{"id":117016,"date":"2015-02-09T13:51:43","date_gmt":"2015-02-09T13:51:43","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/02\/comment-les-statisticiens-mesurent-le-bien-etre\/"},"modified":"2023-08-23T23:14:57","modified_gmt":"2023-08-23T21:14:57","slug":"wie-statistiker-die-wohlfahrt-messen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/02\/wie-statistiker-die-wohlfahrt-messen\/","title":{"rendered":"Wie Statistiker die Wohlfahrt messen"},"content":{"rendered":"<p>Die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes wird weltweit anhand der Ver\u00e4nderung des Bruttoinlandprodukts (BIP) gemessen. Doch dieser wichtige wirtschaftspolitische Indikator st\u00f6sst an Grenzen, wenn es gilt, die Wohlfahrt oder die Lebensqualit\u00e4t umfassend abzubilden. So sagt er beispielsweise nichts aus \u00fcber den Gesundheitszustand, die Work-Life-Balance, die Umweltqualit\u00e4t oder die Zufriedenheit der Bev\u00f6lkerung. Um die Wohlfahrt eines Landes angemessen zu erfassen, braucht es weitere Informationen. Daher haben auch Institutionen wie die EU und die OECD begonnen, den Untersuchungsrahmen weiter zu stecken.&#13;<\/p>\n<h2>Was ist Wohlfahrt? Ein breiterer Ansatz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWohlfahrt bedeutet, dass eine Bev\u00f6lkerung \u00fcber gen\u00fcgend Mittel verf\u00fcgt, um die eigenen Bed\u00fcrfnisse zu decken, das Leben selbstst\u00e4ndig zu gestalten, die F\u00e4higkeiten einzusetzen und zu entwickeln und die eigenen Ziele zu verfolgen.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Wohlfahrt wird mit Lebensqualit\u00e4t gleichgesetzt und entspricht dem englischen Begriff Well-Being. Das Wohlfahrtskonzept beinhaltet ausser den materiellen Dimensionen \u2013 wie Einkommen, Verm\u00f6gen, Konsum und Wohnen \u2013 Faktoren wie Bildung, Gesundheit und soziales Netz. Weiter z\u00e4hlen rechtliche oder institutionelle Rahmenbedingungen dazu, die eine politische Partizipation und physische Sicherheit erm\u00f6glichen. Schliesslich sind f\u00fcr die Wohlfahrt auch Umweltaspekte relevant, so beispielsweise die Luft- und die Wasserqualit\u00e4t oder die L\u00e4rmbelastung.&#13;<br \/>\nBei einer m\u00f6glichst breiten Betrachtung der Wohlfahrt spielt nicht nur die objektive Lebenssituation, sondern auch deren subjektive Einsch\u00e4tzung eine wichtige Rolle: Wie bewertet die Bev\u00f6lkerung die Wohn- oder die Umweltsituation? Wie sicher f\u00fchlt sie sich? Und wie zufrieden ist sie mit dem Leben generell? Auch wenn die subjektive Zufriedenheit ein wichtiger Aspekt der Wohlfahrt ist, sollte diese nicht auf die Zufriedenheit oder gar auf den Begriff Gl\u00fcck reduziert werden. Bei der Wohlfahrtsmessung geht es nicht darum, einen \u00abGl\u00fccksindex\u00bb zu konstruieren. Damit w\u00fcrde man der mehrdimensionalen Problematik nicht gerecht.&#13;<\/p>\n<h2>Wie erfasst die Statistik die Wohlfahrt? Eine neue Systematik<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZur Messung der Wohlfahrt hat das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) ein Indikatorensystem ausgearbeitet, das aus einem kommentierten Grundschema (siehe Grafik 1) und rund 40 Indikatoren besteht.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> Die Grundidee: Wohlfahrt entsteht durch den Einsatz von \u00f6konomischem und nat\u00fcrlichem Kapital sowie von Human- und Sozialkapital im Rahmen von verschiedenen Prozessen.