{"id":115595,"date":"2015-09-24T09:07:55","date_gmt":"2015-09-24T09:07:55","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/09\/10-2015-luechinger-schelker-franz\/"},"modified":"2023-08-23T23:13:09","modified_gmt":"2023-08-23T21:13:09","slug":"10-2015-luechinger-schelker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/09\/10-2015-luechinger-schelker\/","title":{"rendered":"Kantone regulieren unterschiedlich"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 2013 sind in einem Kanton durchschnittlich auf fast 500 Seiten in \u00fcber 110 rechtlichen Normen \u00c4nderungen vorgenommen worden. Breite Kreise vermuten, dass die Regulierungsaktivit\u00e4t in j\u00fcngerer Zeit stark gestiegen ist. Einige beklagen den beh\u00f6rdlichen Aktivismus und den daraus folgenden R\u00fcckgang der Rechtssetzungsqualit\u00e4t und der Rechtssicherheit. Andere sehen angesichts der gewaltigen technologischen, wirtschaftlichen und kulturellen Umbr\u00fcche die erh\u00f6hte Kadenz der Anpassung des rechtlichen Normengef\u00fcges weniger kritisch. Bei beiden Perspektiven ist die H\u00e4ufigkeit der \u00c4nderung der rechtlichen Normen zentral.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie \u00c4nderungsh\u00e4ufigkeit ist messbar und wurde im Rahmen unseres Forschungsprojekts f\u00fcr alle Kantone \u00fcber mehr als 100 Jahre erfasst. Erst die M\u00f6glichkeit, die Entwicklungen der Rechtssetzung \u00fcber Gebietseinheiten mit \u00e4hnlichen Rahmenbedingungen systematisch zu vergleichen, verspricht, die Determinanten und Auswirkungen der Regulierungsaktivit\u00e4t identifizieren und beurteilen zu k\u00f6nnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Regulierungsaktivit\u00e4t wurde an der j\u00e4hrlichen Anzahl ge\u00e4nderter Erlasse und Seiten gemessen, gegliedert nach Normenkategorie und erlassender Beh\u00f6rde.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>\u00a0Die Gliederung und die Abgrenzung eines vergleichbaren Kerns allgemein verbindlicher Rechtsnormen wurden zusammen mit dem Direktor des Zentrums f\u00fcr Rechtsinformation in Z\u00fcrich, Marius Roth, vorgenommen. Die Informationen stammen aus den kantonalen chronologischen Gesetzessammlungen oder Amtsbl\u00e4ttern und sind mit wenigen Ausnahmen f\u00fcr alle Kantone l\u00fcckenlos zwischen 1908 und 2013 vorhanden.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Vielfalt der kantonalen Entwicklungen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Entwicklung der Regulierungsaktivit\u00e4t im Beispielkanton Freiburg vermittelt einen Eindruck der Rohdaten (siehe <em>Abbildung 1<\/em>). Gut ersichtlich sind die hohe Volatilit\u00e4t, die nicht lineare Entwicklung und die Zunahme der Aktivit\u00e4t in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. Diese drei Aspekte sind nicht untypisch.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 1: <strong>Regulierungsaktivit\u00e4t im Kanton Freiburg (1908\u20132013)<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class=\"chart chart--normal\" id=\"luechingerschelker1\"><\/div>\n<script>\n\n\n\n\n$(function () {\n    $('#luechingerschelker1').highcharts({\n        chart: {\n            zoomType: ''\n        },\n        title: {\n            text: ''\n        },\n        subtitle: {\n            text: ''\n        },\n        xAxis: [{\ntickInterval: 50,\n            categories: ['1900','1901','1902','1903','1904','1905','1906','1907','1908','1909','1910','1911','1912','1913','1914','1915','1916','1917','1918','1919','1920','1921','1922','1923','1924','1925','1926','1927','1928','1929','1930','1931','1932','1933','1934','1935','1936','1937','1938','1939','1940','1941','1942','1943','1944','1945','1946','1947','1948','1949','1950','1951','1952','1953','1954','1955','1956','1957','1958','1959','1960','1961','1962','1963','1964','1965','1966','1967','1968','1969','1970','1971','1972','1973','1974','1975','1976','1977','1978','1979','1980','1981','1982','1983','1984','1985','1986','1987','1988','1989','1990','1991','1992','1993','1994','1995','1996','1997','1998','1999','2000','2001','2002','2003','2004','2005','2006','2007','2008','2009','2010','2011','2012','2013'],\n            