{"id":116718,"date":"2015-04-04T16:40:14","date_gmt":"2015-04-04T16:40:14","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/04\/les-groupes-de-pression-perdent-de-leur-influence-sur-la-politique-suisse\/"},"modified":"2023-08-23T23:14:33","modified_gmt":"2023-08-23T21:14:33","slug":"sciarini-intressengruppen-in-der-schweiz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/04\/sciarini-intressengruppen-in-der-schweiz\/","title":{"rendered":"Interessengruppen verlieren in der Schweizer Politik an Einfluss"},"content":{"rendered":"<p>In der Schweizer Politik haben Interessenvertreter im 20. Jahrhundert noch eine Schl\u00fcsselrolle gespielt. In der kleinen und exportabh\u00e4ngigen Volkswirtschaft sorgten Kompromisse und Absprachen zwischen Arbeitgebern, Arbeitnehmern und dem Staat vor allem im Bereich der Wirtschafts- und Sozialpolitik f\u00fcr Stabilit\u00e4t gegen\u00fcber den Ver\u00e4nderungen auf der B\u00fchne der Weltwirtschaft.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Dabei dominierten im sogenannten \u201eliberalen\u201c Korporatismus der Schweiz vor allem die privatwirtschaftlichen Interessen. Auch wenn sich Wirtschaftsverb\u00e4nde und Gewerkschaften in korporatistischen Arrangements teils unabh\u00e4ngig von der Politik auf L\u00f6sungen einigten, war der Einfluss von Interessenverb\u00e4nden auf den offiziellen politischen Entscheidungsprozess ebenfalls betr\u00e4chtlich. Dabei kam es h\u00e4ufig in Arbeitsgruppen und Expertenkommissionen der vorparlamentarischen Phase des Entscheidungsprozesses zu Kompromissen, welche sp\u00e4ter vom Parlament kaum mehr angetastet wurden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSo geh\u00f6rten in den 1970er- und 1980er-Jahren der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse (ehemals Vorort), der Schweizerische Arbeitgeberverband, der Gewerbeverband, der Bauernverband sowie der Schweizerische Gewerkschaftsbund zu den dominanten Akteuren in der Schweizer Politik (siehe <em>Abbildung<\/em>).<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Die nationalen Interessenverb\u00e4nde waren einerseits klar einflussreicher als die stark auf kantonaler Ebene verankerten Parteien. Andererseits hatten die Verb\u00e4nde einen breiteren Einfluss auf die Schweizer Politik als die spezialisierten und mit wenig Ressourcen und Expertise ausgestatteten \u00c4mter der Bundesverwaltung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nVor allem auf der dominanten b\u00fcrgerlichen Seite war die personelle Verflechtung zwischen Verb\u00e4nden, Parteien (insbesondere der FDP) und der Bundesverwaltung \u00e4usserst intensiv. Die b\u00fcrgerlichen Verb\u00e4nde und Parteien formten somit gemeinsam mit Vertretern der Bundesverwaltung einen engen Machtzirkel, welcher die wichtigsten Politikprozesse entscheidend pr\u00e4gte.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Auch Bereiche ausserhalb der Wirtschafts- und Sozialpolitik \u2013 wie beispielsweise die Gesundheits- oder Infrastrukturpolitik \u2013 wurden von einem sektorspezifischen engen Netzwerk aus spezialisierten Verb\u00e4nden und der Verwaltung gesteuert. Nicht zuletzt kann die direkte Demokratie f\u00fcr diese starke Stellung der Interessensverb\u00e4nde verantwortlich gemacht werden. Wenn ein Referendum am Ende eines Prozesses droht, haben staatliche Akteure einen starken Anreiz, die wichtigsten Interessenvertreter fr\u00fch und intensiv in die Entscheidungsfindung einzubeziehen.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Bundesratsparteien gewinnen an Macht<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweizer Politik hat sich in den letzten Jahrzehnten ver\u00e4ndert. Ein Vergleich der wichtigsten Entscheidungsprozesse der Jahre 1971 bis 1976 mit jenen der Jahre 2001 bis 2006 spricht eine deutliche Sprache: Interessenverb\u00e4nde haben an Einfluss auf den politischen Entscheidungsprozess eingeb\u00fcsst (siehe <em>Abbildung<\/em>).