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Weitere gesellschaftliche, \u00f6konomische und \u00f6kologische Aspekte erg\u00e4nzen die rein wirtschaftliche Betrachtungsweise, die sich oft an der Entwicklung des BIP orientiert. Auf der Basis dieser Grundidee wird das Indikatorensystem in sieben Hauptthemen gegliedert:&#13;<br \/>\nI. Rahmenbedingungen: Die Prozesse zur Schaffung, zur Verteilung und zum Erhalt der Wohlfahrt laufen innerhalb eines gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und \u00f6kologischen Rahmens ab. Dazu geh\u00f6ren beispielsweise die Struktur der Gesellschaft und der Wirtschaft, aber auch Reaktionen auf ver\u00e4nderte Umweltbedingungen. Ebenfalls zu den Rahmenbedingungen z\u00e4hlen \u00f6ffentliche Institutionen (Sozialversicherungen, Gesundheitswesen, Bildungswesen, politische Institutionen) und Politikfelder (z. B. Gesellschafts-, Finanz- und Umweltpolitik).&#13;<br \/>\nII. Best\u00e4nde: Die Best\u00e4nde liefern den Input f\u00fcr die Schaffung von Wohlfahrt. In \u00dcbereinstimmung mit der internationalen Diskussion<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> umfassen die Best\u00e4nde \u00f6konomisches, nat\u00fcrliches, Human- und Sozialkapital. Neben dem Sach- und dem Finanzkapital geh\u00f6ren also beispielsweise auch die Umweltqualit\u00e4t, der Bildungs- und der Gesundheitszustand der Bev\u00f6lkerung sowie die sozialen Beziehungen und das Vertrauen innerhalb der Gesellschaft dazu. Um zu gew\u00e4hrleisten, dass das Wohlfahrtsniveau langfristig gehalten bzw. erh\u00f6ht werden kann, gilt es, die Best\u00e4nde zu bewahren, zu erneuern und zu erweitern.&#13;<br \/>\nIII. Aktivit\u00e4ten: Unter Aktivit\u00e4ten werden all jene Prozesse verstanden, durch die Best\u00e4nde in G\u00fcter umgewandelt werden. Im Indikatorensystem werden also unterschiedliche Aktivit\u00e4ten aus den Bereichen Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt ber\u00fccksichtigt. Sie beinhalten \u00f6konomische Produktionsprozesse, aber auch nat\u00fcrliche Prozesse, durch welche \u00d6kosystemdienstleistungen geschaffen werden, sowie Haus- und Familienarbeiten (wie Mahlzeiten zubereiten, putzen, mit Kindern spielen) oder Freizeitaktivit\u00e4ten.&#13;<br \/>\nIV. Auswirkungen auf die Best\u00e4nde: Durch die Aktivit\u00e4ten zur Herstellung und zur Nutzung von G\u00fctern werden die Best\u00e4nde ver\u00e4ndert. Solche Ver\u00e4nderungen k\u00f6nnen aus gezielten Investitionsentscheidungen resultieren (z. B. Investitionen in Sachkapital oder Bildungsinvestitionen in Humankapital). Es kann sich aber auch um positive oder negative Nebeneffekte handeln, wie die Erh\u00f6hung des Sozialkapitals durch unbezahlte Arbeit oder die Verminderung des nat\u00fcrlichen Kapitals durch Boden-, Wasser- und Luftverschmutzung.&#13;<br \/>\nV. G\u00fcter: Materielle und immaterielle G\u00fcter bilden das \u00abAngebot\u00bb an Wohlfahrt. Diese entsprechen den Mitteln zur Deckung eines spezifischen Bed\u00fcrfnisses oder grundlegenden Leistungen der Umwelt, ohne die Leben nicht m\u00f6glich w\u00e4re. Neben den \u00f6konomischen G\u00fctern, deren Wert dem BIP entspricht (nach Abzug der Vorleistungen und der Bereinigung um G\u00fctersteuern und -subventionen), werden also auch Aspekte wie beispielsweise das Angebot an Wasser und an Naturlandschaften oder an Freiwilligenarbeit ber\u00fccksichtigt.&#13;<br \/>\nVI. Nutzung der G\u00fcter: Damit Wohlfahrt entsteht, muss man das Angebot nutzen, d. h. die verschiedenen G\u00fcter verwenden oder konsumieren k\u00f6nnen. Das bestehende Wohnungsangebot etwa hat erst dann einen Nutzen, wenn Wohnungen gesucht, gefunden, bezogen, eingerichtet und bewohnt werden.&#13;<br \/>\nVII. Wohlfahrt: Wohlfahrt umfasst materielle und immaterielle sowie objektive und subjektive Elemente. Sie l\u00e4sst sich in zehn Dimensionen unterteilen (siehe Kasten 1).