{"id":113267,"date":"2016-04-27T16:25:57","date_gmt":"2016-04-27T16:25:57","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/04\/vetterli-05-2016-franz\/"},"modified":"2023-08-23T23:09:39","modified_gmt":"2023-08-23T21:09:39","slug":"vetterli-05-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/04\/vetterli-05-2016\/","title":{"rendered":"\u00abWir k\u00f6nnen doch nicht wie in einem abgeschotteten Gallierdorf leben\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3><strong>Herr Vetterli, Sie haben als Forscher rund 50 Patente angemeldet. Was war Ihre erfolgreichste Innovation?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nAm einfachsten verst\u00e4ndlich ist vermutlich die automatische Bildbeschriftung mit einem Algorithmus. Eine Applikation erkennt beispielsweise in einem Panoramabild Orte und Berge.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wie etwa die Outdoor-App \u00abPeakfinder\u00bb?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa. Vor rund zwanzig Jahren gingen wir mit meinem damaligen Labor in die Berge. Mein Sohn, der damals noch nicht zur Schule ging, kam auch mit. Er fragte mich: \u00abPapa, wie heisst dieser Berg?\u00bb Das war der Schl\u00fcsselmoment.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Was ist f\u00fcr Sie Innovation?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEine Innovation ist eine gute neue Idee, die auch einen Markt hat. Solche Ideen gibt es zahlreiche, aber viele werden nicht umgesetzt.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wie viele kommen zur Marktreife?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWissen Sie, das ist wie mit den wissenschaftlichen Arbeiten. Man kann viele Papers schreiben. Aber: Gewisse Leute schreiben Papers, die wichtig sind, und andere schreiben solche, die niemanden interessieren. Es gibt auch wichtige Arbeiten, die niemand umsetzt. Oder es dauert lange, bis deren Wichtigkeit erkannt wird. Bei Patenten und Innovationen ist es \u00e4hnlich. Die guten Innovatoren haben eine hohe Trefferquote und andere eben nicht.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Ist man sich in der Schweiz der Bedeutung von Forschung und Innovation gen\u00fcgend bewusst? <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa, die Situation ist relativ gut. Trotzdem m\u00fcssen wir in wirtschaftlich schwierigen Zeiten wie heute aufpassen, dass wir uns nicht nur auf traditionelle Produkte konzentrieren. Ohne Innovation sieht die Zukunft dort nicht besonders rosig aus.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Sie haben lange Zeit in den USA gelebt, gelehrt und geforscht. Was sind die Hauptunterschiede zur Schweiz in der Forschung und Innovation?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nAmerika ist das Land of Opportunity. Dort kann man bereits als junger Forscher unabh\u00e4ngig sein. Dadurch kann sich die Karriere schnell entfalten. In Europa ist das schwieriger \u2013 auch in der Schweiz.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Gibt es auch Unterschiede \u2013 etwa f\u00fcr Unternehmen oder den Staat?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Staat ist viel weniger pr\u00e4sent als bei uns in Europa. Zum Teil ist das gut, zum Teil ist das schlecht. Die USA haben bei den meisten Dingen zehn Jahre Vorsprung. Das macht das Land als Real-Time-Experiment interessant. Mit andern Worten: Wir Europ\u00e4er k\u00f6nnen sehen, ob es funktioniert oder nicht. Leider kopieren wir aber alle Trends.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Und machen so dieselben Fehler, wie sie schon zehn Jahre zuvor in den USA gemacht wurden?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa, genau. Man k\u00f6nnte mehr daraus lernen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wo sollten wir die USA lieber nicht kopieren?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nBeim \u00f6ffentlichen Verkehr, beim Gesundheitswesen, in der Bildung. Oder in der Infrastruktur: In den USA plant man drei Monate im Voraus, und in der Schweiz baut man eine Gotthardr\u00f6hre f\u00fcr die n\u00e4chsten hundert Jahre.