{"id":113434,"date":"2016-04-27T16:23:57","date_gmt":"2016-04-27T16:23:57","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/04\/maggi-05-2016-franz\/"},"modified":"2023-08-23T23:10:14","modified_gmt":"2023-08-23T21:10:14","slug":"maggi-05-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/04\/maggi-05-2016\/","title":{"rendered":"Viel Potenzial, aber kaum Initiativen"},"content":{"rendered":"<p>Der Gotthard-Basistunnel ist eigentlich das zentrale Projekt der schweizerischen G\u00fcterverkehrsstrategie im Alpentransit. Je n\u00e4her jedoch seine Er\u00f6ffnung r\u00fcckt, desto mehr gilt die Aufmerksamkeit dem Personenverkehr, zumindest im Tessin. Mit der Er\u00f6ffnung des Ceneri-Tunnels f\u00fchrt die neue Hochgeschwindigkeitslinie in naher Zukunft bis nach Lugano und bindet damit nicht nur das wirtschaftliche Zentrum besser an die restliche Schweiz an. Auch die Verbindungen zwischen den St\u00e4dten im Tessin werden dadurch verbessert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBeim G\u00fcterverkehr werden allerdings keine grossen Ver\u00e4nderungen erwartet, solange das Problem des S\u00fcdanschlusses nicht gel\u00f6st ist. Die Bedenken, die man hinsichtlich m\u00f6glicher Stationen f\u00fcr den Verlad von der Schiene auf die Strasse im Kanton hat, f\u00fchren allerdings dazu, dass man sich wieder st\u00e4rker darum bem\u00fcht, die Aufmerksamkeit des Bundes auf eine baldige Weiterf\u00fchrung der Alpentransversalen zu lenken.&#13;<\/p>\n<h2>Allgemeine Orientierungslosigkeit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Diskussion dreht sich haupts\u00e4chlich um die m\u00f6glichen positiven und negativen Auswirkungen des Gotthard-Basistunnels. In einer Studie von 2012 im Auftrag des Kantons diagnostizierte das Beratungsb\u00fcro Metron bescheidene und nur kurzfristig positive Auswirkungen, vor allem im Bereich Tourismus und Wohnen. In der langen Frist werden gem\u00e4ss Studie jedoch betr\u00e4chtliche Effekte f\u00fcr den Standort Tessin erwartet. Die vom Kanton geschaffene Arbeitsgruppe \u00abAlptransit\u00bb nahm diese Resultate auf und kam in einem erg\u00e4nzenden Bericht zum Schluss, dass es dringend strategische Projekte brauche, um langfristig positive Effekte zu bewirken. Interessanterweise denkt man in der Nordschweiz systematisch an solche Projekte. So identifiziert eine von der Stadt Z\u00fcrich in Auftrag gegebene Studie des Beratungsb\u00fcros Ecoplan solche Potenziale und Projekte entlang der Achse Z\u00fcrich\u2013Mailand, wie etwa den Technologiepark \u00abTecnopolo Ticino Biomedicale\u00bb in Bellinzona.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Vorsteher des Tessiner Wirtschafts- und Finanzdepartements hat k\u00fcrzlich auch im Tessin einen \u00abTavolo economico\u00bb einberufen, um die zuk\u00fcnftige Wirtschaftspolitik im Hinblick auf Alptransit mitzugestalten. Doch w\u00e4hrend sich der Kanton seit Kurzem bewegt, herrscht in der \u00f6ffentlichen Debatte nach wie vor Skepsis. Konkrete Projekte wurden bisher kaum diskutiert. Man fragt sich allenfalls, ob die Arbeitspl\u00e4tze abwandern und das Tessin zu einem Schlafkanton verkommt. Als positiv wird bisher einzig die im Tessin verbesserte interne Verbindung nach der Er\u00f6ffnung des Ceneri-Basistunnels beurteilt.