{"id":115679,"date":"2015-07-23T18:02:09","date_gmt":"2015-07-23T18:02:09","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/07\/au-fond-les-economistes-sont-des-artisans-de-lanalyse\/"},"modified":"2023-08-23T23:12:45","modified_gmt":"2023-08-23T21:12:45","slug":"2015-08-09-brunetti-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/07\/2015-08-09-brunetti-interview\/","title":{"rendered":"\u00ab\u00d6konomen sind letztlich analytische Handwerker\u00bb"},"content":{"rendered":"<h3>Herr Brunetti, weshalb sind Sie \u00d6konom geworden?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch habe zuerst andere Dinge zu studieren begonnen und bin dann bei der \u00d6konomie h\u00e4ngen geblieben.&#13;<\/p>\n<h3>Das klingt nicht sehr begeistert.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch war vielseitig interessiert und zun\u00e4chst nicht sehr zielstrebig. Mit der Zeit wurde mir aber immer klarer, dass f\u00fcr mich die \u00d6konomie mit Abstand am meisten zu bieten hatte.&#13;<\/p>\n<h3>Die Finanzkrise im Jahr 2008 kam f\u00fcr die meisten \u00d6konomen \u00fcberraschend. Deshalb wurde die Volkswirtschaftslehre in der \u00d6ffentlichkeit scharf kritisiert. Ist diese Schelte berechtigt?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n(z\u00f6gert) Eine unberechtigte Kritik ist sicher, man h\u00e4tte die Krise voraussehen k\u00f6nnen. Das w\u00e4re etwas viel verlangt gewesen. Denn man muss schon sehen: Die letzte Finanzkrise eines solchen Ausmasses war in den Dreissigerjahren. Seither ist viel passiert. Die Wirtschaftsstruktur und die Finanzwelt sind v\u00f6llig anders geworden. Die Frage der Finanzstabilit\u00e4t hat man jedoch untersch\u00e4tzt \u2013 ganz einfach, weil die globale Finanzlage w\u00e4hrend Jahrzehnten relativ stabil gewesen war.&#13;<\/p>\n<h3>Einzelne \u00d6konomen \u2013 wie der in New York lehrende Professor Nouriel Roubini \u2013 hatten die Krise kommen sehen.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDa m\u00fcsste man auch schauen, wie viele Krisen solche Leute vorausgesagt haben, die dann nicht eingetreten sind\u2026 Man kann zudem nicht behaupten, dass niemand auf Risiken aufmerksam gemacht h\u00e4tte. Ich mag mich erinnern: Ich war damals beim Seco, und wir haben immer wieder darauf hingewiesen, dass die Leistungsbilanzdefizite der USA ein grosses Problem darstellten. Dieses Ungleichgewicht musste sich korrigieren. Aber warnen vor Ungleichgewichten und eine solche Krise voraussagen sind zwei verschiedene Dinge. Wo man sehr fr\u00fch gesehen hat, dass etwas schiefgeht, war in der \u00d6konomenabteilung der Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Die dortigen \u00d6konomen um Bill White und Claudio Borio warnten viel fr\u00fcher als andere, und das mit sehr fundierten Analysen. Das ist f\u00fcr mich eindr\u00fccklicher als ein Roubini, der viel schreibt, wenn der Tag lang ist.&#13;<\/p>\n<h3>Der Nobelpreistr\u00e4ger Paul Krugman sagte zum Nichterkennen der Krise, es sei kein konzeptionelles Scheitern gewesen, sondern nur ein Fall von vermeidbarer Kurzsichtigkeit. Ist das nicht eine zu einfache Entschuldigung?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch teile diese Meinung grunds\u00e4tzlich. Man muss die \u00d6konomie nicht neu erfinden. Es gibt viele Analysen zu Finanzkrisen \u2013 gewisse dieser Erkenntnisse gerieten aber in der langen Phase der finanziellen Stabilit\u00e4t der Nachkriegszeit zunehmend in Vergessenheit.&#13;<\/p>\n<h3>Was zum Beispiel?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEs wurde vergessen, zu welch grossen Verwerfungen eine Finanzkrise in einer global vernetzten Wirtschaft f\u00fchren kann. Dass gleich mehrere grosse Banken Probleme bekommen k\u00f6nnten, wurde untersch\u00e4tzt. Auf der anderen Seite kann man auch sagen: Man ist nicht in eine zweite Grosse Depression geraten, weil man richtig reagiert hat. Als die Krise dann kam, haben die Notenbanken nicht wie in der Grossen Depression eine restriktive Geldpolitik verfolgt, sondern sie haben die Geldmengen ausgedehnt. Die Banken wurden zudem mit Unmengen sehr g\u00fcnstiger Liquidit\u00e4t gest\u00fctzt. Das zeigt: Wir haben aus der Grossen Depression gelernt. Nicht zuletzt dank der keynesianischen Theorie.