<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a>&#13;<\/p>\n<h3 class=\"text__graphic-title\">Reputationsmacht der wichtigsten Akteure in der Schweizer Politik im Zeitvergleich<\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\n<div class=\"legacy_chart chart--big\" id=\"chart_95955_de\"><\/div>\n        \n<script>\n        $(function () {\n            $('#chart_95955_de').highcharts({\n                chart: {\n                    type: 'bar',\n\t\t\t\t    style: {\n\t\t\t\t\t\tfontFamily: 'IBM Plex Sans Condensed, sans-serif',\n\t\t\t\t\t\tfontSize: '15px',\n\t\t\t\t    },\n                },\n                title: {\n                    text: ''\n                },\n                xAxis: {\n                    title: { text: \"\" },\n                    categories: [\"SVP\",\"Economiesuisse\",\"Bundesrat\",\"SP\",\"FDP\",\"CVP\",\"SGB\",\"EFD\",\"FDK\",\"SGV\",\"KdK\",\"EJPD\",\"UVEK\",\"EDA\",\"SECO\",\"SAV\",\"EDI\",\"SBV\",\"EFV\",\"Nationalbank\",\"Sant\\u00e9suisse\"],\n                },\n                yAxis: {\n                    title: { text: \"in %\" },\n                },\n                plotOptions: {\n                    series: { borderWidth: 3 }\n                },\n                exporting: {\n                    sourceHeight: 1300,\n                },\n                series: [{ name: \"2001-06\",data: [92,88,87,82,77,77,76,74,63,61,60,56,56,55,54,54,54,47,47,33,0]}, { name: \"1971-76\",data: [39,91,84,72,73,74,92,57,33,87,0,41,25,63,55,54,47,81,51,64,56]}, ],\n\t\t\t\tcolors: [ '#5a7298', '#f07c2c', '#66b6bc', '#fbc65f', '#8a2a1d', '#2d5b52']\n            });\n        });\n\t\t<\/script>\n    <div class=\"legacy_chart legacy_chart__print chart--big\" id=\"chart_95955_de_p\"><\/div>\n        \n<script>\n        $(function () {\n            $('#chart_95955_de_p').highcharts({\n\t\t\t\tchart: {\n                    type: 'bar',\n\t\t\t\t    style: {\n\t\t\t\t\t\tfontFamily: 'IBM Plex Sans Condensed, sans-serif',\n\t\t\t\t\t\tfontSize: '15px',\n\t\t\t\t    },\n                },\n                title: {\n                    text: ''\n                },\n                xAxis: {\n                    title: { text: \"\" },\n                    categories: [\"SVP\",\"Economiesuisse\",\"Bundesrat\",\"SP\",\"FDP\",\"CVP\",\"SGB\",\"EFD\",\"FDK\",\"SGV\",\"KdK\",\"EJPD\",\"UVEK\",\"EDA\",\"SECO\",\"SAV\",\"EDI\",\"SBV\",\"EFV\",\"Nationalbank\",\"Sant\\u00e9suisse\"],\n                },\n                yAxis: {\n                    title: { text: \"in %\" },\n                },\n                plotOptions: {\n                    series: { borderWidth: 3 }\n                },\n                exporting: {\n                    sourceHeight: 1300,\n                },\n                series: [{ name: \"2001-06\",data: [92,88,87,82,77,77,76,74,63,61,60,56,56,55,54,54,54,47,47,33,0]}, { name: \"1971-76\",data: [39,91,84,72,73,74,92,57,33,87,0,41,25,63,55,54,47,81,51,64,56]}, ],\n\t\t\t\tcolors: [ '#5a7298', '#f07c2c', '#66b6bc', '#fbc65f', '#8a2a1d', '#2d5b52']\n            });\n        });\n\t\t<\/script>\n    &#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Ein Wert von 100 bedeutet: 100% der Interviewpartner sch\u00e4tzten einen Akteur als sehr einflussreich in der Schweizer Politik ein. Der Krankenkassenverband Sant\u00e9suisse fehlt mangels eines gesundheitspolitischen Gesch\u00e4ftes in der Untersuchung; die KdK gab es in den 1970er-Jahren noch nicht. Die Akteure sind nach aktueller Reputationsmacht geordnet.