{"id":117130,"date":"2015-01-01T12:00:00","date_gmt":"2015-01-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2015\/01\/bonoli-6\/"},"modified":"2023-08-23T23:15:16","modified_gmt":"2023-08-23T21:15:16","slug":"bonoli-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2015\/01\/bonoli-5\/","title":{"rendered":"Soziale Sicherheit in der Schweiz: Ein grunds\u00e4tzlich solides System mit einigen Schw\u00e4chen"},"content":{"rendered":"<p>Aufgrund dieser z\u00f6gerlichen Entwicklung erlebte der Sozialstaat in der Schweiz seine \u00abReifephase\u00bb in einem anderen Umfeld als in den meisten anderen L\u00e4ndern Europas. In den 1980er-Jahren, als der Schweizer Sozialstaat noch im Aufbau war, beeinflussten ung\u00fcnstigere Finanz- und Bev\u00f6lkerungsperspektiven die politischen Entscheidungen. Dies erkl\u00e4rt im Zusammenspiel mit einer liberalen Tradition und dem hohen Gewicht der Privatwirtschaft, weshalb die Schweiz bei ihrem Sozialversicherungssystem sehr bald auf eine Zusammenarbeit zwischen \u00f6ffentlichem und privatem Sektor setzte und den Schwerpunkt auf die berufliche (Wieder-)Eingliederung von Sozialleistungsempf\u00e4ngern legte. Eine solche Ausrichtung stiess in Staaten, die schon viel fr\u00fcher \u00fcber einen umfassenden sozialen Schutz verf\u00fcgten, auf wesentlich mehr Widerstand. Der sp\u00e4te, etappenweise Aufbau des Schweizer Systems ist auch der Grund daf\u00fcr, dass dieses aus zahlreichen Komponenten besteht und sowohl obligatorische Versicherungen mit Umverteilungsmechanismus wie die AHV als auch halbprivate Versicherungen wie die zweite S\u00e4ule oder die Krankenversicherung beinhaltet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWeil die meisten Nachbarl\u00e4nder in den letzten Jahren die Leistungen erheblich gek\u00fcrzt haben, bietet das Schweizer System heute im internationalen Vergleich einen relativ umfassenden Schutz mit eher hohen Leistungen \u2013 zumindest in den Bereichen Altersrenten, Arbeitslosigkeit, Invalidit\u00e4t und Sozialhilfe. Bescheidener sind die Leistungen in der Krankenversicherung und bei den Familien, wo die Privatpersonen vergleichsweise sehr hohe Kosten tragen.&#13;<\/p>\n<h2>Grunds\u00e4tzlich erfreuliche &shy;Finanzperspektiven<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm internationalen Vergleich sind auch die finanziellen Perspektiven f\u00fcr das Schweizer Sozialversicherungssystem relativ erfreulich. Hauptgrund daf\u00fcr ist die gute Konjunkturlage seit Mitte der 2000er-Jahre. Der Besch\u00e4ftigungszuwachs, den das Freiz\u00fcgigkeitsabkommen mit der EU erm\u00f6glichte, hatte einen betr\u00e4chtlichen Einfluss auf die Einnahmen der wichtigsten Sozialversicherungen. Dass die finanziellen Prognosen des Bundesamts f\u00fcr Sozialversicherungen (BSV) im Laufe der Jahre immer besser ausfielen, ist haupts\u00e4chlich der kr\u00e4ftigen Zuwanderung seit 2007\/08 zu verdanken. Trotz dieser insgesamt g\u00fcnstigen Situation sind allerdings gewisse Sanierungsmassnahmen notwendig. Ausserdem ist klar, dass der aktuelle Trend in der AHV, die von der Zuwanderung profitiert, nicht von Dauer sein wird.&#13;<\/p>\n<h2>Gut gewappnet gegen wirtschaftliche Risiken<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAbgesehen von der guten Konjunkturlage scheint sich auszuzahlen, dass gewisse Eigenschaften des Schweizer Systems einen Schutz vor wirtschaftlichen Risiken bieten. Zwei Vorteile stehen dabei im Vordergrund:&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nErstens verf\u00fcgt die Schweiz \u00fcber eine Altersvorsorge mit mehreren S\u00e4ulen. Die beiden Haupts\u00e4ulen werden unterschiedlich finanziert und erg\u00e4nzen sich entsprechend. Die im Umlageverfahren finanzierte AHV bietet die typischen Vor- und Nachteile dieser Finanzierungsart: hohe Abh\u00e4ngigkeit von demografischen Schwankungen, aber geringer Einfluss der Inflation und die M\u00f6glichkeit zur Umverteilung nach sozialpolitischen Kriterien. Die zweite S\u00e4ule weist die umgekehrte Kombination von Vor- und Nachteilen auf, da sie anf\u00e4lliger f\u00fcr Inflationsrisiken ist, w\u00e4hrend die Alterung der Bev\u00f6lkerung eine relativ geringe Rolle spielt. Sie bietet ausserdem attraktive Sparanreize: Steuererleichterungen, individuelles Sparen ohne Umverteilung sowie