&#13;<\/p>\n<h2>Standortvorteile nutzen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDiese passive Haltung ist bedauerlich und bis zu einem gewissen Grad erstaunlich. Im Vergleich zur Restschweiz ist das Tessin in vielerlei Hinsicht ein privilegierter Standort f\u00fcr Unternehmen und ein attraktiver Wohnkanton mit hoher Lebensqualit\u00e4t und tiefen Lebenshaltungskosten. Die hohe Standortqualit\u00e4t beruht auf der Lage an der europ\u00e4ischen Nord-S\u00fcd-Achse und der N\u00e4he zur Agglomeration Mailands und zu Norditalien allgemein. Diese N\u00e4he hat \u00fcber Jahrzehnte den Finanzplatz und den Immobiliensektor angetrieben und damit zu einem Wirtschaftswachstum gef\u00fchrt. Die Lage an der Gotthard-Route hingegen bedeutet zwar eine hohe Erreichbarkeit, aufgrund des Transitverkehrs hat sie allerdings auch Probleme mit sich gebracht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMit der diesj\u00e4hrigen Er\u00f6ffnung des Gotthard-Basistunnels, der auf 2020 geplanten Er\u00f6ffnung des Ceneri-Basistunnels und der Transformation im Finanzsektor ergibt sich f\u00fcr den Tessin die Chance, diese verbesserte Erreichbarkeit und Wettbewerbsf\u00e4higkeit zu nutzen. Neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen sich auch im Tourismus, bei Gesch\u00e4ftsreisen und generell f\u00fcr die Wirtschaft, f\u00fcr welche die M\u00e4rkte im Norden des Gotthards n\u00e4her r\u00fccken. Die Tatsache, dass man in Zukunft f\u00fcr ein Gesch\u00e4ftstreffen in einem halben Tag vom Tessin nach Z\u00fcrich und wieder zur\u00fcck reisen kann, erm\u00f6glicht neue Standortstrategien f\u00fcr existierende und neue Unternehmen im Tessin. Voraussetzung daf\u00fcr ist allerdings, dass vermehrt wirtschaftliche Aktivit\u00e4ten im Tessin angesiedelt werden, welche diesen Vorteil mit einer Lage im sonnigen S\u00fcden verbinden wollen. Der Tourismus kann dank verk\u00fcrzter Reisezeit bei den Tagesausfl\u00fcgen und dank der touristischen Attraktivit\u00e4t des l\u00e4ngsten Eisenbahntunnels der Welt auch von mehr \u00dcbernachtungen profitieren.&#13;<\/p>\n<h2>Zusammen arbeiten und gezielt Projekte f\u00f6rdern<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nOb das Tessin sich in diese Richtung bewegt, h\u00e4ngt wesentlich von der Wirtschafts- und Raumordnungspolitik ab, welche der Kanton und die Agglomerationen betreiben. Im Tourismus wird es darum gehen, dass die im neuen Gesetz definierten vier Destinationen Bellinzonese, Locarnese, Luganese und Mendrisiotto erfolgreiche Strategien entwickeln. Solche sind einerseits um die bestehenden Attraktionen wie etwa das Filmfestival in Locarno, das Unesco-Welterbe in Bellinzona und am Monte San Giorgio oder das Luganeser Kulturzentrum LAC aufzubauen. Andererseits m\u00fcssen sie in Kooperation zwischen den Destinationen entwickelt werden. So bedingt eine strategische Nutzung des Unesco-Welterbes Monte San Giorgio eine Zusammenarbeit zwischen Lugano und Mendrisio. Eine touristische Vermarktung der Schl\u00f6sser in Bellinzona wiederum setzt eine Zusammenarbeit mit Locarno und Lugano voraus. Schliesslich wird eine gegen\u00fcber Norditalien erfolgreiche Strategie auch eine grenz\u00fcberschreitende Kooperation erfordern.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nF\u00fcr den Rest der Wirtschaft wird es aus politischer Sicht darum gehen, strategische Bereiche in der Form von sogenannten Meta-Sektoren wie beispielsweise Tourismus, Mode, Lifesciences oder Mechatronik zu definieren und diese mittels des neuen Innovationsgesetzes zu f\u00f6rdern. Eine wesentliche Rolle spielt dabei eine neue Territorialpolitik, welche nicht lediglich Zonen definiert und den Rest der Entwicklung sich selbst \u00fcberl\u00e4sst. Stattdessen muss man unter Einbezug aller Stakeholder gezielt zentrale Zonen \u2013 wie etwa um Bahnh\u00f6fe herum \u2013 definieren und diese im Rahmen professioneller Projekte betreuen. In einer solchen Strategie spielen die Universit\u00e4t, die Fachhochschule und weitere wichtige Forschungsinstitutionen aus dem Tessin eine wesentliche Rolle. Meta-Sektoren zeichnen sich n\u00e4mlich dadurch aus, dass sie industrielle T\u00e4tigkeiten, welche im Tessin eine grosse Bedeutung haben, gezielt mit Unternehmensdienstleistungen wie Finanzen, Marketing, Consulting, Informatik und Kommunikation sowie Forschung und Entwicklung verkn\u00fcpfen.