{"id":116427,"date":"2015-05-22T17:07:16","date_gmt":"2015-05-22T17:07:16","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/05\/la-sortie-du-nucleaire-et-la-strategie-energetique-2050-ne-sont-guere-compatibles\/"},"modified":"2023-08-23T23:13:58","modified_gmt":"2023-08-23T21:13:58","slug":"zielkonflikte-der-energiestrategie-2050","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/05\/zielkonflikte-der-energiestrategie-2050\/","title":{"rendered":"Zielkonflikte der Energiestrategie 2050"},"content":{"rendered":"<p>Neben den expliziten CO<sub>2<\/sub>-Reduktionszielen enth\u00e4lt die Energiestrategie 2050 quantitative Vorgaben f\u00fcr eine Verminderung der Energienachfrage in den kommenden Jahrzehnten. Gleichzeitig hat der Bundesrat unter dem Eindruck der Reaktorkatastrophe in Fukushima den Ausstieg aus der weitgehend CO<sub>2<\/sub>-freien Stromerzeugung in Kernkraftwerken beschlossen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZur Erreichung der Ziele ist ein ganzes B\u00fcndel von Massnahmen vorgesehen: technische Vorschriften zur Verbesserung der Energieeffizienz, Subventionen f\u00fcr energetische Sanierungen, die Erh\u00f6hung der Besteuerung fossiler Energietr\u00e4ger sowie Lenkungsabgaben und die F\u00f6rderung der Stromerzeugung mit neuen erneuerbaren Energietr\u00e4gern (Sonne, Wind, Biomasse und Geothermie). Dabei sind die Erwartungen hoch: So sollen die negativen externen Effekte der Verbrennung fossiler Energietr\u00e4ger reduziert werden, und die Schweiz soll anderen L\u00e4ndern als Vorbild dienen. Weiter soll die Importabh\u00e4ngigkeit im Energiesektor reduziert und neue Arbeitspl\u00e4tze geschaffen werden. Und schliesslich soll f\u00fcr Unternehmen, die energieeffizientere Produkte und Prozesse entwickeln, ein Wettbewerbsvorteil entstehen.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Globale Koordination erforderlich<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nUnabh\u00e4ngig ihres Entstehungsorts verteilen sich die klimasch\u00e4dlichen Treibhausgas-Emissionen global. Der anthropogene<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Klimawandel ist deshalb ein globales Umweltproblem, dessen L\u00f6sung nur weltweit koordiniert gelingen kann. F\u00fcr ein einzelnes Land bestehen also kaum Anreize, beim Klimaschutz eine Vorreiterrolle einzunehmen: Es ist attraktiver, nichts zu tun und als Trittbrettfahrer von den Massnahmen anderer L\u00e4nder zu profitieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVor diesem Hintergrund geht der Bundesrat in der Energiestrategie 2050 denn auch vom Zustandekommen eines globalen Abkommens zur Reduktion der Treibhausgas-Emissionen aus. Aufgrund der unterschiedlichen Interessenlagen der einzelnen L\u00e4ndergruppen sind die Chancen f\u00fcr ein wirksames Abkommen aber als gering einzusch\u00e4tzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Anteil der Schweiz an den globalen anthropogenen Treibhausgas-Emissionen betr\u00e4gt gegenw\u00e4rtig gerade mal 0,14%. Weil die Energienachfrage und die Verbrennung fossiler Energietr\u00e4ger in den aufstrebenden Volkswirtschaften k\u00fcnftig weiter ansteigen werden, wird der Anteil der Schweiz in den n\u00e4chsten Jahren zur\u00fcckgehen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZudem muss in Bezug auf die Klimaziele festgehalten werden, dass die an der zweiten Verpflichtungsrunde des Kyoto-Protokolls beteiligten L\u00e4nder f\u00fcr weniger als 15% der weltweiten Emissionen verantwortlich sind. Insbesondere die gr\u00f6ssten Verursacher-Staaten wollen sich noch nicht auf verbindliche Reduktionsziele festlegen. Ein Alleingang einer kleinen L\u00e4ndergruppe verschafft aber den abseitsstehenden L\u00e4ndern kompetitive Vorteile. In Bezug auf die globalen Emissionen kann ein Schweizer Alleingang dar\u00fcber hinaus kontraproduktiv sein, weil mit der Verlagerung von besonders treibhausgasintensiven Produktionszweigen in L\u00e4nder mit weniger strengen Vorschriften zu rechnen ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuf dem Papier steht die Schweiz mit ihren Reduktionszielen zwar nicht alleine da; die EU strebt beispielsweise ebenfalls eine Reduktion von 20% bis zum Jahr 2020 an. F\u00fcr die Zielerreichung sind aber unterschiedliche Anstrengungen notwendig. Denn die Schweiz befand sich bereits im Basisjahr 1990 auf einem tieferen Emissionsniveau, vor allem wegen der weitgehend CO<sub>2<\/sub>-freien Stromproduktion aus Wasser- und Kernkraftwerken. Pro Kopf betragen die CO<sub>2<\/sub>-Emissionen der Schweiz z. B. nur rund 50% der in Deutschland erreichten Gr\u00f6ssenordnung.