<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<span class=\"text__legend\">Abk\u00fcrzungen: SVP: Schweizerische Volkspartei \u2013 SP: Sozialdemokratische Partei \u2013 FDP: Freisinnig-Demokratische Partei \u2013 CVP: Christlichdemokratische Volkspartei \u2013 SGB: Schweizerischer Gewerkschaftsbund \u2013 <\/span><span class=\"text__legend\">EFD:\u00a0 Eidg. Finanzdepartement \u2013 FDK:\u00a0 Finanzdirektorenkonferenz \u2013 SGV:\u00a0 Schweizerischer Gewerbeverband \u2013 KdK:\u00a0 Konferenz der Kantonsregierung \u2013 EJPD:\u00a0 Eidg. Justiz- und Polizeidepartement \u2013 UVEK:\u00a0 Eidg. Departement f\u00fcr Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation \u2013 EDA:\u00a0 Eidg. Departement f\u00fcr Ausw\u00e4rtige\u00a0 Angelegenheiten \u2013 SECO:\u00a0 Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft \u2013 SAV:\u00a0 Schweizerischer Arbeitgeberverband \u2013 EDI:\u00a0 Eidgen\u00f6ssisches Departement des Innern \u2013 SBV:\u00a0 Schweizerischer Bauernverband \u2013 EFV:\u00a0 Eidgen\u00f6ssische Finanzverwaltung<\/span>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAnhand der sogenannten Reputationsmethode haben wir f\u00fcr die Studie \u201eThe Swiss decision-making system in the 21th century: power, institutions, conflicts\u201d die an einem politischen Prozess beteiligten Akteure im Rahmen von Interviews gebeten, den Einfluss von anderen Akteuren einzusch\u00e4tzen (siehe <em>Kasten 1<\/em>). Die Aggregation der Resultate ergibt eine \u00dcbersicht \u00fcber die Machtstruktur. W\u00e4hrend in den 1970er Jahren wie erw\u00e4hnt die Wirtschaftsverb\u00e4nde die Schweizer Politik dominierten, haben diese mit Ausnahme von Economiesuisse im Beobachtungszeitraum klar an politischem Einfluss verloren. Dagegen finden sich nun die Bundesratsparteien an der Spitze. Auch die Integration von politischen Akteuren in Zusammenarbeitsnetzwerke gibt Aufschluss \u00fcber ihre Einflussm\u00f6glichkeiten: In der eng verflochtenen Struktur zwischen Verwaltung, b\u00fcrgerlichen Parteien und Interessenverb\u00e4nden der 1970er-Jahre waren letztere klar die zentralsten Akteure. Heute nehmen vorwiegend die Bundesratsparteien diese Rolle ein.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAm st\u00e4rksten vom Machtverlust betroffen sind mit dem Bauernverband und dem Gewerbeverband die wichtigsten Vertreter der Binnenwirtschaft. In der Mehrheit der untersuchten Entscheidungsprozesse zu Beginn des 21. Jahrhunderts, an denen der Gewerbeverband Interesse zeigte, war er nur schwach mit den einflussreichsten Akteuren vernetzt und hatte somit kaum Einfluss auf den Prozess. Auch der Gewerkschaftsbund hat im Vergleich mit den 1970er Jahren an Einfluss verloren. Die Gewerkschaften geh\u00f6rten in der Mehrheit der untersuchten Prozesse, in welchen sie partizipierten, zur Verliererseite. Demgegen\u00fcber setzte sich Economiesuisse in den Jahren 2001 bis 2006 in allen Prozessen, an welchen der Verband partizipierte, durch.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nTrotz des anhaltenden Einflusses von Economiesuisse muss festgestellt werden: Die Interessenverb\u00e4nde haben in der Schweizer Politik allgemein an Macht verloren und sind von den politischen Parteien \u00fcberholt worden. Ausserdem zeigen sich gewichtige Unterschiede zwischen verschiedenen Politikbereichen, was die Rolle und St\u00e4rke der Interessenverb\u00e4nde anbelangt (siehe <em>Kasten 2<\/em>).<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2><strong>Ver\u00e4ndertes Umfeld f\u00fchrt zum Machtverlust der Verb\u00e4nde<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie ist diese Entwicklung der letzten 40 Jahre zu begr\u00fcnden? Im Folgenden werden die vier wichtigsten Ursachen der Machtver\u00e4nderungen erl\u00e4utert:&#13;<\/p>\n<h3><strong>Traditionelle Politikfelder mit weniger Gewicht\u00a0<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nHeute sind andere Politikbereiche wichtig als fr\u00fcher. In diesen sind die Interessenverb\u00e4nde schlechter aufgestellt. Mit dem Ende des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit in den 1970er-Jahren und dem Beginn der Wirtschaftskrise Mitte der 1970er-Jahre waren wirtschafts- und sozialpolitische Themen besonders wichtig. Diese wurden von den klassischen Wirtschaftsverb\u00e4nden dominiert. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts geh\u00f6rte nur ein einziger der wichtigsten Prozesse in den Bereich der Sozialpolitik (11. AHV-Revision), w\u00e4hrend die Wirtschaftspolitik im traditionellen Sinne \u00fcberhaupt nicht unter den wichtigsten Prozessen vertreten war. Dennoch sind wirtschaftliche Interessen eindeutig von Entscheidungsprozessen in der Energie-, Telekommunikations-, Infrastruktur- oder Finanzpolitik direkt betroffen. Auch die heute allgegenw\u00e4rtige Europapolitik hat h\u00e4ufig eine stark wirtschaftspolitische F\u00e4rbung: Bei den wichtigsten Entscheidungsprozessen zwischen 2001 und 2006 ging es um Migrations-, Zoll- und Steuerfragen, welche zwischen der Schweiz und der Europ\u00e4ischen Union verhandelt wurden.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Heterogenit\u00e4t innerhalb der Interessensgruppen<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDurch die zunehmende Differenzierung in spezialisierte Politikbereiche lassen sich verschiedene Partikularinteressen immer schlechter innerhalb von Interessengruppen b\u00fcndeln. Zum Beispiel ging es bei der untersuchten Revision des Fernmeldegesetzes um die Liberalisierung der letzten Meile im Telekommunikationsmarkt. In diesem Gesch\u00e4ft spielten vor allem einzelne Firmen eine wichtige Rolle, grosse Wirtschaftsverb\u00e4nde hatten nur wenig Einfluss auf dieses Gesch\u00e4ft. Neben der hohen technischen Komplexit\u00e4t und dem dazu n\u00f6tigen Spezialwissen ist die Differenzierung der Interessen daf\u00fcr verantwortlich: Innerhalb von Economiesuisse vertraten die Swisscom als ehemalige Monopolistin und deren Konkurrenzfirmen diametral gegen\u00fcberstehende Positionen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGenerell erschwert die Differenzierung in spezialisierte Politikbereiche und die damit einhergehende Herausbildung von Partikularinteressen das B\u00fcndeln von Interessen in Verb\u00e4nden. Diese k\u00f6nnen weniger geeint auftreten und vertreten eine schm\u00e4lere Basis, was zu einem Verlust an politischen Einfluss f\u00fchrt.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Internationales Umfeld pr\u00e4gt Politik<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Europ\u00e4isierung der Politik tr\u00e4gt ihren Teil zum Einflussverlust von Interessenverb\u00e4nden bei. Einerseits f\u00fchrt die Wichtigkeit der Koordination der nationalen mit der europ\u00e4ischen Politik zu einem st\u00e4rkeren Gewicht von staatlichen Akteuren in politischen Entscheidungsprozessen. Wichtige Fragen werden h\u00e4ufig in internationalen Verhandlungen und nicht mehr im nationalen Parlament gekl\u00e4rt. Staatliche Akteure verf\u00fcgen daher \u00fcber relevantere Informationen und Einflussm\u00f6glichkeiten als nationale Interessengruppen oder Verb\u00e4nde.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAndererseits tr\u00e4gt die Abh\u00e4ngigkeit der Schweizer Politik vom internationalen und europ\u00e4ischen Umfeld ebenfalls zu der oben besprochenen Differenzierung der Interessen bei. Seit den 1990er Jahren sind exportorientierte Wirtschaftsbereiche weniger bereit, den Schweizer Binnenmarkt durch Abschottung zu sch\u00fctzen. Internationaler Druck f\u00fchrt zu einer Schw\u00e4chung der den Binnenmarkt vertretenden Verb\u00e4nde, wie zum Beispiel des Schweizerischen Bauernverbandes oder des Gewerbeverbandes.