{"id":113562,"date":"2016-04-27T15:30:05","date_gmt":"2016-04-27T15:30:05","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/04\/scheidegger-05-2016-franz\/"},"modified":"2023-08-23T23:10:24","modified_gmt":"2023-08-23T21:10:24","slug":"elefanten-unter-strom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/04\/elefanten-unter-strom\/","title":{"rendered":"Elefanten unter Strom"},"content":{"rendered":"<p>Acht Jahre nach der weltweiten Wirtschaftskrise bleibt ungewiss, ob die systemrelevanten Finanzinstitute auf festem Boden stehen und eine Notlage ohne staatliche Kr\u00fccken \u00fcberstehen. Die B\u00f6rsenturbulenzen Anfang Jahr liessen in der europ\u00e4ischen Bankenwelt Bedenken aufkommen. Klar ist: Die Krisenresistenz von Finanzunternehmen muss national und international \u2013 mit grosser Priorit\u00e4t \u2013 gest\u00e4rkt werden. K\u00fcnftig sollen keine systemrelevanten Bank- und Versicherungskonzerne \u00abtoo big to fail\u00bb sein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVor diesem Hintergrund mag erstaunen, dass diese Debatte in der Schweiz nun auch den Stromsektor erfasst. Aufgrund der Bekanntgabe neuerlicher Verluste eines grossen Energiekonzerns wurde just w\u00e4hrend der Fr\u00fchjahrssession des eidgen\u00f6ssischen Parlaments ruchbar: Das Unternehmen sei zu gross, um das Schicksal den H\u00e4nden des Konkursrichters anzuvertrauen. Damit steht neuerlich die Frage im Raum: Gibt es in einer Volkswirtschaft auch ausserhalb des Finanzsektors Elefanten, die zu gewichtig sind, als dass sie in den Abgrund stolpern d\u00fcrfen?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie schiere Gr\u00f6sse eines Unternehmens sagt noch nichts \u00fcber systemische Risiken aus. In gewissen Branchen kann die Ertragskraft dank Skalen- und\/oder Verbundeffekten mit zunehmender Gr\u00f6sse steigen. Dies ist an sich positiv zu werten, denn ein solches Unternehmen kann g\u00fcnstiger produzieren als beispielsweise zwei halb so grosse Firmen. Dennoch m\u00fcssen auch Grossunternehmen \u2013 ungeachtet der Effizienzvorteile \u2013 in Konkurs gehen k\u00f6nnen, falls sie den Anschluss an die Marktentwicklung verpasst haben. So erachtet die OECD den ungehinderten \u00abExit\u00bb von nicht \u00fcberlebensf\u00e4higen Firmen als wichtigen Erkl\u00e4rungsfaktor prosperierender Volkswirtschaften. Konkurse haben gesamtwirtschaftlich eine disziplinierende und eine reinigende Kraft. Die M\u00f6glichkeit, in Konkurs zu gehen, sensibilisiert bei der Risiko\u00fcbernahme. Der Konkurs selber kippt produktivit\u00e4tsschwache Firmen aus dem Markt und setzt Ressourcen frei, die von erfolgreicheren Unternehmen \u00fcbernommen werden.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Zu vernetzt und zu wichtig<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWirklich systemrelevante Firmen weisen abgesehen von der schieren Gr\u00f6sse \u00abtoo big\u00bb weitere Besonderheiten aus. Zum einen kann ihre Insolvenz auch unbeteiligte Marktteilnehmer in den Abgrund ziehen (\u00abtoo interconnected\u00bb), und zum andern kann ihre Marktt\u00e4tigkeit bei einer Pleite nicht innerhalb einer gegebenen Zeit durch andere Anbieter \u00fcbernommen werden (\u00abtoo important\u00bb). Diese drei Besonderheiten sollten kumuliert erf\u00fcllt sein, damit man von systemrelevanten Firmen sprechen kann. Die Gr\u00f6sse eines Unternehmens ist also eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung der Systemrelevanz.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Energiekonzerne in der Schweiz erbringen mit der Versorgung von Strom eine volkswirtschaftlich unentbehrliche Leistung. Dahinter stehen jedoch wertstabile Anlageverm\u00f6gen, die selbst beim Konkursfall auf neue Betreiber oder eine Auffanggesellschaft \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen. So gesehen ist es schwer nachvollziehbar, warum Stromgesellschaften \u00abtoo big to fail\u00bb im Sinne unverzichtbarer Firmen (und nicht: unverzichtbarer Leistungen) sein sollen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine Rettung von Unternehmen durch den Bund, die mehrheitlich im Besitze von Kantonen und Gemeinden sind, ist nicht mit der Rettung von Grossbanken zu vergleichen. Das Verlustrisiko bei Unternehmen der \u00f6ffentlichen Hand soll nicht unn\u00f6tigerweise auf Kosten von Steuerzahlern aus anderen Gebietsk\u00f6rperschaften getragen werden \u2013 schon gar nicht, wenn die Anteilsbesitzer zuvor \u00fcber Jahre ansehnliche Dividenden bezogen haben. Ein Elefant im Strommarkt sollte stolpern und im Extremfall auch in den Abgrund st\u00fcrzen k\u00f6nnen, ohne dass die Versorgungssicherheit gef\u00e4hrdet wird.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Acht Jahre nach der weltweiten Wirtschaftskrise bleibt ungewiss, ob die systemrelevanten Finanzinstitute auf festem Boden stehen und eine Notlage ohne staatliche Kr\u00fccken \u00fcberstehen. Die B\u00f6rsenturbulenzen Anfang Jahr liessen in der europ\u00e4ischen Bankenwelt Bedenken aufkommen. Klar ist: Die Krisenresistenz von Finanzunternehmen muss national und international \u2013 mit grosser Priorit\u00e4t \u2013 gest\u00e4rkt werden. 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