{"id":112707,"date":"2016-06-22T15:58:32","date_gmt":"2016-06-22T15:58:32","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/06\/willener-07-2016-franz\/"},"modified":"2023-08-23T23:09:19","modified_gmt":"2023-08-23T21:09:19","slug":"willener-07-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/06\/willener-07-2016\/","title":{"rendered":"Menschen machen eine Stadt smart"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man im Internet das Stichwort Smart City eingibt, erscheinen Pl\u00e4ne von infrastrukturlastigen, geordneten und sauberen Quartieren, in denen die Menschen weitgehend fehlen. Alles Ungeordnete und Chaotische des st\u00e4dtischen Lebens bleibt in diesem Ideal weg \u2013 fast ein bisschen langweilig.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin Blick auf die konzeptionellen Grundlagen der Smart City zeigt: \u00abSmart\u00bb wird mit technologiegetrieben gleichgesetzt, und es geht um neue digitale Errungenschaften, die L\u00f6sungen f\u00fcr st\u00e4dtische Herausforderungen liefern und das Leben einfacher machen sollen. Das erinnert stark an die Technikgl\u00e4ubigkeit der Sechzigerjahre.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer US-Stadtforscher Adam Greenfield kritisiert, von den Stadtbewohnern sei in den Smart-City-Konzepten wenig zu lesen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Diese kommen allenfalls am Rande vor: als Konsumenten, deren Gewohnheiten von technischen Systemen beobachtet und geg\u00e4ngelt werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00abWhere are the citizens?\u00bb, ist man also geneigt zu fragen. F\u00fcr sie sollte die Smart City schliesslich da sein. Gem\u00e4ss der Website des Bundesamtes f\u00fcr Energie Smartcity-schweiz.ch soll eine Smart City den Bewohnern maximale Lebensqualit\u00e4t bieten. Wenn man den Anspruch der Nachhaltigkeit bei ihrem Nennwert nimmt, dann m\u00fcsste auch die soziale Dimension angesprochen werden: St\u00e4dte sind nicht denkbar ohne Menschen, ohne gesellschaftliche Vielfalt, ohne den Mix von Einzelnen und Gruppen, die das Stadtleben mit ihren Aktivit\u00e4ten anreichern.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Wer entwickelt die Stadt?<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Smart-City-Konzept kann als ein neues Stadtideal betrachtet werden. Stadtideale sind gen\u00e4hrt von der Idee, die St\u00e4dte durch eine \u00fcbergeordnete Vision f\u00fcr die Menschen besser zu machen \u2013 h\u00e4ufig verbunden mit einem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und \u00e4sthetischen Programm.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Grunde geht es dabei um w\u00fcnschenswerte Zielvorstellungen, in die sich eine Stadt entwickeln sollte. Es geht also um Stadtentwicklung \u2013 aber wer entwickelt die Stadt, damit sie smarter, gr\u00fcner oder lebenswerter wird?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Begriff der \u00abStadtentwicklung\u00bb wird einerseits f\u00fcr jene Ver\u00e4nderungen, die scheinbar einfach geschehen, eingesetzt \u2013 wie etwa die schleichende Aufwertung mancher Stadtquartiere. Andererseits dr\u00fcckt er auch eine aktiv gesteuerte Ver\u00e4nderung aus (siehe <em>Kasten 1<\/em>).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nLetztlich k\u00f6nnen jedoch alle Ver\u00e4nderungen im st\u00e4dtischen Raum menschlichen Einfl\u00fcssen zugeordnet werden. Der Raum entwickelt sich aus der Summe zahlreicher Einzelentscheidungen, die dem allgemeinen gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Wandel unterworfen sind und diesen wiederum beeinflussen. Die Frage ist also vielmehr: Werden r\u00e4umliche Entwicklungen planm\u00e4ssig, absichtsvoll von \u00fcbergeordneten Instanzen gesteuert? Oder entstehen sie eher unbeabsichtigt, zuf\u00e4llig oder als Nebenwirkung des Handelns von verschiedenen Akteuren?