&#13;<\/p>\n<h3><strong>Mediatisierung der Politik<\/strong><\/h3>\n<p>&#13;<br \/>\nEine traditionelle St\u00e4rke von Interessengruppen in der Schweizer Politik war, dass diese in korporatistischer Manier f\u00e4hig waren, ausserhalb des politischen Prozesses oder in der vorparlamentarischen Phase tragf\u00e4hige Kompromisse zu finden. Die erh\u00f6hte Mediatisierung und Polarisierung der Schweizer Politik haben jedoch die M\u00f6glichkeit vertraulicher Verhandlungen und die Kompromissbereitschaft der Sozialpartner reduziert. Ein Vergleich der eingesch\u00e4tzten Wichtigkeit der vorparlamentarischen Phase gegen\u00fcber der parlamentarischen Phase von Entscheidungsprozessen zeigt: Erstere hat ihre klare Dominanz aus den 1970er-Jahren weitgehend verloren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNat\u00fcrlich ist denkbar, dass die Verb\u00e4nde auf diese Entwicklung reagiert haben und vermehrt versuchen, den Gang politischer Gesch\u00e4fte im Parlament zu beeinflussen. Zwar scheint sich die Intensit\u00e4t und Professionalit\u00e4t der Lobbyarbeit im Parlament tats\u00e4chlich zu intensivieren. Ob dies aber den Einflussverlust der Interessenverb\u00e4nde in der vorparlamentarischen Phase zu kompensieren vermag, ist zu bezweifeln.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie seit einiger Zeit erh\u00f6hte Polarisierung des Parlamentsbetriebs erschwert zudem die Einflussnahme von Interessenverb\u00e4nden via Parlamentsvertreter. Im Gegensatz zu den 1970er- und 1980er Jahren existiert im Parlament keine stabile b\u00fcrgerliche Mehrheit mehr.&#13;<\/p>\n<h2><strong>Anzeichen des Einflussverlusts von Economiesuisse<\/strong><\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nObwohl der Grossteil der hier besprochenen Erkenntnisse aus Entscheidungsprozessen stammt, welche sich bereits vor zehn Jahren abspielten, kann davon ausgegangen werden, dass die Rolle und Wichtigkeit der Interessenverb\u00e4nde in der Schweizer Politik noch immer den hier beschriebenen Entwicklungen entspricht. Entscheidende Erkl\u00e4rungsfaktoren wie die Abh\u00e4ngigkeit der Schweiz von der europ\u00e4ischen und internationalen Politik oder die Mediatisierung sind heute nicht weniger wichtig als vor zehn Jahren. Die Aufhebung des Bankgeheimnisses auf Druck aus dem Ausland ist ein aktuelles Beispiel daf\u00fcr, dass Interessenverb\u00e4nde \u2013 in diesem Fall jene der Schweizer Finanzwirtschaft \u2013 kaum mehr Einfluss auf die nationale Politik aus\u00fcben, wenn sich diese mit internationalem oder europ\u00e4ischem Druck konfrontiert sieht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuch im aktuellen Fall der Energiestrategie 2050 l\u00e4sst sich eine starke Differenzierung der Interessen beobachten. Wirtschaftsverb\u00e4nde unterst\u00fctzen nicht mehr, wie es traditionellerweise der Fall war, fast ausschliesslich die Atomenergie, sondern es formieren sich wirtschaftliche Interessen im Bereich der alternativen Energien und der Energieeffizienz. So entstand etwa der neue Verband Swisscleantech.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDes Weiteren mehren sich neuerdings Anzeichen eines Einflussverlusts von Economiesuisse. Zumindest was Volksabstimmungen betrifft, scheint auch dieser Verband nicht mehr die alte St\u00e4rke zu haben. Dies suggerieren zumindest die Niederlagen bei der Zweitwohnungs-, der Masseneinwanderungs- und der Abzockerinitiative.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Vgl. Katzenstein (1985).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Vgl. Kriesi (1980).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Vgl. Kriesi (1980).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Vgl. Neidhart (1970).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Vgl. Sciarini (2014), Sciarini et al. (2015).