<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> Wohlfahrt ist aber nicht nur als Endresultat der Prozesse zur Herstellung und Nutzung von G\u00fctern zu verstehen. Verschiedene Dimensionen der Wohlfahrt werden auch als Input bei der Schaffung von Wohlfahrt eingesetzt (z. B. Finanzverm\u00f6gen der Haushalte und Humankapital). Weiter kann Wohlfahrt unmittelbar im Prozess der Wohlfahrtsschaffung entstehen: Arbeits- und Kapitaleinkommen werden im Rahmen der \u00f6konomischen Produktion erworben, und Aktivit\u00e4ten, die auch einen Selbstzweck aufweisen, k\u00f6nnen direkt zur Wohlfahrt beitragen.&#13;<\/p>\n<h2>Welches sind die relevanten Resultate? Eine erweiterte Sicht<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Indikatorensystem erweitert die Perspektive in verschiedenen Bereichen. Hier sollen vor allem einige relevante Resultate f\u00fcr die Wohlfahrtsdimensionen pr\u00e4sentiert werden, die mit der wirtschaftlichen Entwicklung im Zusammenhang stehen. Dies ist besonders interessant, weil nicht alle Bev\u00f6lkerungsgruppen gleich stark an Wirtschaftsentwicklung und Wohlfahrt partizipieren. Einige Beispiele:&#13;<br \/>\nDas verf\u00fcgbare Einkommen w\u00e4chst weniger stark als das BIP; das BIP-Wachstum hat sich also nur zum Teil auf das Einkommen ausgewirkt. Die privaten Haushalte geben im Durchschnitt 57% ihres Bruttoeinkommens f\u00fcr Konsumausgaben aus. Den wichtigsten Posten bilden dabei Wohnen und Energie mit einem Anteil von \u00fcber 25% der Ausgaben. Die H\u00f6he des Konsumbudgets unterscheidet sich stark nach Einkommensgruppen. Die absoluten Konsumausgaben des obersten Einkommensf\u00fcnftels sind im Durchschnitt etwas mehr als doppelt so hoch wie diejenigen des untersten Einkommensf\u00fcnftels. Dies wirkt sich auch auf die Ersparnisse aus: Die Haushalte im h\u00f6chsten Einkommensf\u00fcnftel k\u00f6nnen rund 20% ihres Bruttohaushaltseinkommens sparen. Das einkommensschw\u00e4chste F\u00fcnftel bildet hingegen im Durchschnitt keine Ersparnisse. Die Ausgaben \u00fcbersteigen hier sehr h\u00e4ufig die Einnahmen.&#13;<br \/>\nDie Schweiz weist im internationalen Vergleich eine sehr hohe Erwerbsquote auf (\u00fcber 80% der Bev\u00f6lkerung im Alter zwischen 15 und 64 Jahren). Ihre Zunahme ist auf die vermehrte Arbeitsmarktbeteiligung der Frauen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Die Erwerbst\u00e4tigen in der Schweiz sind generell der Ansicht, dass ihr Privatleben mittelm\u00e4ssig von der Arbeit beeintr\u00e4chtigt wird. M\u00e4nner f\u00fchlen sich st\u00e4rker beeintr\u00e4chtigt als Frauen, Eltern mit Kindern unter 15 Jahren st\u00e4rker als Erwachsene ohne Kinder in dieser Altersgruppe. F\u00fcr Haus- und Familienarbeit wenden Frauen gesamthaft gesehen pro Woche rund 10 Stunden mehr auf als M\u00e4nner. Rechnet man die bezahlte und die unbezahlte Arbeit f\u00fcr Eltern in Paarhaushalten mit Kindern unter 7 Jahren zusammen, so leisten M\u00fctter 69,2 Stunden Arbeit und V\u00e4ter 70,7 Stunden.&#13;<br \/>\n\u00dcber 80% der Bev\u00f6lkerung in der Schweiz erfreuen sich einer guten psychischen Gesundheit. Erwerbst\u00e4tige sind dabei deutlich weniger psychisch belastet als Nichterwerbspersonen oder Arbeitslose. Integration in soziale Netze ist einer der wichtigsten Schutzfaktoren f\u00fcr die psychische Gesundheit. Je h\u00f6her der Grad an sozialer Integration, desto besser ist die psychische Gesundheit.