{"id":113135,"date":"2016-05-25T16:03:42","date_gmt":"2016-05-25T16:03:42","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/05\/tesar-streitgespraech\/"},"modified":"2023-08-23T23:09:44","modified_gmt":"2023-08-23T21:09:44","slug":"tesar-streitgespraech","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/05\/tesar-streitgespraech\/","title":{"rendered":"Braucht die Schweiz die Agrarmarkt\u00f6ffnung?"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Auf der Zugfahrt von Luzern nach Bern habe ich j\u00fcngst auf einem Feld ein Plakat mit der Aufschrift \u00abStop TTIP\u00bb gesehen. TTIP steht f\u00fcr das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU. Was tut die Schweiz, wenn sich ihre wichtigsten Handelspartner einigen sollten?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Luzius Wasescha:<\/strong> Ob es so weit kommt, ist noch ungewiss. Das br\u00e4chte jedoch Herausforderungen f\u00fcr die Landwirtschaft mit sich. Wenn die Franzosen, die Holl\u00e4nder, die Italiener und die Spanier zollfreien K\u00e4se in die USA liefern, dann wird es schwierig f\u00fcr die Exporteure. Die Schweiz m\u00fcsste also ein Andocken an das TTIP anstreben. Aber ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass unsere Freunde in Br\u00fcssel gar nicht begeistert w\u00e4ren, wenn die Schweiz hier zu einem Billigtarif mitmachen k\u00f6nnte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Markus Ritter:<\/strong> Der Bauernverband geht das Ganze pragmatisch an: Wir schauen, was kommt, und dann beurteilen wir das. Ist der Abschluss auch f\u00fcr uns vorteilhaft, unterst\u00fctzen wir das Ergebnis \u2013 und sonst lehnen wir es ab.&#13;<\/p>\n<h3><strong>In Europa sind die \u00c4ngste vor diesem Abkommen gross.<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha:<\/strong> Die Kritiker bef\u00fcrchten, finstere M\u00e4chte w\u00fcrden hinter dem R\u00fccken der Leute in geheimen Verhandlungen etwas beschliessen, das dann auch bei uns das Leben total ver\u00e4nderte. Sie fordern zudem gr\u00f6ssere Transparenz in den Verhandlungen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Abgesehen vom Vorwurf der geheimen Verhandlungen beunruhigen \u00abChlorh\u00fchner\u00bb, genmanipulierter Mais und mangelnde \u00f6kologische Normen die Menschen.<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Ritter:<\/strong> Die Frage ist, was effektiv in das TTIP-Abkommen hineinkommt. K\u00e4me alles rein, was die Amerikaner heute in der Agrarpolitik machen, dann w\u00fcrde das europ\u00e4ischen Grundwerten fundamental widersprechen. Bei den Amerikanern ist alles noch in Ordnung, was f\u00fcr den Konsumenten nicht giftig ist. Wir hingegen achten sehr stark auf einen nachhaltigen Produktionsprozess. \u00d6kologische, soziale Standards und die Produktionsmethoden selber, der Schutz der Natur und der Ressourcen: Solche Begriffe l\u00f6sen bei den Amerikanern ein m\u00fcdes L\u00e4cheln aus. F\u00fcr sie ist das Zeitverschwendung, die h\u00f6chstens ihre Produktivit\u00e4t eind\u00e4mmt und die Kosten in die H\u00f6he treibt.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wie stehen die Chancen auf eine Einigung in den Kernpunkten?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha:<\/strong> Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass man ein Rahmenabkommen verabschiedet, das die Grundpfeiler festschreibt. Die Inhalte verschiebt man auf sp\u00e4ter. Ob dann jedoch eine neue demokratische oder republikanische US-Regierung damit weiterfahren w\u00fcrde, ist offen. Auch auf europ\u00e4ischer Seite gibt es Fragezeichen. Nicht nur das EU-Parlament m\u00fcsste das Abkommen gutheissen, sondern auch die Mitgliedstaaten. Und das kann dauern.