{"id":112348,"date":"2016-07-25T15:44:53","date_gmt":"2016-07-25T15:44:53","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/07\/lenz-08-09-2016-franz\/"},"modified":"2023-08-23T23:08:57","modified_gmt":"2023-08-23T21:08:57","slug":"lenz-08-09-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/07\/lenz-08-09-2016\/","title":{"rendered":"Globale Krisen fordern die Nationalbank"},"content":{"rendered":"<p>Als kleine Volkswirtschaft mit begrenzten nat\u00fcrlichen Ressourcen ist die Schweiz auf den wirtschaftlichen Austausch mit dem Ausland angewiesen. Neben dem Handel mit Waren und Dienstleistungen geh\u00f6rt auch der internationale Kapitalverkehr dazu. Zum heutigen Wohlstand hat die wirtschaftliche Offenheit entscheidend beigetragen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiese Offenheit bedeutet jedoch auch, dass sich die Schweiz den internationalen Entwicklungen nicht entziehen kann. Das betrifft nicht nur l\u00e4ngerfristige Ver\u00e4nderungen wie den technischen Wandel und \u00c4nderungen der globalen Konsumgewohnheiten, sondern auch kurzfristige St\u00f6rungen: Je gr\u00f6sser der Austausch mit dem Ausland ist, desto st\u00e4rker wirken sich pl\u00f6tzliche Ver\u00e4nderungen im globalen Umfeld aus.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Eigenst\u00e4ndige Geldpolitik nur mit flexiblen Wechselkursen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVor diesem Hintergrund hat sich die Schweiz nach Ende des Bretton-Woods-Systems Anfang der Siebzigerjahre f\u00fcr flexible Wechselkurse entschieden. Bei freiem Kapitalverkehr ist dies die Voraussetzung daf\u00fcr, eine eigenst\u00e4ndige Geldpolitik f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Langfristig hat sich diese Entscheidung bew\u00e4hrt. Denn die Eigenst\u00e4ndigkeit erlaubt es, die spezifischen Bed\u00fcrfnisse einer Volkswirtschaft zu ber\u00fccksichtigen. So kann die Schweizerische Nationalbank (SNB) direkt auf landesspezifische St\u00f6rungen reagieren und die l\u00e4ngerfristige Teuerungsentwicklung steuern. Dank ihrer eigenst\u00e4ndigen Geldpolitik hat die Schweiz \u00fcber viele Jahrzehnte von einem im internationalen Vergleich hohen Mass an Preisstabilit\u00e4t profitiert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Eigenst\u00e4ndigkeit hat jedoch ihren Preis: Man kann den Wechselkurs nicht dauerhaft kontrollieren. Solange die Kursbewegungen nicht allzu stark sind und zum Gleichgewicht beim Aussenhandel beitragen, ist dies kein Problem. Immer wieder gibt es jedoch Situationen, in denen heftige Kursbewegungen f\u00fcr Verunsicherung sorgen. Dar\u00fcber hinaus gibt es Phasen, in denen Wechselkurse von den makro\u00f6konomischen Fundamentalfaktoren abweichen. Dies kann manchmal mehrere Jahre dauern. Von besonderer Bedeutung f\u00fcr die Schweiz ist in diesem Zusammenhang, dass der Franken in Zeiten globaler Krisen und Verunsicherung den Ruf eines sicheren Hafens geniesst.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Globale Ersch\u00fctterungen f\u00fchren zu Aufwertungsdruck<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSeit rund zehn Jahren ist die Schweiz von globalen Ersch\u00fctterungen betroffen: Besonders dramatisch waren die Banken- und Finanzkrise 2007\/2008, die grosse Rezession 2008\/2009 und \u2013 seit 2011 \u2013 die Eurokrise. Trotz aller Anstrengungen der Regierungen und Zentralbanken f\u00fchrten diese Ersch\u00fctterungen zu einer grossen Verunsicherung nicht nur auf den Finanzm\u00e4rkten, sondern auch bei den Unternehmen und Haushalten. Diese Phase war gepr\u00e4gt durch ein schwaches Wachstum, niedrige Zinsen und eine sehr tiefe Inflation \u2013 und zwar auf globaler Ebene.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweiz konnte sich diesen Turbulenzen nicht vollst\u00e4ndig entziehen. Entsprechend wurde auch die wirtschaftliche Entwicklung in der Schweiz beeintr\u00e4chtigt. Ein besonderes Merkmal der globalen Krisenphase ist der starke Aufwertungsdruck auf den Franken, der zeitweise dramatische Z\u00fcge annahm. F\u00fcr die SNB wurde die Steuerung der monet\u00e4ren Bedingungen dadurch viel schwieriger. Das heisst aber keineswegs, dass sie nichts unternehmen konnte und deshalb tatenlos zugesehen hat.