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Bez\u00fcglich Innovation k\u00f6nnen wir aber lernen. <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa. Ich m\u00f6chte aber klarstellen: Mit USA meine ich nicht das ganze Land, sondern bestimmte Regionen wie das Silicon Valley und Boston. Dorthin kommen die Talente aus der ganzen Welt. Bei Google und Facebook sind diese Leute gern gesehen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Google und Facebook entwickeln sich nun zu globalen Monopolisten. Wie sch\u00e4tzen Sie das ein?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas ist eine grosse Gefahr. Aber die einzige Antwort, welche wir Europ\u00e4er darauf geben, ist Regulierung. Statt Innovation. Es w\u00e4re schade, wenn das letzte innovative St\u00fcck Software von einem deutschen Autokonzern geschrieben worden w\u00e4re. Das ist nat\u00fcrlich \u00fcberspitzt, aber gerade im Softwarebereich sind wir von den USA abh\u00e4ngig. Europa muss aufwachen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Und Asien?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie spielen in einer eigenen Liga. In China gibt es einen grossen Markt mit chinesischen Firmen. Facebook heisst dort Renren, Amazon Alibaba.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wie steht die Schweiz aktuell punkto Forschung und Innovation im internationalen Vergleich da?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWir sind relativ gut positioniert. Das Problem betrifft die Jungunternehmen. Es ist zwar einfach, ein Start-up oder ein Spin-off zu gr\u00fcnden. Auch das Geld f\u00fcr die erste Phase ist relativ leicht aufzutreiben. Sobald ein Unternehmen jedoch mehr als zehn Mitarbeiter hat, wird es kompliziert. Denn man braucht schnell mal 20 Millionen Franken f\u00fcr Weiterentwicklung und Wachstum. Die finden sich in der Schweiz nicht so leicht, da unser Land zu klein ist. Deshalb gehen die Unternehmen entweder in die USA oder bleiben eine Mischung aus Start-up und KMU.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Man sagt, in der Schweiz gebe es zu wenig Risikokapital.<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEs gibt zu wenig erfahrene Risikokapitalgeber auf Gebieten wie der IT. Geld gibt es in Mengen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Was ist zu tun?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEinerseits braucht es ein gr\u00f6sseres Volumen an Risikokapital. Anderseits fehlt es den Risikokapitalgebern an Erfahrung. Ich war mal an einem Meeting mit Geldgebern in Z\u00fcrich, an dem es um Patente ging. Die potenziellen Investoren haben mich doch tats\u00e4chlich gefragt, ob Patente wichtig f\u00fcr ein Start-up seien. Die hatten keine Ahnung. Gewissen Banken in der Schweiz fehlt das Know-how. Hier m\u00fcsste man eine L\u00f6sung finden, wie die Schweiz eine Vorreiterrolle spielen kann.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Die Bankenbranche ist ja wegen der technologischen Neuerungen \u2013 Stichwort Fintech \u2013 selber unter Druck.<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch w\u00fcrde erwarten, dass in der Schweiz ein Fintech-Fonds entsteht. Das Know-how ist ja vorhanden. Es gibt viele Informatiker, die bei den Banken arbeiten. Diese Chance muss man packen. Sonst wird London rasch zur Fintech-Hauptstadt.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wo ist die Schweiz spitze?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der Medizinaltechnologie, der Pharmaforschung und den Ingenieurwissenschaften, um nur ein paar zu nennen. Die traditionsreichen Unternehmen m\u00fcssen aufpassen, dass nicht neue Firmen reinkommen und mit Informationstechnologien ganz schnell den Markt beherrschen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Stichwort Autoindustrie.