{"id":115887,"date":"2015-07-23T16:37:26","date_gmt":"2015-07-23T16:37:26","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/07\/eichenberger-stadelmann-08-09-2015\/"},"modified":"2023-08-23T23:13:16","modified_gmt":"2023-08-23T21:13:16","slug":"eichenberger-stadelmann-08-09-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/07\/eichenberger-stadelmann-08-09-2015\/","title":{"rendered":"Die Gesellschaft braucht die moderne \u00d6konomik"},"content":{"rendered":"<p>\u00d6konomen denken immer an Kosten und Nutzen. Das erscheint manchen Kritikern zu eng. Doch Kosten und Nutzen sind nur andere Worte f\u00fcr Vor- und Nachteile, also ein sehr breites Konzept. Nicht-\u00d6konomen denken oft entweder nur an Nutzen oder nur an Kosten. So meinen viele, eine h\u00f6here Geburtenrate w\u00fcrde die Sicherung der Altersvorsorge erleichtern. Dabei vergessen sie die hohen gesellschaftlichen Kosten von Kindern. Denn Durchschnittskinder kosten den Staat \u00fcber das Leben gerechnet mehr, als sie an ihn bezahlen. Deshalb gef\u00e4hrdet Fertilit\u00e4tspolitik die Altersvorsorge \u2013 ausser sie f\u00f6rdert gezielt hochproduktive Kinder.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00d6konomen ber\u00fccksichtigen alle Nutzen und Kosten, insbesondere auch nicht monet\u00e4re. Nicht-\u00d6konomen hingegen fokussieren oft viel zu stark auf monet\u00e4re Gr\u00f6ssen. So zielt die Gesundheitspolitik vor allem auf das Wachstum der Geldkosten und vernachl\u00e4ssigt, dass die Kosten infolge verlorener Zeit durch Krankheit und Behandlung sowie von Nebenwirkungen und Risiken riesig sind, aber dank medizinischem Fortschritt sinken.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00d6konomen betonen auch immer die Opportunit\u00e4tskosten, weil die verwendeten Ressourcen nicht mehr anders eingesetzt werden k\u00f6nnen. In der Politik hingegen werden diese str\u00e4flich vernachl\u00e4ssigt. So wird anl\u00e4sslich der Armeereform nur diskutiert, ob das Milit\u00e4rbudget 4 oder 5 Milliarden oder gar noch mehr betragen soll. Dabei werden die Opportunit\u00e4tskosten der rund 6 Millionen Diensttage sowie der Milit\u00e4rgel\u00e4nde vernachl\u00e4ssigt. Opportunit\u00e4tskosten mit eingerechnet, ist die Schweizer Armee rund doppelt so teuer wie behauptet und, pro Einwohner, eine der teuersten Armeen der Welt. Wer dies ber\u00fccksichtigt, w\u00fcnscht eine andere Armeereform.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSchliesslich fokussieren \u00d6konomen nicht nur auf Gesamtkosten und -nutzen, sondern vor allem auf Grenzkosten und -nutzen. So rechnen regelm\u00e4ssig Studien vor, Kinderkrippen, der \u00f6ffentliche Verkehr oder Kulturinstitutionen br\u00e4chten mehr Nutzen als Kosten. Doch das ist zweitrangig. Die Frage ist ja kaum, ob diese Leistungen ganz abgeschafft werden sollen, sondern ob wir mehr oder weniger davon brauchen. Also, ob die Grenznutzen gr\u00f6sser oder kleiner als die Grenzkosten sind. Dazu sagen die Studien zumeist nichts.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Realistisches Menschenbild<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nRegelm\u00e4ssig wird \u00d6konomen vorgeworfen, ihr Menschenbild sei unrealistisch. Tats\u00e4chlich treffen sie oft enge Verhaltensannahmen, da diese die Formulierung mathematischer Modelle erleichtern. Das einfache \u00f6konomische Denken hingegen beruht auf einem ganz allgemeinen und sehr realistischen Menschenbild. Salopp formuliert sind Menschen weder allwissende Engel noch dumme Schafe. Sie sind nie vollst\u00e4ndig informiert; sie verfolgen nicht ausschliesslich das Gemeinwohl, sondern auch eigene Ziele; sie haben lieber Vor- als Nachteile und w\u00e4gen diese halbwegs vern\u00fcnftig ab; und sie folgen nicht jeder Vorschrift, sondern suchen aktiv nach f\u00fcr sie g\u00fcnstigeren L\u00f6sungen. Kurz: Menschen reagieren systematisch auf Anreize und handeln entsprechend dem Nachfragegesetz. Wenn etwas teurer wird, tun sie es seltener.