{"id":117061,"date":"2015-02-02T14:33:03","date_gmt":"2015-02-02T14:33:03","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/02\/macht-uns-mehr-wirtschaftswachstum-zu-gluecklicheren-menschen\/"},"modified":"2023-08-23T23:15:11","modified_gmt":"2023-08-23T21:15:11","slug":"macht-uns-mehr-wirtschaftswachstum-zu-gluecklicheren-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/02\/macht-uns-mehr-wirtschaftswachstum-zu-gluecklicheren-menschen\/","title":{"rendered":"Macht uns mehr Wirtschaftswachstum  zu gl\u00fccklicheren Menschen?"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Volkswirtschaft:<\/em> Die Schweizerische Nationalbank hat Mitte Januar den Euro-Mindestkurs zum Franken aufgehoben. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie davon erfuhren?&#13;<br \/>\n<em>Eric Scheidegger:<\/em> Ich habe von diesem Schritt bei einem Zwischenstopp in Singapur erfahren. Ich befand mich auf der R\u00fcckreise von Neuseeland in die Schweiz und war sehr \u00fcberrascht, als ich die Nachricht auf meinem iPhone sah. Ich war auch tief beeindruckt von diesem Entscheid. Mit jedem Tag, der vergangen ist, kann ich den Entscheid der Nationalbank differenzierter betrachten.&#13;<br \/>\n<em>Mathias Bingswanger:<\/em> Auch ich war sehr \u00fcberrascht. Ich kann zwar die Gr\u00fcnde der Nationalbank nachvollziehen, bin aber dennoch der Meinung, dass sie den Ausstieg nicht optimal abgewickelt hat. Es ist die Aufgabe der Nationalbank, f\u00fcr Stabilit\u00e4t und nicht f\u00fcr Instabilit\u00e4t zu sorgen. Da h\u00e4tte sie sich schon \u00fcberlegen m\u00fcssen, wie sie die Aufhebung des Mindestkurses durchf\u00fchrt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Die Volkswirtschaft:<\/em> Der SNB-Entscheid wird das Wirtschaftswachstum vermutlich stark bremsen.&#13;<br \/>\n<em>Scheidegger:<\/em> Um aussagekr\u00e4ftige Prognosen erstellen zu k\u00f6nnen, ist es entscheidend, besser absch\u00e4tzen zu k\u00f6nnen, wo sich der neue Kurs des Frankens zum Euro und anderen W\u00e4hrungen einpendeln wird. Deshalb warten wir vorerst zu mit neuen Prognosen. Das Ausmass einer m\u00f6glichen Konjunkturabk\u00fchlung ist derzeit schwierig abzusch\u00e4tzen.&#13;<br \/>\n<em>Binswanger:<\/em> Die Schweizer Exporte sind generell erstaunlich robust gegen\u00fcber Wechselkurs\u00e4nderungen. Denn bei einem Grossteil der Exporte \u2013 etwa bei den Pharmaprodukten \u2013 ist die Preiselastizit\u00e4t relativ klein. Dennoch gibt es Branchen, die anf\u00e4llig sind. Dies wird das Wachstum bremsen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Die Volkswirtschaft:<\/em> Im laufenden Jahr tendiert das Wachstum m\u00f6glicherweise gegen null. Wird die Wachstumskritik damit obsolet?&#13;<br \/>\n<em>Binswanger:<\/em> Nein, denn nun ist ersichtlich, welchen Stellenwert das Wachstum hat. Wenn wir ein Jahr lang kein Wachstum haben, empfinden wir dies als Katastrophe. Wir sind sehr stark vom Wachstumsgedanken gepr\u00e4gt. Wachstum empfinden wir als normal.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Die Volkswirtschaft:<\/em> Versandet nun die Wachstumskritik, Herr Scheidegger?&#13;<br \/>\n<em>Scheidegger:<\/em> Die Diskussion geht weiter. Denn es geht nicht allein um die Kritik gegen\u00fcber dem Wirtschaftswachstum. Die Diskussion vermischt sich mit Kapitalismus- und Globalisierungskritik. Zudem nimmt sie Fragen des Klimawandels, der Verteilung und des Umgangs der westlichen Welt mit den Entwicklungsl\u00e4ndern auf.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Die Volkswirtschaft:<\/em> Herr Binswanger, welche negativen Nebenwirkungen des Wirtschaftswachstums stehen f\u00fcr Sie im Fokus?