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn diesem Zusammenhang ist das Verh\u00e4ltnis zwischen Top-down und Bottom-up wichtig. W\u00e4hrend Top-down f\u00fcr ein herk\u00f6mmliches Planungsverst\u00e4ndnis steht, bei dem planende Beh\u00f6rden Grundlagen setzen und Grundeigent\u00fcmer sowie Investoren f\u00fcr die bauliche Umsetzung sorgen, meint Bottom-up, dass sich auch Menschen f\u00fcr Stadtentwicklung einsetzen, ohne dass sie dazu eingeladen werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZivilgesellschaftliche Akteure, die sich f\u00fcr oder gegen bestimmte Entwicklungen einsetzen oder wehren, pr\u00e4gen das Stadtgef\u00fcge in nicht zu untersch\u00e4tzender Weise. Statt mit Planungshoheit und Kapital tun sie dies mit fantasievollen Aktionen, mit Initiativen wie Urban Gardening, mit kreativ-kulturellen Zwischennutzungen (siehe <em>Kasten 2<\/em>) oder Aneignungen von Brachfl\u00e4chen. Wir k\u00f6nnen dieses Engagement als \u00abStadtentwicklung von unten\u00bb bezeichnen. Eine attraktive, kreative, vibrierende Stadt lebt auch von solchen Impulsen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs gibt \u2013 zum Gl\u00fcck \u2013 ein menschliches Bed\u00fcrfnis, zu gestalten, sich zu engagieren, Dinge zu ver\u00e4ndern, Begeisterung und Solidarit\u00e4t zu teilen. Tauschb\u00f6rsen, \u00f6ffentliche B\u00fccherschr\u00e4nke, Repair-Caf\u00e9s (wo man gemeinsam defekte Gegenst\u00e4nde repariert) oder Initiativen gegen Food-Waste: All das sind im Grunde lustvolle und begegnungsf\u00f6rdernde Ans\u00e4tze, in Kreisl\u00e4ufen zu denken und eine Stadt nachhaltiger zu machen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Leben statt Langeweile<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAls Mittelweg aus dem Gegensatz zwischen Top-down und Bottom-up kann eine interaktionistische Sichtweise von Stadtentwicklung beigezogen werden. Gem\u00e4ss diesem Ansatz betrachtet man die Stadt sowohl als sich st\u00e4ndig wandelndes Resultat von ungeplanten sozialen, politischen und \u00f6konomischen Prozessen wie auch als Ergebnis von r\u00e4umlicher Planung, Entwicklung und baulicher Gestaltung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSoll das Smart-City-Konzept in St\u00e4dten Erfolg haben, m\u00fcssen deren Promotoren zivilgesellschaftliche Kr\u00e4fte mit einbeziehen: nicht nur im Sinne von eingeladener Partizipation, wo mittels dialogischer Verfahren und Workshops die Bev\u00f6lkerung mitreden kann. Sondern auch durch die Anerkennung und den Einbezug von zivilgesellschaftlichen Initiativen aller Art. Diese k\u00f6nnten dazu verhelfen, eine Smart City anzureichern und lebendig zu machen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer fr\u00fchzeitige Einbezug von Bewohnern und von Bottom-up-Initiativen in ein Smart-City-Projekt ist ein mehrfacher Gewinn: Bedenken und Bef\u00fcrchtungen kann von Anfang an Rechnung getragen werden, aus Betroffenen werden Beteiligte. Und: Lokales Wissen und Ressourcen fliessen in das Vorhaben ein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSmart ist eine City somit erst richtig, wenn die Nachhaltigkeit ganzheitlich betrachtet und die Beteiligung ihrer Menschen gef\u00f6rdert wird. Innovation soll nicht nur f\u00fcr die Technik gelten, sondern auch f\u00fcr die Formen der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Akteuren. Technologie kann zu alldem einen wichtigen Beitrag leisten, soll aber kein Selbstzweck sein.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Greenfield, Adam (2013). Against the smart City. New York.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man im Internet das Stichwort Smart City eingibt, erscheinen Pl\u00e4ne von infrastrukturlastigen, geordneten und sauberen Quartieren, in denen die Menschen weitgehend fehlen. Alles Ungeordnete und Chaotische des st\u00e4dtischen Lebens bleibt in diesem Ideal weg \u2013 fast ein bisschen langweilig.