{"id":114382,"date":"2015-12-21T16:43:08","date_gmt":"2015-12-21T16:43:08","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/12\/gazareth-01-02-2016\/"},"modified":"2023-08-23T23:11:11","modified_gmt":"2023-08-23T21:11:11","slug":"gazareth-01-02-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/12\/gazareth-01-02-2016\/","title":{"rendered":"Ungleichheit in der Schweiz \u2013 auch eine Frage der Daten"},"content":{"rendered":"<p>Einkommensungleichheiten sind in der soziologischen und der wirtschaftlichen Forschung ein zentrales Thema. Diese Problematik sorgt auch heute noch f\u00fcr Diskussionen, da\u00a0seit 200 Jahren daf\u00fcr gek\u00e4mpft wird, dass die gesamte Bev\u00f6lkerung von besseren materiellen Lebensbedingungen profitiert. Diese Verbesserung der Lebensbedingungen in der Schweiz basierte einerseits auf der Schaffung von Wohlstand und andererseits auf der Umverteilung dieses Wohlstands und dem Schutz vor Armut. Die Thematisierung von Ungleichheit ist auch deshalb wichtig, da grosse Einkommensungleichheiten den sozialen Zusammenhalt und damit die Grundlagen moderner demokratischer Gesellschaften, aber auch deren wirtschaftlichen Erfolg gef\u00e4hrden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNachdem die Ideale einer klassenlosen Gesellschaft lange an Einfluss verloren haben, gewinnt das Ungleichheitsthema im Kontext der wirtschaftlichen Globalisierung wieder an Relevanz. Durch die Globalisierung w\u00e4chst der Reichtum substanziell, er ist aber st\u00e4rker konzentriert, wodurch sich die materielle Situation gewisser gesellschaftlicher Gruppen versch\u00e4rft. Dazu geh\u00f6ren Personen, die keine Ausbildung haben oder kleine Landwirtschaftsbetriebe f\u00fchren, genauso wie ein Teil des Mittelstands und F\u00fchrungskr\u00e4fte in Branchen, die an Bedeutung verlieren oder einem intensivierten globalen Wettbewerb ausgesetzt sind. Verschiedene Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass sich die Kluft zwischen Arm und Reich seit den Siebzigerjahren in vielen L\u00e4ndern vertieft hat.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn der Schweiz wurde den wirtschaftlichen Ungleichheiten lange Zeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dies ist m\u00f6glicherweise damit zu erkl\u00e4ren, dass es dem Land gelungen ist, die Armut tief zu halten, indem es wirtschaftlichen Erfolg mit der F\u00e4higkeit koppelte, Reichtum aus dem Ausland anzuziehen, zum Beispiel mit einer f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Kapital attraktiven Steuerpolitik.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nF\u00fcr die bisherige Forschungst\u00e4tigkeit zum Thema Ungleichheit dr\u00e4ngt sich aber noch eine andere Erkl\u00e4rung auf: die Art der verf\u00fcgbaren Daten. Die meisten Studien zur Schweiz beruhen entweder auf Steuerdaten, auf den AHV-Registern oder auf grossen Stichprobenbefragungen bei Einzelpersonen oder Haushalten. Diese Quellen weisen jedoch Grenzen auf, wenn es darum geht, Einkommensungleichheiten zu messen, und schr\u00e4nken so die Forschungsm\u00f6glichkeiten ein. In den letzten Jahren hat sich dies zwar verbessert, doch wenn nur eine einzige Datenquelle herangezogen wird, bleibt ein Teil der Realit\u00e4t im Dunkeln (siehe <em>Kasten<\/em>).&#13;<\/p>\n<h2>Bereits die Datenauswahl beeinflusst die Ergebnisse<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nStatistiken wird nachgesagt, man k\u00f6nne mit ihnen alles beweisen \u2013 auch das Gegenteil. Die Messungen von Einkommensungleichheiten entkr\u00e4ften diese Aussage nicht. Mit einer einzigen Messmethode scheint eine so komplexe Realit\u00e4t wie die Einkommensungleichheit unm\u00f6glich erfassbar zu sein. Eine Vereinfachung dieser Realit\u00e4t bedingt Entscheidungen, die unweigerlich einen Einfluss auf die Ergebnisse haben, da sie festlegen, welcher