<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas ist das typische Beispiel. Die Autoindustrie ist das Vorzeigest\u00fcck Europas. Sogar sie ist in Gefahr: Die Internet Big Five \u2013 Apple, Google, Microsoft, Amazon und Facebook \u2013 steigen in diesen Markt ein. Mit Cash-Reserven von einer Billion Dollar. Dadurch verf\u00fcgen sie \u00fcber ein Quasi-Monopol auf Innovation.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Die saugen alles auf?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNicht das Einverleiben macht Angst, sondern der n\u00e4chste Schritt: Nehmen wir an, die EU k\u00fcndigt ein Flagship-Projekt im Umfang von einer Milliarde Euro an \u2013 sagen wir f\u00fcr ein selbstfahrendes Auto. Wenn Apple ein solches Projekt verfolgt, dann werfen die locker zehn Milliarden Dollar auf. Zudem k\u00f6nnen sie die besten Ingenieure der ganzen Welt anziehen \u2013 alle wollen f\u00fcr eine solche Firma arbeiten. Hier sehe ich ein Risiko f\u00fcr Europa und die Schweiz.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Nebst dem Geld sind die Fachkr\u00e4fte also zentral. Warum ist das EU-Forschungsprogramm Horizon 2020 so wichtig f\u00fcr die Schweiz?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWir k\u00f6nnen doch nicht wie im abgeschotteten Gallierdorf von Asterix leben.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Es geht um die Vernetzung?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa. Davon profitiert auch die Wirtschaft. Es ist kein Zufall, dass Google in Z\u00fcrich einen Sitz hat. Gehen wir zur\u00fcck ins 19. Jahrhundert: Damals war die Schweiz ein armes Emigrantenland. Der russische Zar spendete Geld f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung von Malaria. In diesem Kontext gr\u00fcndeten Alfred Escher und andere 1855 die ETH Z\u00fcrich: das Powerhouse der industriellen Revolution in der Schweiz. Drei Viertel der Professoren waren Deutsche. Damit hatte man damals kein Problem \u2013 im Gegensatz zu heute.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wir brauchen dieses ausl\u00e4ndische Fachpersonal also zwingend?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa, das ist wie im Fussball. Wenn Sie nur mit den lokalen Boys zusammenspielen, kommen Sie nie in die h\u00f6chste Liga.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Bilden wir die richtigen Spezialisten aus? Oder brauchen wir mehr Ingenieure und weniger Arch\u00e4ologen? <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWir sind ein wohlhabendes Land. Wir k\u00f6nnen es uns leisten, die Leute in den F\u00e4chern auszubilden, die sie studieren wollen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Setzen wir die richtigen Schwerpunkte?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNat\u00fcrlich haben wir zu wenige Ingenieure. Aber sie werden keinen Musikwissenschaftler dazu zwingen k\u00f6nnen, Informatik zu studieren.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Braucht es bessere Anreize?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWenn Sie f\u00fcr eine Silicon-Valley-Firma arbeiten, ist das ein guter Deal. In Amerika beklagte man sich auch immer \u00fcber einen angeblichen Mangel an Ingenieuren. Dann pl\u00f6tzlich \u2013 oh Wunder: Google findet sie. Warum? Weil sie gut zahlen und interessante Arbeit bieten.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Studienbeschr\u00e4nkungen mittels Numerus clausus ist also keine Option.<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNein, diese Top-down-Ans\u00e4tze mag ich nicht. Wir sind nicht in China. In den 1950er-Jahren begann man auf einem Berggipfel in Hawaii die Kohlendioxid-Konzentrationen zu messen. Was zuerst eigenbr\u00f6tlerisch aussah, wird 60 Jahre sp\u00e4ter zu einer der wichtigsten Messungen der Menschheit.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wie sieht eine wirkungsvolle Nachwuchsf\u00f6rderung aus?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nMan muss den Jungen attraktive Karrierem\u00f6glichkeiten bieten. Ich glaube an die Meritokratie. Wenn Leute vorw\u00e4rtsmachen wollen, dann sollten sie auch vorw\u00e4rtskommen. Im Silicon Valley ist diese Haltung stark verankert. In Europa hingegen spielen Herkunft und Schulen eine wichtige Rolle \u2013 in der Schweiz zum Gl\u00fcck ein bisschen weniger.