&#13; &#13; Ein Blick auf die konzeptionellen Grundlagen der Smart City zeigt: \u00abSmart\u00bb wird mit technologiegetrieben [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":4421,"featured_media":29043,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[69,66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[],"post_content_subject":[230],"acf":{"seco_author":4421,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Dozent und Projektleiter f\u00fcr Soziokulturelle Entwicklung, Hochschule Luzern","seco_author_post_occupation_fr":"Charg\u00e9 de cours et chef de projet pour le d\u00e9veloppement socioculturel, Haute \u00e9cole de Lucerne","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"Menschen machen eine Stadt smart","post_lead":"Technologie ist kein Selbstzweck: Damit smarte St\u00e4dte nicht zu Geisterst\u00e4dten werden, m\u00fcssen die Stadtplaner die Zivilgesellschaft mit einbeziehen.","post_hero_image_description":"Leben am Fusse des Z\u00fcrcher Prime Tower: Auf dem Gerold-Areal treffen G\u00e4rtner, K\u00fcnstler und Barbesucher aufeinander.","post_hero_image_description_copyright_de":"Keystone","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":[{"kasten_title":"Kasten 1: Was heisst \u00abentwickeln\u00bb?","kasten_box":"Das Verb \u00abentwickeln\u00bb hat zwei Bedeutungen. So sagt man beispielsweise: \u00abDas Quartier hat sich zur Ausgehmeile entwickelt.\u00bb Hier steht der ungeplante Prozess im Vordergrund. Wenn man aber sagt: \u00abDas Areal wird durch einen Investor entwickelt\u00bb, handelt es sich andererseits um ein gezieltes Einwirken von Akteuren."},{"kasten_title":"Kasten 2: Zwischennutzung eines Hallenbades in Luzern","kasten_box":"Ein Erfolgsbeispiel f\u00fcr eine gelungene Zwischennutzung: Das alte Hallenbad von Luzern gab seinen Betrieb 2012 auf. Der Verein Netzwerk Neubad erhielt von der Stadt einen vorerst auf vier Jahre befristeten Vertrag zur Nutzung des Geb\u00e4udes. Nach rund 8000 Stunden Freiwilligenarbeit \u00f6ffnete der Betrieb im September 2013. Nebst einem Bistro finden sich heute im Neubad R\u00e4ume f\u00fcr kulturelle Anl\u00e4sse, Ateliers, B\u00fcros f\u00fcr Start-up-Unternehmen, NGOs und Vereine \u2013 und ein Gem\u00fcsegarten auf der Terrasse.&#13;\n&#13;\n<span class=\"text__quelle--kasten\">Mehr unter <a href=\"http:\/\/neubad.org\/\" target=\"_blank\">Neubad.org<\/a><\/span>"}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":112710,"main_focus":[156481,157150],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":112714,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"55040","post_abstract":"Smart-City-Konzepte wollen die st\u00e4dtischen Herausforderungen einseitig mit technologischen Ans\u00e4tzen l\u00f6sen. Die Auseinandersetzung um die Frage, wer denn eigentlich St\u00e4dte entwickelt, f\u00fchrt aber zur Einsicht: Nur interaktive und integrierte Ans\u00e4tze haben eine Chance, ein Stadtideal wie Smart City mit Leben zu f\u00fcllen. Nachhaltigkeit muss in ihrer Gesamtheit betrachtet werden, indem die gesellschaftliche Dimension mitgedacht wird und die Bev\u00f6lkerung sowie Bottom-up-Initiativen f\u00fcr die Entwicklung mit einbezogen werden. Technologie kann zu alldem einen wichtigen Beitrag leisten.","magazine_issue":"07-2016","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[4127,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20160623","original_files":[{"file":112722}],"external_release_for_author":"20160527","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/571f0f7cae967"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/112707"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4421"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=112707"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/112707\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126597,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/112707\/revisions\/126597"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4127"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4421"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157150"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156481"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/29043"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=112707"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=112707"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=112707"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=112707"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=112707"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=112707"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}