Teil der Realit\u00e4t abgebildet wird. Diese Entscheidungen betreffen etwa das Einkommensmass wie auch die gew\u00e4hlten Ungleichheitsindikatoren und die Datenquellen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nBei der Auswahl des Einkommensmasses stellen sich folgende Fragen: Ist es sinnvoller, das Einkommen der Haushalte oder dasjenige der Einzelpersonen heranzuziehen? Betrachtet man nur die Einkommen aus Arbeit oder auch die Einkommen aus Verm\u00f6gen? Ist das Brutto- oder das Nettoeinkommen aussagekr\u00e4ftiger? Bereits dadurch ergeben sich unterschiedliche Schlussfolgerungen. Die Einkommen der Haushalte zum Beispiel sind ausgeglichener als die Einkommen der Einzelpersonen, weil innerhalb der Haushalte bereits eine Umverteilung erfolgt. Auch die verf\u00fcgbaren Einkommen (nach Abzug von Steuern und obligatorischer Krankenversicherung) bewegen sich in einer engeren Bandbreite als die Nettoeinkommen. Umgekehrt vergr\u00f6ssern sich mit der Ber\u00fccksichtigung von Verm\u00f6gensertr\u00e4gen die Ungleichheiten, da das Verm\u00f6gen sehr ungleich verteilt ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine andere Entscheidung, die Einfluss auf die Ergebnisse hat, betrifft die Wahl der Ungleichheitsindikatoren. Der bekannteste Indikator ist der Gini-Index. Er bietet eine Gesamtsicht dar\u00fcber, wie die Einkommen verteilt sind; er reagiert aber weniger auf Ver\u00e4nderungen im obersten und im untersten Einkommensbereich. Andere Indikatoren wie etwa Perzentilenverh\u00e4ltnisse \u2013 beispielsweise das Verh\u00e4ltnis des untersten bzw. des h\u00f6chsten Einkommensdezils zum mittleren Einkommen \u2013 verm\u00f6gen die Verteilung der hohen und der tiefen Einkommen deutlicher aufzuzeigen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSchliesslich stellt sich die Frage, welche Daten zu verwenden sind. Die meisten Daten decken die Pole der Verteilung schlecht ab (siehe <em>Kasten<\/em>). Bei den Befragungen der Haushalte sind zudem arme und reiche Einheiten h\u00e4ufig untervertreten, was die gemessenen Ungleichheiten doppelt gl\u00e4ttet. Steuerdaten \u00fcbersch\u00e4tzen hingegen die Einkommensunterschiede, indem niedrige, nicht steuerpflichtige Einkommen grunds\u00e4tzlich mit null beziffert werden. Zudem untersch\u00e4tzen sie gewisse Einkommen, da bestimmte Einkommensbestandteile wie zum Beispiel Kapitalgewinne sowie Steueroptimierungen und -hinterziehungen ausgeblendet werden. Die AHV-Register bilden die einheitlichste und vollst\u00e4ndigste Quelle \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum. Sie weisen die beitragspflichtigen Einkommen aus, vernachl\u00e4ssigen allerdings Einkommen wie Renten aus der zweiten S\u00e4ule oder Verm\u00f6gensertr\u00e4ge und untersch\u00e4tzen somit insgesamt die Ungleichheit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas vom Schweizerischen Nationalfonds unterst\u00fctzte Forschungsprojekt <em>Income and Wealth Inequality, Deprivation and Wellbeing in Switzerland, 1990\u20132013<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/em>\u00a0hat das Ziel, die Entwicklung der wirtschaftlichen Ungleichheiten aufzuzeigen und die Auswirkungen auf den Wohlstand der Bev\u00f6lkerung zu analysieren. Um robuste Schlussfolgerungen zur Entwicklung der Einkommensungleichheit zu erhalten, haben wir deshalb die Ergebnisse verschiedener Einkommensmasse und mehrerer Ungleichheitsindikatoren auf der Basis von acht verschiedenen Datenquellen<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>\u00a0verglichen. Dieses Vorgehen erlaubt es, zentrale Entwicklungsmuster aufzuzeigen, bei denen davon ausgegangen werden kann, dass sie die tats\u00e4chliche Entwicklung der Einkommensungleichheiten widerspiegeln, unabh\u00e4ngig vom Einfluss spezifischer Ungleichheitsindikatoren, von Datenquellen und Einkommensmassen.