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Ambitionierte Energieziele<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie mit der Energiestrategie 2050 angestrebten Klima- und Energieziele sind ambitioniert. Der Energiebedarf der Schweiz ist in der zweiten H\u00e4lfte des letzten Jahrhunderts stark angestiegen, st\u00e4rker noch als der Wohlstand. Auch zwischen 2000 und 2010 nahm die Energienachfrage zu, wenn auch weniger stark als zuvor.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie <em>Abbildung<\/em> zeigt die Energienachfrage pro Kopf seit dem Jahr 1950 und die Entwicklungen bis zum Jahr 2050 in den vom Bundesrat verwendeten Szenarien. Gem\u00e4ss Szenario \u201eWeiter wie bisher\u201c wird bis 2050 gegen\u00fcber 2010 eine Reduktion um 32% erreicht, das Szenario \u201ePolitische Massnahmen\u201c f\u00fchrt zu einer Reduktion um 41%. Im vom Bundesrat angestrebten Szenario \u201eNeue Energiepolitik\u201c soll die Nachfrage bis 2050 sogar um 53% gesenkt werden. Die Energienachfrage pro Kopf w\u00fcrde dann wieder dem Niveau im Jahre 1960 entsprechen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nZur Berechnung der Szenarien mussten \u2013 neben dem unterstellten Zustandekommen internationaler Vereinbarungen zur Reduktion der Treibhausgase \u2013 auch Annahmen \u00fcber die Wirtschafts- und die Bev\u00f6lkerungsentwicklung, den technischen Fortschritt und die Preisentwicklung f\u00fcr Energietr\u00e4ger getroffen werden. F\u00fcr den Zeithorizont 2050 sind solche Annahmen aber zwangsl\u00e4ufig h\u00f6chst spekulativ. Es ist zudem nicht seri\u00f6s, die wirtschaftlichen Auswirkungen einer politisch gewollten Reduktion der Energienachfrage unter der Annahme einer exogen vorgegebenen Produktivit\u00e4tsentwicklung und unter Zugrundelegung von unter v\u00f6llig unterschiedlichen Bedingungen ermittelten Verhaltensparametern abzusch\u00e4tzen und als Basis f\u00fcr weitreichende Entscheide zu verwenden.&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\"><strong>Entwicklung der Endenergienachfrage in der Schweiz pro Kopf in drei Szenarien <\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<\/p>\n<pre><div class=\"chart chart--normal\" id=\"hirterschips\"><\/div>\n<script>\n\n$(function () {\nHighcharts.setOptions({\n        lang: {\n            numericSymbols: [' 000']\n        }\n    });\n    $('#hirterschips').highcharts({\n        \/*chart: {\n           type: 'Spline'\n        },*\/\n        title: {\n            text: ''\n        },\n        \ncredits: {\n               \n                text:'Quelle: Regionale Wirtschaftskontakte 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  ]\n   }]\n    });\n});\n<\/script>\n<\/pre>\n<p>&#13;<br \/>\n<span class=\"text__quelle--ground\">Quelle: IWSB (2014). \/ Die Volkswirtschaft<\/span>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Volkswirtschaftliche Konsequenzen<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDurch den Ausstieg aus der relativ emissionsarmen Kernkraft wird das gleichzeitige Erreichen der Klima- und Energieziele nicht einfacher, da die Stromerzeugung der Kernkraftwerke durch andere Produktionsformen zu ersetzen ist. Aufgrund der geplanten Reduktion der Treibhausgase verbietet sich ein Einstieg in die relativ kosteng\u00fcnstige Stromerzeugung mit fossilen Energietr\u00e4gern. Dieser offensichtliche Zielkonflikt soll in dem vom Bundesrat angedachten L\u00f6sungsweg einerseits durch die massive Subventionierung der Stromerzeugung mit neuen erneuerbaren Energietr\u00e4gern und andererseits durch eine Rationierung der Energienachfrage gel\u00f6st werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nOb die Klima- und Energieziele mit dem massiven Ausbau der unrentablen Stromerzeugung mit neuen erneuerbaren Energietr\u00e4gern zu erreichen sind, ist fraglich. Denn nach 2020 soll die heutige Subventionierung mit einer Lenkungsabgabe auf die Energie- und auch die Stromnachfrage ersetzt werden. Weil die auf dem Strommarkt erzielbaren Preise f\u00fcr Strom aus Fotovoltaik und Windkraft aller Voraussicht nach auch nach 2020 noch niedriger sein werden als deren Gestehungskosten, ist zu erwarten, dass diese Anlagen ohne Subventionen