&#13;<\/p>\n<h3>Man hat alles richtig gemacht?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNein, nat\u00fcrlich nicht. Aber man hat mehr richtig gemacht als w\u00e4hrend der Grossen Depression.&#13;<\/p>\n<h3>Dennoch: Ist man ob der enormen Ausweitung der Geldmengen und der Negativzinsen nicht am Anschlag als \u00d6konom?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas sind sicher extreme wirtschaftspolitische Massnahmen. Es ist absolut richtig: Erst die Zukunft wird zeigen, ob es gelingt, das wieder zu normalisieren \u2013 oder ob man einfach den Crash aufgeschoben hat.&#13;<\/p>\n<h3>Ist das denkbar?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nNat\u00fcrlich. Aber sagen wir: Die kurzfristige Reaktion \u2013 die Rettung der Banken \u2013 war sicher besser als 1929. Ob die l\u00e4ngerfristige Reaktion \u2013 die massiv expansive unkonventionelle Geldpolitik \u2013 richtig war, kann man jetzt noch nicht sagen. Man ist hier in \u00abuncharted territory\u00bb \u2013 irgendwo, wo man noch nie war.&#13;<\/p>\n<h3>Braucht es da nicht neue Handb\u00fccher und Karten?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEs w\u00e4re extrem gef\u00e4hrlich, in der heutigen Situation zu sagen, jetzt werfen wir alles weg, was wir wissen, und machen etwas v\u00f6llig Neues. Nat\u00fcrlich: Die Finanzkrise \u2013 und alles, was jetzt passiert \u2013 wird uns weiterbringen in der Theorie. Aber nicht im Sinne einer Revolution, sondern im Sinne einer Evolution.&#13;<\/p>\n<h3>Gestalten Sie Ihre Einf\u00fchrungsvorlesung zur Volkswirtschaftslehre anders als vor der Krise?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Einzige, was ich ge\u00e4ndert habe, ist, dass ich deutlich mehr \u00fcber Banken, Finanzm\u00e4rkte und Finanzmarktregulierung sage. Fr\u00fcher habe ich zum Thema Marktversagen ausschliesslich Beispiele aus dem Umweltbereich gebracht. Heute weise ich darauf hin, dass es auch im Finanzbereich bedeutende externe Effekte geben kann, sodass einiges schiefgehen kann, wenn man nicht die richtige Regulierung hat. Diese Risiken, die von Banken ausgehen, hat man aber nicht neu entdeckt. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg stand die Finanzmarktstabilit\u00e4t im Zentrum wirtschaftspolitischer Diskussionen.&#13;<\/p>\n<h3>Aber viele Modelle hatten die Finanzm\u00e4rkte nicht integriert bis vor 2008.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas ist sicher ein Problem. Da arbeitet die makro\u00f6konomische Forschung im Moment mit Nachdruck daran. Vor der Krise galt in den Grundmodellen vereinfacht ausgedr\u00fcckt, dass Investieren gleich Sparen sei und dass Banken dazwischen eine nicht weiter interessante Vermittlerrolle spielen. Das hat sich nun ge\u00e4ndert. Dem Finanzsektor kommt in den Modellen eine wichtigere Rolle zu.&#13;<\/p>\n<h3>Die Annahme, dass Finanzm\u00e4rkte effizient seien, wurde auch relativiert.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDas geschah schon fr\u00fcher: Die Verhaltens\u00f6konomik, also die Behavioral Finance, relativierte diese Annahme schon vor der Krise. Dass es im Finanzbereich Marktversagen gibt, war ebenfalls schon vor der Krise klar. Deshalb braucht es dort eine starke Regulierung. Extrem bedeutend ist hier das Too-big-to-fail-Problem.&#13;<\/p>\n<h3>Auch die Informationsasymmetrie ist st\u00e4rker in den Vordergrund ger\u00fcckt.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa schon. Wichtiger sind jedoch die externen Effekte, die insbesondere potenziell von grossen Banken ausgehen: Wenn sie scheitern, k\u00f6nnen sie auch kerngesunde mittlere und kleine Banken \u2013 und damit das ganze Finanzsystem \u2013 in den Abgrund ziehen. Das Ausmass dieser extremen Vernetzungen ist wohl eine wichtigere Erkenntnis aus der Krise als die Informationsasymmetrie.