{"id":113339,"date":"2016-04-27T16:23:58","date_gmt":"2016-04-27T16:23:58","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/04\/vigani-05-2016-franz\/"},"modified":"2023-08-23T23:10:03","modified_gmt":"2023-08-23T21:10:03","slug":"vigani-05-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/04\/vigani-05-2016\/","title":{"rendered":"Wie wirkt sich die Gotthard-Achse auf den Verkehr und die Region aus?"},"content":{"rendered":"<p>Das Bundesamt f\u00fcr Raumentwicklung (ARE) verfolgt die Auswirkungen der Verkehrsinfrastrukturen in der Schweiz mit grosser Aufmerksamkeit. Aus diesem Grund hat es dem Thema eine Studienreihe mit dem Titel \u00abR\u00e4umliche Auswirkungen der Verkehrsinfrastrukturen\u00bb (Effets territoriaux des infrastructures de transport, EIT) gewidmet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Studienreihe gliedert sich in drei Teile: In einem ersten Teil wurde eine Methode erarbeitet, um die Auswirkungen der Verkehrsinfrastrukturen zu analysieren. In einem zweiten Teil wurde diese Methodik in Ex-post-Analysen verschiedener Verkehrsinfrastrukturen \u00fcberpr\u00fcft. Eine Ex-post-Analyse bedeutet, dass sie im Nachhinein, nach Inbetriebnahme von Strassen- oder Eisenbahnin&shy;fra&shy;strukturen, durchgef\u00fchrt wurde. In einem dritten und letzten Teil will man die Methodik nun auch im Rahmen von Ex-ante-Studien anwenden. Dieser Teil steht derzeit beim ARE im Vordergrund. Ein wichtiges Novum dabei ist, dass die Auswirkungen begleitend zur Inbetriebnahme dieser neuen Infrastruktur gemessen und beurteilt werden sollen. Als Beurteilungsgrundlage dienen die verkehrs-, umwelt- und raumpolitischen Ziele, die auf den verschiedenen institutionellen Ebenen festgelegt wurden.&#13;<\/p>\n<h2>Das Ergebnis mehrerer Kompromisse<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Gotthard-Basistunnels (GBT) wird diesen Juni er\u00f6ffnet und soll ab Dezember 2016 auch kommerziell genutzt werden. Im Jahr 2020 folgt die Inbetriebnahme des Ceneri-Basistunnels (CBT) und des 4-Meter-Korridors. Alle drei Ereignisse bieten eine einmalige Chance, die Auswirkungen und vor allem den Nutzen einer neuen Infrastruktur auf mehreren Ebenen zu beurteilen. Mit dem Projekt \u00abMonitoring Gotthard-Achse\u00bb (MGA) will das ARE die Erkenntnisse aus der EIT-Studienreihe nutzen, um die r\u00e4umlichen, umweltbezogenen und sozio\u00f6konomischen Ver\u00e4nderungen zu analysieren. Die festgestellten Ver\u00e4nderungen sollen im Rahmen des MGA den politischen Zielen gegen\u00fcbergestellt werden, die Bund, Kantone und betroffene Regionen in den vergangenen 30\u00a0Jahren bei der Planung und beim Bau der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (Neat) anstrebten. Wenn n\u00f6tig und m\u00f6glich, werden Massnahmen vorgeschlagen, um diese Ziele besser zu erreichen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Neat ist ein zentrales Element der schweizerischen Verkehrspolitik, um den G\u00fcterverkehr von der Strasse auf die Schiene zu verlagern. Dass das Projekt gelungen ist, ist aber auch das Ergebnis mehrerer Kompromisse, die gew\u00e4hrleisten sollen, dass auch die sekund\u00e4ren Zielsetzungen im Bereich der regionalen Wirtschafts- und Raumentwicklung erreicht werden. Eine solche sekund\u00e4re Zielsetzung ist beispielsweise die Entwicklung eines leistungsf\u00e4higen Regionalzugangebots. Zu diesem Angebot geh\u00f6rt eine Metro, welche die Tessiner Agglomerationen der sogenannten Citt\u00e0 Ticino erschliesst. Sie ist durch die Realisierung des Ceneri-Basistunnels m\u00f6glich geworden. Auch der Bau eines neuen Bahnhofs in Altdorf als Motor f\u00fcr die Entwicklung einer neuen Wirtschaftsregion in der Reussebene ist ein Beispiel f\u00fcr einen solchen Kompromiss. Auch wenn diese Projekte nicht direkt mit der Neat zusammenh\u00e4ngen, sind sie ebenso wichtig wie die urspr\u00fcngliche Neat-Zielsetzung der Verlagerung des G\u00fcterverkehrs.