{"id":112920,"date":"2016-05-25T16:30:43","date_gmt":"2016-05-25T16:30:43","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/05\/schmid-06-2016-franz\/"},"modified":"2023-08-23T23:09:36","modified_gmt":"2023-08-23T21:09:36","slug":"schmit-06-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/05\/schmit-06-2016\/","title":{"rendered":"Ferientourismus braucht neue Finanzierungsmodelle"},"content":{"rendered":"<p>Um die Herausforderungen bei der Finanzierung von Tourismusprojekten zu verstehen, gilt es grunds\u00e4tzlich zwischen der Hotellerie und touristischen Infrastrukturen (insbesondere Bergbahnen inklusive Pisten und Beschneiungsanlagen sowie Hallen- und Thermalb\u00e4der) zu unterscheiden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Hotellerie ist permanent dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt und von Wechselkursanpassungen ebenso direkt betroffen wie die Exportindustrie. Da die Preise f\u00fcr \u00dcbernachtung und Essen sich im Rahmen eines vergleichbaren Leistungsangebots am Weltmarktpreisniveau orientieren, steht ein Viersternhotel in einem Schweizer Skigebiet beispielsweise mit Hotels in \u00f6sterreichischen Wintersportorten oder mit Strandhotels in Italien in Konkurrenz. Wird der Preisunterschied zu gross, wandern auch Stammg\u00e4ste ab.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Herausforderungen bei der Finanzierung von Hotelprojekten sind aber kein neues Ph\u00e4nomen: Bereits im Jahr 2008 \u2013 vor Annahme der Zweitwohnungsinitiative und bei einem Eurokurs von 1.60 Franken \u2013 wiesen viele Hotelprojekte eine Finanzierungsl\u00fccke auf (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Diese konnte in der Vergangenheit aber in der Regel durch Quersubventionierung \u00fcber den Zweitwohnungsbau wegbedungen werden.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 1: Finanzierungsl\u00fccke bei Hotelprojekten in der Schweiz<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2016\/05\/Schmid_06_16_Abb.1.1.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-53663\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2016\/05\/Schmid_06_16_Abb.1.1.png\" alt=\"Schmid_06_16_Abb.1.1\" width=\"1322\" height=\"664\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkung: Die Kosten f\u00fcr den Bau eines bez\u00fcglich der Gr\u00f6sse und des Ausbaustandards typischen Hotels im Schweizer Alpenraum liegen deutlich \u00fcber dem Ertragswert, der mit dem Hotel auch bei sehr gutem Management (Jahresauslastung von 60 Prozent) erzielt werden kann. Dadurch entsteht erfahrungsgem\u00e4ss eine Finanzierungsl\u00fccke von rund 25 Prozent der Investitionskosten, d. h., ein Viertel des Kapitals kann nicht rentabilisiert werden.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: BHP\/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDa Ertragssteigerungen ohne Mehrleistungen im aktuellen Wettbewerbsumfeld kaum m\u00f6glich sein d\u00fcrften und weil die M\u00f6glichkeiten zur Reduktion der Betriebskosten (Personal-, Waren- und allgemeine Betriebskosten) von den einzelnen Hotelbetrieben wohl bereits ausgesch\u00f6pft werden, bleibt wenig Handlungsspielraum. Potenzial zur Kostenreduktion gibt es somit vor allem bei den Strukturkosten.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Bergbahnen leiden unter r\u00fcckl\u00e4ufigen G\u00e4stezahlen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nTouristische Infrastrukturen wie Bergbahnen Hallen- und Thermalb\u00e4der zeichnen sich in der Regel durch hohe Fixkosten aus. Das Betriebsergebnis h\u00e4ngt deshalb nach Aussch\u00f6pfen des Spielraums f\u00fcr Preiserh\u00f6hungen prim\u00e4r von den erzielten Frequenzen im Verh\u00e4ltnis zu den Anlagekapazit\u00e4ten ab.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZum Zeitpunkt, als die touristischen Infrastrukturen gebaut wurden, gingen die meisten Destinationen von einer weiter wachsenden Nachfrage aus und erstellten entsprechend grossz\u00fcgige Infrastrukturen. Durch die in den letzten Jahren beobachtete abnehmende Vermietungsbereitschaft bei den Ferienwohnungen sowie durch Aufgabe verschiedener Hotelbetriebe sind die Frequenzen in den Tourismusdestinationen jedoch tendenziell gesunken. Die Frequenzverluste wirken sich nun zunehmend auf die Rechnung der touristischen Infrastrukturen aus.