crosshair: true\n        }],\n        yAxis: [{ \/\/ Primary yAxis\n            labels: {\n                format: '',\n                style: {\n                    color: Highcharts.getOptions().colors[1]\n\n\n\n                }\n            },\nmin: 0,\nceiling:300,\n            title: {\n                text: 'Anzahl Erlasse',\n                style: {\n                    color: Highcharts.getOptions().colors[1]\n                }\n            }\n        }, { \/\/ Secondary yAxis\nceiling: 1200,            \ntitle: {\n                text: 'Anzahl Seiten',\n                style: {\n                    color: Highcharts.getOptions().colors[0]\n                }\n            },\n            labels: {\n                format: '{value} ',\n                style: {\n                    color: Highcharts.getOptions().colors[0]\n                }\n            },\n            opposite: true\n        }],\n        tooltip: {\n            shared: false,\n             enabled: false\n        },\n\n        series: [{\n            name: 'Seiten',\n            type: 'line',\n            yAxis: 1,\n            data: [null, null, null, null, null, null, null, null,432,320,127,237,116,154,120,189,255,281,298,406,329,371,271,259,130,89,157,81,232,142,113,127,115,94,122,75,62,76,58,80,132,134,174,109,144,83,103,91,190,122,156,162,135,82,213,185,134,86,118,169,220,157,214,145,179,281,297,216,209,125,145,293,376,347,299,354,413,343,296,333,333,420,291,494,439,566,635,395,411,476,627,919,573,650,737,677,843,659,664,569,892,733,559,982,660,636,915,702,633,738,848,609,725,453],\n            \n\n        }, {\n            name: 'Erlasse',\n            type: 'line',\n            data: [null, null, null, null, null, null, null, null,80,72,43,47,36,47,44,52,67,100,110,128,109,97,88,68,55,25,41,25,52,46,51,58,47,44,31,28,25,29,25,35,39,43,59,32,33,30,30,39,46,41,29,38,45,29,31,28,33,40,43,51,51,46,60,54,66,67,74,69,78,70,75,82,126,105,111,117,125,99,106,105,99,145,109,153,122,151,142,130,138,171,199,226,183,187,232,182,205,171,192,167,194,187,154,193,176,151,178,144,148,152,160,161,137,134],\n          \n        }]\n    });\n});\n\n\n\n\n<\/script>\n&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: L\u00fcchinger, Schelker \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine generelle Zunahme der Regulierungsaktivit\u00e4t in den Kantonen ist auch in <em>Abbildung 2<\/em> ersichtlich, in der die durchschnittliche Regulierungsaktivit\u00e4t in den Jahren 1910\u20131919 jener von 2004\u20132013 gegen\u00fcbergestellt wird. Die Hauptbotschaft ist hier jedoch die grosse Heterogenit\u00e4t sowohl im Niveau als auch in der Entwicklung der Regulierungsaktivit\u00e4t.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Abb. 2: Durchschnittliche Zahl ge\u00e4nderter Erlasse (1910\u20131919 und 2004\u20132013)<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\"><a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2015\/09\/Luechinger_Schelker_Abb2_DE.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2015\/09\/Luechinger_Schelker_Abb2_DE.png\" alt=\"Luechinger_Schelker_Abb2_DE\" width=\"886\" height=\"872\" \/><\/a><\/span>&#13;<\/p>\n<h3><span class=\"text__legend\">Anmerkung: Logarithmische Skala; die Steigung der Verbindungsgeraden stellt die prozentuale Ver\u00e4nderung der durchschnittlichen Regulierungsaktivit\u00e4t zwischen den beiden Perioden dar.<\/span><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: L\u00fcchinger, Schelker \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie durchschnittliche j\u00e4hrliche Regulierungsaktivit\u00e4t in der Anfangsperiode reicht von f\u00fcnf ge\u00e4nderten Erlassen im Kanton Appenzell Ausserrhoden bis zu 282 im Kanton Genf. Es sind wiederum diese beiden Kantone, die mit Werten von 35 beziehungsweise 312 ge\u00e4nderten Erlassen die Extremwerte in der Endperiode bilden. Zuf\u00e4lligerweise ist die Spannweite in beiden Perioden mit 277 ge\u00e4nderten Erlassen identisch.