{"id":112864,"date":"2016-06-22T15:48:57","date_gmt":"2016-06-22T15:48:57","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/06\/widmer-07-2016\/"},"modified":"2023-08-23T23:09:37","modified_gmt":"2023-08-23T21:09:37","slug":"widmer-07-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/06\/widmer-07-2016\/","title":{"rendered":"Das Schweizer Label \u00abEnergiestadt\u00bb weckt weltweit Interesse"},"content":{"rendered":"<p>Im Dezember\u00a02015 wurde in Paris w\u00e4hrend der Klimakonferenz COP21 der Climate Summit for Local Leaders organisiert. An diesem versammelten sich 700\u00a0B\u00fcrgermeister aus der ganzen Welt, um sich in der Klimafrage ebenfalls Geh\u00f6r zu verschaffen. Es fanden mehr als hundert Veranstaltungen im Zusammenhang mit St\u00e4dten und Gemeinden statt. Das zeigt, dass auch die lokalen Gebietsk\u00f6rperschaften bei diesem Thema eine Rolle spielen. Fast die H\u00e4lfte der Weltbev\u00f6lkerung lebt in st\u00e4dtischen Gebieten: Auf sie entfallen zwischen 60 und 80\u00a0Prozent des weltweiten Energieverbrauchs. Der CO<sub>2<\/sub>-Ausstoss bewegt sich ungef\u00e4hr im gleichen Rahmen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn den St\u00e4dten von Entwicklungsl\u00e4ndern stellt die Strassenbeleuchtung nach den Lohnkosten oft den zweitgr\u00f6ssten Ausgabenposten dar. Ein Vertreter der Stadtverwaltung aus dem marokkanischen Agadir erkl\u00e4rte eines Tages, dass er sich angesichts der stetigen Ausweitung seiner Stadt die Frage stelle, wie er die Stromrechnung auch k\u00fcnftig bezahlen k\u00f6nne. Deshalb beschloss seine Gemeinde, den Ansatz des Labels \u00abEnergiestadt \/ European Energy Award\u00bb (EEA) auszuprobieren. <a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Konzept der Energiest\u00e4dte wurde Anfang der Neunzigerjahre in der Schweiz entwickelt und in der Folge von anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern \u00fcbernommen. Gegenw\u00e4rtig gibt es schweizweit 396\u00a0Energiest\u00e4dte oder -gemeinden. Das entspricht mehr als 50\u00a0Prozent der Bev\u00f6lkerung. Das Label soll die Gemeinden zur Umsetzung einer nachhaltigen Energiepolitik motivieren. Es deckt sechs Bereiche ab: Entwicklungsplanung und Raumordnung, kommunale Geb\u00e4ude und Anlagen, Versorgung und Entsorgung, Mobilit\u00e4t, interne Organisation, Kommunikation und Kooperation. Ein Katalog mit 79 Massnahmen bildet die konkrete Umsetzungsphase. Jede dieser Massnahmen entspricht einer m\u00f6glichen Punktzahl. Die Gemeinde erh\u00e4lt das Label, sobald sie die H\u00e4lfte davon erreicht. Erzielt sie mehr als 75\u00a0Prozent der m\u00f6glichen Punkte, wird ihr das Label in Gold verliehen. Dieses wird europaweit zusammen mit den anderen L\u00e4ndern erteilt, die den EEA verwenden.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> In der Schweiz stehen den interessierten Gemeinden Berater zur Seite, und sie erhalten Subventionen von Bund und Kantonen. Alle vier\u00a0Jahre findet ein externes Audit zur Best\u00e4tigung des Labels statt. Dieser Zeitraum entspricht h\u00e4ufig einer Legislaturperiode.&#13;<\/p>\n<h2>Projekte in mehreren L\u00e4ndern<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Leistungsbereich Wirtschaftliche Zusammenarbeit des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco), die Direktion f\u00fcr Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und die interdepartementale Plattform des Bundes Repic<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> haben verschiedene Projekte in Rum\u00e4nien, der Ukraine, Marokko, Brasilien, Chile und China lanciert. Weitere Projekte in Serbien, Tunesien, Kolumbien und Peru sind in Vorbereitung. Je nach Land k\u00f6nnen Ansatz und Form variieren. So