&#13;<\/p>\n<h2>Ungleichheit und Konjunktur entwickeln sich im Gleichschritt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Einkommen der Haushalte wird soweit m\u00f6glich in der Form betrachtet, die am meisten \u00fcber den Lebensstandard aussagt: anhand des verf\u00fcgbaren \u00c4quivalenzeinkommens. Das verf\u00fcgbare \u00c4quivalenzeinkommen ist das Einkommen nach Abzug der sogenannten Zwangsabgaben wie Steuern, Sozialversicherungsbeitr\u00e4ge sowie Krankenkassenpr\u00e4mien und unter Ber\u00fccksichtigung der Zusammensetzung der Haushalte.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Gegensatz zu anderen L\u00e4ndern und trotz des Bev\u00f6lkerungswachstums ist die Einkommensungleichheit in der Schweiz seit 1990 insgesamt stabil geblieben. Zwischen einzelnen Jahren und je nach Quelle bestehen allerdings bedeutende Abweichungen. Dies ist zu einem Grossteil mit methodischen Unterschieden erkl\u00e4rbar. Wie die <em>Abbildung<\/em> zeigt, resulitert eine gr\u00f6ssere Einkommensungleichheit aus den Daten der Eidgen\u00f6ssischen Steuerverwaltung (ESTV) und der Schweizerischen Arbeitskr\u00e4fteerhebung (SAKE), die auf den Nettoeinkommen beruhen. Auch bei der ESTV-Reihe mit null, die allen nicht Steuerpflichtigen ein Einkommen von null zuweist, sind die Ungleichheiten st\u00e4rker. Der Grund daf\u00fcr ist, dass diese Datenreihe die Einkommensunterschiede \u00fcbersch\u00e4tzt, wohingegen die Reihe ohne Null-Werte die Unterschiede eher untersch\u00e4tzt. Im \u00dcbrigen folgen die j\u00e4hrlichen Schwankungen einem Muster, das im Allgemeinen parallel zu den Konjunkturzyklen verl\u00e4uft: Die Ungleichheit steigt in Wachstumsphasen wie am Ende der Neunzigerjahre oder zwischen 2003 und 2007. Umgekehrt geht die Ungleichheit zur\u00fcck, wenn sich das Wachstum verlangsamt wie zwischen 2000 und 2003.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Gini-Koeffizient des verf\u00fcgbaren Haushaltseinkommens 1990\u20132012 nach Datenquelle<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"Gazareth_DE\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n\n$(function () {\n    $('#Gazareth_DE').highcharts({\n         chart: {\n        defaultSeriesType: 'spline',\n        renderTo: 'container'\n    },\n        \n        title: {\n            text: '',\n            x: -20 \/\/center\n        },\n        subtitle: {\n            text: '',\n            x: -20\n        },\n        xAxis: {\n            categories: ['1990','1991','1992','1993','1994','1995','1996','1997','1998','1999','2000','2001','2002','2003','2004','2005','2006','2007','2008','2009','2010','2011','2012', '2013']\n        },\n        yAxis: {\n            title: {\n                text: 'Gini-Koeffizient'\n            },\n            plotLines: [{\n                value: 0,\n                width: 1,\n                color: '#808080'\n            }]\n        },\n        tooltip: {\n            valueSuffix: ' Gini-Koeffizient'\n        },\n        \n        series: [{\n            name: 'HABE',\n            data: \t\t[null,null,null,null,null,null,null,null,0.300,null,0.287,0.263,0.274,0.261,0.269,0.270,0.274,0.288,0.279,0.275,0.282,0.280,0.289]\n        }, {\n            name: 'HABE-Ecoplan',\n color: '#ae097f',\n            data: [0.266,null,null,null,null,null,null,null,0.290,null,0.286,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null]\n        }, {\n            name: 'SAKE (netto)',\n color: '#0074be',\n            data: [null,0.395,0.425,0.419,0.376,0.418,0.424,0.443,0.463,0.428,0.434,0.425,0.428,0.412,0.380,0.405,0.409,0.425,0.335,0.376,0.412,0.390,0.375,null]\n        }, {\n            name: 'SHP',\n            data: [null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,0.280,0.289,0.281,0.270,0.278,0.270,0.277,0.281,0.276,0.269,0.259,0.265,0.280,null]\n        }, {\n            name: 'SILC',\n            