{"id":114445,"date":"2015-12-21T16:43:08","date_gmt":"2015-12-21T16:43:08","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/12\/lorenz-01-02-2016\/"},"modified":"2023-08-23T23:11:11","modified_gmt":"2023-08-23T21:11:11","slug":"lorenz-01-02-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/12\/lorenz-01-02-2016\/","title":{"rendered":"Die Bedeutung der nachhaltigen Entwicklung im Finanzmarktbereich und die Rolle des Staates"},"content":{"rendered":"<p>Die Frage der nachhaltigen Entwicklung<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>\u00a0ist von immer gr\u00f6sserer Bedeutung. Zum Ausdruck kommt dies unter anderem in der Agenda 2030 f\u00fcr nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen und in der UNO-Klimakonferenz 2015, die in Paris durchgef\u00fchrt wurde. Die nachhaltige Entwicklung und deren F\u00f6rderung durch die Schweizerische Eidgenossenschaft ist ein Verfassungsauftrag. Seit 1997 erarbeitet der Bundesrat alle vier Jahre eine Strategie, mit der eine koh\u00e4rente nachhaltige Entwicklung unseres Landes gew\u00e4hrleistet werden soll. Gegenw\u00e4rtig wird diese Strategie im Hinblick auf die Legislaturperiode 2016\u20132020 \u00fcberarbeitet. Parallel dazu sind in der Bundesverwaltung verschiedene Projekte wie der \u00abAktionsplan Gr\u00fcne Wirtschaft\u00bb oder der \u00abGrundlagenbericht Rohstoffe\u00bb in Bearbeitung.&#13;<\/p>\n<h2>Chancen, aber auch Risiken<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Konzept der nachhaltigen Entwicklung ist auch f\u00fcr die Finanzmarktpolitik relevant. Dies zeigt sich insbesondere in den Arbeiten des Financial Stability Board (FSB), des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) und der G20. Diese dienen dazu, die potenziellen Auswirkungen des Klimawandels auf die Finanzmarktstabilit\u00e4t abzukl\u00e4ren. Die Thematik ist f\u00fcr die Schweiz in zweifacher Hinsicht von Bedeutung: zum einen als potenzielles Risiko f\u00fcr die Stabilit\u00e4t des schweizerischen Finanzsystems und zum anderen als Chance f\u00fcr unser Land.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZahlreiche internationale Studien deuten darauf hin, dass die \u00f6kologischen und gesellschaftlichen Herausforderungen und die damit verbundenen Massnahmen unter Umst\u00e4nden betr\u00e4chtliche Auswirkungen auf die Investitionen, die Finanzm\u00e4rkte, die sektorielle Kapitalallokation und letztlich auf die Finanzmarktstabilit\u00e4t und das Wachstum haben k\u00f6nnten. In diesem Zusammenhang hat die Bank of England letzten September einen Bericht ver\u00f6ffentlicht, in dem festgehalten wird, dass in Verbindung mit dem Klimawandel das Risiko einer Kohlenstoffblase besteht<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>. Die potenziellen Umwelt-, Sozial- und Gouvernanzrisiken f\u00fcr die Stabilit\u00e4t des Finanzsystems m\u00fcssen daher in den n\u00e4chsten Jahren sorgf\u00e4ltig analysiert werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMit einem Fokus auf eine nachhaltige Entwicklung k\u00f6nnten jedoch die Attraktivit\u00e4t und die Wettbewerbsf\u00e4higkeit des Finanzplatzes Schweiz gest\u00e4rkt werden. Zus\u00e4tzlich zu den g\u00fcnstigen Rahmenbedingungen verf\u00fcgt unser Land \u00fcber die erforderliche Erfahrung im Bereich der nachhaltigen Finanzen. Dies garantiert der Schweiz langfristig einen Wettbewerbsvorteil, der den Finanzplatz Schweiz f\u00fcr Finanzfachleute, neuartige Ideen und innovative Finanzinstitutionen attraktiv macht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGleichzeitig bestehen indessen auch zahlreiche Herausforderungen. Der abstrakte Charakter der nachhaltigen Entwicklung hat zur Folge, dass sie von jedem unterschiedlich interpretiert wird. Eine der Hauptschwierigkeiten besteht nach wie vor darin, dass in Bezug auf die Definition und die Bemessung der Umwelt-, Sozial- und Gouvernanzkonzepte und der damit verbundenen Risiken auf internationaler Ebene kein Konsens besteht.