unterst\u00fctzte Repic beispielsweise in Marokko die Einf\u00fchrung des Labels auf nationaler Ebene und in drei Pilotst\u00e4dten. Gleichzeitig setzte man sich auch daf\u00fcr ein, dass die Strassenbeleuchtung modernisiert wird. In Rum\u00e4nien bildete die Einf\u00fchrung des Labels die Voraussetzung daf\u00fcr, dass das Land vom Seco Investitionsunterst\u00fctzung erhielt. Mit dieser konnten die St\u00e4dte Elektrobusse kaufen oder \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude renovieren. In der Ukraine wurden mit der Hilfe des Seco das Label sowie die Sanierung einer Fernw\u00e4rmeheizung finanziert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Massnahmenkatalog l\u00e4sst sich an die regionalen und lokalen Gegebenheiten anpassen, beispielsweise indem der Fokus anstatt auf die Beheizung auf die Klimatisierung gelegt wird. Im Norden wie im S\u00fcden, in der Schweiz wie auch in Chile, verf\u00fcgen die mit dem Label ausgezeichneten Gemeinden \u00fcber eine interne Struktur f\u00fcr die Energie. Ausserdem haben sie eine Standortbestimmung durchgef\u00fchrt und eine Energiestrategie definiert. Auf nationaler Ebene bildet die f\u00fcr das Label verantwortliche Tr\u00e4gerschaft<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Berater aus und erteilt ihnen die Zulassung. Zudem entwickelt sie Hilfsmittel f\u00fcr die Planung, die Entscheidungsfindung, die Verwaltung und das Monitoring der Energiepolitiken der Gemeinden. Die tunesische Energieagentur ANME interessierte sich f\u00fcr das Label, um ihr nationales Programm \u00abAlliance des communes pour la transition \u00e9nerg\u00e9tique (ACTE)\u00bb zu strukturieren. Dieses Programm soll die Gemeinden bei der Gestaltung ihrer Energiepolitik begleiten und ihnen gleichzeitig Zugang zu neuartigen technischen und finanziellen L\u00f6sungen gew\u00e4hren, die auf ihre Bed\u00fcrfnisse zugeschnitten sind.&#13;<\/p>\n<h2>Erleichterter Zugang zu Finanzierung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDurch das Label erhalten die St\u00e4dte und Gemeinden formelle und internationale Anerkennung f\u00fcr ihr Engagement. Sie geh\u00f6ren einem Netzwerk an, \u00fcber das sie sich austauschen k\u00f6nnen, und sie erh\u00f6hen ihre Sichtbarkeit f\u00fcr den Staat und die Finanzpartner. In Marokko haben verschiedene internationale Finanzinstitutionen die Pilotst\u00e4dte des von der Schweiz finanzierten Projekts besucht. F\u00fcr sie bot dieses Engagement eine interessante Gelegenheit f\u00fcr Transaktionen mit St\u00e4dten, die \u00fcber ein Fachteam f\u00fcr Energiefragen verf\u00fcgen. Da sich heute immer mehr Gemeinden selbstst\u00e4ndig finanzieren wollen, stellt dies zweifellos einen Vorteil dar, der durch die beachtlichen Energieeinsparungen noch verst\u00e4rkt wird. So verbesserte 2015 die Einf\u00fchrung des Labels im ukrainischen Vinnitsa die Energieeffizienz eines Fernheizsystems und senkte so die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen um 5146\u00a0Tonnen. Ausserdem wurde dank dem Label ein Kredit in H\u00f6he von 43\u00a0Millionen\u00a0Dollar f\u00fcr die F\u00f6rderung der Energieeffizienz, die Revision von 20\u00a0Trolleybussen, die Modernisierung eines Trams sowie den Bau von 5,24\u00a0km Veloweg gew\u00e4hrt. 68\u00a0Medienmitteilungen wurden zu diesen Massnahmen publiziert und 26\u00a0Fernsehreportagen produziert\u00a0\u2013 5 davon f\u00fcr nationale Sender.