&#13;<br \/>\nDer Verbrauch von Material und Energie hat hierzulande tendenziell weniger stark zugenommen als das BIP. Dies entspricht einer Effizienzsteigerung: Es musste weniger Material und Energie eingesetzt werden, um einen Franken zu erwirtschaften. Analoges gilt f\u00fcr die Treibhausgasemissionen. Beim Energieverbrauch und den Treibhausgasemissionen wird allerdings nicht ber\u00fccksichtigt, wie viel im Ausland bei der Herstellung und dem Transport der importierten Produkte verbraucht bzw. emittiert worden ist. Die Siedlungsabf\u00e4lle haben hingegen ungef\u00e4hr in gleichem Masse zugenommen wie das BIP und sind st\u00e4rker gewachsen als die Wohnbev\u00f6lkerung.&#13;<br \/>\nDie Lebenszufriedenheit in der Schweiz ist auf einem hohen Niveau: Knapp drei Viertel der Bev\u00f6lkerung sind mit ihrem Leben sehr zufrieden. Personen mit hohem Einkommen sind dabei zufriedener als Personen mit tieferem Einkommen. Dieser Zusammenhang gilt sowohl f\u00fcr Schweizer als auch f\u00fcr ausl\u00e4ndische Personen. Die Zufriedenheit h\u00e4ngt auch vom Haushaltstyp ab: So sind Personen, die in Familien mit Kindern leben, tendenziell zufriedener als Alleinlebende, obwohl das verf\u00fcgbare \u00c4quivalenzeinkommen von Familien tiefer ist als dasjenige von Alleinlebenden.&#13;<\/p>\n<h2>Was kann das BIP nicht leisten? &shy;Gr\u00fcnde f\u00fcr die neuen Indikatoren<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Kritik am BIP ist beinahe so alt wie das BIP selber. Sie betrifft insbesondere die folgenden Punkte:<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a>&#13;<br \/>\nAls Flussgr\u00f6sse, die nur die Transaktionen innerhalb einer Periode misst, ber\u00fccksichtigt das BIP nur teilweise, ob und allenfalls wie sich die verschiedenen Kapitalbest\u00e4nde ver\u00e4ndern.&#13;<br \/>\nDas BIP ist eine hoch aggregierte Gr\u00f6sse, die keine Informationen \u00fcber die Verteilung enth\u00e4lt.&#13;<br \/>\nIm BIP werden gewisse Leistungen, die zur materiellen Wohlfahrt beitragen, nicht erfasst (z. B. Freiwilligenarbeit, Hausarbeit oder Pflege von Angeh\u00f6rigen und Kindererziehung).&#13;<br \/>\nGewisse Aktivit\u00e4ten erh\u00f6hen zwar das BIP, wirken sich aber nicht oder nur kompensierend auf die Wohlfahrt aus (sogenannte Regrettables). Dazu geh\u00f6ren Aktivit\u00e4ten zur Verringerung von Umwelt- und von sozialen Kosten, so etwa Ausgaben zur Reduktion von Verschmutzung oder zur Bek\u00e4mpfung der Kriminalit\u00e4t.&#13;<br \/>\nWichtige Informationen zur Lage der Bev\u00f6lkerung (z. B. zum Bildungsstand, zur Sicherheit, zu den sozialen Beziehungen und zur Zufriedenheit) sind nicht im BIP enthalten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nKritikern ist entgegenzuhalten, dass das BIP einen Saldo der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) bildet. Dieses international vereinheitlichte Rechnungssystem hat zum Ziel, wirtschaftliche Transaktionen abzubilden, und beschreibt \u00absystematisch und detailliert eine Volkswirtschaft (\u2026) mit ihren wesentlichen Merkmalen und den Beziehungen zu anderen Volkswirtschaften\u00bb.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a> Gewisse Kritikpunkte, die f\u00fcr das BIP gelten, treffen auf die VGR nicht oder nur bedingt zu. So enth\u00e4lt die VGR Verm\u00f6gensbilanzen, in denen einzelne Kapitalbest\u00e4nde ber\u00fccksichtigt werden. Derzeit versucht man auch, Verteilungsinformationen aus Haushaltsdaten in die VGR einzubauen und so die Einkommen nach verschiedenen Haushaltstypen zu differenzieren.<a href=\"#footnote_8\" id=\"footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor\">[8]<\/a> Schliesslich wird die unbezahlte Arbeit in einem Satellitenkonto erfasst.