{"id":115176,"date":"2015-10-26T07:51:37","date_gmt":"2015-10-26T07:51:37","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/10\/bundesrat-schneider-ammann-11-2015-franz\/"},"modified":"2023-08-23T23:12:19","modified_gmt":"2023-08-23T21:12:19","slug":"bundesrat-schneider-ammann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/10\/bundesrat-schneider-ammann\/","title":{"rendered":"Der Staat zwischen digitalem Umbruch und wirtschaftlicher Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>In meiner Studienzeit gab es jene, welche die Welt revolutionieren wollten, und jene, die eine Managementkarriere anstrebten, wenn m\u00f6glich in einem grossen etablierten Unternehmen. Diejenigen, die sich als Unternehmer sahen, waren eher die Ausnahme und an unseren Hochschulen relativ selten anzutreffen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Innovationen unterst\u00fctzen junge Unternehmer <\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVierzig\u00a0Jahre sp\u00e4ter hat sich das klar ge\u00e4ndert. Heute reden die Jungen, auch in der Schweiz, h\u00e4ufig von ihren eigenen Start-ups. Wie ihre Vorg\u00e4nger in den Sechziger- und Siebzigerjahren wollen auch sie die Welt revolutionieren, aber dieses Mal mithilfe innovativer Produkte und Gesch\u00e4ftsmodelle.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie enormen Fortschritte in der Informations- und Kommunikationstechnologie (ICT) haben die Voraussetzungen f\u00fcr Unternehmensgr\u00fcndungen stark vereinfacht. Es kostet heute deutlich weniger als fr\u00fcher, eine Idee zu lancieren und erste Prototypen zu entwerfen: Das n\u00f6tige Wissen ist auf einen Klick verf\u00fcgbar, die potenziellen M\u00e4rkte sind viel gr\u00f6sser und der Eintrittspreis, insbesondere bei digitalen Innovationen, viel tiefer als fr\u00fcher.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Ein qualitativ hochwertiges Umfeld<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nOhne die aussergew\u00f6hnliche Entwicklung unseres Hochschulsystems k\u00f6nnten die Jungen die sich bietenden M\u00f6glichkeiten jedoch heute nicht nutzen. Ich denke hier in erster Linie an die ETH in Z\u00fcrich und Lausanne. Beide haben k\u00fcrzlich neue Rekordplatzierungen in den internationalen Rankings erreicht: Im <em>QS Top Universities Ranking<\/em> sind sie um je drei Pl\u00e4tze auf den 9. respektive auf den 14.\u00a0Platz vorger\u00fcckt. Dabei m\u00f6chte ich das dichte Universit\u00e4ts- und Fachhochschulnetz selbstverst\u00e4ndlich nicht unerw\u00e4hnt lassen, ebenso wenig die vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Arbeiten im Bereich der Grundlagenforschung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nOhne \u00f6ffentliche Unterst\u00fctzung h\u00e4tte sich dieser fruchtbare Boden aus Start-ups und Know-how nie entwickeln k\u00f6nnen. Dass diese Start-ups wachsen k\u00f6nnen, verdanken wir auch der Unterst\u00fctzung durch die Kommission f\u00fcr Technologie und Innovation (KTI), die im Departement f\u00fcr Wirtschaft, Bildung und Forschung angesiedelt ist (WBF).&#13;<\/p>\n<h3><strong>Die Risikokapitalfrage <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nRisikokapital (Venture-Capital) ist grundlegend, damit sich ein Start-up zu einem wirtschaftlich tragf\u00e4higen Unternehmen entwickeln kann. Doch unsere institutionellen Anleger interessieren sich bisher nur schwach daf\u00fcr. Das schw\u00e4cht unsere jungen Unternehmer, die sich in der Folge an die grossen ausl\u00e4ndischen Konzerne wenden. Google kaufte letztes Jahr das junge Tessiner Neurotechnologieunternehmen Deepmind, Samsung finanziert den Entwickler von elektronischen Gesundheitsanwendungen Dacadoo, und Apple soll sich ernsthaft f\u00fcr Faceshift \u2013 einen Z\u00fcrcher Spezialisten f\u00fcr Bewegungsverfolgungsprogramme \u2013 interessieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs m\u00fcssen die n\u00f6tigen finanziellen Grundlagen geschaffen werden, damit solche Unternehmen hierzulande wachsen k\u00f6nnen. In diesem Zusammenhang muss die Motion von St\u00e4nderat Konrad Graber (13.4184) eingehend diskutiert werden. Diese sieht vor, einen kleinen Teil der hohen Ersparnisse der Pensionskassen in zukunftstr\u00e4chtige Technologien zu investieren.