{"id":115349,"date":"2015-09-29T09:01:50","date_gmt":"2015-09-29T09:01:50","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/09\/2015-11-gaillard-franz\/"},"modified":"2023-08-23T23:12:17","modified_gmt":"2023-08-23T21:12:17","slug":"2015-11-gaillard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/09\/2015-11-gaillard\/","title":{"rendered":"\u00abWir strecken uns bei den Ausgaben nach der Decke\u00bb"},"content":{"rendered":"<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Herr Gaillard, der Bund hat im letzten Jahr sein erstes Defizit seit 2005 geschrieben. Die Zahlen d\u00fcrften f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre rot bleiben. Bereitet Ihnen die Finanzlage Sorgen?<\/strong><\/div>\n<p>Nein, wir haben das letzte Rechnungsjahr mit einer roten statt einer schwarzen Null abgeschlossen. Insgesamt ist die Finanzlage des Bundes aber immer noch gut.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Was ist nun zu tun?<\/strong><\/div>\n<p>Nach zwei Aufwertungssch\u00fcben des Schweizer Frankens hat sich das Wirtschaftswachstum deutlich verlangsamt. Das f\u00fchrt auch zu einem geringeren Einnahmenwachstum. Wir passen das Ausgabenwachstum diesem schw\u00e4cheren Wachstum an. Wir strecken uns bei den Ausgaben nach der Decke.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Das n\u00e4chste Sparpaket f\u00fcr die Jahre ab 2017 soll im November in die Vernehmlassung gehen. Welche Departemente m\u00fcssen am meisten sparen?<\/strong><\/div>\n<p>Bereits f\u00fcr den Voranschlag 2016 haben wir im Vergleich zum Finanzplan mehr als 1\u00a0Milliarde Franken eingespart, um die Schuldenbremse einzuhalten. F\u00fcr die Jahre 2017 bis 2019 m\u00fcssen die Ausgaben erneut um 800 Millionen bis 1\u00a0Milliarde reduziert werden. Der Bundesrat hat dazu Sparvorgaben auf die Departemente verteilt. Die Vorgaben sind allerdings etwas h\u00f6her als erforderlich, damit der Bundesrat auf Basis von konkreten Vorschl\u00e4gen Priorit\u00e4ten setzen kann. Alle Departemente m\u00fcssen Opfer bringen. Insgesamt werden die Ausgaben aber weiterhin wachsen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Auch das Bundespersonal muss im Zuge der Sparmassnahmen Federn lassen. <\/strong><strong>Ab 2016 werden Lohnerh\u00f6hungen und Leistungspr\u00e4mien laut dem Bundesrat kleiner als bisher ausfallen<\/strong><strong>. Wird es den Bundesangestellten noch weiter an den Kragen gehen?<\/strong><\/div>\n<p>Der Stellenbestand des Bundes ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen \u2013 bedingt durch neue Aufgaben und durch Internalisierungen, insbesondere im Informatikbereich. Das Parlament verlangt nun eine Stabilisierung. Der Personalaufwand wird deshalb im n\u00e4chsten Jahr gegen\u00fcber dem Vorjahr ungef\u00e4hr stabilisiert und 2017 leicht reduziert.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Ist bald fertig mit dem automatischen j\u00e4hrlichen Lohnanstieg f\u00fcr das Bundespersonal?<\/strong><\/div>\n<p>Nein. F\u00fcr Mitarbeitende, die noch nicht im Maximum ihrer Lohnklasse waren, ist der Lohn bei einer normalen Beurteilung bisher um rund drei Prozent gestiegen \u2013 was verglichen mit der tiefen Teuerung und den geringen Lohnzuw\u00e4chsen in der Privatwirtschaft sehr grossz\u00fcgig war. Eine Verringerung dieser automatischen Lohnerh\u00f6hungen ist vertretbar.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Die Einnahmen aus der direkten Bundessteuer stagnieren seit 2009. Im vergangenen Jahr lagen die Einnahmen aus der direkten Bundessteuer 2,1 Milliarden Franken unter dem Budget. Ursachen sind Frankenst\u00e4rke, Konjunkturschw\u00e4che, weniger Firmenansiedlungen und fr\u00fchere Steuerreformen. Was f\u00e4llt aus Ihrer Sicht am meisten ins Gewicht?