&#13;<br \/>\nAllerdings bleiben Kritikpunkte bestehen, auch wenn man den Blick auf die VGR ausweitet. Das BIP bzw. die VGR liefern zwar Informationen zur materiellen Versorgung (Einkommen, Konsum, Sparen), erfassen aber nicht alles l\u00fcckenlos. Bruno Parnisari vom Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco) hielt bei der Vorstellung der Revision der VGR im September 2014 denn auch pointiert fest: \u00abDas wahre BIP kennt niemand.\u00bb Noch viel weniger kann das BIP bzw. die VGR die Wohlfahrt und deren Ver\u00e4nderungen beschreiben.<a href=\"#footnote_9\" id=\"footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor\">[9]<\/a> Die Grenzen des BIP und der Wunsch nach einer breiteren Erfassung der Wohlfahrt haben dazu gef\u00fchrt, dass in j\u00fcngerer Vergangenheit verschiedene internationale Initiativen lanciert worden sind. Die wichtigsten sind der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Bericht von 2009, das EU-Projekt \u00abGDP and Beyond\u00bb und die \u00abBetter Life Initiative: Measuring Well-Being and Progress\u00bb der OECD. In der Schweiz hat der Bundesrat 2010 im Rahmen des Bundesratsbeschlusses \u00abGr\u00fcne Wirtschaft\u00bb den Auftrag erteilt, das BIP mit weiteren Indikatoren zur gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und \u00f6kologischen Entwicklung zu erg\u00e4nzen. Diesen Auftrag hat er im \u00abAktionsplan Gr\u00fcne Wirtschaft 2013\u00bb weiter konkretisiert. Das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) hat dieses Mandat umgesetzt und im Dezember 2014 das \u00abIndikatorensystem Wohlfahrtsmessung\u00bb ver\u00f6ffentlicht, das regelm\u00e4ssig aktualisiert wird.&#13;<\/p>\n<h2>Ein mehrdimensionales Konzept<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Wohlfahrtsmessung versucht, \u00abtote Winkel\u00bb des Bruttoinlandprodukts und der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung auszuleuchten. Dadurch entsteht ein umfassenderes Bild der Lage der Bev\u00f6lkerung eines Landes. Da Wohlfahrt ein mehrdimensionales Konzept ist, enth\u00e4lt sie deutlich mehr Informationen, die zudem in unterschiedlichen Masseinheiten ausgedr\u00fcckt sind. Deshalb kann Wohlfahrt \u2013 im Gegensatz zum BIP \u2013 nicht in einer einzigen Zahl beziffert werden.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Siehe dazu z.B. Glatzer, Zapf (1984), S. 16ff., 391ff., Leu et al. (1997), S. 46 ff., Noll (2000), OECD (2011), S. 18, OECD (2013a), S. 26f.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe BFS (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Diese \u00dcberlegungen orientieren sich am Konzept der Wohlfahrtsproduktion (siehe Zapf, 1984, und Kaufmann, 2009, Kap. 11) und am Modell von Harper, Price (2011).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Siehe OECD (2011), S. 19f., OECD (2013b), S. 175ff., Unece (2014), S. 29ff.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Siehe OECD (2011), ESS (2011).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Siehe OECD (2011) S. 16f.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">ESVG (2014) \u00a71.01.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_8\" class=\"footnote--item\">Siehe www.bfs.admin.ch > Themen > 20 Wirtschaftliche und soziale Situation der Bev\u00f6lkerung > Einkommen, Verbrauch und Verm\u00f6gen > Analysen, Berichte\u00a0> Makroperspektive.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_9\" class=\"footnote--item\">Siehe ESVG (2014) \u00a71.46f.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes wird weltweit anhand der Ver\u00e4nderung des Bruttoinlandprodukts (BIP) gemessen. 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