{"id":115535,"date":"2015-09-24T09:07:57","date_gmt":"2015-09-24T09:07:57","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/09\/2015-10-de-meyer-franz\/"},"modified":"2023-08-23T23:12:33","modified_gmt":"2023-08-23T21:12:33","slug":"2015-10-de-meyer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/09\/2015-10-de-meyer\/","title":{"rendered":"Alternde Bev\u00f6lkerung bringt Chinas Wirtschaft ins Wanken"},"content":{"rendered":"<p>Die Besch\u00e4ftigungslage in China hat sich im ersten Halbjahr 2015 stabil entwickelt. Dies zeigen die Zahlen des Statistischen Amtes in China (NBS): Die Arbeitslosenquote in 31 grossen St\u00e4dten fiel im Juni auf rund 5\u00a0Prozent. In der ersten Jahresh\u00e4lfte wurden bereits \u00fcber 7 Millionen neue Stellen geschaffen \u2013 das Ziel von 10\u00a0Millionen neuen Arbeitspl\u00e4tzen f\u00fcr das ganze Jahr hat die Regierung somit fast erreicht. Doch diese positiven Werte tr\u00fcgen, denn das Land steht vor grossen Herausforderungen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nChina ist w\u00e4hrend mehr als dreier Jahrzehnte \u00e4usserst dynamisch gewachsen, und entsprechend profitierte ein Grossteil der Bev\u00f6lkerung von steigenden Einkommen und besseren Lebensbedingungen. J\u00fcngst hat sich das Wirtschaftswachstum jedoch verlangsamt. Gleichzeitig schrumpft Chinas Arbeitskr\u00e4ftereservoir. Dies erfordert politische Massnahmen, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber und somit die Wirtschaft Chinas auf einen neuen Wachstumspfad bringen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine besondere Herausforderung ist die rasch alternde Bev\u00f6lkerung. W\u00e4hrend heute rund 780 Millionen Chinesen im Erwerbsalter sind, d\u00fcrfte diese Zahl bereits in wenigen Jahren sinken. In der Alterskategorie der 20- bis 39-J\u00e4hrigen ist bereits seit 2010 ein R\u00fcckgang zu verzeichnen. Zwischen 2030 und 2050 d\u00fcrfte die Erwerbsbev\u00f6lkerung dann massiv abnehmen, n\u00e4mlich um 200\u00a0Millionen Menschen oder rund ein F\u00fcnftel (siehe <em>Abbildung<\/em>).&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Personen im Erwerbsalter in China (1950\u20132050) <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/?p=38134\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-38293\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2015\/09\/demeyer_Abb1_DE.png\" alt=\"demeyer_Abb1_DE\" width=\"1028\" height=\"604\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: UNO \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVerschwinden werden mit dem demografischen Wandel schrittweise auch die auf einem unbeschr\u00e4nkten Arbeitskr\u00e4fteangebot beruhenden stabilen Kapitalrenditen. Vor diesem Hintergrund muss Chinas Wirtschaft auf eine Modernisierung der Industrie und eine Steigerung der Arbeitsproduktivit\u00e4t setzen. Dies bedingt jedoch andere \u2013 an die wechselnden Erfordernisse des Arbeitsmarkts angepasste \u2013 Qualifikationen der Arbeitnehmenden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine h\u00f6here schulische Bildung ist heute in China aber nicht mehr Garant f\u00fcr eine Stelle. Die Arbeitslosenquote bei den Hochschulabsolventinnen und -absolventen zwischen 21 und 25 Jahren betr\u00e4gt \u00fcber 16\u00a0Prozent und ist damit viermal h\u00f6her als in der Bev\u00f6lkerungsgruppe mit obligatorischer Schulbildung. Diese fehlende qualitative \u00dcbereinstimmung zwischen Arbeitskr\u00e4fteangebot und -nachfrage kann das k\u00fcnftige Wirtschaftswachstum beeintr\u00e4chtigen oder zur Folge haben, dass das Wachstum noch kapitalintensiver und sozial weniger inklusiv wird.