auf absehbare Dauer unrentabel bleiben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDamit die Anlagen rentabel w\u00fcrden, m\u00fcsste die Lenkungsabgabe auf die Stromnachfrage (aus dem Netz) so hoch angesetzt sein, dass es f\u00fcr die Betreiber lohnend w\u00e4re, die Anlagen vom Netz abzukoppeln und selber Speicher zu errichten, um den Eigenbedarf decken zu k\u00f6nnen. Die negativen volkswirtschaftlichen Auswirkungen derartig hoher Lenkungsabgaben werden dementsprechend gravierend sein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWirtschaftlich rentable Effizienzverbesserungen werden unabh\u00e4ngig von politischen Massnahmen und Subventionen vorgenommen. Subventionen f\u00fchren zu Wettbewerbsverzerrungen, deren Kosten letztlich die Unternehmen und privaten Haushalte zu tragen haben. Eine Befreiung der energieintensiven Unternehmen von den Kosten der staatlichen Energieverteuerung w\u00fcrde diese Problematik versch\u00e4rfen. Um die vorgegebenen Ziele zu erreichen, m\u00fcssen dann die nicht beg\u00fcnstigten Unternehmen und privaten Haushalte umso h\u00f6here Lasten tragen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nOb die Importabh\u00e4ngigkeit im Energiebereich mit der Energiestrategie 2050 reduziert werden kann, muss ebenfalls infrage gestellt werden. Schon heute muss die Schweiz im Winterhalbjahr Strom importierten. Ohne den ganzj\u00e4hrig verf\u00fcgbaren im Inland produzierten Strom aus Kernkraftwerken d\u00fcrften die Importe im Winterhalbjahr sogar noch zunehmen. Der importierte Strom wird im Ausland weiterhin zu einem Grossteil aus Gas-, Kohle- oder Kernkraft produziert. Schadstoffemissionen und Risiken werden auf diese Weise exportiert.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDass die Schweizer Wirtschaft von potenziellen First-Mover-Vorteilen profitiert, ist nicht zu erwarten. Zahlreiche Erfahrungen aus der Praxis widerlegen dies. Das Paradebeispiel von fehlgeleiteten Anschubsubventionen ist die deutsche Solarindustrie. Selbst wenn andere L\u00e4nder zuk\u00fcnftig ebenfalls anstreben sollten, einen massiv tieferen Energieeinsatz zu erzielen, besteht die Gefahr, dass die Fast-Followers erfolgreicher sein werden als die Pioniere. Ebenfalls wird gerne angef\u00fchrt, dass den Pionieren durch den Umbau des Energiesystems mehr neue Arbeitspl\u00e4tze entstehen als wegfallen. Allerdings wird bei diesen \u00dcberlegungen vernachl\u00e4ssigt, dass eine ver\u00e4nderte Besch\u00e4ftigtenstruktur sich auch auf die Produktivit\u00e4t der Volkswirtschaft auswirkt.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Fragw\u00fcrdiger Alleingang<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZusammen mit einer marktliberalen Ausgestaltung des Energiemarktes sollten die Reduktionsbem\u00fchungen der Schweiz im Gleichschritt mit den globalen Bem\u00fchungen erfolgen. Setzt die Schweiz zusammen mit einer vergleichsweise wenig Treibhausgas emittierenden L\u00e4ndergruppe auf einen Alleingang, droht sie sich Wettbewerbsnachteile einzuhandeln. Bei einem verschwindend kleinen Anteil der Schweiz an den globalen Emissionen tragen die teuren hiesigen Bem\u00fchungen wenig zur L\u00f6sung des globalen Problems des Klimawandels bei. Die Schweiz muss sich also fragen, was sie mit den angestrebten Zielen der Energiestrategie 2050 effektiv erreichen will oder inwiefern sie sich lediglich selbst kasteit.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Durch den Menschen beeinflusst, verursacht.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neben den expliziten CO2-Reduktionszielen enth\u00e4lt die Energiestrategie 2050 quantitative Vorgaben f\u00fcr eine Verminderung der Energienachfrage in den kommenden Jahrzehnten. Gleichzeitig hat der Bundesrat unter dem Eindruck der Reaktorkatastrophe in Fukushima den Ausstieg aus der weitgehend CO2-freien Stromerzeugung in Kernkraftwerken beschlossen.&#13; &#13; Zur Erreichung der Ziele ist ein ganzes B\u00fcndel von Massnahmen vorgesehen: technische Vorschriften zur [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":3939,"featured_media":33163,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[69,66],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[],"post_content_subject":[230],"acf":{"seco_author":3939,"seco_co_author":[4198,0],"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Prof. em. 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