&#13;<\/p>\n<h2>Definierte Risiken, aber mangelnde Messinstrumente<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie klimabedingten Risiken, die das FSB besonders besch\u00e4ftigen, lassen sich in drei Hauptkategorien unterteilen:&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li><em>Physical Risks <\/em>sind Risiken im Zusammenhang mit klimatischen und meteorologischen Ereignissen<em&gt;;<\/em><\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li><em>Liability Risks<\/em> sind Risiken, die sich aus einer Haftung f\u00fcr Sch\u00e4den im Zusammenhang mit dem Klimawandel ergeben;<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li><em>Transition Risks<\/em> sind Risiken, die sich aus dem \u00dcbergang zu einer Wirtschaft mit geringeren CO<sub>2<\/sub>-Emissionen ergeben.<\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>\n<p>&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWas die Letzteren betrifft, k\u00f6nnte eine andere Bewertung von CO<sub>2<\/sub>-intensiven Investitionen zur Folge haben, dass sich diese in verlorene Verm\u00f6genswerte, sogenannte Stranded Assets, verwandeln. Die M\u00e4rkte sind bisher nicht davon \u00fcberzeugt, dass die Staaten tats\u00e4chlich die Absicht haben, die globale Klimaerw\u00e4rmung bis zum Ende dieses Jahrhunderts auf einen Temperaturanstieg um zwei Grad zu begrenzen. Dies bewirkt eine immer noch starke Kapitalallokation in CO<sub>2<\/sub>-intensiven Branchen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSolange keine Instrumente f\u00fcr die Bemessung und die Beurteilung der Risiken verf\u00fcgbar sind, ist es f\u00fcr die Finanzinstitute und Staaten schwierig, diese Risiken richtig einzusch\u00e4tzen. Diesbez\u00fcglich k\u00f6nnen verschiedene Methoden wie beispielsweise Stresstests in Betracht gezogen werden, die verschiedene Szenarien und Zeithorizonte ber\u00fccksichtigen.&#13;<\/p>\n<h2>F\u00f6rderung der Transparenz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Zusammenhang mit den \u00f6kologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen von gesch\u00e4ftlichen Aktivit\u00e4ten m\u00fcssen\u00a0die Transparenz und die Verl\u00e4sslichkeit der Informationen erh\u00f6ht werden. Dies ist f\u00fcr die Konsumentinnen und Konsumenten wie auch die Finanzmarktakteure von ausschlaggebender Bedeutung. Denn nur so lassen sich die externen gesellschaftlichen und \u00f6kologischen Kosten in die einzelnen Schritte der Wertsch\u00f6pfungskette internalisieren. Dies tr\u00e4gt dazu bei, die Preise den tats\u00e4chlichen Kosten anzun\u00e4hern, woraus ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum resultiert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVor diesem Hintergrund hat das FSB die vom Privatsektor gef\u00fchrte Arbeitsgruppe \u00abDisclosure Task Force on Climate-Related Risks\u00bb eingesetzt. Diese hat den Auftrag, koh\u00e4rente Standards f\u00fcr die Offenlegung und die Darstellung von Risiken zu entwickeln, die in Verbindung mit dem Klimawandel stehen und die es Investoren und anderen interessierten Kreisen erm\u00f6glichen, die Konsequenzen ihres Handelns zu verstehen.