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Wohlstandsgef\u00e4lle<\/strong><strong> nimmt zu<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine zentrale Herausforderung besteht darin, die Einkommenskluft zwischen verschiedenen Bev\u00f6lkerungsschichten zu \u00fcberbr\u00fccken, da dies sowohl f\u00fcr die kurzfristige gesellschaftliche Stabilit\u00e4t als auch f\u00fcr das langfristige Wirtschaftswachstum massgeblich ist. Der Gini-Koeffizient, ein Index f\u00fcr das Wohlstandsgef\u00e4lle in einem Land, liegt in China seit der Jahrtausendwende \u00fcber der UNO-Warnstufe von 0,4.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nInsbesondere die Lohnkluft zwischen Stadt und Land, zwischen Wanderarbeitern und ans\u00e4ssiger Stadtbev\u00f6lkerung sowie zwischen Frauen und M\u00e4nnern ist nach wie vor substanziell oder nimmt sogar noch zu. So betrug das Einkommen der Landbev\u00f6lkerung im Jahr 2013 lediglich ein Drittel des Einkommens der Stadtbev\u00f6lkerung.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nHohe Einkommensunterschiede verst\u00e4rken sich in der Tendenz \u2013 insbesondere, wenn diese auf fehlende wirtschaftliche Chancen zur\u00fcckzuf\u00fchren sind. Das Haushaltregistrierungssystem <span class=\"Unicode\">\u00ab<\/span>Hukou<span class=\"Unicode\">\u00bb<\/span> untergr\u00e4bt das langfristige Wachstumspotenzial, indem es die soziale und die berufliche Mobilit\u00e4t behindert. So erschwert es f\u00fcr die Landbev\u00f6lkerung den Zugang zur formellen Wirtschaft in den St\u00e4dten sowie f\u00fcr Kinder den Zugang zu Sozialleistungen und zur Schulbildung. Die OECD sch\u00e4tzt, dass eine Zunahme der Einkommensunterschiede um einen\u00a0Gini-Punkt das j\u00e4hrliche BIP-Wachstum pro Kopf um rund 0,2 Prozentpunkte schm\u00e4lert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVoraussetzung f\u00fcr den Abbau der Ungleichheiten sind eine gleichm\u00e4ssigere Einkommensverteilung und die Schaffung zus\u00e4tzlicher, besserer Arbeitspl\u00e4tze. F\u00fcr einen h\u00f6heren Lebensstandard sind Produktivit\u00e4tssteigerungen durch neue Technologien, eine bessere Arbeitsorganisation, eine Kapitalintensivierung und h\u00f6here Qualifikationen anzustreben. Zudem sollten die Produktivit\u00e4tsgewinne breiter auf die gesamte Bev\u00f6lkerung verteilt werden.&#13;<\/p>\n<h2><strong>L\u00f6hne m\u00fcssen steigen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n\u00dcberst\u00fcrzte L\u00f6sungen sind f\u00fcr die zweitgr\u00f6sste Volkswirtschaft mit ihren 1,3 Milliarden Einwohnern keine Option. Genauso fatal w\u00e4re es aber, die H\u00e4nde in den Schoss zu legen. Denn der aktiven Bev\u00f6lkerung in China bleibt nicht mehr viel Zeit, reich zu werden, bevor sie in den Ruhestand treten wird.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKlar ist: Die L\u00f6hne m\u00fcssen steigen, damit gen\u00fcgend Mittel zur Unterst\u00fctzung der wachsenden nicht erwerbst\u00e4tigen Bev\u00f6lkerung zur Verf\u00fcgung stehen. Arbeitgeber m\u00fcssen Wege finden, um die Produktivit\u00e4t entsprechend zu erh\u00f6hen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nUnd ein solides Sozialversicherungssystem muss den Bed\u00fcrftigen st\u00e4rker unter die Arme greifen. Parallel dazu sollten Arbeitsvermittlungen, Ausbildungen und eine Arbeitslosenversicherung koordiniert daf\u00fcr sorgen, dass die Menschen f\u00fcr den Arbeitsmarkt der Zukunft gewappnet sind. Dieser wird l\u00e4ngerfristig seinen Schwerpunkt von traditionellen zu zukunftstr\u00e4chtigen Branchen und zum Dienstleistungssektor verlagern.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">National Bureau of Statistics (NBS).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Daten NBS und Blue Book of Human Resources, 2013.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Besch\u00e4ftigungslage in China hat sich im ersten Halbjahr 2015 stabil entwickelt. 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