gesetzliche Vorgaben, die im Allgemeinen vorteilhafter sind als die Marktbedingungen.Zweitens strebt das Schweizer Sozialversicherungssystem seit jeher eine F\u00f6rderung der Erwerbsbeteiligung an. L\u00e4nder wie Frankreich, Deutschland oder Italien &shy;haben im Gegensatz dazu das Arbeits&shy;angebot reduziert, indem sie ab den 1980er-Jahren Fr\u00fchpensionierungen unterst\u00fctzten. Diese Politik hat sehr hohe Erwartungen in der Bev\u00f6lkerung geschaffen und l\u00e4uft dem aktuellen Trend entgegen, das Pensionsalter anzuheben. Die zahlreichen Reformen seit den 1990er-Jahren stiessen deshalb auf erbitterten Widerstand. Das effektive Pensionsalter bei den M\u00e4nnern betrug in Frankreich im Zeitraum 2007\u20132012 immer noch 59,7 Jahre und in Italien 61,1 Jahre. Die Schweiz weist mit 66,1 Jahren bei den M\u00e4nnern \u00e4hnliche Werte auf wie die skandinavischen L\u00e4nder<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2>Versicherte rasch wieder eingliedern<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAls ab den 1990er-Jahren die Zahl der &shy;Sozialleistungsbez\u00fcger im Erwerbsalter anzusteigen begann, wurde das System konsequent auf das Ziel einer beruflichen Wiedereingliederung mit einer R\u00fcckkehr in den Arbeitsmarkt ausgerichtet. Reformen wie die 2. Revision des Bundesgesetzes \u00fcber die obligatorische Arbeitslosenversicherung und die Insolvenzentsch\u00e4digung (AVIG) oder die 5. IV-Revision haben die M\u00f6glichkeiten dieser Sozialversicherungen, eine rasche R\u00fcckkehr an den Arbeitsplatz zu f\u00f6rdern, massgeblich gest\u00e4rkt. Dies d\u00fcrfte daf\u00fcr verantwortlich sein, dass sie den Aufw\u00e4rtstrend bei der Zahl der Leistungsbez\u00fcger, der sich Anfang der 1990er-Jahre abzeichnete, bremsen konnten (siehe <i>Grafik 1<\/i>).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/04\/201404_17D_Grafik01.eps1_.gif\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3902\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/04\/201404_17D_Grafik01.eps1_-600x514.gif\" alt=\"201404_17D_Grafik01.eps[1]\" width=\"600\" height=\"514\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Arbeitslosenversicherungsmodell der Schweiz geh\u00f6rt \u2013 zusammen mit den Systemen Deutschlands, D\u00e4nemarks oder Schwedens \u2013 zu den modernsten und leistungs&shy;f\u00e4higsten. In diesen Systemen gelingt es relativ gut, hohe Sozialleistungen mit starken Anreizen zur Wiederaufnahme der Arbeit zu kombinieren und gezielt die Schw\u00e4chsten zu unterst\u00fctzen. Die hohen Sozialleistungen mindern die wirtschaftlichen Folgen der &shy;Arbeitslosigkeit f\u00fcr die Betroffenen. Anreize zur Wiedereingliederung, eine individuelle Begleitung, Sanktionen bei ungen\u00fcgenden Anstrengungen und gegebenenfalls arbeitsmarktliche Massnahmen f\u00fcr Arbeitslose verringern die Gefahr einer l\u00e4ngeren Erwerbs&shy;losigkeit. Die IV wurde ebenfalls grundlegend neu ausgestaltet. Heute ist sie mehr als eine blosse Sozialversicherung, n\u00e4mlich eine Wiedereingliederungsstelle und ein Kompetenzzentrum f\u00fcr Gesundheit am Arbeitsplatz.&#13;<\/p>\n<h2>Schwachpunkte sind &shy;weiterhin &shy;vorhanden<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDen erw\u00e4hnten St\u00e4rken des Sozialversicherungssystems stehen allerdings auch zwei Schwachpunkte gegen\u00fcber: Es gibt kaum Massnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und die einzelnen Komponenten des sozialen Schutzes sind schwierig zu koordinieren.&#13;<\/p>\n<h2>Ungen\u00fcgende Vereinbarkeit von Beruf und\u00a0&shy;Familie<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Familienpolitik und insbesondere die Vereinbarkeit von Beruf und Familie haben in der Sozialpolitik der europ\u00e4ischen L\u00e4nder seit den 1990er-Jahren einen hohen Stellenwert. Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind die demografische Entwicklung, die wirtschaftliche Notwendigkeit einer verst\u00e4rkten Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt sowie ver\u00e4nderte Werte und Familienstrukturen. Hauptpfeiler einer modernen Familienpolitik mit F\u00f6rderung der Erwerbsbeteiligung sind Betreuungsstrukturen f\u00fcr Kleinkinder. Die Schweiz hat zwar die staatlichen Investitionen zum Ausbau solcher Strukturen deutlich aufgestockt (zwischen 1990 und 2009 gab es sogar eine Verdoppelung<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>). Im Vergleich zu anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern ist sie aber nach wie vor klar im R\u00fcckstand. Die OECD-Mitgliedsl\u00e4nder wendeten 2009 durchschnittlich 0,8% des BIP f\u00fcr solche Betreuungseinrichtungen auf, gegen\u00fcber lediglich 0,2% in der Schweiz f\u00fcr alle Stufen des Gemeinwesens.