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Erstmals seit Langem ist der Anstieg der Bundesf\u00f6rdermittel weniger hoch als bisher. Wie schlimm ist das? <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEs gibt einen gewissen Widerspruch. Zum einen betonen die Politiker, wie wichtig Bildung, Forschung und Innovation seien. Und gleichzeitig wollen sie hier im Stabilisierungsprogramm des Bundes in den n\u00e4chsten Jahren \u00fcber eine halbe Milliarde Franken sparen. Diese Signalwirkung ist nicht gut. Man kann nicht etwas sagen und etwas anderes machen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Kann dieses fehlende Geld kompensiert werden: etwa durch <\/strong><strong>ein geringeres Ausgabenwachstum <\/strong><strong>an den Hochschulen oder durch private Mittel?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nMan hat keine Wahl. Die Studiengeb\u00fchren werden raufgehen. Das finde ich schade. Es ist aber notwendig, auch weil die Inflation bisher nicht ber\u00fccksichtigt wurde. Und was die privaten Geldgeber betrifft: Diese \u00fcbernehmen die staatlich finanzierten Programme nicht eins zu eins, sondern bevorzugen Co-Investments. Wir sehen das in den USA, wo die Universit\u00e4ten in grossem Ausmass von den Mitteln der Privatwirtschaft abh\u00e4ngig sind. Das kommt manchmal gut, manchmal nicht.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Der Nahrungsmittelkonzern Nestl\u00e9 ist ja auch auf dem Campus der ETH Lausanne mit einem Technologiezentrum pr\u00e4sent.<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNestl\u00e9 ist eine der wichtigsten Firmen in der Westschweiz. Das Unternehmen muss schauen, wohin die Reise geht. Sie werden nicht immer auf George Clooney und Nespresso setzen k\u00f6nnen. Deshalb suchen sie die Verbindung zu den Lifesciences. Auf dem Campus ist Nestl\u00e9 nahe bei den involvierten Forschern und Firmen. Das ist gut so. Wichtig ist nat\u00fcrlich, dass alles transparent ist. Stellen Sie sich den Aufschrei vor, wenn Nestl\u00e9 sein Forschungscenter in Harvard aufgebaut h\u00e4tte. Dass sich eine Schweizer Firma zum Standort Schweiz bekennt, finde ich wichtig.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wie beurteilen Sie das Verh\u00e4ltnis zwischen Unis und Fachhochschulen?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Fachhochschulen haben noch ein wenig Nachholbedarf bei der Positionierung ihrer Forschungsaktivit\u00e4t. Wichtig ist die Komplementarit\u00e4t: Wir sollten nicht zweimal das Gleiche machen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Fachhochschulen sollen sich auf anwendungsorientierte Forschung konzentrieren?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa. Heute vermischt man das zu stark. Fachhochschulen stellen manchmal ETH-Abg\u00e4nger mit Doktortiteln, aber ohne Praxiserfahrung ein, die viele Publikationen aufweisen. Dadurch gelangen sie an F\u00f6rdergelder. Das ist nicht die L\u00f6sung. Die Fachhochschulen sollten ihre N\u00e4he zur Praxis, zum Beispiel zu den KMU, als Trumpfkarte spielen. Hier liegt ihre Chance. Universit\u00e4ten sind oft \u2013 zumindest bei den Ingenieurwissenschaften, wo ich mich auskenne \u2013 weiter weg von den Betrieben.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Wie stellt man in der Grundlagenforschung sicher, dass man in die richtige Richtung forscht?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n\u00abI know it when I see it\u00bb \u2013 um es mit einem ber\u00fchmten Ausdruck der amerikanischen Supreme Courts zu sagen. Es ist wie bei einem Gem\u00e4lde: Erst wenn ich es sehe, sage ich entweder \u00abWow\u00bb oder \u00abDas ist nichts\u00bb. Denn am Anfang sieht man nicht, ob eine Idee gut ist. Der US-Computerhersteller Digital Equipment Corporation sah in den Siebzigerjahren die Bedeutung des PC f\u00fcr den Privatgebrauch nicht voraus (die Digital Equipment Corporation meldete Konkurs an; Anm. d. Red.).