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Geldpolitisches Engagement von historischem Ausmass<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGanz im Gegenteil: Seit Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise hat die SNB auf eine Weise reagiert, die zuvor f\u00fcr undenkbar gehalten worden w\u00e4re. Auf die internationalen Turbulenzen und den Aufwertungsdruck auf den Franken hat sie, \u00fcber mehrere Stufen, mit einer immer deutlicheren geldpolitischen Lockerung reagiert \u2013 zuerst \u00fcber eine rasche Senkung der Zinsen, danach \u00fcber eine starke Ausweitung der Liquidit\u00e4t und dann \u00fcber grosse Devisenk\u00e4ufe. Das Ausmass des Engagements l\u00e4sst sich an der enormen Ausweitung der Bilanz ablesen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDank dieser unkonventionellen Massnahmen konnte die Aufwertung des Frankens nach der ersten Krisenphase abgebremst werden. Im Sommer 2011 versch\u00e4rfte sich die Lage infolge der Eurokrise jedoch erneut, und der Franken wertete sich rasant gegen\u00fcber fast allen anderen W\u00e4hrungen auf. In dieser Situation zog die SNB die Notbremse. Als tempor\u00e4re Massnahme in einer Ausnahmesituation wurde der Mindestkurs gegen\u00fcber dem Euro im September 2011 eingef\u00fchrt. Danach verbesserte sich die Lage sukzessive. Die Unsicherheit nahm ab, und die Schweizer Wirtschaft fasste wieder Tritt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Jahr 2014 begann eine neue Phase: Aus der Frankenst\u00e4rke gegen\u00fcber den wichtigsten W\u00e4hrungen wurde mehr und mehr eine Euroschw\u00e4che auf breiter Front. Hauptsymptom war die deutliche Abschw\u00e4chung des Euros gegen\u00fcber dem Dollar. Und gegen Ende des Jahres begann sich eine nochmalige, starke Lockerung der Geldpolitik in der Eurozone abzuzeichnen. Vor diesem Hintergrund war mit einer weiteren Abschw\u00e4chung des Euros zu rechnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAngesichts dieser Entwicklung war der Mindestkurs nicht mehr nachhaltig. Denn: Zu seiner Durchsetzung h\u00e4tten die Devisenk\u00e4ufe immer st\u00e4rker ansteigen m\u00fcssen, was die Gefahr einer unkontrollierten Bilanzausdehnung mit sich gebracht h\u00e4tte. Da dadurch die F\u00e4higkeit der SNB, ihren geldpolitischen Auftrag auf lange Frist zu erf\u00fcllen, aufs Spiel gesetzt worden w\u00e4re, wurde die Mindestkurspolitik am 15. Januar 2015 beendet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSeither setzt die SNB auf zwei Hauptpfeiler, um mit ihrer Geldpolitik stabilisierend auf das Preisniveau und unterst\u00fctzend auf die Wirtschaftsentwicklung zu wirken. Der erste Pfeiler ist der Negativzins, welcher Banken und anderen Finanzmarktteilnehmern auf den Sichtguthaben bei der SNB belastet wird. Der zweite ist die Bereitschaft der Nationalbank, bei Bedarf am Devisenmarkt einzugreifen. Beides hat geholfen, den Wechselkurs zu stabilisieren. Dennoch bleibt der Franken auch heute deutlich \u00fcberbewertet.&#13;<\/p>\n<h2><strong>M\u00f6glichkeiten und Grenzen der Geldpolitik<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nObwohl die eigenst\u00e4ndige Geldpolitik mit ihrer Flexibilit\u00e4t der Wirtschaft hilft, sich an vor\u00fcbergehende oder dauerhafte Ver\u00e4nderungen anzupassen, kann sie nicht alle Probleme l\u00f6sen. So kann die Inflation bei grossen St\u00f6rungen nicht zu jedem Zeitpunkt im angestrebten Bereich stabilisiert werden. Eine entscheidende Rolle spielen nat\u00fcrlich Ursache und Dauer der St\u00f6rungen. Gerade wenn internationale Ersch\u00fctterungen zu starken Wechselkursbewegungen f\u00fchren, sind der raschen Stabilisierung der Inflation Grenzen gesetzt. Dies ist einer der Hauptgr\u00fcnde, warum die SNB kein Punktziel f\u00fcr die Inflation anstrebt und ihre Geldpolitik auf die Erhaltung der mittelfristigen Preisstabilit\u00e4t ausrichtet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNeben dem Auftrag, die Preisstabilit\u00e4t zu gew\u00e4hrleisten, muss die Geldpolitik der SNB gem\u00e4ss gesetzlichem Mandat auch der konjunkturellen Entwicklung Rechnung tragen. Als Referenz dient dabei immer die Gesamtwirtschaft. Nat\u00fcrlich fliesst in die Analysen auch die Betrachtung der einzelnen Branchen ein, aus denen sich die Schweizer Wirtschaft zusammensetzt. Neben den statistischen Analysen ist die SNB deshalb st\u00e4ndig im Gespr\u00e4ch mit den verschiedenen Akteuren der Wirtschaft.