&#13;<br \/>\n<em>Binswanger:<\/em> Traditionell standen die \u00f6kologischen Nebenwirkungen im Vordergrund. In den Siebzigerjahren war dies die Wachstumskritik des Club of Rome. Urspr\u00fcnglich ging es um den Ressourcenverbrauch. Das verlagerte sich auf die CO2-Problematik. Jetzt gibt es weitere Gesichtspunkte, die hinzugekommen sind: In entwickelten L\u00e4ndern tr\u00e4gt das Wirtschaftswachstum nicht mehr dazu bei, dass die Menschen zufriedener und gl\u00fccklicher werden. Zudem ist zu bedenken: Auf den Finanzm\u00e4rkten gilt, dass mehr Rendite nur m\u00f6glich ist, wenn man mehr Risiken eingeht. Auf makro\u00f6konomischer Ebene geht das vergessen, da steht nur das Wachstum im Vordergrund, die Risiken betrachtet man gar nicht. Das Inflationsrisiko war das einzige Risiko, das man in der Vergangenheit ernst genommen hat. Tats\u00e4chlich wurden andere Risiken f\u00fcr das hohe Wachstum in Kauf genommen. Beispielsweise haben Banken Kredite an nicht kreditw\u00fcrdige Kunden vergeben. Das war dann die Ursache f\u00fcr die Finanzkrise.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Die Volkswirtschaft:<\/em> Herr Scheidegger, deckt sich das mit Ihren Einsch\u00e4tzungen?&#13;<br \/>\n<em>Scheidegger:<\/em> Ja, jedenfalls was die Siebzigerjahre anbelangt. Damals stellte man sich die Frage\u201a was wir machen, wenn die ersch\u00f6pfbaren Ressourcen wie Erd\u00f6l und Metalle verbraucht sind und wir sie nicht mehr importieren k\u00f6nnen. Heute dominiert die Sorge, in einer weltweiten Gemeinschaft den Klimawandel nicht in den Griff zu bekommen. Nicht einverstanden bin ich mit der pauschalen Aussage, dass in Industriel\u00e4ndern das Wachstum die Menschen nicht zufriedener machen kann. Wenn Wachstum als Folge von Innovation verstanden wird, gibt es auch in unseren Breitenkreisen noch viel unbekanntes Potenzial, um Menschen \u00fcber neue Produkte und Dienstleistungen gl\u00fccklicher zu machen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Die Volkswirtschaft:<\/em> Warum braucht eine Volkswirtschaft Wirtschaftswachstum?&#13;<br \/>\n<em>Binswanger:<\/em> Beim Wohlstandsniveau der Schweiz ist die Frage berechtigt. Das Wachstum macht die Menschen nicht zufriedener, wie die Forschung zeigt. Auf der anderen Seite w\u00fcrde die Wirtschaft ohne Wachstum nicht funktionieren. Firmen k\u00f6nnen l\u00e4ngerfristig nur Gewinne machen, wenn die Wirtschaft real w\u00e4chst. Stellen wir uns die Wirtschaft als Kuchen vor. Wenn jemand mehr verdient, muss zwangsl\u00e4ufig ein anderer weniger bekommen. Wenn die L\u00f6hne steigen, m\u00fcssen die Gewinne sinken oder umgekehrt. Es ist nat\u00fcrlich viel einfacher, wenn der Kuchen w\u00e4chst. Dann kann sich jeder ein gr\u00f6sseres St\u00fcck abschneiden.&#13;<br \/>\n<em>Scheidegger:<\/em> Nullwachstum ist eine Illusion. Den heutigen Wohlstand einfach nur halten zu wollen, ist unm\u00f6glich. Nur schon die Tatsache, dass Menschen innovative Produkte erfinden, f\u00fchrt automatisch zu Wachstum. Beim Ziel Nullwachstum m\u00fcsste man Innovation verbieten \u2013 das entspr\u00e4che einer Art Planwirtschaft mit einem Verbot, neue Ideen umzusetzen&#13;<br \/>\n<em>Binswanger:<\/em> Innovation ist nat\u00fcrlich vor dem Hintergrund zu betrachten, dass Firmen Gewinne erwirtschaften wollen. Man k\u00f6nnte es auf die Kurzformel bringen: wachsen oder schrumpfen.&#13;<br \/>\n<em>Scheidegger:<\/em> Ja, genau. Die Vorstellung von Nullwachstum geht implizit davon aus, dass die Politik die wirtschaftliche Entwicklung \u00fcber Feinsteuerung beeinflussen und geradeso viel Wohlstand zulassen kann, wie sich dies eine politische Elite idealerweise vorstellt. Eine solche Vorstellung ist absurd. Nullwachstum anzustreben, bedeutet tats\u00e4chlich, einen wesentlichen R\u00fcckgang von Wohlstand zu akzeptieren.