&#13;<\/p>\n<h2>F\u00f6rder- und Vermittlungsfunktion des Staates<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Staat muss gew\u00e4hrleisten, dass f\u00fcr den Finanzsektor stabile und attraktive Rahmenbedingungen aufrechterhalten und allenfalls noch weiter verbessert werden. Ausserdem muss er daf\u00fcr sorgen, dass den Risiken Rechnung getragen wird, die unter Umst\u00e4nden die Stabilit\u00e4t des Finanzsystems bedrohen sowie die Stabilit\u00e4t und die Nachhaltigkeit der gesamten Wirtschaft gef\u00e4hrden. Bei Bedarf muss der Staat die erforderlichen Massnahmen treffen, um solche Risiken zu beseitigen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs ist von entscheidender Bedeutung, dass der Staat in n\u00e4chster Zukunft den Dialog mit Vertretern der Finanzbranche zu Nachhaltigkeitsfragen vertieft. Dabei geht es darum, weitere Fortschritte bei der Entwicklung sinnvoller Konzepte zu erzielen, die Transparenz zu erh\u00f6hen und den Finanzsektor f\u00fcr die mit der Nachhaltigkeit verbundenen Herausforderungen zu sensibilisieren. Im Rahmen dieses Dialogs sollte auch festgelegt werden, auf welche Weise die staatlichen Stellen bestm\u00f6glich die Anstrengungen der Branche unterst\u00fctzen und dazu beitragen k\u00f6nnen, dass die Umwelt-, Sozial- und Gouvernanzkriterien im Finanzplatz Schweiz integriert werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDies erfordert eine langfristig koh\u00e4rente Finanzmarktregulierung, welche die wirtschaftliche Entwicklung unterst\u00fctzt und auf den Grundlagen der schweizerischen Finanzmarktpolitik aufbaut, d.\u00a0h. auf der Wirtschaftsfreiheit und der Subsidiarit\u00e4t des staatlichen Handelns. Dies gilt auch f\u00fcr Nachhaltigkeitsfragen sowie f\u00fcr Umwelt-, Sozial- und Governanzrisiken. Im \u00dcbrigen betreibt der Staat keine \u00abNischenpolitik\u00bb. Wenn sich der Finanzplatz als Zentrum f\u00fcr nachhaltige Investitionen positionieren will, muss er selbst die Initiative ergreifen. Ein derartiges Vorhaben steht im Einklang mit einer langfristigen Ausrichtung, die dazu beitr\u00e4gt, das Ansehen des Finanzplatzes Schweiz als offenes und integres Finanzzentrum mit hervorragenden Dienstleistungen noch weiter zu festigen. Deshalb k\u00f6nnte der Staat die betreffenden Anstrengungen unterst\u00fctzen, indem er eine Vermittlungs- und F\u00f6rderfunktion \u00fcbernimmt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuf internationaler Ebene ist es im Interesse der Schweiz, aktiv zur Entwicklung und zur Umsetzung multilateraler L\u00f6sungen und Normen beizutragen. Gleichzeitig muss sie jedoch darauf achten, dass die Regelungen koordiniert werden, damit unsere Unternehmen im Vergleich zu den Wettbewerbern nicht benachteiligt werden. China beabsichtigt, eine \u00ab\u00f6kologisch ausgerichtete Finanzwirtschaft\u00bb zu einer der Priorit\u00e4ten seiner G20-Pr\u00e4sidentschaft im Jahr 2016 zu machen. In diesem Zusammenhang ist es von grundlegender Bedeutung, dass die Schweiz in der Lage ist, zu dieser Thematik auf internationaler Ebene eine klare, gemeinsame und koh\u00e4rente Position vorzulegen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Die Schweiz st\u00fctzt sich auf die Definition von nachhaltiger Entwicklung, die 1987 von der Brundtland-Kommission in deren Bericht \u00abOur Common Future\u00bb formuliert wurde: \u00abNachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bed\u00fcrfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass k\u00fcnftige Generationen ihre eigenen Bed\u00fcrfnisse nicht befriedigen k\u00f6nnen.\u00bb&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Bank of England, Prudential Regulation Authority (2015). The Impact of Climate Change on the UK Insurance Sector.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage der nachhaltigen Entwicklung\u00a0ist von immer gr\u00f6sserer Bedeutung. Zum Ausdruck kommt dies unter anderem in der Agenda 2030 f\u00fcr nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen und in der UNO-Klimakonferenz 2015, die in Paris durchgef\u00fchrt wurde. Die nachhaltige Entwicklung und deren F\u00f6rderung durch die Schweizerische Eidgenossenschaft ist ein Verfassungsauftrag. 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