{"id":115848,"date":"2015-07-23T16:37:27","date_gmt":"2015-07-23T16:37:27","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/07\/08-09-2015-buetler\/"},"modified":"2023-08-23T23:13:11","modified_gmt":"2023-08-23T21:13:11","slug":"vom-elfenbeinturm-in-die-oeffentlichkeit-und-wieder-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/07\/vom-elfenbeinturm-in-die-oeffentlichkeit-und-wieder-zurueck\/","title":{"rendered":"Vom Elfenbeinturm in die \u00d6ffentlichkeit \u2013 und wieder zur\u00fcck"},"content":{"rendered":"<p>In den letzten Monaten sind verschiedene Studien zu den Auswirkungen der Personenfreiz\u00fcgigkeit auf den Schweizer Arbeitsmarkt erschienen \u2013 verfasst von international renommierten Professoren schweizerischer Universit\u00e4ten. \u00c4hnliches l\u00e4sst sich sagen zu den Auswirkungen von Steuerwettbewerb und Finanzausgleich oder zur Analyse von Massnahmen im Arbeitsmarkt und in der Invalidenversicherung. Dennoch ert\u00f6nt von allen Seiten der Ruf nach gr\u00f6sserer Sichtbarkeit der Volkswirte. Selbst Kollegen aus anderen F\u00e4chern, selber kaum sichtbar, fordern mehr \u00f6ffentliches Engagement. Verstecken sich die \u00d6konomen etwa? Im Elfenbeinturm?<strong>&#13;<br \/>\n<\/strong>&#13;<\/p>\n<h2>\u00d6konomie im Elfenbeinturm<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWas ist der Elfenbeinturm \u00fcberhaupt? Der Einfachheit halber sei er hier definiert als universit\u00e4re volkswirtschaftliche Forschung, die an relativ einheitlichen internationalen Publikationsstandards gemessen wird. Man mag Letzteres kritisieren \u2013 dem entziehen k\u00f6nnen sich die Universit\u00e4ten jedoch kaum.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie g\u00e4ngige W\u00e4hrung im Elfenbeinturm ist die Forschungszeit, weshalb die Lehre oft als notwendiges \u00dcbel angesehen wird (\u00abteaching load\u00bb). Dies f\u00f6rdert den Ruf der Wissenschaftler in der \u00d6ffentlichkeit kaum.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Elfenbeinturm der \u00d6konomie sind \u2013 grenzenlos vereinfacht \u2013 vier Typen beheimatet. Sie unterscheiden sich durch den Realit\u00e4tsbezug der Forschung und die Sichtbarkeit:&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li>Theoretische Grundlagenforscher: Selbst sie kommen heute nicht mehr um stilisierte Fakten als Inspiration und Check ihrer Modelle herum.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Empirische Grundlagenforscher: Hier sorgen Daten (auch selbst generierte) f\u00fcr einen offensichtlichen Realit\u00e4tsbezug.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Angewandte Forscher: Sie verfassen auch schon mal Auftragsstudien, wie die eingangs erw\u00e4hnten, sofern sie ins allgemeine Forschungsprogramm passen. Diese Forschertypen sitzen etwa in der Wettbewerbskommission oder sporadisch in Expertengremien. Die Kommunikation \u00fcberlassen sie aber lieber anderen.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Public Intellectuals: Sie wagen es, auch einmal \u00fcber den engeren Forschungsbereich hinaus (gefragt oder ungefragt) eine Meinung zu \u00e4ussern.<\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>\n<p>&#13;<br \/>\nDiese Einteilung ist nat\u00fcrlich viel zu statisch \u2013 viele Theoretiker und Grundlagenforscher \u00e4ndern in ihrer Laufbahn in eine andere Kategorie.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWer die Forschung als abgehoben kritisiert, vergisst, dass die ersten beiden Typen die Basis f\u00fcr sp\u00e4tere Anwendungen liefern. Klagen, dass an der gesellschaftlichen Nachfrage vorbeiproduziert werde, sind dennoch nicht ganz von der Hand zu weisen. Wichtige Themengebiete werden von Universit\u00e4ten nicht bearbeitet, weil es dort keine Lorbeeren zu holen gibt. Weil zum Beispiel eine bestimmte Frage bereits beantwortet ist (wenn auch nicht f\u00fcrs eigene Land) oder es keine attraktive Identifikationsstrategie gibt, um den kausalen Effekt zu messen.&#13;<\/p>\n<h2>Das Problem mit Nachfrage und Angebot<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Nachfrage vor allem nach Public Intellectuals \u00fcbersteigt das Angebot bei Weitem. Denn f\u00fcr Public Intellectuals in spe sind die Kosten schlicht zu hoch: Einbusse an Forschungszeit, Vereinnahmung durch die Medien (\u00abpublic\u00bb im w\u00f6rtlichen Sinn) und Minderung der wissenschaftlichen Reputation.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nW\u00e4hrend Erkenntnisse aus der Angewandten Forschung durchaus gefragt sind, scheitert meist der Wissenstransfer zu einem breiteren Publikum \u2013 an der fehlenden Zeit f\u00fcr Anfragen von Journalisten, an der mangelnden Bereitschaft, mehr als nur das eigene enge Forschungsgebiet zu beschreiben, oder an der Schwierigkeit, verst\u00e4ndlich zu schreiben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Einladung an Kollegen, im Onlineforum zur schweizerischen Wirtschaftspolitik <em><a href=\"http:\/\/www.batz.