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas hat weitreichende Folgen. Wenn Politiker tats\u00e4chlich das Volkswohl maximieren und alles wissen w\u00fcrden, m\u00fcsste alles von der Zentralregierung oder noch besser durch eine Weltregierung entschieden werden. Weil aber eben auch Politiker normale Menschen sind, sind dezentrale und wettbewerbliche Strukturen oft \u00fcberlegen. Denn sie generieren Informationen und geben den Politikern Anreize, auf die B\u00fcrger einzugehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn der Politik werden Anreize oft vernachl\u00e4ssigt. So wurde lange \u00fcber die Beitr\u00e4ge der Geberkantone zum Finanzausgleich gestritten, w\u00e4hrend Anreizprobleme ignoriert wurden. Die Grenzabsch\u00f6pfungsquote des Steuersubstrats betr\u00e4gt in den Geberkantonen etwa 20 Prozent, in den Nehmerkantonen hingegen 80 Prozent. Damit haben die Geber st\u00e4rkere Anreize als die Nehmer, ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern. Das d\u00fcrfte die Unterschiede l\u00e4ngerfristig vergr\u00f6ssern und ist Sprengstoff f\u00fcr die Schweiz.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Marktversagen ist allgegenw\u00e4rtig<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nGute \u00d6konomen sind nicht Prediger der Markteffizienz, sondern Spezialisten f\u00fcr Marktversagen und dessen Heilung. Sie verstehen die drei Ursachen von Marktversagen: Externalit\u00e4ten und \u00f6ffentliche G\u00fcter, nat\u00fcrliche Monopole sowie asymmetrische Information. Als Rezept gegen Marktversagen empfehlen sie marktwirtschaftliche L\u00f6sungen, also Lenkungssteuern und handelbare Lizenzen \u2013 anstelle von planerischen und polizeilichen Geboten und Verboten, Mengenfixierungen oder Subventionen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIllustrativ ist die Verkehrspolitik: Die externen Kosten, welche der Individualverkehr durch Umweltsch\u00e4den, Unf\u00e4lle und Staus verursacht, sollten aus \u00f6konomischer Sicht durch ein effektives Roadpricing im Sinne des Verursacherprinzips internalisiert werden. Gleichzeitig sollte der \u00f6ffentliche Verkehr nicht mehr subventioniert werden, sobald der Individualverkehr seine wahren Kosten tr\u00e4gt. Dadurch w\u00fcrde ein Marktversagen behoben und sehr viel Geld f\u00fcr Steuersenkungen frei.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuch bei der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative fokussiert die \u00f6ffentliche Diskussion viel zu eng auf Mengensteuerung durch Kontingente. Falls Zuwanderung wirklich negative Externalit\u00e4ten hat, empfiehlt der \u00f6konomische Ansatz, die Zuwanderung \u00fcber Preise zu steuern, also f\u00fcr die hier verbrachte Zeit Lenkungssteuern zu erheben.&#13;<\/p>\n<h2><strong>\u00d6konomen \u2013 Spezialisten auch f\u00fcr Staatsversagen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n\u00d6konomen sind trotz h\u00e4ufigem Marktversagen eher marktfreundlich, weil sie vergleichend denken. Sie vergleichen die Marktl\u00f6sung mit anderen Entscheidungssystemen und sind deshalb auch zu Spezialisten f\u00fcr Staatsversagen und dessen Heilung geworden. Denn Staat und Politik leiden an \u00e4hnlichen Problemen wie M\u00e4rkte: So wie eigenn\u00fctziges Verhalten unter bestimmten Bedingungen zu Marktversagen f\u00fchrt, kann es Staatsversagen bewirken.