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wie sehen Sie das, Herr Ritter?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Ritter:<\/strong> Ich beurteile das gleich. Die Fl\u00fcchtlingsbewegungen in Europa geben nationalistischen Tendenzen Aufwind. Also aus meiner Sicht ist die Lage verfahren. Gerade vor dem Hintergrund dieser Probleme, welche die EU zurzeit zu w\u00e4lzen hat. Ich w\u00fcrde sogar sagen: Die Schweiz w\u00e4re eher in der Lage, ein Abkommen mit den USA auszuhandeln, als die EU.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Diese Aussage \u00fcberrascht. Bez\u00fcglich eines Freihandelsabkommens USA &#8211; Schweiz ist doch gerade die Landwirtschaft ein Knackpunkt?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Ritter:<\/strong> Es ist ganz klar, dass bei jedem Abkommen auch die Interessen der Schweizer Landwirtschaft ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen. Unsere Erwartungen haben wir diesbez\u00fcglich dem Bundesrat in einem Brief bereits in Oktober 2013 kundgetan.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha:<\/strong> Die Frage ist: Wie weit ist die schweizerische Landwirtschaft bereit zu gehen? Das bereitet mir heute Sorgen. Wir haben mit dem Abschluss der Uruguay-Runde 1994 zwar eine Reform der Landwirtschaftspolitik eingel\u00e4utet. Eine schrittweise \u00d6ffnung der Agrarm\u00e4rkte sowie eine Senkung der Agrarsubventionen wurden vereinbart. Seit einigen Jahren geht hier jedoch nichts mehr. Im Gegenteil, wir bewegen uns wieder in die andere Richtung.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Im Moment geht\u00a0die politische Grosswetterlage in der Schweiz eher wieder in Richtung Unterst\u00fctzung der Landwirtschaft.<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Ritter:<\/strong> Das ist so. Mit den letzten Wahlen sind jene Kr\u00e4fte im Parlament gest\u00e4rkt worden, vor allem im Nationalrat, die keine weitere Markt\u00f6ffnung in der Landwirtschaft wollen. Das trifft in erster Linie auf die SVP zu. Auch die Gr\u00fcnen, die CVP und die BDP sind zur\u00fcckhaltend. Der politische Spielraum f\u00fcr Freihandelsabkommen, die die Schweizer Landwirtschaft auf dem Altar grenzenlosen Freihandels opfern wollen, ist gering.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha:<\/strong> Wir kommen jetzt nat\u00fcrlich in eine Situation, in der Freihandelsabkommen nur noch m\u00f6glich sind mit Partnern, bei denen der Landwirtschaftsteil gewichtiger wird. F\u00fcr mich war das ein Aha-Erlebnis, als ich offensiv in den Agrarverhandlungen mit Japan war: Die Japaner wollten praktisch nichts geben, und deshalb hatten sie auch keine Forderungen, die relevant waren. Zollfreiheit auf Sake und Bonsaib\u00e4umchen tut sogar dem jammerfestesten Landwirt nicht weh. Aber durch die Verhandlungen mit Malaysia und Indonesien und einigen s\u00fcdamerikanischen L\u00e4ndern wie Brasilien und Argentinien \u00fcber ein Freihandelsabkommen wird es zu einem erh\u00f6hten \u00d6ffnungsdruck kommen. Das f\u00fchrt dann zu einer Auseinandersetzung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Ritter:<\/strong> Die Kunst, den Wirtschaftsstandort Schweiz gut zu positionieren, liegt auch