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine erste Analyse zeigt bereits m\u00f6gliche Konflikte zwischen den angestrebten Zielen auf: So kann etwa das umweltsch\u00fctzerische Ziel, L\u00e4rm- und Schadstoffbelastung zu verringern, in Konflikt mit der Zunahme des Schieneng\u00fcterverkehrs geraten. Auch die Garantie von Kapazit\u00e4ten f\u00fcr den Schieneng\u00fcterverkehr ist nicht unbedingt vereinbar mit dem regionalen Personenverkehr in den betroffenen Regionen.&#13;<\/p>\n<h2>Wirkungsketten erarbeiten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Durchf\u00fchrung des Monitorings Gotthard-Achse setzt die Entwicklung einer Arbeitsmethode voraus, die auf der aktiven Mitwirkung der verschiedenen institutionellen Ebenen beruht. Neben den Bundes\u00e4mtern f\u00fcr Raumentwicklung (ARE), Verkehr (BAV), Strassen (Astra) und Umwelt (Bafu) beteiligten sich auch die Kantone Uri und Tessin am Projekt. Das MGA ist in drei Etappen gegliedert: Eine erste Ex-ante-Evaluation wird noch dieses Jahr vor der Er\u00f6ffnung des GBT (Evaluation A) erscheinen. Eine zweite Analyse folgt vor der Inbetriebnahme des CBT (Evaluation B) und eine abschliessende Untersuchung nach Inbetriebnahme der gesamten Eisenbahnachse einschliesslich des 4-Meter-Korridors (Evaluation C) (siehe Abbildung 1). Das Trendszenario Gotthard-Achse ist bereits im letzten Jahr ver\u00f6ffentlicht worden. Es dient als Grundlage, um Hypothesen zu erarbeiten und die wichtigsten Themen im Hinblick auf das Projekt MGA zu definieren.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: Meilensteine des Projekts Monitoring Gotthard-Achse<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-52720\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2016\/03\/Vigani_Abb1_korr_DE.png\" alt=\"Vigani_Abb1_korr_DE\" width=\"2446\" height=\"644\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: ARE \/ Die Volkswirtschaft&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Ziel der ersten Phase, die 2015 begann, ist es, ein Wirkungssystem zur Ermittlung der r\u00e4umlichen Auswirkungen zu entwickeln (<em>Syst\u00e8me d&#8217;analyse des effets territoriaux<\/em>, Saet). Dieses basiert auf dem sogenannten Tripod-Modell, welches die Erarbeitung aussagekr\u00e4ftiger Hypothesen und Indikatoren erm\u00f6glicht.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>\u00a0Das Wirkungssystem erweitert so das Feld der Interaktionen der drei grundlegenden Erkl\u00e4rungsfaktoren. Diese sind die <em>direkten Effekte<\/em> der Infrastruktur (Verk\u00fcrzung der Reisezeit), die <em>Potenziale<\/em> f\u00fcr die betroffene Region (Wirtschaftsstruktur, Landreserven usw.) und die Strategien der <em>Akteure<\/em> (Investoren, politische Beh\u00f6rden usw.) (siehe <em>Abbildung 2<\/em>). In dieses interne Wirkungssystem werden anschliessend die externen Faktoren integriert, die nicht unmittelbar mit der Neat zusammenh\u00e4ngen, die aber die Verkehrsentwicklung und die r\u00e4umlichen Auswirkungen erheblich beeinflussen. Dazu geh\u00f6ren beispielsweise die Zunahme des G\u00fcterverkehrs aus den ligurischen H\u00e4fen oder die durch die grenz\u00fcberschreitende Dynamik zwischen dem Tessin und der Lombardei ausgel\u00f6ste Relokalisierung von T\u00e4tigkeiten.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Das Wirkungssystem zur Ermittlung der r\u00e4umlichen Auswirkungen Saet<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-52723\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2016\/04\/Vigani_Abb2_korr_DE.png\" alt=\"Vigani_Abb2_korr_DE\" width=\"1802\" height=\"1296\" \/>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle&nbsp;: ARE \/ Die Volkswirtschaft&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Wirkungssystem Saet geht von der Annahme aus, dass neu errichtete Infrastrukturen als Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Ver\u00e4nderungen im Raum dienen