{"id":113882,"date":"2016-03-23T15:48:40","date_gmt":"2016-03-23T15:48:40","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/03\/rutz-04-2016-franz\/"},"modified":"2024-04-09T13:31:48","modified_gmt":"2024-04-09T11:31:48","slug":"rutz-04-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/03\/rutz-04-2016\/","title":{"rendered":"Das Zerrbild des wehrlosen Konsumenten"},"content":{"rendered":"<p>Knapp 60 Gesetzes\u00e4nderungen werden in der Schweiz pro Jahr im Namen der Konsumenten vorgenommen. Bei genauer Betrachtung sind viele dieser Eingriffe nicht im l\u00e4ngerfristigen Interesse der Konsumenten, f\u00fchren sie doch oft zu einer Einschr\u00e4nkung der \u2013 heutigen und zuk\u00fcnftigen \u2013 Wahlm\u00f6glichkeiten: Anbieter k\u00f6nnen nicht mehr optimal auf die Bed\u00fcrfnisse der Konsumenten eingehen, Produktions- und Vertriebsprozesse werden verteuert und Markteintrittsschranken errichtet.<\/p>\n<p>Beispiele hierf\u00fcr sind Forderungen nach Protektionismus im Agrarsektor mit dem fadenscheinigen Argument, die Konsumenten seien vor minderwertigen ausl\u00e4ndischen Lebensmitteln zu sch\u00fctzen. Spezifische Schweizer Deklarationspflichten verlangen nach preistreibenden Spezialverpackungen f\u00fcr Importprodukte (z. B. Dreisprachigkeit von Warn- und Sicherheitshinweisen). Protektionistisch sind oftmals auch Zulassungspflichten f\u00fcr Produkte, die in der EU legal verkauft werden d\u00fcrfen.<\/p>\n<h2><strong>Die Informationsl\u00fccke schrumpft <\/strong><\/h2>\n<p>Bedenkt man den technischen Wandel der letzten Jahrzehnte, sollte die Entwicklung eigentlich in die umgekehrte Richtung gehen. Die Informationslage der Konsumenten hat sich durch die rasante Verbreitung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien markant verbessert. Vor allem das Internet hat zu einem \u00abConsumer Empowerment\u00bb ungeahnten Ausmasses beigetragen. Kaum eine Reise wird noch gebucht, ohne dass vorher die Beurteilungen anderer Ferieng\u00e4ste im Netz gelesen w\u00fcrden. Mit webbasierten Smartphone-Apps k\u00f6nnen die Strichcodes auf den Produkten im Supermarkt einfach und schnell interpretiert werden. Die in der Konsumentenpolitik traditionelle Annahme des \u00abschlecht informierten Konsumenten\u00bb, den es vor Ausnutzung und \u00dcbervorteilung durch Dritte zu sch\u00fctzen gilt, verkommt zusehends zum Anachronismus. Mit dem wachsenden Anteil der \u00abDigital Natives\u00bb in der Bev\u00f6lkerung gilt dies erst recht.<\/p>\n<p>Das Internet hat aber nicht nur die Informationsl\u00fccke verringert, sondern stellt auch ein \u00e4usserst effizientes Disziplinierungsmittel dar: In der digitalisierten Welt ist \u00abSchummeln\u00bb f\u00fcr die Unternehmen zu einer h\u00f6chst riskanten Strategie geworden. Wer ertappt wird, muss mit dem Totalverlust seiner Reputation rechnen \u2013 der Fall \u00abCarna Grischa\u00bb (Falschdeklaration von Fleisch) und der Abgasskandal von VW sprechen f\u00fcr sich selbst.<\/p>\n<h2><strong>Der unheilvolle Trend des sanften Paternalismus<\/strong><\/h2>\n<p>Die klassische Rechtfertigung f\u00fcr Konsumentenschutz verliert also an Bedeutung. Immer klarer zeichnet sich der Trend ab, die Rechtfertigungsl\u00fccke mit dem Argument zu f\u00fcllen, die Konsumenten seien mit der explodierenden Auswahl und der Informationsflut \u00fcberfordert und m\u00fcssten deshalb vom Staat (sanft) an der Hand genommen werden. Ein \u00abKinderm\u00e4dchenstaat\u00bb, der vorgibt, zu wissen, was gutes Konsumverhalten darstellt und was nicht, l\u00e4sst sich jedoch nicht mit einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung vereinbaren.<\/p>\n<p>Anstatt die Konsumenten zu lenken, zu bevormunden und zu erziehen, sollte sich der Staat darauf beschr\u00e4nken, die Wahlfreiheit und die Eigenverantwortung seiner B\u00fcrger zu st\u00e4rken und daf\u00fcr zu sorgen, dass der Wettbewerb spielen kann \u2013 denn letztlich ist ein funktionierender Wettbewerb der beste Konsumentensch\u00fctzer. Um dieses Ziel zu erreichen, w\u00e4ren Entscheidungsprozesse und Institutionen wichtig, die sicherstellen, dass keine Regulierungen umgesetzt werden, die den Interessen der Konsumenten entgegenstehen oder ihre Souver\u00e4nit\u00e4t schw\u00e4chen. Dies w\u00fcrde prim\u00e4r bedingen, dass alle Interventionen, die im Namen der Konsumenten erwogen werden, einer klar strukturierten, auf \u00f6konomischen Kriterien basierenden Kosten-Nutzen-Analyse unterzogen w\u00fcrden.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Knapp 60 Gesetzes\u00e4nderungen werden in der Schweiz pro Jahr im Namen der Konsumenten vorgenommen. 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