k\u00fcnftig darin, Abkommen zu schliessen, in denen sich breite Wirtschaftskreise wiederfinden. Ein Freihandelsabkommen mit Indien wird beispielsweise durch die Pharmaindustrie verhindert, aufgrund der ungen\u00fcgenden Bereitschaft Indiens, das geistige Eigentum zu sichern, und nicht durch uns. Wir k\u00f6nnen mit diesem Abkommen leben. Auch die Verhandlungen mit Malaysia und Indonesien d\u00fcrften scheitern, wenn \u00f6kologischen Anliegen nicht ein v\u00f6llig anderes Gewicht beigemessen wird: Die Diskussion um das Palm\u00f6l laufen den Erwartungen der NGOs im Bereich des Regenwaldschutzes diametral zuwider.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Der Agrarsektor tr\u00e4gt mit weniger als einem Prozent zum Schweizer Bruttoinlandprodukt bei. Was macht die Landwirtschaft in der Schweiz zum Sonderfall?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Ritter: <\/strong>Das ist sicherlich der Verfassungsauftrag von 1996. Die Bev\u00f6lkerung hat der Landwirtschaft einen multifunktionalen Auftrag \u2013 basierend auf der Nachhaltigkeit \u2013 erteilt. Daran sind Erwartungen gekn\u00fcpft. Auch der Grenzschutz ist Teil dieser Erwartungen. Vor zehn Jahren hatte ich noch Angst. Damals hatten uns alle eingeredet, dass eine weitere \u00d6ffnung kommen wird. Heute weiss ich: Sie kommt nicht, wenn wir es nicht wollen. Und sie kommt nicht, wenn es keine ausgewogenen L\u00f6sungen gibt, hinter denen eine Mehrheit stehen kann. Auch in der Schweiz ist es so: Am Schluss braucht es die Zustimmung in beiden Parlamentskammern \u2013 alles andere ist Angstmacherei. Zur euphorischen \u00d6ffnungsallianz geh\u00f6ren nach meiner Einsch\u00e4tzung noch die Gr\u00fcnliberalen und Teile der FDP und der SP. Dies d\u00fcrfte keine Mehrheit mehr sein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha:<\/strong> Teil der Erwartungen war nicht der Grenzschutz, sondern gerade umgekehrt ein schrittweiser und flankierter Markt\u00f6ffnungsprozess. Fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wird dieser Grenzschutz denn auch Schritt f\u00fcr Schritt abgebaut. Ich w\u00fcnsche mir, dass die Landwirtschaft sich auf diese Situation vorbereitet. Wir haben zahlreiche Erfahrungen gemacht, bei denen viele redliche Leute \u2013 wie Herr Ritter \u2013 immer wieder gesagt haben: \u00abDie \u00d6ffnung kommt nicht.\u00bb Und dann ist es doch passiert. Ich nenne das Beispiel Bankgeheimnis. Meine Sorge ist es, dass wir uns eben etwas leichtfertig \u00fcber die internationalen Entwicklungen hinwegsetzen und dann total \u00fcberrascht tun, wenn etwas passiert. Der Anteil an Bauern geht zur\u00fcck. Dies f\u00fchrt bereits in einzelnen Regionen zur Gelegenheit zu rationalisieren und zu Betriebszusammenschl\u00fcssen oder zur st\u00e4rkeren Zusammenarbeit. Aber in anderen Regionen ist man einfach festgenagelt: Diese Bauern werden den h\u00f6chsten Preis bezahlen m\u00fcssen, wenn die \u00d6ffnung kommt. Denn im Gegensatz zu Herrn Ritter sage ich, dass die \u00d6ffnung kommt. Zumindest m\u00fcsste man einen Plan B haben. Und von dem h\u00f6re ich nichts.