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Vgl. Fischer (2012).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Schweizer Politik haben Interessenvertreter im 20. Jahrhundert noch eine Schl\u00fcsselrolle gespielt. 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Forscher am Departement f\u00fcr Umweltsozialwissenschaften der Eawag (D\u00fcbendorf) und Lehrbeauftragter am Institut f\u00fcr Politikwissenschaft der Universit\u00e4t Bern.","seco_author_post_occupation_fr":"Chercheur au d\u00e9partement des sciences sociales de l\u2019environnement de l\u2019Eawag, \u00e0 D\u00fcbendorf, et charg\u00e9 de cours \u00e0 l\u2019Institut de sciences politiques de l\u2019universit\u00e9 de Berne","seco_co_authors_post_ocupation":[{"seco_co_author":4152,"seco_co_author_post_occupation_year":"","seco_co_author_post_occupation_de":"Professor f\u00fcr Schweizer Politik am Departement f\u00fcr Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen, Universit\u00e4t Genf","seco_co_author_post_occupation_fr":"Professeur de politique suisse au d\u00e9partement de science politique et relations internationales, universit\u00e9 de Gen\u00e8ve"}],"short_title":"Interessengruppen verlieren an Einfluss","post_lead":"Eine Studie zeigt: W\u00e4hrend Verb\u00e4nde in der Schweizer Politik noch in den 1970er-Jahren eine zentrale Rolle spielten, haben sie 30 Jahre sp\u00e4ter an Einfluss verloren. Zu den Gewinnern geh\u00f6ren hingegen die Bundesratsparteien.","post_hero_image_description":"Bauern an einem vom Schweizerischen Bauernverband organisierten Umzug in Bern. Viele Verb\u00e4nde haben gegen\u00fcber den 1970er-Jahren  an politischem Einfluss verloren.","post_hero_image_description_copyright_de":"Keystone","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"<ul>&#13;\n\t<li>Fischer, Manuel (2012). Entscheidungsstrukturen in der Schweizer Politik zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Z\u00fcrich\/Chur: Verlag R\u00fcegger.<\/li>&#13;\n\t<li>Katzenstein, Peter (1985). Small States in World Markets. Cornell: Cornell University Press.<\/li>&#13;\n\t<li>Kriesi, Hanspeter (1980). Entscheidungsstrukturen und Entscheidungsprozesse in der Schweizer Politik. Frankfurt: Campus Verlag.<\/li>&#13;\n\t<li>Neidhart, Leonhard (1970). Plebiszit und pluralit\u00e4re Demokratie, eine Analyse der Funktionen des schweizerischen Gesetzesreferendum. Bern: Francke.<\/li>&#13;\n\t<li>Sciarini, Pascal (2014). 'Eppure si muove: muove: The changing nature of the Swiss consensus democracy.\u201d Journal of European Public Policy 21(1): 116-132.<\/li>&#13;\n\t<li>Sciarini, Pascal, Fischer, Manuel and Denise Traber (2015). Political Decision-Making in Switzerland: The Consensus Model under Pressure. Basingstoke\/New York: Palgrave\/MacMillan.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Kasten 1: Studie zu wichtigen Entscheidungen in der Schweiz","kasten_box":"Im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds finanzierten Forschungsprojektes \u201eThe Swiss decision-making system in the 21th century: power, institutions, conflicts\u201d haben die Autoren (zusammen mit der Politikwissenschaftlerin Denise Traber von der Universit\u00e4t Z\u00fcrich) die 11 wichtigsten politischen Entscheidungsprozesse zu Beginn des 21. Jahrhunderts untersucht. Laut einer breiten Expertenumfrage waren dies zwischen 2001 und 2006: 11. AHV-Revision, Verfassungsartikel Bildung, Kernenergiegesetz, Infrastrukturfonds, Neuer Finanzausgleich, Neues Ausl\u00e4ndergesetz, Entlastungsprogramm 2003, Revision Fernmeldegesetz, Bilaterales Abkommen Schengen-Dublin, Bilaterales Abkommen Zinsbesteuerung, Erweiterung Personenfreiz\u00fcgigkeit. Die Untersuchungen basieren auf 251 Interviews mit Vertretern der Verwaltung, Parteien, Interessengruppen, Kantonen und der Wissenschaft. Die Interviewpartner wurden unter anderem gebeten, \u00fcber den Einfluss anderer Akteure sowie ihre Zusammenarbeits- und Konfliktbeziehungen zu anderen Akteuren Auskunft zu geben. Ein Buch, welches aufgrund der Projekterkenntnisse den Zustand des politischen Systems der Schweiz diskutiert, erscheint im Sommer (<em>Sciarini et al. 2015<\/em>)."