<\/strong><\/div>\n<p>Die Wirtschaftsentwicklung. Nach der Finanzkrise hat sich auch die Frankenst\u00e4rke negativ auf das Wirtschaftswachstum ausgewirkt, das hat einen direkten Einfluss auf die Steuereinnahmen. Verluste der Unternehmen wirken sich zudem verz\u00f6gert aus, da man diese bei den Steuern noch sieben Jahre sp\u00e4ter geltend machen kann. Eine Aufwertung verringert die Margen aller Unternehmungen, die der internationalen Konkurrenz ausgesetzt sind. Zudem verringern sich im Ausland erzielte Gewinne durch die W\u00e4hrungsumrechnung.<\/p>\n<h3><strong>Es ist also nicht die Unternehmenssteuerreform II schuld an den Mindereinnahmen? Fakt ist: Seit der Einf\u00fchrung der Reform stagnieren die Einnahmen bei der direkten Bundessteuer.<\/strong><\/h3>\n<p>Die Unternehmenssteuerreform hat zu gewissen Mindereinnahmen gef\u00fchrt. Sie werden von der Steuerverwaltung auf 300 bis 400 Millionen Franken gesch\u00e4tzt. Ebenso wurden Familien durch Steuerreformen entlastet \u2013 mit rund 800 Millionen. F\u00fcr die Unternehmenssteuer wichtig ist auch die Tatsache, dass die Firmenansiedlungen seit 2008 zur\u00fcckgegangen sind. Gr\u00fcnde sind etwa die hohen und stark gestiegenen Verwaltungskosten f\u00fcr multinationale Firmen in der Schweiz. M\u00f6glicherweise hat auch die Unsicherheit \u00fcber die zuk\u00fcnftigen Steuerregimes eine Rolle gespielt. Hinzu kommt die Tatsache, dass international mehr darauf geschaut wird, dass die Unternehmen die Gewinne dort versteuern, wo sie auch erarbeitet wurden.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Mit dem hohen Halbjahresverlust der Schweizerischen Nationalbank gewinnt die Diskussion um die Gewinnaussch\u00fcttung an Bund und Kantone an Interesse. Welche Bedeutung hat diese f\u00fcr den Bund?<\/strong><\/div>\n<p>Der Bund ist nicht abh\u00e4ngig von der Gewinnaussch\u00fcttung der Nationalbank. Aber gerade in Zeiten wie jetzt, wenn gespart werden muss, sind 333 Millionen Franken ein willkommener Zustupf. Langfristig betrachte ich die Gewinnaussch\u00fcttung als nicht gef\u00e4hrdet. Die Notenbank verf\u00fcgt \u00fcber eine Bilanzsumme von fast 600 Milliarden Franken. Das ergibt ein Ertragspotenzial f\u00fcr Zinsen und Dividenden von 9\u00a0bis 10\u00a0Milliarden Franken. Allerdings schwankt der Wert der Devisenreserven und des Goldes sehr stark, was kurzfristig zu sehr hohen Verlusten oder auch sehr hohen Gewinnen f\u00fchren kann. Nach R\u00fcckstellungen f\u00fcr diese Schwankungen ist eine durchschnittliche Aussch\u00fcttung von 1\u00a0Milliarde nicht besonders hoch.<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Bundesfinanzen: Die Periode der grossen \u00dcbersch\u00fcsse ist vorbei<\/h3>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"gaillardde\"><\/div>\n<script>\n$(function () {\n    $('#gaillardde').highcharts({\n        \n        chart: {\n            type: 'column'\n        },\n        \n        legend: {\n            enabled: false\n        },\n        title: {\n            text: ''\n        },\n        xAxis: {\ntitle: {\n                text: 'Jahr'\n            },\n            categories: ['2001','2002','2003','2004','2005','2006','2007','2008','2009','2010','2011','2012','2013','2014','2015(1)','2016(2)']\n        },\n        yAxis: {\n            max: 7500,\n            title: {\n                text: 'Finanzergebnis des Bundes in Mio. 