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUm auf die Frequenzverluste zu reagieren, stehen den touristischen Infrastrukturbetrieben grunds\u00e4tzlich die folgenden drei Strategien offen: Re-Kommerzialisierung, Angebot neu kalibrieren oder residenzielle Ausrichtung (siehe <em>Abbildung 2<\/em>).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Tourismusinfrastrukturbetriebe k\u00f6nnen versuchen, den G\u00e4steverlust zu stoppen, indem sie selber ins Beherbergungsgesch\u00e4ft einsteigen (<em>Re-Kommerzialisierung<\/em>) und so dem Verlust des kommerziellen Beherbergungsangebots (Aufgabe von Hotels, Abnahme der vermieteten Ferienwohnungen) entgegenwirken. Voraussetzung f\u00fcr diese Strategie ist, dass die Tourismusinfrastrukturbetriebe \u00fcber die finanzielle Kraft f\u00fcr eine Vertikalisierungsstrategie verf\u00fcgen und dass im Tourismusort geeignete Areale f\u00fcr den Bau bzw. M\u00f6glichkeiten zur \u00dcbernahme geeigneter Beherbergungsbetriebe bestehen.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Abb. 2: L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr Bergbahnen<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2016\/05\/Schmid_06_16_Abb.2.2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-53664\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2016\/05\/Schmid_06_16_Abb.2.2.png\" alt=\"Schmid_06_16_Abb.2.2\" width=\"1352\" height=\"416\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: BHP\/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin weiterer Ansatz besteht darin, das <em>Angebot zu verkleinern<\/em>: Wenn die Frequenzen nicht erh\u00f6ht werden k\u00f6nnen, gilt es auf der Kostenseite anzusetzen, indem die Kapazit\u00e4ten, die \u00d6ffnungszeiten oder die Angebotsauspr\u00e4gung neu kalibriert werden. Zwar f\u00fchren solche Massnahmen kurzfristig zur gew\u00fcnschten Rechnungsentlastung. Mittelfristig besteht jedoch das Risiko, dass die Schrumpfung des Tourismusinfrastrukturangebots das Einsetzen einer unaufhaltsamen Negativspirale provoziert (Attraktivit\u00e4tsverlust f\u00fchrt zu Frequenzverlust f\u00fchrt zu Angebotsreduktion).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTourismusgebiete, die \u00fcber viele Erst- und Zweitwohnungen verf\u00fcgen, k\u00f6nnten auch \u00fcber <em>residenzielle Finanzierungsmodelle<\/em> nachdenken. Dies bedeutet, dass Erhalt und Betrieb der touristischen Infrastrukturen nicht mehr \u00fcber eine nutzungsabh\u00e4ngige Abgeltung (Eintrittstickets), sondern \u00fcber frequenzunabh\u00e4ngige Beitr\u00e4ge der Wohnungseigent\u00fcmer (j\u00e4hrlicher Pauschalbetrag) finanziert w\u00fcrden. Hintergrund f\u00fcr einen solchen Paradigmenwechsel ist die gegenseitige Abh\u00e4ngigkeit von Tourismusinfrastrukturen (Frequenzen) und Wohnungseigent\u00fcmern (Immobilienwert).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiskussionen, welche die Akteure aus der Tourismuswirtschaft und die Vertreter des Bundes und der Kantone im vergangenen Herbst im Rahmen des Tourismus-Forums Schweiz 2015 in Bern f\u00fchrten, haben gezeigt, dass insbesondere das Weiterentwickeln der L\u00f6sungsans\u00e4tze \u00abRe-Kommerzialisierung durch Vertikalisierung\u00bb und \u00abResidenzmodelle\u00bb vielversprechend scheinen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Vertikalisierung: Jugendherberge in Saas-Fee macht\u00a0es vor<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWegen des starken Frankens hat sich das Preis-Leistungs-Verh\u00e4ltnis von Schweizer Tourismusdienstleistungen f\u00fcr ausl\u00e4ndische G\u00e4ste in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Eine R\u00fcckgewinnung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit erfordert daher eine konsequente Ausrichtung aller Bem\u00fchungen auf die