&#13;<br \/>\n<em>Binswanger:<\/em> Dennoch ist das Wachstum immer weniger von den Bed\u00fcrfnissen der Menschen getrieben, sondern zunehmend von den Innovationen selbst. Den Unternehmen geht es in erster Linie darum, wie man neue Bed\u00fcrfnisse schaffen kann und das Wachstum weitertreiben kann.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Die Volkswirtschaft:<\/em> K\u00f6nnen Sie ein Beispiel geben?&#13;<br \/>\n<em>Binswanger:<\/em> Nehmen wir den Automobilmarkt. In der Schweiz ist dieser Markt ges\u00e4ttigt. Alle, die ein Auto wollen, haben eines. Man ersetzt es zwar von Zeit zu Zeit. Das ist aber kein grosser Wachstumsmarkt. Wenn ich es hingegen schaffe, aus dem Auto ein Statussymbol zu machen, indem ich ein Bed\u00fcrfnis nach einem besseren und st\u00e4rkeren Auto wecke, dann ist der Markt nicht ges\u00e4ttigt. Relative Bed\u00fcrfnisse k\u00f6nnen immer weiterwachsen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Die Volkswirtschaft:<\/em> Herr Binswanger, Sie w\u00fcnschen ein selektives Wachstum. Wer entscheidet, was wir brauchen?&#13;<br \/>\n<em>Binswanger:<\/em> Ich w\u00fcnsche zun\u00e4chst mal noch gar nichts. Ich versuche nur zu erfassen, was sich in der Realit\u00e4t abspielt. Damit Unternehmen weiteres Wachstum generieren k\u00f6nnen, versuchen sie, die Angebote st\u00e4rker zu differenzieren. Urspr\u00fcnglich gab es eine Sorte Rivella \u2013 nun gibt es deren vier. Unternehmen wecken k\u00fcnstliche Bed\u00fcrfnisse. Trotzdem reicht dieses reale Wachstum nicht mehr aus, um relativ zum heute vorhandenen Geld profitable Investitionsm\u00f6glichkeiten zu schaffen. Deshalb sucht sich das Geld Kan\u00e4le mit weiteren Profitm\u00f6glichkeiten. Das passiert etwa auf den Finanzm\u00e4rkten. Wenn auf den Aktien- und Immobilienm\u00e4rkten die Preise steigen, schafft man neue Renditem\u00f6glichkeiten. Deshalb sind spekulative Blasen immer mehr zum Normalfall geworden. Sobald eine Blase irgendwo endet, beginnt bereits die n\u00e4chste. Fr\u00fcher waren das seltene Episoden.&#13;<br \/>\n<em>Scheidegger:<\/em> Ich sehe das anders. Schauen wir etwa, wie sich die Automobilindustrie in den letzten 20 Jahren ver\u00e4ndert hat. Zwischen den Neunzigerjahren und heute liegen Welten. Ein Auto von heute bietet mehr Komfort, mehr Sicherheit und ist umweltfreundlicher. Das zeigt, dass Innovationen auch Umweltprobleme l\u00f6sen k\u00f6nnen. Das ist das Wesen des technischen Fortschritts. Es gibt keine Verschw\u00f6rung der Unternehmen, die nur auf Wachstum aus sind. Millionen von Firmen t\u00e4glich arbeiten daran, die Erwartungen der Kunden mit bestm\u00f6glichen Produkten befriedigen zu wollen.&#13;<br \/>\n<em>Binswanger:<\/em> Nat\u00fcrlich gibt es keine Verschw\u00f6rung. Das ist das Resultat unseres Wirtschaftsprozesses. Firmen wollen in erster Linie Gewinne machen und suchen nach Wegen, wie sie Gewinne erwirtschaften k\u00f6nnen. Obwohl die Produkte immer besser werden, sind die Menschen deshalb nicht gl\u00fccklicher. Mit mehr Varianten eines Produktes sind auch Probleme verbunden. Aus der Freude an der Wahl wird eine Qual der Wahl. Man weiss aus Untersuchungen, dass Menschen gerne w\u00e4hlen, aber nur solange diese Varianten \u00fcbersichtlich sind und man gen\u00fcgend Zeit hat.&#13;<br \/>\n<em>Scheidegger:<\/em> Ich m\u00f6chte diese pauschale Darlegung zwischen Wirtschaftswachstum und Entwicklung der Lebenszufriedenheit etwas korrigieren. Die Befragungen zur Zufriedenheit sind Momentaufnahmen. Wenn man dies nun in einer dynamischen Betrachtung \u00fcber Zeitr\u00e4ume hinweg mit dem Wirtschaftswachstum in Verbindung zu bringen versucht, klammert man total aus, dass zu jedem Zeitpunkt jeder Einzelne in seiner Lebenssituation unterschiedlich dasteht. Worin ich aber mit Herrn Binswanger \u00fcbereinstimme, ist, dass zus\u00e4tzliches Einkommen die Zufriedenheit nur beschr\u00e4nkt steigert. Wer als junger Mensch die ersten paar Tausend