{"id":114901,"date":"2015-11-24T15:32:22","date_gmt":"2015-11-24T15:32:22","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/11\/unternehmenssteuerreform-iii-geld-aus-bern-bleibt-in-den-kantonen-kleben\/"},"modified":"2023-08-23T23:11:54","modified_gmt":"2023-08-23T21:11:54","slug":"unternehmenssteuerreform-iii-geld-aus-bern-bleibt-in-den-kantonen-kleben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/11\/unternehmenssteuerreform-iii-geld-aus-bern-bleibt-in-den-kantonen-kleben\/","title":{"rendered":"Unternehmenssteuerreform III: Geld aus Bern bleibt in den Kantonen kleben"},"content":{"rendered":"<p>Im Weltkriegssommer 1915 stimmten an der Urne \u00fcber 94 Prozent der Erhebung einer einmaligen eidgen\u00f6ssischen Kriegssteuer zu \u2013 der ersten Einkommenssteuer des Bundes. Was als einmalig gedacht war, blieb dauerhaft bestehen. Ebenfalls heute noch bestehend ist das damals festgelegte Verbundsystem zwischen Bund und Kantonen. Da der Erhebungsaufwand durch die Kantone zu tragen war, \u00fcberliess ihnen der Bund im Gegenzug ein F\u00fcnftel des Bruttoertrags. Der Kantonsanteil an der Einkommenssteuer des Bundes war geboren und zeigte ein erstaunliches Beharrungsverm\u00f6gen in jeder neuen Finanzordnung seit Einf\u00fchrung der Kriegssteuer. Direkt nach der Eintretensdebatte im Herbst 1915 gab der st\u00e4nder\u00e4tliche Kommissionsberichterstatter Peter Isler zu Protokoll: \u00abDie Verteilung des Ertrages der Steuer unter den Bund und die Kantone erfolgt auf Grundlage des Bruttoertrages, denn die Kosten der ganzen Erhebung sind von den Kantonen auf ihren F\u00fcnftel zu \u00fcbernehmen.\u00bb Mit anderen Worten: Der Kantonsanteil hat den Zweck, den Veranlagungsaufwand der Kantone f\u00fcr die Erhebung der direkten Bundessteuer zu entsch\u00e4digen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWarum ist der Zweck des Kantonsanteils als Aufwandsentsch\u00e4digung f\u00fcr die veranlagenden Kantone wichtig? Eine Antwort darauf lieferten indirekt der amerikanische Finanzwissenschaftler Edward Gramlich Ende der Sechzigerjahre und die auf seiner Forschung aufbauenden Beitr\u00e4ge in der \u00f6konomischen Literatur. Gramlich zeigte als Erster, was vertikale Finanztransfers bewirken: Die Zahlungen aus Washington an die Bundesstaaten lassen deren Staatsausgaben weit st\u00e4rker ansteigen, als dies bei einer entsprechenden Ausweitung der eigenen Steuerbasis der Fall gewesen w\u00e4re. In einer Diskussion mit Gramlich pr\u00e4gte der US-\u00d6konom Arthur Okun f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen den Begriff \u00abFlypaper-Effekt\u00bb: Geschenktes Geld bleibt dort kleben, wo es hinfliegt. Geld ist eben nicht gleich Geld. Die damit ausgel\u00f6sten Anreize sind entscheidend.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDieser Fliegenpapier-Effekt ist auch f\u00fcr die geplante Unternehmenssteuerreform III von Bedeutung. Zur Finanzierung m\u00f6glicher Steuerausf\u00e4lle bei einem Wegzug der Statusgesellschaften m\u00f6chte der Bund die Kantone mit einer Ausweitung des Kantonsanteils von 17 auf 20,5 Prozent kompensieren (die Kantone lieb\u00e4ugeln sogar mit einer Ausweitung auf 21,2 Prozent). Damit stiegen die permanenten vertikalen Transfers, die Subventionen f\u00fcr die Kantone, um j\u00e4hrlich etwa eine Milliarde Franken. Liegt die \u00f6konomische Forschung richtig, h\u00e4tte dies einen nicht vernachl\u00e4ssigbaren Flypaper-Effekt \u2013 eine Ausweitung der Staatsquote \u2013 zur Folge. Pikanterweise st\u00fcnde dies in Kontrast zur Annahme des Bundesrats, dass die Kantone das Geld f\u00fcr die St\u00e4rkung der steuerlichen Standortattraktivit\u00e4t auf durchschnittlich 16 Prozent Gewinnsteuerbelastung einsetzen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Aktueller Kantonsanteil gen\u00fcgt<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Schweizer F\u00f6deralismus ist nicht mit einem hydraulischen System zu vergleichen, wo es egal ist, wer welche Mittel zu welcher Staatsebene transferiert. Wohldurchdachte f\u00f6derale Systeme sollten sich am Grundsatz der fiskalischen \u00c4quivalenz ausrichten \u2013 der Einheit von Risiko, Kontrolle und Verantwortung. Es w\u00e4re w\u00fcnschbar, wenn sich das Parlament wieder an den Aargauer St\u00e4nderat Isler erinnerte: Die Kantone sollen f\u00fcr ihren Aufwand entsch\u00e4digt werden. 17 Prozent am Bruttoertrag sollten daf\u00fcr mehr als gen\u00fcgend sein. Die Hoffnung, dass die Ausweitung des Kantonsanteils im Rahmen der Unternehmenssteuerreform III die Kantone zu steuerpolitischer Standortst\u00e4rkung veranlassen werde, entspricht jedenfalls nicht der \u00f6konomischen Erfahrung. W\u00fcrde der Bund die eigene Steuer f\u00fcr die Standortst\u00e4rkung nutzen, w\u00e4re dies dagegen anreizkompatibel, und der Effekt auf die steuerliche Standortattraktivit\u00e4t w\u00e4re wohl eher gew\u00e4hrleistet.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Weltkriegssommer 1915 stimmten an der Urne \u00fcber 94 Prozent der Erhebung einer einmaligen eidgen\u00f6ssischen Kriegssteuer zu \u2013 der ersten Einkommenssteuer des Bundes. Was als einmalig gedacht war, blieb dauerhaft bestehen. Ebenfalls heute noch bestehend ist das damals festgelegte Verbundsystem zwischen Bund und Kantonen. 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