&#13;<\/p>\n<h3>Ger\u00fcttelt wird also nicht an den Grundmauern der \u00d6konomie: an der \u00abunsichtbaren Hand\u00bb, am Homo oeconomicus oder an Modellen, die sich auf Rationalit\u00e4t st\u00fctzen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDiese Konzepte sind nach wie vor sehr wichtig, aber man muss sie nat\u00fcrlich richtig interpretieren: Die \u00abunsichtbare Hand\u00bb funktioniert nur dann optimal, wenn keine Marktversagen wie externe Effekte, \u00f6ffentliche G\u00fcter, Monopolmacht oder asymmetrische Informationen auftreten. So lehrt das Mainstream-Lehrbuch: Wenn man bei solchem Versagen den Markt v\u00f6llig frei spielen l\u00e4sst, f\u00fchrt dies zu Ineffizienzen. Und deshalb braucht es in diesen klar definierten F\u00e4llen Regulierungen. Das gilt auch f\u00fcr die Theorie der \u00abrationalen Erwartungen\u00bb \u2013 das ist ja kein Dogma, sondern ein Benchmark-Modell. Es besagt ganz einfach: Leute begehen nicht systematisch Fehler. Damit l\u00e4sst sich nicht alles erkl\u00e4ren, aber es ist im Durchschnitt oft eine Annahme, die das Verhalten nicht schlecht erkl\u00e4ren kann. All diese Referenzmodelle werden nicht verschwinden, aber sie m\u00fcssen in einer weiter gehenden Analyse nat\u00fcrlich angereichert werden.&#13;<\/p>\n<h3>Welche Relevanz hat die \u00d6konomie f\u00fcr die reale Welt?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEine starke, glaube ich (lacht). Keynes hat das sch\u00f6n gesagt: \u00abPraktiker, die sich ganz frei von intellektuellen Einfl\u00fcssen glauben, sind gew\u00f6hnlich die Sklaven irgendeines verblichenen \u00d6konomen.\u00bb Dennoch sage ich meinen Studierenden immer wieder: Als \u00d6konom muss man sich auch zur\u00fccknehmen. Gerade zu Verteilungsfragen sollten wir uns in der Rolle als analytische \u00d6konomen nur positiv (faktisch) \u2013 also nicht normativ (beurteilend) \u2013 \u00e4ussern. Wenn die Studenten fragen, warum Verteilungsgerechtigkeit nicht das h\u00f6chste Ziel der \u00d6konomie sei, antworte ich: Da w\u00fcrden sich die \u00d6konomen zu viel herausnehmen. Denn ein solches Ziel muss politisch definiert werden. Wir zeigen nur auf, wie Ziele am effizientesten erreicht werden k\u00f6nnten. \u00d6konomen sind letztlich analytische Handwerker.&#13;<\/p>\n<h3>Aber \u00d6konomen sind auch Menschen mit Ideologien.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa klar. Aber sie sollten versuchen, diese verschiedenen H\u00fcte auseinanderzuhalten. Was mich st\u00f6rt, ist, wenn \u00d6konomen eine Weisheit verk\u00fcnden, die eigentlich nichts anderes ist als ihre Meinung. Nehmen wir die Landwirtschaftspolitik: Ein \u00d6konom ist versucht, zu sagen, die Schweizer Landwirtschaft zu sch\u00fctzen, sei ineffizient, also falsch. Nun ist aber ein politischer Wille da, produzierende Bauern zu haben. Deshalb ist es nicht am \u00d6konom, zu sagen: Das ist ein bl\u00f6des Ziel \u2013 damit befasse ich mich nicht. Sondern er sollte aufzeigen, welches die effizienteste \u2013 oder genauer: die am wenigsten ineffiziente \u2013 Art ist, das Ziel zu erreichen: Direktzahlungen, Subventionen, Z\u00f6lle etc. Das ist meines Erachtens wichtiger, als allgemeine Ziele zu verk\u00fcnden. Wie k\u00f6nnen Ressourcen unter bestimmten Rahmenbedingungen am besten zugeteilt werden? Darum geht es.&#13;<\/p>\n<h3>Wir haben \u00fcber die Vorhersehbarkeit von Krisen gesprochen: Haben wir eine Immobilienblase in der Schweiz?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nGenerell w\u00fcrde ich sagen: Die vorhandene Liquidit\u00e4t wirkt zwar in den Konsumentenpreisen nicht inflatorisch, aber sie tut dies umso st\u00e4rker in Verm\u00f6genspreisen. Denn ein Teil des Geldes wird angelegt \u2013 etwa in Anleihen. Die extrem tiefen Zinsen haben zur Folge, dass die Bondpreise sehr hoch sind. Eine andere Risikozone ist in der Tat der Immobiliensektor, wo in der Schweiz sicher eine latente Gefahr einer Blase besteht.