&#13;<\/p>\n<h3><strong>Gibt es Monitoring-Instrumente?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nZum Gl\u00fcck nicht. Sonst h\u00e4tte man Einstein gesagt, er solle mehr Patente analysieren, statt an seiner Relativit\u00e4tstheorie zu schreiben. Es gibt gute Forscher, und das sehen Sie an deren Leistungsausweis. Die Qualit\u00e4t ist wichtig und nicht die Quantit\u00e4t.&#13;<\/p>\n<h3><strong>In der Wissenschaft gibt es den sogenannten Impact-Factor, der angibt, wie oft ein Artikel in anderen Journals zitiert wurde.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEs gibt diese Anekdote zwischen Patrick Aebischer (aktueller EPFL-Pr\u00e4sident; Anm. d. Red.) und mir. Er sagte: \u00abDein Impact-Factor ist tief.\u00bb Das ist, weil ich in den Ingenieurswissenschaften forsche. Ich antwortete: \u00abErwartest du von mir, dass ich Durchschnitts-Paper schreibe?\u00bb&#13;<\/p>\n<h3><strong>Laut einer KOF-Studie gibt es in der Schweiz immer weniger Firmen, die forschen. Der Grund sind die zu hohen Kosten. Ist das ein Problem f\u00fcr die KMU und langfristig f\u00fcr die Volkswirtschaft?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa, das sehe ich als Problem. Deshalb m\u00fcssen wir sicherstellen, dass der Staat weiter Grundlagenforschung unterst\u00fctzt. Auch in Europa und den USA geht die Zahl der Firmen zur\u00fcck, die sich Grundlagenforschung leisten k\u00f6nnen. Eng damit verbunden ist die Monopolstellung von Unternehmen: In meinem Fachbereich waren fr\u00fcher die Bell Labs des US-Telekomkonzerns AT&amp;T f\u00fchrend. Solange AT&amp;T das Monopol f\u00fcr Telefonie hatte, forschten sie. Als sie das Monopol verloren, bauten sie in der Forschung ab. Die Industrie denkt eben kurzfristig. Dabei ist langfristige Innovationsforschung wichtig. Sonst spielen wir am Schluss alle Alphorn.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Universit\u00e4ten verlieren Geld mit den Spin-offs. <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas stimmt nicht. Warum sagen Sie das?&#13;<\/p>\n<h3><strong>Sie finanzieren die Grundlagenforschung, und anschliessend kassieren die Unternehmer das Geld ein.<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nGoogle war ein Spin-off der Stanford University. Das brachte der Universit\u00e4t, die ein kleines Aktienpaket besass, beim B\u00f6rsengang Millionen ein. Die Hochschulen verdienen zudem an den Patenten. Aber zugegeben: Es ist eine Lotterie.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Sie sind noch bis Ende 2016 beim Schweizerischen Nationalfonds. Was m\u00f6chten Sie in den verbleibenden Monaten noch aufgleisen?<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch m\u00f6chte die Bestrebungen in Richtung \u00abOpen Science\u00bb unterst\u00fctzen. Ziel ist, basierend auf Open Data und Open Access die Forschungsresultate in verschiedenen Wissenschaftsfeldern besser zug\u00e4nglich, wiederverwendbar und reproduzierbar zu machen. Dies ist ganz entscheidend f\u00fcr die Qualit\u00e4t und die Effizienz der Wissenschaft. Open Science ist ein weltweiter Trend und stellt einen potenziellen Paradigmenwechsel dar bez\u00fcglich der Art und Weise, wie Wissenschaft betrieben wird.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Der Impact-Factor gibt Auskunft \u00fcber die Quantit\u00e4t; in den Ingenieurswissenschaften ist der Wert generell tief.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Vetterli, Sie haben als Forscher rund 50 Patente angemeldet. 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Von 2004 bis 2011 war er Vizepr\u00e4sident der Hochschule. W\u00e4hrend zehn Jahren arbeitete und forschte der Elektroingenieur in den USA an der Columbia University in New York sowie an der University of California in Berkeley. Seine Forschung hat zu rund 50 Patenten gef\u00fchrt, die zahlreichen Hightech-Unternehmen und Start-ups zugutekamen. 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