data: [null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,0.301,0.312,0.301,0.294,0.295,0.287,null,null]\n        }, {\n            name: 'ESTV (netto, ohne null)',\ncolor: '#66c576',\n            data: [0.362,0.364,0.364,0.359,0.359,0.357,0.357,0.353,0.353,0.368,0.372,0.355,0.348,0.352,0.358,0.363,0.367,0.377,0.378,0.376,0.378,0.395,null,null]\n        }, {\n            name: 'ESTV (netto, mit null)',\n color: '#37a932',\n            data: [null,null,null,null,null,0.446,0.446,0.455,0.455,0.456,0.453,0.447,0.442,0.448,0.450,0.457,0.463,0.469,0.469,0.469,0.471,0.478,null,null]\n        }, {\n            name: 'SGB (netto)',\n            data: [null,null,0.28,null,null,null,null,0.25,null,null,null,null,0.26,null,null,null,null,0.29,null,null,null,null,0.26,null]\n        }, {\n            name: 'SAB',\n  color: '#818d94',\n            data: [null,null,0.27,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null,null]\n        }]\n    });\n});\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Anmerkungen: \u00c4quivalenzeinkommen gem\u00e4ss modifizierter OECD-Skala. <strong>HABE<\/strong>: Haushaltsbudgeterhebung (Quellen: BFS (2015), <em>Einkommen der privaten Haushalte nehmen zu, Einkommensverteilung bleibt stabil<\/em><i>)<\/i>, <strong>HABE-Ecoplan<\/strong> (Quelle: Ecoplan (2004): <em>Verteilung des Wohlstands in der Schweiz<\/em>). <strong>SAKE<\/strong>: Schweizerische Arbeitskr\u00e4fteerhebung (Quelle: BFS \/ eigene Berechnungen Suter et al.; Nettoeinkommen; Die Daten von 2008 wurden detailliert \u00fcberpr\u00fcft und imputiert). <strong>SHP<\/strong>: Schweizer Haushalts-Panel (Quelle: SHP\/eigene Berechnungen Suter et al.). <strong>SILC<\/strong>: Statistics on Income and Living Conditions (Quelle: BFS \/ eigene Berechnungen Suter et al.). <strong>ESTV<\/strong>: Eidgen\u00f6ssische Steuerverwaltung (Quelle: ESTV. <em>Statistische Kennzahlen direkte Bundessteuer<\/em>, <a href=\"http:\/\/www.estv.admin.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.estv.admin.ch<\/a> (31.12.2014); Nettoeinkommen; mit Steuereinheiten <strong>(ESTV<\/strong> <strong>netto, mit null<\/strong>) und ohne (<strong>ESTV<\/strong> <strong>netto, ohne null<\/strong>), deren steuerbares Einkommen null betr\u00e4gt). <strong>SGB<\/strong>: Schweizerische Gesundheitsbefragung (Quelle: BFS \/ eigene Berechnungen Suter et al.; Nettoeinkommen). <strong>SAB<\/strong>: Schweizer Armutsbefragung (Quelle: Leu et al. (1997), <em>Lebensqualit\u00e4t und Armut in der Schweiz<\/em>).<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Suter et al. \/ Die Volkswirtschaft&#13;<br \/>\n<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Einfluss der Wirtschaftszyklen ist damit zu erkl\u00e4ren, dass Kapitalertr\u00e4ge und erfolgsabh\u00e4ngige Verg\u00fctungen wie Pr\u00e4mien und Boni konjunkturabh\u00e4ngig sind und diese vor allem in wohlhabenderen Haushalten eine Rolle spielen. Gleichzeitig wirkt das System der sozialen Sicherheit stabilisierend, indem es die Folgen von Wirtschaftskrisen wie Arbeitslosigkeit und Armut abfedert. Diese Stabilisierung kommt insbesondere Haushalten mit tiefen und mittleren Einkommen zugute, ebenso wie konjunkturunabh\u00e4ngige Rentenleistungen, die sich in erster Linie parallel zur Teuerung entwickeln, an die sie regelm\u00e4ssig angepasst werden.&#13;<\/p>\n<h2>Spitzenl\u00f6hne treiben Ungleichheit an<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAnalysen zur Entwicklung der Erwerbseinkommen von Einzelpersonen stellen die oben dargestellten Befunde einer weitgehend stabilen Entwicklung der Schweizerischen Einkommensungleichheit jedoch infrage. Die vollst\u00e4ndigsten Lohndaten weisen darauf hin, dass die Lohnunterschiede nach einem leichten R\u00fcckgang in der ersten H\u00e4lfte der Neunzigerjahre \u2013 abgesehen von konjunkturellen Schwankungen \u2013 kontinuierlich gewachsen sind. Hauptmotor dieser Entwicklung sind angesichts nur leicht wachsender tiefer und mittlerer L\u00f6hne demnach die hohen Einkommen. Aber auch die zunehmende Teilzeitarbeit spielt dabei eine Rolle.