&#13;<\/p>\n<h2>Gouvernanz im Energiebereich<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAusserhalb von Europa ist das Label Energiestadt\/EEA noch wenig bekannt. Da es jedoch eine spezielle Nische abdeckt, ist es in mancherlei Hinsicht auch dort sehr interessant. Anders als Hilfsmittel, die sich auf ein einmaliges Audit und die Entwicklung eines Projektportfolios beschr\u00e4nken, f\u00f6rdert das Label \u00abEnergiestadt\u00bb als einziges eine langfristig ausgerichtete lokale Gouvernanz. Abgesehen von den angestrebten Einsparungen motiviert es die Gemeinden, eine integrierte und ressort\u00fcbergreifende Energiepolitik zu entwickeln. Diese umfasst neben den finanziellen Mitteln auch die Raumordnungspolitik der Gemeinde und regt den Einbezug der Einwohner bei der Planung, den Entscheidungsprozessen und der Bestimmung der Energieziele an.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVon der Entstehung des Konzepts in der Schweiz zeugen nach wie vor der partizipative Charakter, die Zusammenarbeit von Vertretern aus Politik und Verwaltung, das Subsidiarit\u00e4tsprinzip zur Kompetenzaufteilung, die lokale Verwaltung und der konsensorientierte Ansatz, der eine Kombination mit anderen Hilfsmitteln<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> erlaubt. Mehrere in diesem Bereich t\u00e4tige Schweizer Unternehmen, die als Berater oder Auditor t\u00e4tig sind, haben bereits Interesse angemeldet und gezeigt, dass sie dieses Know-how auch ausserhalb der Schweiz weitervermitteln k\u00f6nnen. Die Marke Swissness stellt hier definitiv einen Vorteil dar.&#13;<\/p>\n<h2>Erfahrungsaustausch<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZusammen mit dem Tr\u00e4gerverein Energiestadt und dem Forum EEA hat Repic eine Reflexion \u00fcber die Umsetzung des Labels in der internationalen Zusammenarbeit angeregt. Am 29.\u00a0Juni\u00a02016 versammeln sich in Bern Vertreter verschiedener Bundes\u00e4mter und mehrerer St\u00e4dte mit Unternehmen, die an der Umsetzung des Labels mitarbeiten, zu einer Konferenz. An diesem Treffen, bei dem erstmals alle Schweizer Hauptakteure zusammenkommen, k\u00f6nnen Erfahrungen ausgetauscht und Gespr\u00e4che \u00fcber die Perspektiven eines solchen Ansatzes in der internationalen Zusammenarbeit gef\u00fchrt werden. <a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe <a href=' http:\/\/www.energiestadt.ch\/de\/' target=\"_blank\">Energiestadt.ch<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Deutschland, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Luxemburg, Monaco und \u00d6sterreich.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Repic ist ein gemeinsames Programm der Deza, des Bundesamtes f\u00fcr Energie (BFE) und des Seco zur F\u00f6rderung der erneuerbaren Energien und der Energieeffizienz in Entwicklungs- und Transitionsl\u00e4ndern. Siehe <a href='http:\/\/www.repic.ch\/repic-de\/' target=\"_blank\">Repic.ch<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">In der Schweiz verwaltet der Tr\u00e4gerverein Energiestadt das Label mit Unterst\u00fctzung des Programms \u00abEnergie Schweiz\u00bb des BFE.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Wie etwa dem Konvent der B\u00fcrgermeister, Trace, Curb oder ISO\u00a050001.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Mehr Informationen auf <a href='http:\/\/www.repic.ch\/repic-de\/' target=\"_blank\">Repic.ch<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Dezember\u00a02015 wurde in Paris w\u00e4hrend der Klimakonferenz COP21 der Climate Summit for Local Leaders organisiert. 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Ebenfalls zum Einsatz kommt es in bundesfinanzierten Projekten in Rum\u00e4nien, der Ukraine, Marokko, Brasilien und Chile. Das Label ist f\u00fcr die Gemeinden jedoch nicht nur f\u00fcr das Energiemanagement in ihrem Alltagsgesch\u00e4ft interessant. Es f\u00f6rdert ausserdem eine integrierte und ressort\u00fcbergreifende Energiepolitik. 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