&#13;<\/p>\n<h3>Steigt mit dem starken Franken die Gefahr f\u00fcr eine solche Immobilienblase?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nSie ist potenziell so lange hoch, wie die SNB wegen des Aufwertungsdrucks gezwungen ist, eine derartig expansive Geldpolitik zu betreiben.&#13;<\/p>\n<h3>Die Nationalbank hat das im Auge. Gen\u00fcgen die getroffenen Massnahmen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Indikatoren zeigen im Moment keine extremen Ausschl\u00e4ge. Ich w\u00fcrde deshalb mal abwarten. Dennoch gibt es grunds\u00e4tzliche Probleme. In der Expertengruppe zur Finanzmarktstrategie haben wir darauf hingewiesen, dass es starke Verschuldungsanreize im Steuersystem gibt. F\u00fcr Private besteht etwa der Anreiz, Wohneigentum mit Hypotheken zu kaufen und diese nicht \u00fcber dem Pflichtteil zu amortisieren, da die Hypothekarschuld von den Steuern abgezogen werden kann. Das setzt ung\u00fcnstige Anreize in Richtung einer privaten \u00dcberschuldung, die bei stark steigenden Zinsen Stabilit\u00e4tsrisiken schaffen kann.&#13;<\/p>\n<h3>Sie sprechen die von Ihnen pr\u00e4sidierte Expertengruppe an, welche im Dezember strengere Vorgaben f\u00fcr Banken gefordert hat. Seit Juni leiten Sie nun den \u00abBeirat Zukunft Finanzplatz\u00bb. Was sagt Ihr \u00d6konomenherz zu dieser von Ihnen mitgestalteten Regulierungswelle?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEs braucht Regulierungen im Finanzmarkt \u2013 das ist unbestritten. Die Kernprobleme sind Risiken f\u00fcr die Finanzstabilit\u00e4t und hier vor allem Too-big-to-fail und der Kundenschutz.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMan kann aber auch \u00fcberregulieren. Das Ziel ist es, die Marktversagen im Finanzsektor zu bek\u00e4mpfen. Aber: Man kann das besser oder schlechter machen. Und genau darum geht es. Finanzinstitute sollen weiterhin produktiv in diesem Sektor t\u00e4tig sein k\u00f6nnen. Dazu braucht es eine rationale Analyse \u2013 unter Einbezug der Betroffenen.&#13;<\/p>\n<h3>Warum braucht es diese erneute Expertengruppe \u2013 den Beirat?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der ersten Gruppe hat man Empfehlungen zuhanden des Bundesrats vorgelegt, deren Umsetzung noch eine Weile dauern wird. Dieser Sektor wird in den n\u00e4chsten Jahren noch einige rasche Umw\u00e4lzungen erleben, was wiederum die ganze Wirtschaft betreffen kann. Deshalb ist es vern\u00fcnftig, dass nun in dieser \u00dcbergangsphase eine breit aufgestellte Gruppe losgel\u00f6st vom Tagesgesch\u00e4ft das Vorgehen analysiert und wichtige Themen rechtzeitig aufgreift.&#13;<\/p>\n<h3>Sie sagen, die Regulierungen sollten stark limitiert werden.<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nIch spreche mich im Finanzsektor nicht f\u00fcr eine generelle Deregulierung, sondern f\u00fcr eine effizienzorientierte Reregulierung aus. Meine Grundhaltung ist aber sicher, nur dort wo n\u00f6tig zu regulieren. Nehmen wir den Kundenschutz als Beispiel: Man kann den Kunden so weit sch\u00fctzen, dass er keine Sekunde mehr nachdenken muss \u2013 oder man l\u00e4sst den Leuten eine gewisse Eigenverantwortung und reguliert nur so weit, dass die Leute nicht systematisch get\u00e4uscht werden. Wenn man sehr stark reguliert, sind wir letztlich beim paternalistischen Staat, der vorschreibt, was wir zu tun haben, und dann bald einmal nahe einer Planwirtschaft.&#13;<\/p>\n<h3>Warum sitzen die Banken im Beirat?