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Ritter:<\/strong> Den suchen wir auch nicht. Denn wir haben negative Erfahrungen gemacht mit dem K\u00e4sefreihandel mit der EU. Das hat uns auf dem falschen Fuss erwischt. Nicht weil wir keine guten Produkte h\u00e4tten, sondern weil der Wechselkurs zum Euro im Jahr 2007 von 1.65 auf 1.10 Franken gefallen ist und unter anderem dadurch die Milchpreise im Keller sind. Davon hat damals niemand geredet. Und von den grossen Propheten, die uns in der Milchwirtschaft in den Jahren 2000 bis 2009 die Marktordnung verkauft haben, h\u00f6re ich niemanden mehr. Es ist nicht m\u00f6glich in der Schweiz, mit Nahrungsmitteln bei der aktuellen Frankenst\u00e4rke ohne Grenzschutz erfolgreich Landwirtschaft zu betreiben. Die Kosten sind daf\u00fcr zu hoch.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Der K\u00e4sefreihandel mit der EU ist doch eine Erfolgsgeschichte?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Ritter:<\/strong> Die damaligen \u00dcberlegungen, die einen K\u00e4sefreihandel mit der EU lukrativ haben erscheinen lassen, sind heute \u00fcberholt. Mit einer Verk\u00e4sungszulage von 15 Rappen und dem damaligen Wechselkurs w\u00e4re dies auch jetzt noch ohne Weiteres m\u00f6glich. Jeder weiss nun aber, dass der Eurowechselkurs nicht mehr bei 1.65 oder 1.40 Franken liegt, sondern nur noch bei 1.10 Franken. Dies hat einen gewaltigen Druck auf unsere Wertsch\u00f6pfung ausgel\u00f6st. Dieser Wertsch\u00f6pfungsverlust bei den Milchprodukten wird zu einem grossen Teil von den Milchbauern getragen. Bez\u00fcglich Arbeitsverdienst je Stunde liegt die Milchwirtschaft heute am Schluss aller Produktionsrichtungen, also hinter Gem\u00fcse-, Obst- und Getreidebau. Das ist keine Erfolgsgeschichte.&#13;<\/p>\n<h3>Herr Wasescha, warum braucht die Schweiz die Freihandelsabkommen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha: <\/strong>Das Ziel der Aussenwirtschaftspolitik ist es, f\u00fcr Exporteure von G\u00fctern und Dienstleistungen sowie f\u00fcr Inhaber von Rechten am geistigen Eigentum den Zutritt und gleich lange Spiesse auf den wichtigsten M\u00e4rkten zu erhalten. Dies geschieht prim\u00e4r im multilateralen Rahmen der WTO. Im bilateralen oder im plurilateralen Bereich \u2013 etwa im Verbund mit den Efta-L\u00e4ndern Norwegen, Island und Liechtenstein \u2013 erlauben es Freihandelsabkommen, schneller und vertiefter diese Ziele anzustreben. Dies ist umso bedeutungsvoller, als wichtige Konkurrenten der Schweiz ebenfalls zum Mittel der Freihandelsabkommen greifen. St\u00fcnde die Schweiz abseits, w\u00fcrden sich die Bedingungen f\u00fcr die Wirtschaftsakteure verschlechtern. Im Gegensatz zu ihren Konkurrenten m\u00fcssten sie weiterhin Z\u00f6lle bezahlen. Andererseits verschafft ihnen ein Freihandelsabkommen, wie mit Japan, einen Vorsprung auf ihre EU-Konkurrenten, die immer noch mit Japan verhandeln.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Und die Landwirtschaft?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha:<\/strong>\u00a0Ich sage immer: Nat\u00fcrlich ist die Landwirtschaft bei uns teuer, aber schaut, wie sch\u00f6n sie ist: Es ist eine herrliche Landschaft, die ich aus dem Zug zwischen Genf und Bern sehen kann. Und die hat ihren Preis, da bin ich einverstanden. Aber man muss bei den Instrumenten schauen, was man \u00e4ndern kann. Jetzt m\u00fcssen wir in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren das Schoggi-Gesetz, also die Exportsubventionen f\u00fcr Getreide- und Milchprodukte, aufheben. F\u00fcr einmal sind es nicht die Bauern, die da betroffen sind, sondern die Verarbeiter. Der L\u00e4rm ist riesig, obwohl die WTO die Abschaffung der Exportsubventionen schon 2005 beschlossen hatte. Niemand hat geglaubt, dass es kommt. Das scheint mir eine gef\u00e4hrliche Situation zu