},{"kasten_title":"Kasten 2: Unterschiede zwischen Politikbereichen","kasten_box":"Auch wenn der Trend, dass Interessengruppen an Einfluss auf die Schweizer Politik verloren haben, allgemein g\u00fcltig ist, so gibt es doch wichtige Unterschiede zwischen verschiedenen Politikbereichen. Grunds\u00e4tzlich kann gesagt werden: Der Einfluss von Interessenverb\u00e4nden ist minim in f\u00f6deralistischen Entscheidungsprozessen, in welchen es um die Kompetenzverteilung zwischen Bund und Kantonen geht. Von den untersuchten Prozessen geh\u00f6ren besonders der Verfassungsartikel zur Bildung und der Neue Finanzausgleich. Besonders M\u00fche scheinen Interessenverb\u00e4nde auch mit indirekt europ\u00e4isierten Prozessen zu haben, in welchen eine europ\u00e4ische Norm ohne internationale Verhandlungen \u00fcbernommen wird. Aus unserer Untersuchung geh\u00f6rt hierzu die Revision des Fernmeldegesetzes und das Neue Ausl\u00e4ndergesetz."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":116721,"main_focus":[156637,157262],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"11162","post_abstract":"Interessengruppen wie der Gewerbeverband oder der Bauernverband spielen in der Schweizer Politik eine weniger wichtige Rolle als fr\u00fcher. Im Vergleich zu den Jahren 1971 bis 1976 haben sie im Zeitraum 2001 bis 2006 an Einfluss auf die wichtigsten Entscheidungsprozesse verloren, wie eine Studie zeigt. Zudem sind die Verb\u00e4nde weniger stark eingebunden in die Zusammenarbeitsstrukturen. Dies l\u00e4sst sich einerseits durch die wachsende Heterogenit\u00e4t der Interessen erkl\u00e4ren. Andererseits hat die vorparlamentarische Phase von politischen Entscheidungsprozessen, in welcher Interessengruppen traditionellerweise Kompromisse erarbeiteten, an Bedeutung verloren. Als einziger grosser Verband konnte Economiesuisse im Untersuchungszeitraum seinen Einfluss wahren. Allerdings weisen verlorene Abstimmungsk\u00e4mpfe in den letzten Jahren auch hier auf einen Bedeutungsverlust hin.","magazine_issue":"20150501","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":4139,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"20150331","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/54f9d455d3add"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/116718"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4151"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=116718"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/116718\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126916,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/116718\/revisions\/126916"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4139"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4152"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4151"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157262"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156637"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/33510"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=116718"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=116718"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=116718"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=116718"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=116718"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=116718"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}