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn dezentralen politischen Systemen sind Probleme mit Externalit\u00e4ten allgegenw\u00e4rtig, weil Leistungen der einen Gebietsk\u00f6rperschaft oft auch den Einwohnern anderer Regionen n\u00fctzen. Zugleich spielen Externalit\u00e4ten aber in Zentralstaaten meist eine noch gr\u00f6ssere Rolle. Dort werden Ausgaben zentral finanziert \u2013 und die Einwohner aller Gebietsk\u00f6rperschaften leben dann auf Kosten der Allgemeinheit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs ist deshalb nicht erstaunlich, dass L\u00e4nder wie Griechenland, die stark zentralisiert sind, besonders grosse Probleme haben, die B\u00fcrger zum Steuerzahlen zu veranlassen. Da praktisch nichts der in einer Gebietsk\u00f6rperschaft bezahlten Steuergelder dortbleibt, sehen die B\u00fcrger nur wenig Sinn darin, selbst Steuern zu zahlen und sich darum zu k\u00fcmmern, ob ihre Mitb\u00fcrger die Steuern zahlen. Auch deshalb w\u00e4re f\u00fcr Griechenland und viele andere EU-L\u00e4nder eine weitgehende Dezentralisierung fruchtbar.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nModerne \u00d6konomik erhellt auch, wie unterschiedliche politische Systeme funktionieren. So leidet die repr\u00e4sentative Demokratie daran, dass gute Ideen nicht patentiert und dadurch frei von anderen Politikern \u00fcbernommen werden k\u00f6nnen, also \u00f6ffentliche G\u00fcter sind. Das mindert die Anreize f\u00fcr Politiker, viel Energie in die Entwicklung guter und realistischer Ideen zu investieren. Ein anderes Problem ist, dass Wahlversprechen nicht bindend sind. Die B\u00fcrger wissen zumeist nicht, weshalb die Wahlversprechen nicht eingehalten werden konnten. Diese asymmetrische Information senkt die Anreize f\u00fcr Politiker zus\u00e4tzlich, sich an Versprechen zu halten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDirekte Demokratie \u00fcberwindet solches Politikversagen wenigstens teilweise: Wenn eine Idee als Volksinitiative formuliert wurde, kann sie von anderen kaum mehr einfach \u00fcbernommen werden. Die Initiative ist deshalb so etwas wie ein Patent f\u00fcr politische Ideen und wirkt innovationsf\u00f6rdernd. Zudem sind direktdemokratische Vorlagen glaubw\u00fcrdiger als Wahlversprechen, weil sie als Verfassungs- und Gesetzestexte formuliert sind.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Gleichgewichte bergen \u00dcberraschungen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAuf individueller Ebene ist die Abw\u00e4gung von Kosten und Nutzen zentral \u2013 auf aggregierter Ebene sind es das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage und die sich daraus ergebenden Gleichgewichte, deren besondere Eigenschaften von Nicht-\u00d6konomen oft vernachl\u00e4ssigt werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin Beispiel ist Steuer\u00fcberw\u00e4lzung. Die Steuerlast trifft oft nicht die formellen Zahler, sondern sie wird \u00fcber die M\u00e4rkte an andere weitergegeben. Ein Extrembeispiel f\u00fcr dieses allgemeine Ph\u00e4nomen sind international mobile Spitzensportler. In L\u00e4ndern mit hohen Steuern arbeiten sie nur, wenn sie einen entsprechend h\u00f6heren Bruttolohn erhalten. So wird die Steuerlast voll auf ihre Arbeitgeber \u00fcberw\u00e4lzt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGenerell bleibt die Steuerlast bei den relativ immobilen Faktoren h\u00e4ngen. In einem f\u00f6deralistischen Staat sind der Faktor Arbeit und das Kapital zwischen den Gebietsk\u00f6rperschaften mobil. Deshalb wird die Steuerlast weitgehend auf den Faktor Boden \u00fcberw\u00e4lzt, d. h., die Steuern \u00abkapitalisieren\u00bb im Bodenwert. In Gebietsk\u00f6rperschaften mit hohen Steuern sind die Bodenpreise entsprechend tiefer; die Steuerlast tragen also nicht die Arbeiter, sondern die Bodenbesitzer. Umgekehrt profitieren etwa im Kanton Zug nicht alle Einwohner von tiefen Steuern, sondern haupts\u00e4chlich die Bodenbesitzer.