{"id":114052,"date":"2016-02-24T16:06:04","date_gmt":"2016-02-24T16:06:04","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2016\/02\/gruenewald-03-2016-franz\/"},"modified":"2023-08-23T23:10:53","modified_gmt":"2023-08-23T21:10:53","slug":"gruenewald-03-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2016\/02\/gruenewald-03-2016\/","title":{"rendered":"Internationale TLAC-Standards als Chance f\u00fcr Schweizer Grossbanken"},"content":{"rendered":"<p>Nach mehrj\u00e4hrigen Vorarbeiten hat das Financial Stability Board (FSB) am 9. November 2015 internationale Mindeststandards f\u00fcr verlustabsorbierendes Kapital (\u00abtotal loss-absorbing capacity, TLAC\u00bb) verabschiedet.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>\u00a0Die inzwischen von den G-20 gutgeheissenen Standards gehen \u00fcber die Kapitalvorschriften von Basel III<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>\u00a0hinaus, welche nicht in jedem Fall gew\u00e4hrleisten, dass eine Bank ihre Gesch\u00e4fte fortf\u00fchren kann. Damit die Beh\u00f6rden systemrelevante Banken im Krisenfall sanieren bzw. geordnet abwickeln k\u00f6nnen, m\u00fcssen die Finanzinstitute \u00fcber zus\u00e4tzliche finanzielle Mittel verf\u00fcgen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie TLAC ist die Summe aus den Eigenkapitalanforderungen (\u00abgoing concern\u00bb) und zus\u00e4tzlichem verlustabsorbierendem Kapital (\u00abgone concern\u00bb). Durch die Einf\u00fchrung der erg\u00e4nzenden \u00abGone concern\u00bb-Anforderungen tragen k\u00fcnftig die Gl\u00e4ubiger \u2013 und nicht der Staat \u2013 die mit der Aufrechterhaltung systemrelevanter Funktionen verbundenen Kosten. Dies stellt einen Meilenstein in den internationalen Bem\u00fchungen zur Entsch\u00e4rfung des \u00abToo big to fail\u00bb-Problems dar.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie derzeit 30 als global systemrelevant eingestuften Banken (\u00abglobal systemically important banks\u00bb)<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>\u00a0m\u00fcssen \u00fcber quantitativ und qualitativ hinreichende Verbindlichkeiten verf\u00fcgen, welche die Beh\u00f6rden im Bedarfsfall abschreiben bzw. in Eigenkapital umwandeln und somit zur Finanzierung von Abwicklungsmassnahmen heranziehen k\u00f6nnen (sogenanntes Bail-in). Dies sehen die TLAC-Standards vor. Die betroffenen Banken \u2013 darunter auch die Schweizer Grossbanken UBS und Credit Suisse \u2013 werden verpflichtet, ab 2019 ein Verlustpolster von mindestens 16 Prozent der risikogewichteten Aktiva (ohne Puffer) und 6 Prozent der Bilanzsumme zu halten. Ab 2022 erh\u00f6ht sich diese Quote auf 18 Prozent bzw. 6,75 Prozent.&#13;<\/p>\n<h2><strong>TLAC schafft Vertrauen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn erster Linie will die \u00abtotal loss-absorbing capacity\u00bb Vertrauen in die Abwicklungsf\u00e4higkeit grosser Bankkonzerne schaffen. Das gilt insbesondere f\u00fcr die internationale Zusammenarbeit: Werden verlustabsorbierende Verbindlichkeiten schon im Vorfeld einer Abwicklung in der richtigen Qualit\u00e4t und am richtigen Ort innerhalb des Konzerns platziert, ist die Versuchung der Aufnahmestaaten von Konzerneinheiten kleiner \u2013 so hofft man \u2013, lokale Einheiten im Krisenfall vom Konzern abzuspalten und dadurch eine geordnete grenz\u00fcberschreitende Abwicklung zu unterlaufen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAn die TLAC-Quoten anrechenbar sind nur Verbindlichkeiten, die im Abwicklungsfall einem Bail-in unterliegen w\u00fcrden. Somit fallen gesicherte Einlagen sowie privilegierte, verrechenbare oder durch Sicherheiten unterlegte Forderungen prinzipiell ausser Betracht. Umgekehrt bildet die TLAC jedoch nur eine Teilmenge der im Rahmen eines Bail-in wandelbaren oder abschreibbaren Verbindlichkeiten. Um das n\u00f6tige Vertrauen zu schaffen, muss die TLAC erh\u00f6hten Anforderungen gen\u00fcgen, die international gelten. Dazu geh\u00f6ren eine Mindestrestlaufzeit von einem Jahr sowie die Nachrangigkeit von TLAC-Verbindlichkeiten gegen\u00fcber anderen ungesicherten und unprivilegierten Verbindlichkeiten der Bank.