{"id":116470,"date":"2015-05-22T17:05:12","date_gmt":"2015-05-22T17:05:12","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/05\/la-politique-monetaire-face-a-ses-poncifs\/"},"modified":"2023-08-23T23:13:56","modified_gmt":"2023-08-23T21:13:56","slug":"falsches-denken-ueber-die-geldpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/05\/falsches-denken-ueber-die-geldpolitik\/","title":{"rendered":"Falsches Denken \u00fcber die Geldpolitik"},"content":{"rendered":"<p>Dieser Tage lese ich immer wieder, die Verluste der Schweizerischen Nationalbank auf Anlagen in fremden W\u00e4hrungen bedrohten ihre Solvenz. Die Autoren sind zumeist Praktiker, ausgewiesene Bankspezialisten, die allerdings nicht die Zeit gefunden haben, sich mit den Unterschieden zwischen einer Zentralbank und einer Gesch\u00e4ftsbank zu befassen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine moderne Zentralbank kann praktisch nicht zahlungsunf\u00e4hig werden, denn das Geld, das sie zur Erf\u00fcllung ihrer Verbindlichkeiten braucht, produziert sie zumeist selbst. Das Geld, das die Zentralbank ausgibt, erscheint in der Bilanz als Verbindlichkeit, aber es verpflichtet sie zu nichts.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAls Banknoten noch in Gold einzul\u00f6sen waren, war das anders. Damals begr\u00fcndete die Einl\u00f6sepflicht eine echte Verbindlichkeit. Heute haben wir eine reine Papierw\u00e4hrung, ohne Einl\u00f6sepflicht. Die Bilanzierungspraxis ist gleichwohl geblieben. Kein Wunder, dass die Bankspezialisten verwirrt sind. Da wird etwas als Verbindlichkeit behandelt, was keine ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNach betriebswirtschaftlicher Logik sollte die Geldausgabe der Zentralbank nicht als Verbindlichkeit bilanziert werden. Gleichwohl geschieht dies. Die Zentralbankbilanz enth\u00e4lt daher stille Reserven. Und jede neue Geldausgabe erh\u00f6ht diese Reserven. Stellen wir uns vor, die Zentralbank kauft eine Aktie: Die Aktie bringt Dividenden, das Geld f\u00fcr den Kauf kostet die Zentralbank aber nichts. Der Barwert der Nettoertr\u00e4ge der Zentralbank wird um den Barwert der Dividenden erh\u00f6ht, aber das erscheint nicht in der Bilanz. Sollte die Aktie wertlos werden, so weist die Zentralbank zwar einen Verlust aus, aber dieser Verlust ist nicht gr\u00f6sser als der stille Gewinn beim Kauf der Aktie. Die Vorstellung, dass eine moderne Zentralbank insolvent werden kann, beruht somit auf einem mangelhaften Verst\u00e4ndnis der Zentralbankbilanz.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Konzentration auf volkswirtschaftliche Probleme hat Priorit\u00e4t<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Bilanzierungspraxis dient allerdings dem Schutz des Geldwesens vor der Gier der Eigent\u00fcmer der Zentralbank und vor der Geldentwertung. W\u00fcrden die Gewinne aus der Geldsch\u00f6pfung immer gleich ausgewiesen, so w\u00fcrden die Eigent\u00fcmer deutlich h\u00f6here Aussch\u00fcttungen verlangen und vielleicht fordern, die Gewinne durch zus\u00e4tzliche Geldsch\u00f6pfung noch weiter zu erh\u00f6hen. Das k\u00f6nnte zur Inflation f\u00fchren und zu Verlusten bei den Besitzern von Bargeld und anderen auf Geld lautenden Werten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDerzeit ist das Inflationsrisiko aber gering. Die exorbitante Zentralbankgeldsch\u00f6pfung der letzten Jahre war nur ein Ersatz f\u00fcr den Kollaps der Giralgeldsch\u00f6pfung der Gesch\u00e4ftsbanken in der Krise. Dadurch wurde ein Kollaps der Realwirtschaft verhindert. Jedoch ist noch nicht klar, wie die Geldpolitik wieder zur Normalit\u00e4t zur\u00fcckkehren kann. Die Diskussion \u00fcber diese Frage sollte sich aber auf die volkswirtschaftlichen Probleme konzentrieren und nicht durch Warnungen vor den gar nicht vorhandenen Solvenzrisiken der Zentralbank verzerrt werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nMancher betrachtet Papiergeld als Teufelszeug und ist grunds\u00e4tzlich gegen Aktivit\u00e4ten der Zentralbank. Und wenn die Warnung vor der Inflation an der Realit\u00e4t vorbeigeht, so warnt man vor Bilanzrisiken und Verlusten. Der US-Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen zog in dem monumentalen Werk \u201eGolden Fetters\u201c zur Weltwirtschaftskrise den Schluss: Die Krise entstand, weil die Zentralbanken unter dem Goldstandard eine restriktive Geldpolitik betrieben, um Gold zu horten, und sie dauerte jeweils, bis ein Land vom Goldstandard abging <em>und bis die Zentralbank aufh\u00f6rte, in Kategorien des Goldstandards zu denken<\/em>.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Verfehlte betriebswirtschaftliche Kategorien spielen heute die Rolle der Kategorien des Goldstandards.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Barry Eichengreen (1992) Golden Fetters: The Gold Standard and the Great Depression, 1919-1939, Oxford University Press.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser Tage lese ich immer wieder, die Verluste der Schweizerischen Nationalbank auf Anlagen in fremden W\u00e4hrungen bedrohten ihre Solvenz. 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