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Banken sind letztlich am st\u00e4rksten betroffen. Es geht ja nicht nur um eine effiziente Regulierung, sondern um die Frage, ob etwa der Zutritt zum internationalen Finanzmarkt gef\u00e4hrdet sein k\u00f6nnte. Die Leute an der Front sp\u00fcren direkter als die Regulatoren oder ich in meinem B\u00fcro, wo hier der Schuh dr\u00fcckt. Die Idee ist ja nicht, dass die Finanzbranche sagt, wie man regulieren soll, sondern dass sie einbezogen wird bei der Formulierung der Probleme und denkbarer Verbesserungsans\u00e4tze. Das hat sich bei der Too-big-to-fail-Thematik sehr bew\u00e4hrt. Die Banken waren in unserer Expertengruppe am Schluss sogar bereit, zus\u00e4tzliche Massnahmen zu akzeptieren. Es ist nicht so, dass da nur zahnlose Dinge rauskommen.&#13;<\/p>\n<h3>Wann beginnt im Finanzmarkt aus Ihrer Sicht die \u00dcberregulierung?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWenn man \u00fcber die Regulierung nicht mehr auf effizienteste Weise Marktversagen einzud\u00e4mmen sucht, sondern in Details der Gesch\u00e4ftst\u00e4tigkeit oder der Kundenbeziehungen hinein vorzuschreiben beginnt.&#13;<\/p>\n<h3>Kommen wir auf die Konjunkturprognosen zu sprechen. Was taugen diese?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWeil die Prognosen h\u00e4ufig falsch sind, h\u00f6rt man gelegentlich, man solle keine machen. Das ist aber keine Alternative: Schon alleine um ein Staatsbudget zu machen, braucht es Konjunkturprognosen; die Schuldenbremse funktioniert nicht ohne Prognosen. Man kann nicht einfach den Daumen in den Wind halten. Es ist intelligenter, man st\u00fctzt sich auf \u00f6konometrische Modelle und Expertenmeinungen ab. Die Kombination dieser beiden Methoden produziert eine nachvollziehbare Zahl. Prognostiker wissen, dass es da eine Bandbreite von meist mindestens einem Prozentpunkt aufw\u00e4rts und abw\u00e4rts gibt. Da hat es der Wetterprognostiker viel einfacher. Er kann zum Fenster hinausschauen und sagen: Die Sonne scheint. Wie die Wirtschaftslage heute ist, weiss ich hingegen nicht. Eine erste Sch\u00e4tzung des Seco gibt es erst fr\u00fchestens zwei Monate nach einem Quartal. Die Ausgangslage ist schwierig: Mit ein paar wenigen zum Teil unpr\u00e4zisen Daten versucht man etwas so Kompliziertes wie die gesamte Volkswirtschaft zu erfassen. Eine Prognose ist letztlich kaum mehr als ein plausibles Szenario unter bestimmten klaren Annahmen.&#13;<\/p>\n<h3>Untersuchungen zeigen: Die Treffsicherheit ist bei Annahmen, die \u00fcber ein Jahr hinausgehen, gering. Also lieber eine schlechte Prognose als gar keine?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nJa. Aber man muss sich der Grenzen bewusst sein. Als ich noch direkt daf\u00fcr zust\u00e4ndig war, habe ich oft gesagt: Die Prognose f\u00fcr das laufende Jahr ist relativ zuverl\u00e4ssig, die Prognose f\u00fcr das folgende Jahr mit erheblichen Unsicherheiten behaftet, und alles dar\u00fcber hinaus ist Science-Fiction. Erstaunlicherweise ist es einfacher, die durchschnittliche Wachstumsrate f\u00fcr die n\u00e4chsten 30 Jahre vorauszusagen.&#13;<\/p>\n<h3>Warum?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDiese h\u00e4ngt nicht von Konjunkturschwankungen ab, sondern von der Entwicklung der Bev\u00f6lkerungsstruktur und der Produktivit\u00e4t. Hier eine Annahme zu machen, ist einfacher, als die kurzfristigen Schwankungen zu erwischen.&#13;<\/p>\n<h3>Verursachen Fehlprognosen einen Schaden?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nWenn eine Firma ihr Budget oder einen Investitionsentscheid auf v\u00f6llig falsche Prognosen abst\u00fctzt, entsteht ihr ein Schaden. Ich habe aber etwas M\u00fche, das dem Prognostiker anzulasten. Denn dieser macht unter grosser Unsicherheit einfach einen \u00abbest guess\u00bb, und gute Prognostiker geben das bereitwillig jederzeit zu.&#13;<\/p>\n<h3>Wer tr\u00e4gt denn die Kosten von Fehlprognosen?<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nLetztlich der, der sie f\u00fcr einen Entscheid braucht. Es gibt ja zum Gl\u00fcck viele Prognosen \u2013 man muss sich also nicht auf eine abst\u00fctzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n&nbsp;<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Brunetti, weshalb sind Sie \u00d6konom geworden? &#13; Ich habe zuerst andere Dinge zu studieren begonnen und bin dann bei der \u00d6konomie h\u00e4ngen geblieben.