Franken verdient, ist extrem gl\u00fccklich. Wenn man als \u00e4lterer Million\u00e4r ein paar Tausend Franken zus\u00e4tzlich verdient, hat dies nicht mehr denselben Effekt. Wirtschaftswachstum erm\u00f6glicht jeder einzelnen Person Entwicklungsperspektiven in jedem Lebensabschnitt. Wenig Wirtschaftswachstum f\u00fchrt hingegen zu weniger Perspektiven und vermindert dadurch die Lebenszufriedenheit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Die Volkswirtschaft:<\/em> Nun haben etwa die EU und die OECD neue Indikatoren entwickelt, die etwa die Wohlfahrt messen. Welche Chancen sehen Sie f\u00fcr diese alternativen Messkonzepte im Vergleich zum Bruttoinlandprodukt, also dem BIP?&#13;<br \/>\n<em>Binswanger:<\/em> Das BIP ist kein Wohlfahrtsmass. Deshalb sind die neuen Indikatoren begr\u00fcssenswert. Es ist aber so, dass man Zufriedenheit nicht so gut messen kann wie die Wirtschaftsleistung. Bei den alternativen Messinstrumenten ber\u00fccksichtigt man neben dem BIP noch ein paar weitere Indikatoren, wie etwa Gesundheit, Bildung oder Einkommensgleichheit. Die Frage ist jedoch, welche Indikatoren man einbezieht. Die Beantwortung dieser Frage wird schnell zu einer politischen Diskussion. Denn gewisse politische Richtungen schauen Einkommensgleichheit als viel wichtiger an als andere. Dann dreht sich die Diskussion nur um die Wahl der Indikatoren, wie dies etwa bei der Sarkozy-Kommission in Frankreich oder bei der Enquete-Kommission in Deutschland der Fall war. Schlussendlich blieb das BIP dann doch das Mass aller Dinge.&#13;<br \/>\n<em>Scheidegger:<\/em> Tatsache ist, dass das BIP sich als Konzept zur Messung der wirtschaftlichen Leistungsf\u00e4higkeit methodologisch \u00fcber Jahrzehnte bew\u00e4hrt hat. Damit sind auch L\u00e4ndervergleiche oder Auswertungen \u00fcber den Zeitablauf m\u00f6glich. Dies ist bei aggregierten Indikatoren der Wohlstandsmessung viel schwieriger. Der Stellenwert des BIP ist deshalb hoch, weil es starke \u00dcberschneidungen mit der Wohlstandsmessung hat und es deshalb auch als komplement\u00e4rer Indikator verwendet werden kann. Der Anspruch f\u00fcr die Zukunft ist, das bew\u00e4hrte BIP-Konzept mit Indikatoren zu erg\u00e4nzen, die f\u00fcr die Lebenszufriedenheit wesentlich sind. Wenn sich diese Indikatoren dereinst methodologisch etabliert haben, werden bestimmt auch zuverl\u00e4ssige Aussagen m\u00f6glich sein.&#13;<br \/>\n<em>Binswanger: <\/em>Dass wir hier diese Diskussion f\u00fchren, ist bereits ein Resultat davon, dass wir \u00fcber Zahlen zur Zufriedenheit in verschiedenen L\u00e4ndern verf\u00fcgen. Es ist auch besser, das BIP von den komplement\u00e4ren Indikatoren zu trennen, statt vom BIP etwa Umweltsch\u00e4den abzuziehen oder Hausarbeit dazuzuz\u00e4hlen. Solche Korrekturen sind willk\u00fcrlich, und man weiss am Schluss nicht mehr, was man eigentlich misst.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Die Volkswirtschaft:<\/em> Die Schweiz hat im vergangenen Jahrzehnt beim Wachstum stark aufgeholt. Dies wurde durch mehr Besch\u00e4ftigung erreicht, die Produktivit\u00e4t hat sich aber abgeschw\u00e4cht. Warum ist das so?&#13;<br \/>\n<em>Binswanger:<\/em> Ich halte den Fokus auf die Arbeitsproduktivit\u00e4t f\u00fcr ungl\u00fccklich gew\u00e4hlt. Ich weiss nicht, warum das Seco so stark damit argumentiert. Das ist eine problematische Gr\u00f6sse. So schneidet Belgien etwa gut ab, da dort relativ wenige Menschen relativ kurz arbeiten. Man kann die Produktivit\u00e4t verbessern, indem man sich auf produktive Branchen konzentriert und die Menschen anderer Branchen arbeitslos sind. Die Schweiz hat eine der h\u00f6chsten Erwerbst\u00e4tigenquoten und einen guten Mix der Branchen. In der Pharmaindustrie und im Bankenwesen ist die Arbeitsproduktivit\u00e4t sehr hoch. Wenn wir jedoch nur \u00fcber diese Branchen verf\u00fcgten, h\u00e4tten wir ein riesiges Besch\u00e4ftigungsproblem. Wir haben jedoch auch Branchen wie das Gesundheitswesen, das viele Arbeitspl\u00e4tze schafft und daf\u00fcr sorgt, dass wir Vollbesch\u00e4ftigung haben. Damit ziehen sie aber die Produktivit\u00e4t nach unten.