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie erforderliche Nachrangigkeit l\u00e4sst sich prinzipiell gesetzlich, vertraglich oder strukturell sicherstellen. Eine gesetzlich festgelegte Nachrangigkeit generiert dabei am ehesten die gew\u00fcnschte Rechtssicherheit \u2013 sie ist aber ein rechtliches Novum, welches von den FSB-Mitgliedstaaten erst implementiert werden m\u00fcsste. Eine vertragliche Umsetzung birgt gr\u00f6ssere Anfechtungsrisiken und ist tr\u00e4ger in der Umsetzung.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Holding-Strategie f\u00fcr CS und UBS<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr die beiden Schweizer Grossbanken dr\u00e4ngt sich eine strukturelle L\u00f6sung auf: Die Konzernholding gibt dabei nur TLAC-kompatible Verbindlichkeiten aus, welche nachrangig zu den Verbindlichkeiten der unteren Konzernstufen ausgestaltet sind. Diese L\u00f6sung f\u00fcgt sich nahtlos in die von der Eidgen\u00f6ssischen Finanzmarktaufsicht (Finma) bevorzugte Abwicklungsstrategie eines \u00absingle point of entry\u00bb (siehe <em>Kasten<\/em>) f\u00fcr Grossbanken ein, wonach die Struktur des Gesamtkonzerns erhalten bleiben soll.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGem\u00e4ss dieser Strategie gibt die Holding als einzige Abwicklungseinheit der Gesamtgruppe s\u00e4mtliche externen TLAC-Verbindlichkeiten aus. Sofern sich wesentliche Teilkonzerne (\u00abmaterial sub-groups\u00bb) in der Abwicklungsgruppe befinden, m\u00fcssen diese eine hinreichende Menge an \u00abinterner TLAC\u00bb \u2013 d. h. Verbindlichkeiten gegen\u00fcber der Holding \u2013 halten. Bei einer Abwicklung k\u00f6nnen dadurch die Verluste eines Teilkonzerns auf die Holding \u00fcbertragen werden. Dies geschieht durch ein konzerninternes Bail-in. Es kommt also zu einer Art Schuldenerlass der Holding gegen\u00fcber dem Teilkonzern und zur B\u00fcndelung der Gesamtschulden auf oberster Konzernstufe.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSieht die Abwicklungsplanung f\u00fcr eine Grossbank hingegen vor, dass ein Bail-in bei verschiedenen Einheiten des Gesamtkonzerns ansetzen soll, spricht man von einem \u00abmultiple point of entry\u00bb (siehe <em>Kasten<\/em>). Dies wirkt sich auch auf die Verteilung der TLAC im Konzern aus: Jede der so entstehenden Abwicklungsgruppen muss in diesem Fall die externen und internen TLAC-Standards f\u00fcr ihre Gruppe erf\u00fcllen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Suche nach geeigneten K\u00e4ufern<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie internationale Einigung zur TLAC ist gerade f\u00fcr die Schweiz ein Meilenstein. Die Wunderwaffe TLAC wirft aber auch neue Probleme auf: Wer soll diese neuartigen Anleihen im erforderlichen Umfang kaufen? So gelten f\u00fcr systemrelevante Banken Halteverbote, um direkte Ansteckungseffekte zu vermeiden, und ausserhalb der Schweiz wird teilweise der Kauf durch Retailkunden unterbunden. Ob Pensionskassen und Versicherungen zu den Hauptabnehmern solcher Papiere z\u00e4hlen sollten, ist aus volkswirtschaftlicher Sicht wiederum fraglich. Es wird sich weisen, ob der Markt ausserhalb dieser Gruppen \u2013 und in Zeiten weniger expansiver Geldpolitik \u2013 gen\u00fcgend Nachfrage generieren wird. Immerhin geniessen die Schweizer Grossbanken dank der raschen Umsetzung der internationalen Standards als \u00abFirst-Mover\u00bb m\u00f6glicherweise einen Vorteil gegen\u00fcber der ausl\u00e4ndischen Konkurrenz.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Frage nach der \u00abidealen\u00bb K\u00e4uferschaft von TLAC-Anleihen liegt die Sorge zugrunde, die finanziellen Probleme weniger Bankkonzerne k\u00f6nnten auf andere Finanzmarktakteure \u00fcbergreifen oder sich gar in einen Fl\u00e4chenbrand verwandeln. Diese Sorge ist nicht unberechtigt und k\u00f6nnte die Beh\u00f6rden im Krisenfall dazu veranlassen, die Verluste von Grossbanken doch nicht im vollen Umfang auf die Anleihegl\u00e4ubiger abzuw\u00e4lzen. Ungel\u00f6st bleibt mit der TLAC auch das Liquidit\u00e4tsproblem: Woher kommen die substanziellen liquiden Mittel, auf die jede angeschlagene Bank w\u00e4hrend und nach ihrer Sanierung bzw. Abwicklung angewiesen ist?