bestm\u00f6gliche Erf\u00fcllung der G\u00e4stebed\u00fcrfnisse. Ein Aufbrechen \u2013 oder zumindest eine Verbesserung \u2013 der bisherigen Strukturen ist Voraussetzung, damit dem zunehmenden Bed\u00fcrfnis nach geb\u00fcndelten Erlebnispakten zu bezahlbaren Preisen nachgekommen werden kann. Erst durch eine Vertikalisierung der Strukturen k\u00f6nnen die notwendigen Synergie- und Breiteneffekte voll ausgesch\u00f6pft werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Tourismuspolitik sollte deshalb Bem\u00fchungen unterst\u00fctzen, welche durch Vertikalisierung der Strukturen zur Erh\u00f6hung der Handlungsf\u00e4higkeit der Betriebe am Markt f\u00fchren. Ansetzen kann sie dabei einerseits bei der Raumplanung, beispielsweise durch eine proaktive Masterplanung zur F\u00f6rderung von sogenannten Arealsynergien. Darunter werden Synergien verstanden, welche nur dank der r\u00e4umlichen N\u00e4he (Betriebsstrukturen auf dem gleichen bzw. benachbarten Areal) entstehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin anschauliches Beispiel daf\u00fcr ist die Jugendherberge in Saas-Fee, welche auf der \u00f6ffentlichen Wellnessanlage des Walliser Tourismusorts erbaut wurde. Durch die r\u00e4umliche Verbindung kann die Jugendherberge ihren G\u00e4sten ohne zus\u00e4tzliche Investitionskosten ein Indoor-Wellnessangebot bieten und dadurch ihre Attraktivit\u00e4t massgeblich erh\u00f6hen. Gleichzeitig profitiert die \u00f6ffentliche Wellnessanlage von tieferen Betriebskosten, da sie f\u00fcr den G\u00e4steempfang und das Inkasso der Eintritte auf die Rezeption der Jugendherberge z\u00e4hlen darf.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAndererseits k\u00f6nnen Projekte zur Vertikalisierung auch \u00fcber die bestehenden Tourismusf\u00f6rderinstrumente (Neue Regionalpolitik, Schweizerische Gesellschaft f\u00fcr Hotelkredit, Innotour) finanziell unterst\u00fctzt werden.&#13;<\/p>\n<h2><strong>\u00dcberleben der Bahnen n\u00fctzt Immobilienbesitzern<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn vielen Tourismusorten sind die Bergbahnen und Thermalb\u00e4der die zentralen Wirtschaftsmotoren. Aufgrund r\u00fcckl\u00e4ufiger Frequenzen und steigender Investitionskosten haben diese Infrastrukturbetriebe jedoch zunehmend M\u00fche, die notwendigen Investitionen aus dem Cashflow zu finanzieren. Aufgrund ihrer Bedeutung f\u00fcr die lokale Wirtschaft ist bei Finanzierungsproblemen in der Regel die \u00f6ffentliche Hand eingesprungen und hat sich zur Sicherung des Fortbestands finanziell an den Unternehmen beteiligt. Dieses Engagement erfolgte jedoch in der Regel notgedrungen und ohne langfristige Strategie.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAufgrund der Interessenlage und der Sachlogik w\u00e4re es mittel- bis langfristig zielf\u00fchrend, wenn prim\u00e4r die lokalen Wohnungseigent\u00fcmer (Einheimische und Zweitwohnungseigent\u00fcmer) in die Finanzierung der Tourismusinfrastrukturen, welche massgeblich zum Wert ihrer Immobilien beitragen, eingebunden w\u00fcrden. Aufgrund des fehlenden Verst\u00e4ndnisses f\u00fcr die Wirkungszusammenh\u00e4nge st\u00f6sst diese Idee bisher jedoch auf Widerstand.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nF\u00fcr eine gehaltvolle Diskussion \u00fcber residenzielle Finanzierungsmodelle zur Sicherung des Tourismusinfrastrukturangebots im Schweizer Alpenraum w\u00e4ren eine Aufbereitung und eine aktive Diffusion des notwendigen Grundlagenwissens n\u00f6tig.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um die Herausforderungen bei der Finanzierung von Tourismusprojekten zu verstehen, gilt es grunds\u00e4tzlich zwischen der Hotellerie und touristischen Infrastrukturen (insbesondere Bergbahnen inklusive Pisten und Beschneiungsanlagen sowie Hallen- und Thermalb\u00e4der) zu unterscheiden.&#13; &#13; Die Hotellerie ist permanent dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt und von Wechselkursanpassungen ebenso direkt betroffen wie die Exportindustrie. 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