&#13;<br \/>\n<em>Scheidegger:<\/em> Das ist ein falsches Verst\u00e4ndnis der Wachstumspolitik des Bundes. Klar sollte man nicht alleine auf die Arbeitsproduktivit\u00e4t abstellen. Es gibt \u00f6konomisch gesehen zwei Quellen des Wirtschaftswachstums: die Erwerbsbeteiligung und die Arbeitsproduktivit\u00e4t. W\u00e4hrend die Schweiz bei der Erwerbsbeteiligung international sehr gut dasteht, schneidet sie bei der Produktivit\u00e4t h\u00f6chstens durchschnittlich ab. Skandinavische L\u00e4nder, die Niederlande oder \u00d6sterreich stehen diesbez\u00fcglich besser da. Die Wirtschaftspolitik des Seco konzentriert sich deshalb auf die Produktivit\u00e4t, weil es dort Verbesserungspotenzial gibt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Die Volkswirtschaft:<\/em> Herr Binswanger kritisiert, dass die Gr\u00f6sse der Arbeitsproduktivit\u00e4t nicht relevant sei.&#13;<br \/>\n<em>Scheidegger:<\/em> Doch, das ist sie. Es ist richtig, dass es schwierig ist, die Arbeitsproduktivit\u00e4t zu messen. Sie hat vielf\u00e4ltige Determinanten. Treiber sind etwa das Humankapital, die Kapitalintensit\u00e4t in einer Volkswirtschaft, der Wettbewerb, die Branchenstruktur und das immaterielle Kapital. Mit unseren Arbeiten m\u00f6chten wir besser verstehen, wie gut die Schweiz bei dieser wichtigen Determinante des Wachstums im Vergleich zu anderen L\u00e4ndern dasteht und wie wir uns noch verbessern k\u00f6nnten.&#13;<br \/>\n<em>Binswanger:<\/em> Man darf aber nicht mit der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivit\u00e4t argumentieren. Man m\u00fcsste die Branchen einzeln betrachten. Auch hier gibt es hingegen Einschr\u00e4nkungen. Wenn das Gesundheitswesen immer produktiver wird, steigt auch die Arbeitslosigkeit, und diese muss finanziert werden. Am Schluss ist dann eben doch der Wohlstand pro Kopf entscheidend.&#13;<br \/>\n<em>Scheidegger:<\/em> V\u00f6llig einverstanden, deshalb schliessen unsere Arbeiten auch Sektorbetrachtungen ein. Jedes Land braucht einen ausgewogenen Mix zwischen hoher Erwerbsbeteiligung und positiver Entwicklung der Produktivit\u00e4t. Ich erachte es insgesamt als beeindruckende Leistung unserer Volkswirtschaft, dass wir sechs Jahre nach der Finanzkrise trotz bescheidener Entwicklung der Arbeitsproduktivit\u00e4t immer noch ein Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens erzielen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Die Volkswirtschaft:<\/em> Wenn Sie einen Wunsch frei h\u00e4tten f\u00fcr die Zukunft, was w\u00fcnschten Sie sich f\u00fcr die Schweizer Wirtschaft?&#13;<br \/>\n<em>Binswanger:<\/em> Die Schweiz leidet unter einer eigenartigen Schizophrenie. Auf der einen Seite sind wir \u00fcberzeugt, dass wir alles besser machen. Auf der andern Seite haben wir eine panische Angst, international den Anschluss zu verlieren. Damit opfern wir viele Dinge, die wesentlich sind f\u00fcr den Wohlstand der Schweiz, sei es in der Bildungs- oder etwa in der Gesundheitspolitik. Deshalb w\u00fcnsche ich mir mehr Mut, dass wir uns auf unsere St\u00e4rken besinnen und diese auch pflegen.&#13;<br \/>\n<em>Scheidegger:<\/em> Das ist wohl die schwierigste Frage. Ich w\u00fcnsche mir Offenheit und Mut, dass wir bei wirtschaftspolitischen Belangen an die Zukunft der j\u00fcngeren Generationen denken. Denn der dauerhafte Wandel ist vor allem auch als Chance f\u00fcr die Jungen zu verstehen und nicht nur als Bedrohung f\u00fcr die \u00c4lteren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Interview:<\/em> Susanne Blank und Nicole Tesar, Chefredaktorinnen \u00abDie Volkswirtschaft\u00bb<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Volkswirtschaft: Die Schweizerische Nationalbank hat Mitte Januar den Euro-Mindestkurs zum Franken aufgehoben. