeit tats\u00e4chlich auch in eine erfreuliche Entwicklung der \u00f6ffentlichen Haushalte wandeln werden, bleibt demnach abzuwarten.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Acht Jahre nach Ausbruch der Wirtschafts- und Finanzkrise sind die \u00f6ffentlichen Finanzen in vielen europ\u00e4ischen Staaten weiterhin aus dem Lot. Dabei stellt sich die Herausforderung, die Lage der \u00f6ffentlichen Finanzen pr\u00e4zise zu erfassen, um somit ein wahrheitsgem\u00e4sses Abbild \u00fcber die Tragf\u00e4higkeit der Staatsfinanzen zu erhalten. 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Dabei wird angenommen, dass alle fiskalpolitischen Beschl\u00fcsse \u00fcber zuk\u00fcnftige Ein- und Ausgaben auch tats\u00e4chlich umgesetzt werden. Somit wird durch die fiskalische Projektion der Ausgangslage das gegenw\u00e4rtige und in Zukunft bestehende Missverh\u00e4ltnis zwischen den \u00f6ffentlichen Einnahmen- und Ausgabenentwicklungen ausgedr\u00fcckt."}],"post_notes_for_print":"Setzt Italien die Rentenreform wie geplant um, wirkt sich das langfristig positiv auf die Staatsverschuldung aus. 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Langfristige Projektionen, wie das EU-Nachhaltigkeitsranking oder die Methode der Generationenbilanzierung, legen das oft bestehende Missverh\u00e4ltnis von \u00f6ffentlichen Einnahmen und Ausgaben offen und dienen somit f\u00fcr viele L\u00e4nder als Brandmelder der Zukunft. 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