k\u00f6nnen. Bildlich gesprochen gleicht dieser Zusammenhang einer Saat, die ihre Potenziale nur abh\u00e4ngig vom Boden entfalten kann, auf dem sie w\u00e4chst. Die Akteure entsprechen in diesem Bild den G\u00e4rtnern, welche die Kultur pflegen und die Ernte einfahren. Wie gut die Saat gedeiht, d. h., wie gut sich die Ziele erreichen lassen, h\u00e4ngt schliesslich von ihren Kenntnissen und Bestrebungen ab. Diese Ver\u00e4nderungen erfolgen indessen nicht automatisch und unmittelbar, sondern werden stets durch externe Faktoren verst\u00e4rkt, verlangsamt und zuweilen auch aufgehoben.&#13;<\/p>\n<h2>Der Schieneng\u00fcterverkehr wird wettbewerbsf\u00e4higer<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n2015 erschien im Rahmen des Projekts MGA der Bericht \u00abTrendszenario Gotthard-Achse<em>\u00bb<\/em>, der die wichtigsten Auswirkungen skizziert, die mit der Inbetriebnahme der neuen Gotthard-Eisenbahnachse in Bezug auf Personen- und G\u00fcterstr\u00f6me, Umwelt und Raumentwicklung erwartet werden. Gem\u00e4ss diesem Bericht d\u00fcrfte nach Er\u00f6ffnung des Gotthard-Basistunnels der Personenverkehr auf der Schiene insbesondere bei den Wochenend- und Tagesausfl\u00fcgen ins Tessin um rund 80 Prozent zunehmen. Eine deutliche Ver\u00e4nderung bei der Verkehrsmittelwahl ist jedoch nur aufgrund des Ceneri-Basistunnels beim Pendlerverkehr innerhalb des Tessiner Agglomerationssystems zu erwarten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBeim G\u00fcterverkehr d\u00fcrfte die neue Achse dazu f\u00fchren, dass die Gesamtkosten des Schieneng\u00fctertransports durch den Gotthard zur\u00fcckgehen. Dadurch wird diese Strecke gegen\u00fcber dem Strassentransport und den anderen Achsen wie L\u00f6tschberg\u2013Simplon und Brenner wettbewerbsf\u00e4higer. Mit Blick auf die Umwelt wird erwartet, dass sich die L\u00e4rmbelastung entlang der Bergstrecke deutlich vermindert. Auch die Luftschadstoffbelastung d\u00fcrfte sich verringern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie sozio\u00f6konomischen und r\u00e4umlichen Ver\u00e4nderungen schliesslich werden stark durch lokale und regionale Gegebenheiten sowie durch die Strategien der Akteure beeinflusst. Der Bericht macht ausserdem deutlich, dass durch die bessere Erreichbarkeit das wirtschaftliche Entwicklungspotenzial insbesondere f\u00fcr die Regionen Bellinzona, Locarno und Lugano gesteigert werden d\u00fcrfte. Gleichzeitig wird betont, dass die verschlechterte Erreichbarkeit anderer Regionen wie beispielsweise der Hocht\u00e4ler des Kantons Uri oder des Tessins durch weniger verkehrsbedingte Emissionen im Umweltbereich aufgewogen werden k\u00f6nnte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie EIT-Studie \u00fcber den L\u00f6tschberg-Basistunnel hat bereits aufgezeigt, wie Regionen, die von der besseren Erreichbarkeit weniger profitieren \u2013 wie etwa das Berner Oberland, welches einen R\u00fcckgang des Fremdenverkehrs und der Attraktivit\u00e4t bef\u00fcrchtete \u2013, dank innovativer touristischer Angebote und unternehmerischer Bem\u00fchungen der regionalen und lokalen Akteure diese direkten Auswirkungen zum Teil kompensieren konnten.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">ARE (2004). R\u00e4umliche Auswirkungen der Verkehrsinfrastrukturen. Methodologische Vorstudie \u00abLernen aus der Vergangenheit\u00bb. Bern. Siehe <a href='http:\/\/www.are.admin.ch\/themen\/raumplanung\/04916\/05450\/index.html?lang=de' target=\"_blank\">www.are.admin.ch<\/a>.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">ARE (2012). Verkehrliche und r\u00e4umliche Auswirkungen des L\u00f6tschberg-Basistunnels. Schlussbericht. Bern.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bundesamt f\u00fcr Raumentwicklung (ARE) verfolgt die Auswirkungen der Verkehrsinfrastrukturen in der Schweiz mit grosser Aufmerksamkeit. 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