&#13;<\/p>\n<h2>Bisher kaum konkrete Vorhaben<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nLeider ist heute nicht klar, ob das Tessin bereit ist, die sich bietenden Potenziale zu nutzen. Das w\u00fcrde n\u00e4mlich bedeuten, dass bereits bei Er\u00f6ffnung des Gotthard-Basistunnels erste strategische Projekte realisiert sind. Das wird nicht der Fall sein. W\u00e4hrend in den Forschungsinstitutionen wichtige Projekte vorangetrieben werden, zeichnen sich erst vereinzelt konkrete Projekte ab, die von der Politik aufgenommen und umgesetzt werden. Ausnahmen sind Projekte im Scientific Computing und im Gesundheitsbereich. Vor allem die Entwicklung rund um die Bahnh\u00f6fe, in welche die SBB massiv investieren, kommen nur stockend oder \u00fcberhaupt nicht voran: Weder die \u00dcberbauung beim Bahnhof Lugano, welche einen Teil der Fachhochschule eingliedern soll, noch die Modeschule beim Bahnhof Mendrisio ist in Sichtweite. Und die Umwandlung des strategischen Areals der Officine der SBB in Bellinzona in einen dynamischen Industrie- und Dienstleistungspark ist ein politisches Tabu. Auch die Diskussion um die Gotthard-Bergstrecke der SBB ist bisher nicht zu einem Projekt geworden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs scheint, das Tessin m\u00fcsse die notwendige positive Einstellung noch entwickeln, um diese einzigartige Gelegenheit, welche die Alpentransversale bietet, nutzen zu k\u00f6nnen. Vorl\u00e4ufig konzentriert sich die Diskussion jedoch auf bedrohliche Entwicklungen. Einige halten die mit dem Alptransit verbundenen Erwartungen sogar f\u00fcr \u00fcbertrieben. Bestenfalls stellt man sich die Frage, was das Ganze bringen wird. Doch wie die sich er\u00f6ffnenden M\u00f6glichkeiten in eine positive Entwicklung umgem\u00fcnzt werden k\u00f6nnten \u2013 damit besch\u00e4ftigt man sich nur marginal. Das ist schade. Denn aus \u00f6konomischer Sicht kann das Tessin mit entsprechenden Strategien \u2013 und wenn sich Italien wirtschaftlich erholt \u2013 zu einer privilegierten Wirtschaftsregion werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Tessin zeichnet sich durch seine privilegierte Lage, das milde Klima, die sehr gute Erreichbarkeit, die hohe Lebensqualit\u00e4t und die Komplementarit\u00e4t zum Wirtschaftsraum Lombardei aus. Zusammen mit den bereits bestehenden Forschungszentren stellen sie eine ideale Kombination von Standortfaktoren f\u00fcr die Ansiedlung von Forschungs-und-Entwicklungs-Zentren multinationaler Unternehmen dar. Es ist deshalb zu hoffen, dass sich das Tessin, und insbesondere die St\u00e4dte Lugano und Bellinzona, l\u00e4ngerfristig als ein starkes Milano-Nord oder ein attraktives Z\u00fcrich-S\u00fcd positionieren k\u00f6nnen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Gotthard-Basistunnel ist eigentlich das zentrale Projekt der schweizerischen G\u00fcterverkehrsstrategie im Alpentransit. Je n\u00e4her jedoch seine Er\u00f6ffnung r\u00fcckt, desto mehr gilt die Aufmerksamkeit dem Personenverkehr, zumindest im Tessin. 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