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Entwicklung der einzelnen Branchen verl\u00e4uft selten parallel. Ein Grund ist, dass sie unterschiedlich von makro\u00f6konomischen Schocks betroffen sind, wie Untersuchungen zeigen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Hinzu kommt, dass sich das Umfeld \u2013 und damit auch die Struktur der Wirtschaft \u2013 st\u00e4ndig \u00e4ndert, h\u00e4ufig auf globaler Ebene. In der j\u00fcngsten Vergangenheit haben vor allem die Digitalisierung und die zunehmende Vernetzung f\u00fcr gr\u00f6ssere Umbr\u00fcche gesorgt. Sei es bei der Informationsbeschaffung und damit verbunden bei Druckerzeugnissen wie B\u00fcchern und Zeitungen. Oder sei es beim Wandel zum Onlinehandel, den ver\u00e4nderten Kommunikationsgewohnheiten oder Anpassungen von Produktionsprozessen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVor diesem Hintergrund ist es f\u00fcr die Geldpolitik unm\u00f6glich, auch noch strukturpolitische Ziele zu verfolgen. Dies w\u00fcrde ihren gesetzlichen Auftrag \u00fcbersteigen und die Geldpolitik \u00fcberfrachten. F\u00fcr strukturpolitische Ziele m\u00fcssen deshalb andere Politikbereiche zum Zuge kommen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Abschw\u00e4chung, aber keine Rezession<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNach der Aufhebung des Mindestkurses wurde von einigen Fachleuten eine Rezession erwartet. Stattdessen ist die Wirtschaft letztes Jahr gem\u00e4ss einer ersten Sch\u00e4tzung des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) um immerhin 0,9 Prozent gewachsen. Dies war zwar ein klar unterdurchschnittliches Wachstum, aber sicher keine Katastrophe. Auff\u00e4llig an den Zahlen f\u00fcr 2015 ist ausserdem, dass in Wirtschaftsbereichen wie Export oder Ausr\u00fcstungsinvestitionen, f\u00fcr welche im Januar 2015 Pessimismus herrschte, schlussendlich ein positives Wachstum resultierte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie verarbeitende Industrie wies 2015 mit 3,0 Prozent sogar ein reales Wachstum aus, das \u00fcber dem langfristigen Durchschnitt lag. Damit war ihre reale Wertsch\u00f6pfung letztes Jahr um \u00fcber ein Viertel h\u00f6her als 2005. Diese Entwicklung ist angesichts der globalen Ersch\u00fctterungen, die \u00fcber den gleichen Zeitraum stattgefunden haben, umso bemerkenswerter und ein Beleg f\u00fcr die ausserordentliche Widerstandskraft der Industrie.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDoch bleibt die Lage f\u00fcr viele Wirtschaftszweige schwierig. Denn das positive Gesamtwachstum wurde 2015 von wenigen Branchen \u2013 beispielsweise von der Pharmaindustrie und vom Gesundheitswesen \u2013 getragen, w\u00e4hrend andere \u2013 zum Beispiel Handel und Finanzdienstleistungen \u2013 deutliche R\u00fcckschl\u00e4ge erlitten. In vielen Unternehmen bleibt vor allem die Gewinnsituation prek\u00e4r, und die SNB teilt die damit verbundenen Sorgen. Die \u00dcberbewertung des Frankens ist aber nicht als einziger Faktor daf\u00fcr verantwortlich. So leiden die klassischen MEM-Branchen beispielsweise auch unter einer andauernden globalen Investitionsschw\u00e4che.&#13;<\/p>\n<h2>Brexit erh\u00f6ht Unsicherheit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr alle Akteure w\u00e4re es angenehmer, in einem positiveren Umfeld zu agieren. Immerhin gab es in den ersten Monaten des laufenden Jahres einige ermutigende Signale. Der Einkaufsmanagerindex in der verarbeitenden Industrie beispielsweise stieg zwischen Januar und Mai deutlich, und auch die Besch\u00e4ftigungsaussichten verbesserten sich wieder etwas. F\u00fcr 2016 wurde \u2013 vor dem Brexit-Entscheid \u2013 allgemein mit einer graduellen Erholung der Wirtschaftsdynamik gerechnet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNun haben die Risiken aus dem internationalen Umfeld aber wieder zugenommen. Das Ergebnis der Brexit-Abstimmung im Vereinigten K\u00f6nigreich vom 23. Juni hat erneut f\u00fcr Turbulenzen gesorgt. Da sich die Unsicherheit \u00fcber die weitere Entwicklung in Europa erh\u00f6ht hat, ist eine gewisse Abk\u00fchlung der Konjunktur zu bef\u00fcrchten.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe z. B. B\u00e4urle, Gregor und Steiner, Elizabeth (2015). Ungewohnt, aber vorteilhaft: Konjunkturanalyse aus Sicht der Produktionssektoren, in: Die Volkswirtschaft 11\/2015.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als kleine Volkswirtschaft mit begrenzten nat\u00fcrlichen Ressourcen ist die Schweiz auf den wirtschaftlichen Austausch mit dem Ausland angewiesen. Neben dem Handel mit Waren und Dienstleistungen geh\u00f6rt auch der internationale Kapitalverkehr dazu. 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