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Mit der Aufhebung der Euro-Untergrenze Anfang Jahr wurde die Prognose f\u00fcr das Wirtschaftswachstum stark nach unten korrigiert. Wir mussten deswegen die Einnahmenprognosen um 2\u00a0Milliarden Franken nach unten anpassen. Innerhalb von drei Monaten entstand dadurch ein Bereinigungsbedarf von 1\u00a0Milliarde Franken. Wir sind sehr abh\u00e4ngig von der Wirtschaftsentwicklung.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Sind die verfehlten Prognosen bei den Steuereinnahmen also nur auf die ver\u00e4nderte Konjunkturlage zur\u00fcckzuf\u00fchren?<\/strong><\/div>\n<p>Nein, wir wurden auch vom geringeren Einnahmenwachstum bei den nat\u00fcrlichen Personen \u00fcberrascht. Das ist vermutlich darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die hohen Einkommen nicht mehr so stark steigen wie in den letzten Jahrzehnten. M\u00f6glicherweise wurden sie sogar etwas nach unten korrigiert. Das ist jedoch eine Hypothese, die \u00fcberpr\u00fcft werden muss.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Gehen Sie wie die Expertengruppe des Bundes davon aus, dass sich die Volkswirtschaft ohne tiefgreifende Rezession an das neue Wechselkursumfeld anzupassen vermag?<\/strong><\/div>\n<p>Die Weltwirtschaftslage ist trotz Unsicherheiten in Schwellenl\u00e4ndern gut. Die US-Konjunktur w\u00e4chst mit einer Tendenz von drei Prozent. Auch in Europa hat sich die Wirtschaftslage endlich verbessert \u2013 in Grossbritannien deutlich, in der Eurozone etwas z\u00f6gerlicher. Ein Grund f\u00fcr diese Besserung ist der Preiszerfall beim Roh\u00f6l. Dieser st\u00fctzt das Wachstum in Europa und den USA. Positiv f\u00fcr die Wirtschaftslage in Europa ist zudem die Erstarkung des Dollars im Vergleich zum Euro, was den Exporteuren hilft. Wir leben in einem weltwirtschaftlichen Umfeld, das schon lange nicht mehr so gut war wie jetzt. Mit der Frankenaufwertung hat sich die Schweiz leider davon abgekoppelt. Wir verpassen dadurch einen Teil des Weltwirtschaftsaufschwungs.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Trotz Schuldenbremse sind budgetierte Defizite erlaubt. Wann rechnen Sie mit der n\u00e4chsten Hochkonjunktur in der Schweiz, in der die Defizite kompensiert werden m\u00fcssen?<\/strong><\/div>\n<p>In diesem und im n\u00e4chsten Jahr k\u00f6nnen wir wegen des schwachen Wachstums konjunkturbedingte Defizite zulassen. Wie schnell die Erholung gelingt, h\u00e4ngt stark von der Entwicklung des Wechselkurses ab. Im Moment gehen wir in unseren Modellen davon aus, dass die Schuldenbremse in den Jahren 2018 und 2019 mindestens ein konjunkturell ausgeglichenes Ergebnis erfordert.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Das klingt optimistisch. Angenommen, es bleibt beim Defizit, m\u00fcsste man die Schuldenbremse f\u00fcr ein paar Jahre aussetzen?<\/strong><\/div>\n<p>Die Schuldenbremse sorgt daf\u00fcr, dass mittelfristig die Ausgaben nicht st\u00e4rker wachsen als die Einnahmen. In ausserordentlich schwierigen Zeiten gibt sie vor\u00fcbergehend eine gewisse Flexibilit\u00e4t. Heute kann aber keineswegs von einer ausserordentlichen Situation gesprochen werden. Wir haben keine Immobilienkrise, die Arbeitsmarktlage ist noch immer gut, und wir sind weltwirtschaftlich in einer g\u00fcnstigen Lage.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Ist der Abbau der Schulden f\u00fcr den Bund \u00fcberhaupt ein Ziel?