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiese Zunahme der Lohnungleichheiten kommt nur mit Daten zum Vorschein, welche die Spitzeneinkommen gut abdecken, etwa mit der Schweizerischen Lohnstrukturerhebung oder dem AHV-Register. Umgekehrt zeichnen die Haushaltsbefragungen eher das Bild stagnierender oder sogar r\u00fcckl\u00e4ufiger Lohnungleichheiten, was mit ihrem Fokus auf eine breite Mittelschicht zu erkl\u00e4ren ist. In der Schweiz dominieren demnach stabile Lohnungleichheiten im breiten zentralen Segment der Verteilung, w\u00e4hrend bei Ber\u00fccksichtigung der Spitzenl\u00f6hne eine Zunahme der Ungleichheiten resultiert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDoch wie ist es zu erkl\u00e4ren, dass die Ergebnisse f\u00fcr die Haushaltseinkommen diese Ungleichheitszunahme nicht abbilden? Daf\u00fcr sind verschiedene Gr\u00fcnde verantwortlich. Einerseits bel\u00e4uft sich der Anteil sehr hoher L\u00f6hne auf weniger als 1 Prozent, was ihren Einfluss auf einen Indikator wie den Gini-Index beschr\u00e4nkt. Andererseits decken nur die Daten der ESTV die Haushalte mit den h\u00f6chsten Einkommen richtig ab. Aus diesen Daten geht ebenfalls hervor, dass die Ungleichheiten gewachsen sind und die Entwicklung, zumindest seit 2002, \u00e4hnlich verlief wie bei den L\u00f6hnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSchliesslich tragen mehrere Elemente dazu bei, dass die Ungleichheiten bei den L\u00f6hnen der Einzelpersonen nicht identisch sind mit den Ungleichheiten beim verf\u00fcgbaren Einkommen der Haushalte. Ein Grund daf\u00fcr ist einerseits die ausgleichende Wirkung der Steuern auf das verf\u00fcgbare Einkommen, andererseits aber auch die Zusammenlegung der individuellen Einkommen der Haushaltsmitglieder zur Berechnung der \u00c4quivalenzeinkommen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Erwerbst\u00e4tigkeit der Frauen, die von 67 Prozent im Jahr 1992 auf 76 Prozent im Jahr 2012 anstieg, hatte ebenfalls eine ausgleichende Wirkung, indem sie den Anteil der Haushalte reduzierte, die nur \u00fcber ein einziges Einkommen verf\u00fcgen. Und schliesslich verringert sich mit der Alterung der Bev\u00f6lkerung auch der Einfluss der Erwerbseinkommen auf die Ungleichheiten zwischen den Haushalten.&#13;<\/p>\n<h2>Politische Reformvorhaben k\u00f6nnten die Ungleichheit verst\u00e4rken<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz vermag sich den globalen Trends nicht zu entziehen. Mehrere Quellen best\u00e4tigen, dass im Kielwasser stark wachsender Spitzenl\u00f6hne auch hierzulande die Einkommensungleichheiten wachsen. Verschiedene Einfl\u00fcsse beschr\u00e4nken jedoch eine entsprechende Ungleichheitszunahme bei den Einkommen der Haushalte: Die solide Wirtschaftskraft der Schweiz, das System der sozialen Sicherheit, die Steuerpolitik und der traditionell hohe Anteil von Frauen mit Teilzeiterwerbst\u00e4tigkeiten sorgen daf\u00fcr, dass sich die Einkommensschere bei den Haushalten weniger stark ge\u00f6ffnet hat als in vielen anderen L\u00e4ndern. Selbst durch die Immigration haben sich die Ungleichheiten nicht wesentlich ge\u00e4ndert. Deshalb ist die Einkommensungleichheit in der Schweiz heute zwar immer noch ausgepr\u00e4gt, international liegt sie aber im unteren Mittelfeld.