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Die etablierten Unternehmen: Ein uneinheitliches Bild <\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNicht alle etablierten Unternehmen sind gleich weit fortgeschritten. Einige haben die Digitalisierung schneller in Angriff genommen. Kein Unternehmen ist jedoch gesch\u00fctzt vor den Innovationen im Zuge der Globalisierung des Wissens und vor den Anforderungen, die der starke Franken an sie stellt.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Ein neuer Antrieb f\u00fcr alte Unternehmen<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nViele etablierte Unternehmen sind weit fortgeschritten. Das traditionelle Schl\u00fcsselunternehmen Kaba beispielsweise verkauft nun Zutrittskontrollen, w\u00e4hrend das Liftbauunternehmen Schindler seinen Service rund um die Uhr und teilweise gar f\u00fcr Produkte der Konkurrenz anbietet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDiese neuen Gesch\u00e4ftsmodelle werden durch das Internet der Dinge und Big Data erst m\u00f6glich. Diese Werkzeuge erlauben es, die st\u00e4ndigen R\u00fcckmeldungen von Millionen von Sensoren, die in den Produkten eingebaut sind, auszuwerten. Letztere erlauben es den Wartungsprogrammen, die Einzelteile genau rechtzeitig auszuwechseln und Programme aus der Ferne zu aktualisieren. Gleichzeitig sind sie unerl\u00e4sslich f\u00fcr die Erforschung und Entwicklung neuer Produkte. Der aufstrebende 3-D-Druck revolutioniert die Produktion und die Verwaltung von Ersatzteilen, und die neuen Automatisierungsm\u00f6glichkeiten krempeln den Transport und die gesamte Logistikkette v\u00f6llig um.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweiz hat zudem das Gl\u00fcck, dass grosse multinationale Unternehmen, die an der Spitze der ICT stehen, hier ans\u00e4ssig sind. Durch die M\u00f6glichkeit, Vertr\u00e4ge elektronisch abzuschliessen, oder indem sie Dienstleistungen nachfragen, die auf den neuen M\u00f6glichkeiten des Internets basieren, inspirieren sie Dutzende andere Unternehmen und \u00f6ffnen neue Nischen, die intelligente Start-ups besetzen k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Die Gefahr lauert \u00fcberall<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr etablierte Unternehmen\u00a0\u2013 vor allem diejenigen, welche den digitalen Wandel nicht rechtzeitig mitgemacht haben\u00a0\u2013 lauern oft untersch\u00e4tzte Gefahren. Vor allem ist die Welt weniger vorhersehbar geworden: Fr\u00fcher reichte es, zwei oder drei grosse Marktkonkurrenten im Auge zu behalten, um b\u00f6se \u00dcberraschungen zu vermeiden. Heute geht die echte Gefahr auch von S\u00e3o Paulo oder Bangalore aus, sobald ein bisher unbekanntes Start-up mit einer Idee den Markt revolutioniert. Man kann die Konkurrenz nicht mehr so einfach im Auge behalten. Angesichts dieser Risiken muss die Schweiz reagieren.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Der Frankenst\u00e4rke trotzen<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Staat investiert, damit die Unternehmen auf dem neusten Stand der technologischen Entwicklung bleiben. Der KTI stehen dieses Jahr 110\u00a0Millionen Franken zur Verf\u00fcgung. Um den Folgen der Frankenst\u00e4rke entgegenzutreten, hat der Bundesrat einen zus\u00e4tzlichen Beitrag von 20\u00a0Millionen gew\u00e4hrt. Daf\u00fcr erl\u00e4sst die KTI den exportorientierten KMU bei Innovationsprojekten den Cash-Beitrag.