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Batz.ch<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a><\/a><\/em>\u00a0mitzutun, wurde von diesen enthusiastisch begr\u00fcsst \u2013 aber kaum benutzt. \u00dcber die Gr\u00fcnde k\u00f6nnen wir nur spekulieren. Zu aufwendig, wahrscheinlich. Schade, denn in den letzten Jahren landeten viele der Batz-Beitr\u00e4ge in der interessierten \u00d6ffentlichkeit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWer es wagt, sich \u00f6ffentlich zu engagieren, merkt schnell, dass vertiefte Einsichten \u00fcber die Wirkungsmechanismen wirtschaftspolitischer Massnahmen viel weniger gefragt sind als die Einordnung der Geschehnisse \u2013 und vor allem gesunder Menschenverstand. Getreu nach Theaterautor Bertolt Brecht, der zur Rolle der Wissenschaft im <em>Leben des Galilei<\/em> schrieb: \u00abEs ist nicht ihr Ziel, der unendlichen Weisheit eine T\u00fcr zu \u00f6ffnen, sondern eine Grenze zu setzen dem unendlichen Irrtum.\u00bb Das ist freilich nicht besonders attraktiv.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZudem schreckt die Personalisierung und Skandalisierung der heutigen Medien ab. Verst\u00e4ndlich. Zur Illustration: Die beiden mit Abstand meist zitierten Beitr\u00e4ge im Batz-Blog waren ein Urheberrechtsstreit mit einer Zeitung sowie ein Klamaukeintrag mit dem Thema \u00abTitel\u00f6konomie\u00bb.&#13;<\/p>\n<h2>Eine Lanze f\u00fcr den Elfenbeinturm<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie einen forschen, die anderen reden in der \u00d6ffentlichkeit: Das w\u00e4re ja die offensichtliche arbeitsteilige L\u00f6sung. Eine solche Trennung f\u00fchrt allerdings in die Irre. Ein wenig Elfenbeinturm geh\u00f6rt zu jeder Forschung, auch der Angewandten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer deutsche Philosoph und Soziologe Theodor Adorno wehrte sich wenige Monate vor seinem Tod gegen eine, wie er es ausdr\u00fcckte, praktische Vorzensur: \u00abIch glaube, dass eine Theorie viel eher f\u00e4hig ist, kraft ihrer eigenen Objektivit\u00e4t praktisch zu wirken, als wenn sie sich von vornherein der Praxis unterwirft.\u00bb Zu Recht. Denn selbst \u00abgesunder Menschenverstand\u00bb in der \u00d6konomie muss letztlich auf einem fundierten Verst\u00e4ndnis der Wirkungszusammenh\u00e4nge basieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie eigene, von Peers evaluierte Forschung bleibt auch aus anderen Gr\u00fcnden ein wichtiger Anker f\u00fcr die Public Intellectuals. Wirtschaftspolitische Ratschl\u00e4ge werden im Inland zwangsl\u00e4ufig als parteiisch angesehen. Wer in der internationalen Forschungsgemeinschaft verankert ist, vertritt die Analysen und Vorschl\u00e4ge mit viel mehr Autorit\u00e4t und Glaubw\u00fcrdigkeit. Nicht zuletzt, weil die forschungsbasierten wirtschaftspolitischen Empfehlungen im Ausland schon mal \u00abhors-sol\u00bb getestet werden k\u00f6nnen. Zudem bietet der Elfenbeinturm unbelasteten Austausch mit andern Forschern und herausfordernden Studierenden.&#13;<\/p>\n<h2>Mehr R\u00fcckreisetickets bitte<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEs gibt zweifellos eine Diskrepanz zwischen Nachfrage und Angebot an \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Die Kosten f\u00fcr die potenziellen Public Intellectuals sind schlicht zu hoch. Handlungsoptionen gibt es durchaus. Im Rahmen der Bundesbeitr\u00e4ge an die Universit\u00e4ten k\u00f6nnten sich die \u00f6ffentliche Hand und die Hochschulen auf Modelle einigen, welche den Wissenstransfer f\u00f6rdern, ohne die Angewandten Forscher und Public Intellectuals \u00fcberm\u00e4ssig zu belasten. Zudem fehlen heute Wege aus dem Elfenbeinturm und wieder zur\u00fcck.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDenkbar w\u00e4ren mehrj\u00e4hrige Beurlaubungen f\u00fcr \u00f6ffentliche \u00c4mter oder anders gelagerte Wissensvermittlung, mit R\u00fcckkehrgarantie. Diese \u2013 in den USA l\u00e4ngst realisierte \u2013 Forderung klingt auf den ersten Blick schrecklich verw\u00f6hnt. Sie ist aber eine notwendige Voraussetzung daf\u00fcr, dass anwendungsorientierte Forscher sich auf die Forschungsfreiheit verlassen k\u00f6nnen, auf der die guten Ideen erst gedeihen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Die Autorin ist Co-Herausgeberin von www.batz.ch. Auf Batz.ch zeigen Schweizer Wirtschaftsprofessoren, was sie zu aktuellen Themen denken. Die Initiatoren hoffen, mit dieser Plattform eine Br\u00fccke zwischen akademischer Forschung und \u00f6ffentlicher Meinung zu schlagen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den letzten Monaten sind verschiedene Studien zu den Auswirkungen der Personenfreiz\u00fcgigkeit auf den Schweizer Arbeitsmarkt erschienen \u2013 verfasst von international renommierten Professoren schweizerischer Universit\u00e4ten. \u00c4hnliches l\u00e4sst sich sagen zu den Auswirkungen von Steuerwettbewerb und Finanzausgleich oder zur Analyse von Massnahmen im Arbeitsmarkt und in der Invalidenversicherung. 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