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAber nicht nur Steuern kapitalisieren im Bodenpreis, sondern alles, was Vor- und Nachteile bringt \u2013 so auch die Schulden von Gebietsk\u00f6rperschaften. Gemeinde- und wohl auch Kantonsschulden sind deshalb weniger eine Belastung f\u00fcr zuk\u00fcnftige Generationen als f\u00fcr die heutigen Bodenbesitzer. Wenn sich hingegen ein grosses Land verschuldet oder gar eine L\u00e4ndergemeinschaft wie die EU, dann kann der Faktor Arbeit nicht ausweichen. Deshalb tragen dann die zuk\u00fcnftigen Generationen einen Teil der Schuldenlast.&#13;<\/p>\n<h2><strong>\u00abWirtschaftsf\u00fchrer\u00bb aus dem Gleichgewicht<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nMarktgleichgewichte werden oft schnell erreicht, weil sie von den Marktteilnehmern erwartet werden und sich Angebot und Nachfrage f\u00fcr knappe Faktoren entsprechend anpassen. So reagieren die Bodenpreise auf Attraktivit\u00e4tsver\u00e4nderungen eines Standorts nicht erst nach und nach, wenn dann die B\u00fcrger wirklich wandern, sondern sofort, weil die Marktteilnehmer die Ver\u00e4nderung der Bodennachfrage antizipieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie aktuelle Diskussion um die Frankenst\u00e4rke illustriert, wie zuweilen auch \u00abWirtschaftsf\u00fchrer\u00bb die Rolle von Erwartungen und Gleichgewichtsmechanismen vernachl\u00e4ssigen. Sie argumentieren, der starke Franken sei f\u00fcr die Wirtschaft h\u00f6chst bedrohlich. Wenn sich die Wirtschaft aber wirklich stark abzuschw\u00e4chen drohte, w\u00fcrde dies am Devisenmarkt wohl schnell erkannt: Der Frankenkurs w\u00fcrde sinken und das Problem sich ohne schwere Krise verfl\u00fcchtigen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>\u00d6konomen als Anw\u00e4lte<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas bisher Gesagte heisst nat\u00fcrlich nicht, dass \u00d6konomen immer recht haben. Ganz im Gegenteil: Manche \u00d6konomen erz\u00e4hlen manchen Unsinn. Das liegt aber nicht an den Schw\u00e4chen der modernen \u00d6konomik, sondern gerade an ihren St\u00e4rken. Diese haben sie so einflussreich gemacht, dass heute Regierungen, Parteien und Interessengruppen ihre Politikvorschl\u00e4ge oft mit \u00f6konomischen Gutachten zu rechtfertigen versuchen. Die als Gutachter eingesetzten Auftrags\u00f6konomen handeln zumeist wie Anw\u00e4lte. Sie versuchen, die Interessen ihrer Auftraggeber mit wirksamen Argumenten zu vertreten. Aber f\u00fcr unsinnige Projekte sind oft auch die besten Argumente Unsinn.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSchliesslich stimmt es auch, dass gute \u00d6konomik viel vermeintlich Triviales sagt. Denn gute \u00d6konomik ist oft einfach gesunder Menschenverstand. Wie wichtig dieser aber ist, zeigt sich darin, wie oft er Entscheidungstr\u00e4gern abhandenkommt und Naivit\u00e4t \u00fcberwiegt. Das gilt leider auch f\u00fcr \u00d6konomen selbst.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSo gibt es heute manche sonst hervorragende \u00d6konomen, die f\u00fcr die Abschaffung des Bargelds eintreten, nur um die ansonsten h\u00f6chst problematischen Negativzinsen besser durchsetzen zu k\u00f6nnen. Dabei vernachl\u00e4ssigen sie, dass dadurch die Macht der Regierungen massiv zunehmen w\u00fcrde und Machtmissbrauch drohte. Tats\u00e4chlich aber sind sie damit in guter Gesellschaft. Selbst Paul Samuelson hat angenommen, die Regierung maximiere die Wohlfahrt. Er schrieb sein ansonsten grossartiges Lehrbuch in den Vierzigerjahren zwar in den USA \u2013 aber im Angesicht von Hitler, Stalin und Mao. Zum Gl\u00fcck ist das moderne \u00f6konomische Denken realistischer.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00d6konomen denken immer an Kosten und Nutzen. Das erscheint manchen Kritikern zu eng. 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