&#13; Das klingt nicht sehr begeistert. &#13; Ich war vielseitig interessiert und zun\u00e4chst nicht sehr zielstrebig. Mit der Zeit wurde mir aber immer klarer, dass f\u00fcr mich die \u00d6konomie mit Abstand am [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":4162,"featured_media":32337,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[67,69],"post_opinion":[72],"post_serie":[],"post_content_category":[154],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":4162,"seco_co_author":null,"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Chefredaktorin, Die Volkswirtschaft","seco_author_post_occupation_fr":"R\u00e9dactrice en chef de \u00ab La Vie \u00e9conomique \u00bb","seco_co_authors_post_ocupation":null,"short_title":"\u00ab\u00d6konomen sind letztlich analytische Handwerker\u00bb","post_lead":"Was liegt in der Macht von \u00d6konomen und was nicht? Diese Zunft zeige auf, wie Ziele am effizientesten erreicht werden k\u00f6nnten, sagt Aymo Brunetti, Professor f\u00fcr Wirtschaftspolitik an der Universit\u00e4t Bern. Als \u00d6konom m\u00fcsse man sich zur\u00fccknehmen. Brunetti spricht in der  Einf\u00fchrungsvorlesung zur Volkswirtschaftslehre \u00abdeutlich mehr \u00fcber Banken, Finanzm\u00e4rkte und Finanzmarktregulierung\u00bb als vor der Finanzkrise. Dieser Sektor werde in den n\u00e4chsten Jahren noch einige rasche Umw\u00e4lzungen erleben, so der Leiter des vom Bundesrat eingesetzten \u00abBeirat Zukunft Finanzplatz\u00bb.","post_hero_image_description":"\u00abMan muss die \u00d6konomie nicht neu erfinden.\u00bb Aymo Brunetti in den G\u00e4ngen der UniS in Bern.","post_hero_image_description_copyright_de":"Die Volkswirtschaft, Marlen von Weissenfluh","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":[{"kasten_title":"Aymo Brunetti","kasten_box":"Der 1963 in Basel geborene Aymo Brunetti ist Professor f\u00fcr Wirtschaftspolitik und Regional\u00f6konomie am Departement Volkswirtschaftslehre der Universit\u00e4t Bern. Zudem leitet er den vom Bundesrat eingesetzten Beirat zur Zukunft des Finanzplatzes. F\u00fcr grosses Interesse sorgte im Dezember 2014 der Schlussbericht der Expertengruppe zur Finanzmarktstrategie, welchen er als Gremiumspr\u00e4sident dem Bundesrat vorlegte. Zuvor arbeitete er schon in der Expertenkommission zur Too-big-to-fail-Problematik mit. Von 2003 bis 2012 leitete er die Direktion f\u00fcr Wirtschaftspolitik im Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco)."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":115682,"main_focus":[156602,157237],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":115686,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"24631","post_abstract":"","magazine_issue":"20150809","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":4139,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/557ebcc4e20d9"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115679"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4162"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=115679"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115679\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126814,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/115679\/revisions\/126814"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4162"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157237"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156602"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/32337"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=115679"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=115679"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=115679"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=115679"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=115679"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=115679"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}