<\/strong><\/div>\n<p>Die Schuldenbremse hat das Ziel, die Schulden nominell zu stabilisieren. Da es jedes Jahr Budgetunterschreitungen gibt, nehmen die Schulden in der Praxis sogar leicht ab. Das ist gut so. Ein tiefer Schuldenstand erh\u00f6ht die Krisenresistenz einer Volkswirtschaft. Wir haben es in den letzten zehn Jahren geschafft, die Schulden um 20 Milliarden abzubauen, gleichzeitig stark zu investieren und in wichtigen Aufgabengebieten die Ausgaben zu erh\u00f6hen. Das konnten wir in erster Linie dank einer stark wachsenden Wirtschaft \u2013 unter anderem wegen der Personenfreiz\u00fcgigkeit.<\/p>\n<h3><strong>Die Frage, ob wir in Zukunft weiterhin von so guten Bedingungen profitieren werden, dr\u00e4ngt sich auf. <\/strong><\/h3>\n<p>Der wirtschaftliche Erfolg der Schweiz war in den letzten zehn Jahren nicht zuletzt auch darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass die Unternehmungen dank der Personenfreiz\u00fcgigkeit bei Bedarf Fachkr\u00e4fte im Ausland rekrutieren konnten. Die Einwanderung hat das Wirtschaftswachstum stabilisiert. Gleichzeitig war es der Nationalbank gelungen, trotz autonomer Geldpolitik eine gewisse Wechselkursstabilit\u00e4t sicherzustellen. Heute steht die Wirtschaftspolitik in diesen zwei Bereichen vor grossen Herausforderungen.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Was bedeutet der Spardruck f\u00fcr die Unternehmenssteuerreform III?<\/strong><\/div>\n<p>Das Parlament muss bei allen Ausgabenbeschl\u00fcssen, nicht nur bei der Unternehmenssteuerreform III, mehr Priorit\u00e4ten setzen als in den vergangenen Jahren. Es ist nicht mehr alles finanzierbar.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Ist denn die Reform finanzierbar?<\/strong><\/div>\n<p>Der Bund unterst\u00fctzt die Kantone dabei, ihre Steuerregelungen anzupassen. Dazu soll der Kantonsanteil an den Bundessteuern von 17 auf 20,5 Prozent erh\u00f6ht werden. Das d\u00fcrfte den Bund nach den revidierten Sch\u00e4tzungen der Steuereinnahmen rund 800 Millionen Franken kosten. Durch die Abschaffung der Emissionsabgabe beim Eigenkapital entstehen Mindereinnahmen von 200 Millionen. Insgesamt betragen die Kosten gem\u00e4ss heutigen Sch\u00e4tzungen etwas mehr als 1 Milliarde Franken. Mehr liegt im Bundeshaushalt nicht drin. Ich hoffe, dass das Parlament nicht eine teurere Reform beschliesst. Die Kosten und Mindereinnahmen dieser Reform sind ab 2019 bereits im Finanzplan integriert.<\/p>\n<div class=\"content-copy-questions\"><strong>Sie sprechen nur von zus\u00e4tzlichen Kosten oder Mindereinnahmen durch die Reform. Wie sieht es mit zus\u00e4tzlichen Einnahmen aus? Die Kapitalgewinnsteuer auf Wertschriften hat es nicht in die Vorlage geschafft.<\/strong><\/div>\n<p>Wir haben gepr\u00fcft, ob wir die Unternehmenssteuerreform III teilweise mit Mehreinnahmen finanzieren k\u00f6nnten. Wir sind zum Schluss gekommen, dass der Spielraum sehr eng ist: Eine Erh\u00f6hung der Mehrwertsteuer f\u00e4llt ausser Betracht, weil die AHV dringend ein zus\u00e4tzliches Mehrwertsteuerprozent ben\u00f6tigt. Die Mehrwertsteuer muss in den n\u00e4chsten Jahren priorit\u00e4r f\u00fcr die AHV verwendet werden. Auf die angesprochene Kapitalgewinnsteuer hat der Bundesrat angesichts des klaren Vernehmlassungsergebnisses verzichtet.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Gaillard, der Bund hat im letzten Jahr sein erstes Defizit seit 2005 geschrieben. Die Zahlen d\u00fcrften f\u00fcr die n\u00e4chsten Jahre rot bleiben. Bereitet Ihnen die Finanzlage Sorgen? Nein, wir haben das letzte Rechnungsjahr mit einer roten statt einer schwarzen Null abgeschlossen. Insgesamt ist die Finanzlage des Bundes aber immer noch gut. 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