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDurch das hohe Anfangsniveau im Kanton Genf f\u00fchrt die Zunahme um durchschnittlich 30 ge\u00e4nderte Erlasse zu einer der niedrigsten prozentualen Ver\u00e4nderungen (geringe Steigung der Verbindungsgeraden), w\u00e4hrend derselbe absolute Anstieg im Kanton Appenzell Ausserrhoden eine der h\u00f6chsten prozentualen Ver\u00e4nderung zur Folge hat.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Median steigt von 23 (Kanton Schwyz) in der Anfangsperiode auf 112 (Kanton Luzern) in der Endperiode. Die Spannweite der Ver\u00e4nderung der Regulierungsaktivit\u00e4t reicht von einem R\u00fcckgang um 52 Prozent im Kanton Solothurn bis zu einer Zunahme um 1762 Prozent im Kanton Aargau. Der Kanton Z\u00fcrich liegt mit einer Zunahme um 413 Prozent im Mittel der Kantone.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs ist darauf hinzuweisen, dass die Entwicklung der Regulierungsaktivit\u00e4t in den Kantonen zwischen der Anfangs- und der Endperiode teilweise sehr unterschiedlich verl\u00e4uft. Aus <em>Abbildung 2<\/em> wird ebenfalls ersichtlich, dass sowohl die Romandie als auch das Tessin eine im Allgemeinen h\u00f6here Aktivit\u00e4t verzeichnen als die Deutschschweiz.&#13;<\/p>\n<h2>Pauschalisierungen fehl am Platz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nInsgesamt ist die Zunahme der Kadenz der regulatorischen Anpassungen betr\u00e4chtlich. Die grosse Heterogenit\u00e4t im Niveau und der Entwicklung deutet allerdings darauf hin, dass bei der Interpretation der Regulierungsdynamik Pauschalisierungen nicht weit f\u00fchren. Einerseits ist denkbar, dass die Kantone in sehr unterschiedlichem Ausmass von Entwicklungen betroffen waren, die Anpassungen in den regulatorischen Rahmenbedingungen erfordern. Andererseits m\u00f6gen die Kantone aufgrund verschiedener politischer und institutioneller Gegebenheiten unterschiedlich auf diese Entwicklungen reagiert haben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs ist aber auch genau diese Heterogenit\u00e4t, die es uns in zuk\u00fcnftiger Forschung erlauben sollte, Determinanten der Regulierungsaktivit\u00e4t zu identifizieren. So deuten beispielsweise bereits die Rohdaten darauf hin, dass die Abschaffung des obligatorischen Gesetzesreferendums in einigen Kantonen die Regulierungsaktivit\u00e4t auf Gesetzesebene nachhaltig erh\u00f6ht hat. Diese und weitere Determinanten gilt es nun in den kommenden Monaten in systematischer Weise empirisch zu identifizieren und auf ihre Auswirkungen zu untersuchen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">F\u00fcr \u00e4hnliche Ans\u00e4tze zur Messung des Regulierungsbestandes vergleiche Mulligan und Shleifer (2005) und Buomberger (2014). Auch aus juristischer Perspektive wurden W\u00fcnsche nach einer empirischen Erfassung der Rechtssetzungsaktivit\u00e4t mit vergleichbaren Ans\u00e4tzen ge\u00e4ussert (Uhlmann 2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahr 2013 sind in einem Kanton durchschnittlich auf fast 500 Seiten in \u00fcber 110 rechtlichen Normen \u00c4nderungen vorgenommen worden. Breite Kreise vermuten, dass die Regulierungsaktivit\u00e4t in j\u00fcngerer Zeit stark gestiegen ist. Einige beklagen den beh\u00f6rdlichen Aktivismus und den daraus folgenden R\u00fcckgang der Rechtssetzungsqualit\u00e4t und der Rechtssicherheit. 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Bern: St\u00e4mpfli Verlag.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":115598,"main_focus":[156587,157226],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":115602,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"30568","post_abstract":"Die Entwicklung von staatlichen Regulierungen wird prominent diskutiert. Aussagen \u00fcber Ursache und Wirkung der Regulierungsaktivit\u00e4t erfordern Daten in vergleichbaren Gebietseinheiten \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum. Solche Daten fehlten bisher jedoch. Ein Forschungsprojekt der Universit\u00e4ten Luzern und Freiburg schliesst diese L\u00fccke, indem es Daten zur Regulierungsaktivit\u00e4t der Kantone von 1908 bis 2013 liefert. 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