sein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Ritter:<\/strong> Der Bundesrat hatte bereits das Verhandlungsmandat so formuliert, dass klar war: Er will diese Exportf\u00f6rderung mit dem Schoggi-Gesetz aufgeben. Meine Entt\u00e4uschung ist einfach, dass schlussendlich die Schweiz fast das einzige Land ist, in welchem eines dieser m\u00f6glichen Instrumente im Rahmen des Parallelismus-Grundsatzes korrigiert worden ist. Bei den Amerikanern sind die Lebensmittelhilfen immer noch erlaubt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha:<\/strong> W\u00e4re das Resultat etwa besser geworden, wenn wir aggressiv gegen die amerikanische Praxis vorgegangen w\u00e4ren und gesagt h\u00e4tten: Wir machen das nur, wenn das auch die Amerikaner machen?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Ritter:<\/strong> Wenn ich in eine solche Verhandlung gehen w\u00fcrde, h\u00e4tte ich nicht bereits s\u00e4mtliche Tr\u00fcmpfe, die ich habe, am Anfang zur Disposition gestellt und nur noch um die Termine gerungen. Aber das war die Entscheidung des Bundesrates. Wenn ich eine Kuh f\u00fcr 3000 Franken verkaufen will, gehe ich nicht von Anfang an mit der Vorstellung von 3000 Franken in die Verhandlung, sondern versuche noch etwas h\u00f6her einzusteigen. Aber das ist vielleicht eine b\u00e4uerliche Einstellung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha:<\/strong> Der Grundsatzentscheid der WTO zum Ende der Ausfuhrbeitr\u00e4ge ist bereits 2005 in Hongkong gef\u00e4llt worden. Mir kommen die Lausbubentricks in den Sinn, die wir bei den damaligen Verhandlungen erlebt haben, als Importeure und Produzenten gesagt haben: \u00abF\u00fcr eine gesunde Landwirtschaft brauchen wir einen Zollschutz von 5000 Prozent auf der Petersilie.\u00bb Da muss ich sagen: Nun h\u00f6rt mal auf! Die Schweiz gilt als vorbildlich im Einhalten internationaler Verpflichtungen. Aber wenn ich denke, was wir in der Landwirtschaft gemogelt und mit gut formulierten Fussnoten erreicht haben, dann ist das einer italienischen Oper w\u00fcrdig.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Was sagen Sie zu diesen sogenannten Lausbubentricks, Herr Ritter?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Ritter:<\/strong> Ich kann dieses Wording nicht ganz nachvollziehen. Es war doch der Bundesrat, der diese Antr\u00e4ge eingereicht hat. Die Staatengemeinschaft war einverstanden. Heute sind diese Z\u00f6lle bei der WTO so notifiziert. Ich gehe davon aus, dass auf dieser Ebene alle Verantwortlichen sorgf\u00e4ltige Arbeit geleistet haben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha:<\/strong> Es stimmt, dass alle diese Vorschl\u00e4ge eingereicht wurden, aber niemand hatte Zeit, sie zu \u00fcberpr\u00fcfen. Die Zeit war knapp, und man hat nur die gr\u00f6ssten Teilnehmer am Agrarmarkt untersucht. Und vieles ist da einfach durchgegangen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Was w\u00e4re, wenn man die Schweizer Landwirtschaft dem Freihandel aussetzen w\u00fcrde?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Ritter:<\/strong> Wenn sich die Bauern beim heutigen Stand der Direktzahlungen \u00f6konomisch richtig verhalten, dann m\u00fcssten sie stark extensivieren und versuchen, die Kosten und die Arbeitsbelastung auf den H\u00f6fen zu minimieren. Entsprechend w\u00fcrden sie kaum mehr Lebensmittel produzieren und versuchen, mittels Nebenerwerb zus\u00e4tzliche Einkommen zu generieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha:<\/strong> Die ersten Opfer w\u00e4ren nicht spezialisierte Klein- und Mittelbetriebe im Mittelland. Die Situation der Berglandwirtschaft hingegen ist im Prinzip mit den Direktzahlungen sehr gut.