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie davon erfuhren?&#13; Eric Scheidegger: Ich habe von diesem Schritt bei einem Zwischenstopp in Singapur erfahren. Ich befand mich auf der R\u00fcckreise von Neuseeland in die Schweiz und war sehr \u00fcberrascht, als ich die Nachricht auf [&hellip;]<\/p>","protected":false},"author":2752,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"om_disable_all_campaigns":false,"ep_exclude_from_search":false,"footnotes":""},"post__type":[67,69],"post_opinion":[],"post_serie":[],"post_content_category":[],"post_content_subject":[],"acf":{"seco_author":2752,"seco_co_author":[3746,0],"author_override":"","seco_author_post_ocupation_year":"","seco_author_post_occupation_de":"Dr. rer. pol., Leiter der Direktion f\u00fcr Wirtschaftspolitik und stv. Direktor, Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft (Seco), Bern","seco_author_post_occupation_fr":"Chef de la Direction de la politique \u00e9conomique et directeur suppl\u00e9ant, Secr\u00e9tariat d\u2019\u00c9tat \u00e0 l\u2019\u00e9conomie (Seco), Berne","seco_co_authors_post_ocupation":[{"seco_co_author":3746,"seco_co_author_post_occupation_year":"","seco_co_author_post_occupation_de":"Professor f\u00fcr Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz, Olten","seco_co_author_post_occupation_fr":"Professeur d\u2019\u00e9conomie, Haute \u00e9cole sp\u00e9cialis\u00e9e de la Suisse du Nord-Ouest (FHNW), Olten (SO)"}],"short_title":"","post_lead":"Eric Scheidegger, Leiter Wirtschaftspolitik im Staatssekretariat f\u00fcr Wirtschaft, und Mathias Binswanger, Professor f\u00fcr Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz, erkl\u00e4ren, warum eine Volkswirtschaft Wirtschaftswachstum braucht. Sie diskutieren \u00fcber die Determinanten von Wirtschaftswachstum. Dabei sind sie sich uneinig, welche Aussagekraft die Arbeitsproduktivit\u00e4t hat.","post_hero_image_description":"Das Streitgespr\u00e4ch zwischen Mathias Binswanger (links) und Eric Scheidegger stand zu Beginn ganz im Zeichen des Nationalbankentscheids zur Aufhebung des Franken-Euro-Mindestkurses.","post_hero_image_description_copyright_de":"Hannes Saxer","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":117064,"main_focus":[156647,157268],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":117068,"artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"9950","post_abstract":"","magazine_issue":"20150201","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/54cf6bc9a52bb"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/117061"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2752"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=117061"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/117061\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":126951,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/117061\/revisions\/126951"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157268"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156647"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3746"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2752"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=117061"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=117061"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=117061"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=117061"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=117061"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=117061"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}