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMehrere politische Reformen k\u00f6nnten jedoch die Mechanismen ver\u00e4ndern, die bisher zu dieser relativen Stabilit\u00e4t beigetragen haben. Verschiedene Steuerreformen k\u00f6nnten den ausgleichenden Effekt zwischen dem vorsteuerlichen Nettoeinkommen und dem verf\u00fcgbaren Einkommen nach Steuern reduzieren. Ebenso w\u00fcrde beispielsweise eine Aufhebung der automatischen Indexierung f\u00fcr die Renten der ersten S\u00e4ule die Kluft zwischen Rentenbez\u00fcgern und Erwerbsbev\u00f6lkerung vertiefen und dadurch die Ungleichheit insgesamt verst\u00e4rken. Auch Massnahmen, die das Arbeitsvolumen in den Haushalten und die Haushaltsgr\u00f6sse ver\u00e4ndern \u2013 etwa Reformen zur besseren Vereinbarkeit von Arbeit und Familie \u2013, k\u00f6nnen einen Einfluss auf die Einkommensungleichheit haben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNiemand kann voraussagen, wie die Bev\u00f6lkerung auf eine Vertiefung der Einkommenskluft reagieren wird. Wissenschaftlich und politisch notwendig ist auf jeden Fall die Bereitstellung von Daten, die zuverl\u00e4ssigere Informationen zu dieser Problematik liefern.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Gesuchsnummer 100017_143320.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Wir danken dem Bundesamt f\u00fcr Statistik und dem Schweizer Haushalt-Panel f\u00fcr die Bereitstellung der Daten.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einkommensungleichheiten sind in der soziologischen und der wirtschaftlichen Forschung ein zentrales Thema. 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Studien zur Einkommensverteilung kommen immer wieder zu unterschiedlichen Resultaten. Oft beeinflusst bereits die Auswahl der Datenquelle das Ergebnis. Die Analyse unterschiedlicher Datenquellen liefert deshalb aufschlussreiche Ergebnisse.","post_hero_image_description":"AHV-Renten wirken d\u00e4mpfend auf Einkommensungleichheiten. Senioren tanzen in B\u00fcrglen TG.","post_hero_image_description_copyright_de":"Keystone","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"<ul>&#13;\n\t<li>Suter, K., Kuhn, U., Gazareth, P., Crettaz, E. und Ravazzini, L. (Ver\u00f6ffentlichung bevorstehend). Considering the Various Data Sources, Survey Types and Indicators: To What Extent Do Conclusions Regarding Changing Income Inequality in Switzerland Since the Early 1990s Converge? In: Franzen et al, Inequality and Integration in Time of Crisis. Proceedings of the SSA Congress 2013. Zurich: Seismo.<\/li>&#13;\n\t<li>Kuhn, U. &amp; Suter, C. (2015). Entwicklung der Einkommensungleichheit in der Schweiz. Social Change in Switzerland Nr. 2, <a href=\"http:\/\/socialchangeswitzerland.ch\" target=\"_blank\">socialchangeswitzerland.ch<\/a>.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Einschr\u00e4nkungen verschiedener Datenquellen bei der Messung von Einkommensungleichheiten","kasten_box":"Bei der Verwendung von <em>Steuerdaten<\/em> besteht das Problem, dass Personen, die aufgrund ihres tiefen Einkommens nicht steuerpflichtig sind, in der Analyse unber\u00fccksichtigt bleiben. Teilweise kann es dabei auch zu \u00dcberschneidungen von Steuereinheiten und Wirtschaftseinheiten (Haushalte) kommen. Selbstst\u00e4ndigerwerbende haben zudem Spielraum bei der steuerlichen Trennung von pers\u00f6nlichem Einkommen und Unternehmensertr\u00e4gen.&#13;\n&#13;\nEin anderes Problem stellt sich bei der Verwendung der <em>Register der AHV-Beitr\u00e4ge<\/em>: Einerseits bleiben hier Einkommen unber\u00fccksichtigt, die nicht aus Erwerbst\u00e4tigkeit stammen, andererseits sind bei AHV-Daten die Haushalte nicht identifizierbar.&#13;\n&#13;\nAber auch <em>Umfragedaten<\/em> haben ihre Schw\u00e4chen. Sehr reiche und sehr arme Personen bleiben in abschliessenden Stichproben untervertreten. Ausserdem werden bei Befragungen tendenziell zu tiefe Einkommensangaben gemacht. Dies ist insbesondere bei Haushalten mit unregelm\u00e4ssigen oder gelegentlichen Einkommensquellen der Fall, aber auch wenn das Einkommen mit einer einzigen Frage erhoben wird, weil dabei oft gewisse Nebeneinkommen vergessen gehen. 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