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Ritter:<\/strong> Der Erste, der aufh\u00f6ren m\u00fcsste, w\u00e4re der Gem\u00fcseproduzent mit seinen Fremdarbeitskr\u00e4ften. Die L\u00f6hne sind durch die flankierenden Massnahmen gesch\u00fctzt und im internationalen Vergleich zu hoch. Dieser Gem\u00fcsebauer w\u00e4re nicht mehr konkurrenzf\u00e4hig gegen\u00fcber Anbietern aus Baden-W\u00fcrttemberg, Bayern, Spanien oder Italien. Der Zweite, der weg w\u00e4re, ist der Obstproduzent. Auch er braucht Fremdarbeitskr\u00e4fte. Und der Dritte, der ebenfalls unter Druck k\u00e4me, w\u00e4re der Weinbauer. Dann w\u00fcrde sicher die Fleischproduktion recht deutlich eingeschr\u00e4nkt, weil auch dort der Grenzschutz sehr wichtig ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha:<\/strong> Und die Getreideproduzenten?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Ritter:<\/strong> Die Kosten sind dort eher tiefer, aber man verdient heute schon fast nichts mehr in diesem Bereich. Viele w\u00fcrden auch den Getreidebau einstellen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha:<\/strong> Das Horrorszenario von Herrn Ritter w\u00fcrde sicher eintreffen, wenn das in relativ kurzer Frist passieren w\u00fcrde. Wenn wir das aber schrittweise machen, dann passen sich die Bauern an.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Mit Kompensationszahlungen und langen \u00dcbergangsfristen?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<strong>Wasescha:<\/strong> Nein, mit Spezialisierung. In Genf gibt es beispielsweise eine Gem\u00fcsespezialit\u00e4t, die \u00abCardon Genevois\u00bb. Das ist eine Distelart. Sie wird traditionell an Weihnachten gegessen. Die Nachfrage ist so gross, dass die Produktion kaum mithalten kann. Das hat seinen Preis: Ein Kilo im Glas kostet 16 Franken. Im Direktverkauf in Stadtn\u00e4he sehe ich f\u00fcr viele eine Zukunft. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, solange die Bev\u00f6lkerung die Kaufkraft hat.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der Zugfahrt von Luzern nach Bern habe ich j\u00fcngst auf einem Feld ein Plakat mit der Aufschrift \u00abStop TTIP\u00bb gesehen. TTIP steht f\u00fcr das geplante Freihandelsabkommen zwischen den USA und der EU. Was tut die Schweiz, wenn sich ihre wichtigsten Handelspartner einigen sollten? &#13; Luzius Wasescha: Ob es so weit kommt, ist noch ungewiss. 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Der ehemalige Schweizer Chefunterh\u00e4ndler bei der WTO war Leiter des Leistungsbereichs Welthandel im Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco). Wasescha ist Lehrbeauftragter f\u00fcr Wirtschaftsv\u00f6lkerrecht an der Universit\u00e4t St. Gallen. Er lebt zusammen mit seiner Frau in Genf.&#13;\n<h6><strong>Markus Ritter<\/strong><\/h6>&#13;\nDer St. Galler CVP-Nationalrat Markus Ritter (48) ist seit 2012 Pr\u00e4sident des Schweizer Bauernverbands. In Altst\u00e4tten f\u00fchrt er zusammen mit seiner Frau einen Bio-Landwirtschaftsbetrieb. Der Grossteil des Betriebes befindet sich in der Bergzone. Auf dem Hof hat es Milchk\u00fche, Jungvieh zur Aufzucht, Mutterschafe und Bienenv\u00f6lker. 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