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAls Departementsvorsteher des WBF bat ich die KTI zu pr\u00fcfen, inwiefern sie Forschungsprojekte unterst\u00fctzen kann, in deren Fokus nicht unbedingt neue Produkte oder Herstellungsmethoden, sondern vielmehr die \u00dcberarbeitung von Gesch\u00e4ftsmodellen mithilfe neuer Technologien stehen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Der Staat soll kein Hemmnis sein<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie man sieht, bleibt der Staat angesichts der digitalen Herausforderungen nicht unt\u00e4tig. Und die Debatte \u00fcber seine Rolle wird zweifellos weitergef\u00fchrt. Denn der erste Reflex jener, die bereits auf dem falschen Fuss erwischt wurden \u2013 wie die Taxibranche durch Uber oder die Hotellerie durch Airbnb \u2013, besteht h\u00e4ufig darin, den Staat um Hilfe zu rufen und ein Verbot oder zumindest eine Reglementierung der neuen, durch das Internet m\u00f6glich gewordenen Praktiken zu fordern. Der Staat darf hier keine \u00fcberholten Modelle st\u00fctzen. Umgekehrt darf er aber auch kein uneingeschr\u00e4nktes Laisser-faire zulassen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Auswirkungen der Digitalisierung \u00fcbersteigen die rein wirtschaftliche Dimension und betreffen inzwischen unser gesamtes gesellschaftliches Leben. Der digitale Wandel stellt in allen Bereichen seit Langem bestehende Praktiken und Gewohnheiten infrage. Der Staat wird immer der letzte Garant f\u00fcr den sozialen Zusammenhalt bleiben. Man muss jedoch auch die Zivilgesellschaft L\u00f6sungen finden lassen. Die Schweiz ist dank ihres liberalen Arbeitsmarktes, der Sozialpartnerschaft, der exzellenten Ausbildung und Forschung sowie der direkten Demokratie zweifelsohne deutlich besser ger\u00fcstet als andere L\u00e4nder, um die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In meiner Studienzeit gab es jene, welche die Welt revolutionieren wollten, und jene, die eine Managementkarriere anstrebten, wenn m\u00f6glich in einem grossen etablierten Unternehmen. Diejenigen, die sich als Unternehmer sahen, waren eher die Ausnahme und an unseren Hochschulen relativ selten anzutreffen.&#13; Innovationen unterst\u00fctzen junge Unternehmer &#13; Vierzig\u00a0Jahre sp\u00e4ter hat sich das klar ge\u00e4ndert. 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Die Hochschulen, der Schweizerische Nationalfonds und die Kommission f\u00fcr Technologie und Innovation (KTI) bilden die Grundpfeiler, die es ihnen erlauben, sich zu entwickeln. Dennoch muss auf das Problem des Risikokapitals ein besonderes Augenmerk gerichtet werden. Die etablierten Unternehmen geben ihrerseits ein uneinheitliches Bild ab. W\u00e4hrend viele den digitalen Wandel rechtzeitig mitgemacht haben, offenbaren einige Firmen Vers\u00e4umnisse, die sie verletzbar machen. Innovationsprozesse funktionieren global und stellen eine permanente Gefahr f\u00fcr traditionelle Gesch\u00e4ftsmodelle dar. Auch die Frankenst\u00e4rke behindert die innovativen KMU beim Export. Zahlreich sind deshalb die Stimmen, die vom Staat fordern, die traditionellen Modelle zu sch\u00fctzen. Dies ist aber nicht Aufgabe des Staates, auch wenn dieser der letzte Garant des sozialen Zusammenhalts ist. Um die Herausforderungen der Digitalisierung zu meistern, ist die Schweiz jedoch besser gewappnet als andere Staaten.","magazine_issue":"20151101","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":[4127,0],"korrektor":4139,"planned_publication_date":"20151026","original_files":[{"file":115191}],"external_release_for_author":"20151002","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/55ffe0ea7d3b9"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115176"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3723"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=115176"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115176\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126770,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115176\/revisions\/126770"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4127"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3723"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157216"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156573"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/31776"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=115176"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=115176"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=115176"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=115176"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=115176"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=115176"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}