&#13;<\/p>\n<h2><strong>Schweiz als Mustersch\u00fclerin <\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Bundesrat will die internationalen Vorgaben zur TLAC rasch in die Schweizer \u00abToo big to fail\u00bb-Bestimmungen integrieren.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a>\u00a0Dies erfolgt per 1. Juli 2016 durch eine Revision der Eigenmittelverordnung.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDass die TLAC-Quoten mit 28,6 Prozent der risikogewichteten Aktiva und 10 Prozent der Bilanzsumme (ohne Rabatte) h\u00f6her als die internationalen Mindeststandards ausfallen, ist angesichts der nationalen Bedeutung der Schweizer Grossbanken begr\u00fcssenswert. Der \u00abGone concern\u00bb-Teil (14,3% bzw. 5%) ist im Prinzip vollumf\u00e4nglich durch sogenannte Bail-in-Bonds zu erf\u00fcllen. Das sind Schuldinstrumente, welche die Grossbanken spezifisch zur Verlusttragung im Fall von Insolvenzmassnahmen ausgeben. F\u00fcr die inl\u00e4ndischen systemrelevanten Banken (Z\u00fcrcher Kantonalbank, Raiffeisen, Postfinance) sollen \u00abGone concern\u00bb-Anforderungen mit der n\u00e4chsten \u00dcberpr\u00fcfung der \u00abToo big to fail\u00bb-Bestimmungen Ende 2017 folgen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMit den TLAC-Standards schwenkt die internationale Gemeinschaft auf ein Konzept ein, das die Schweiz mit ihrem \u00abToo big to fail\u00bb-Regime schon fr\u00fch angestossen und national bereits teilweise implementiert hat. Trotz der internationalen Einigung verbleiben aber Unterschiede im Vergleich zum Ausland: So k\u00f6nnen sich in der EU niedergelassene Grossbanken Mittel aus sogenannten Abwicklungsfonds in einem gewissen Umfang an ihre TLAC-Quote anrechnen lassen. Zwar sind die EU-Abwicklungsfonds prim\u00e4r durch Beitr\u00e4ge der Banken (vor)finanziert. Dennoch f\u00fchren sie durch ihren kollektiven \u00abVersicherungsschutz\u00bb unter Umst\u00e4nden zu Wettbewerbsvorteilen f\u00fcr Banken im Vergleich zur Schweiz, die kein analoges Instrument kennt.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">FSB, Total Loss-Absorbing Capacity (TLAC) Principles and Term Sheet, 9. November 2015.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Basler Ausschuss f\u00fcr Bankenaufsicht, Basel III: Ein globaler Regulierungsrahmen f\u00fcr widerstandsf\u00e4higere Banken und Bankensysteme, Dezember 2010.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Vgl. FSB, 2015 Update of List of Global Systemically Important Banks (G-SIBs), 3. November 2015.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Vgl. Finma, Positionspapier Sanierung und Abwicklung von G-SIBs, 7. August 2013.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Vgl. Bundesrat legt Eckwerte zur Anpassung der Too-big-to-fail-Bestimmungen fest, Medienmitteilung des Staatssekretariats f\u00fcr Internationale Finanzfragen (SIF), 21. Oktober 2015; Finma, Faktenblatt: Die neuen Too-big-to-fail-Kapitalanforderungen f\u00fcr global systemrelevante Banken in der Schweiz, 21. Oktober 2015.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Vgl. die <a href='https:\/\/www.admin.ch\/ch\/d\/gg\/pc\/pendent.html#EFD' target=\"_blank\">Vernehmlassungsunterlagen<\/a> vom 22. Dezember 2015 unter Admin.ch.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach mehrj\u00e4hrigen Vorarbeiten hat das Financial Stability Board (FSB) am 9. 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Es kommt zur Aufspaltung des Konzerns in Untergruppen (z. B. entlang von Gesch\u00e4ftsbereichen oder von L\u00e4ndergrenzen), die einzeln abgewickelt werden. In diesem Verfahren sind mehrere Beh\u00f6rden parallel aktiv."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":114055,"main_focus":null,"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":114059,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"46780","post_abstract":"Die anhaltenden Bem\u00fchungen der Schweizer Beh\u00f6rden zur Entsch\u00e4rfung der \u00abToo big to fail\u00bb-Problematik haben durch die k\u00fcrzlich verabschiedeten internationalen Mindeststandards f\u00fcr verlustabsorbierendes Kapital (total loss-absorbing capacity, TLAC) entscheidenden R\u00fcckenwind erhalten. 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