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<em>Grafik 2<\/em> veranschaulicht den Umfang und das Profil der schweizerischen Familienpolitik: Die \u00f6ffentlichen Ausgaben f\u00fcr die Familienleistungen sind relativ gering, und der L\u00f6wenanteil entf\u00e4llt auf Steuerabz\u00fcge und Transferzahlungen. Dies l\u00e4uft dem Interesse des Arbeitsmarkts zuwider \u2013 vor allem was die Position der Frauen angeht. Hinzu kommt der mit 14 Wochen k\u00fcrzeste Mutterschaftsurlaub in Europa. Die Folgen f\u00fcr den Arbeitsmarkt sind wirtschaftlich problematisch: Zwar ist die Besch\u00e4ftigungsquote der Frauen in der Schweiz im internationalen Vergleich hoch; doch rund 80% der Frauen mit Kindern unter 14 Jahren arbeiten lediglich Teilzeit, viele mit einem sehr kleinen Pensum.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/04\/201404_17D_Grafik02.eps1_.gif\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3903\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/04\/201404_17D_Grafik02.eps1_-600x565.gif\" alt=\"201404_17D_Grafik02.eps[1]\" width=\"600\" height=\"565\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn der Schweiz nutzen Familien Be&shy;treuungsstrukturen f\u00fcr Kinder wesentlich &shy;seltener als in Nachbarl\u00e4ndern. Dies d\u00fcrfte einerseits der beschr\u00e4nkten Zahl (subventionierter) Betreuungspl\u00e4tze zuzuschreiben sein. Aber auch die Kosten einer familien&shy;externen Betreuung f\u00fcr Eltern in der Schweiz sind sehr hoch (siehe <em>Grafik 3<\/em>). In Z\u00fcrich muss eine durchschnittliche Familie mit zwei Kindern und subventionierten Betreuungspl\u00e4tzen 30% des Familieneinkommens f\u00fcr die Kinder&shy;betreuung aufwenden. Dieser enorm hohe Anteil ist nur mit angels\u00e4chsischen, wirtschaftsliberalen L\u00e4ndern vergleichbar.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/04\/201404_17D_Grafik03.eps1_.gif\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3904\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/04\/201404_17D_Grafik03.eps1_-600x534.gif\" alt=\"201404_17D_Grafik03.eps[1]\" width=\"600\" height=\"534\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Mangel an erschwinglichen Betreuungspl\u00e4tzen in der Schweiz ist aus demografischer und wirtschaftlicher Sicht problematisch, insbesondere wenn die Zuwanderung k\u00fcnftig beschr\u00e4nkt wird, da diese die Finanzierbarkeit der Schweizer Sozialversicherungen gew\u00e4hrleistet. Fortschritte auf politischem Weg erfordern Zeit und sind schwierig durchzusetzen: Mehrere politische Abstimmungen haben gezeigt, dass eine tiefe Kluft zwischen Bef\u00fcrwortern und Gegnern eines aktiveren staatlichen Engagements zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie besteht. Ein zus\u00e4tzliches Hindernis ist der F\u00f6deralismus. Zwar kann die Politik gezielter auf die unterschiedlichen Bed\u00fcrfnisse der einzelnen Gemeinden und Kantone reagieren. Der &shy;F\u00f6deralismus verhindert aber ein landesweit einheitliches System und bremst die Schaffung der notwendigen Strukturen.&#13;<\/p>\n<h2>Probleme bei der Koordination und der Wiedereingliederung von Personen mit Sozialhilfe<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Schweizer Sozialleistungssystem f\u00fcr Personen im Erwerbsalter wurde in den 1990er- und 2000er-Jahren modernisiert. Die Reformen beschr\u00e4nkten sich aber auf gewisse Komponenten des Systems und wurden nicht als Ganzes koordiniert. Profitiert haben vor allem die Arbeitslosen- und die Invalidenversicherung. Bei der Sozialhilfe, die in die Zust\u00e4ndigkeit von Kantonen und Gemeinden f\u00e4llt, ist dies nicht der Fall. Die sehr starke Fragmentierung des Schweizer Systems in diesem Bereich hat zur Folge, dass heute niemand mehr wirklich versteht, wie in den Gemeinden und Kantonen die Wiedereingliederungshilfe organisiert ist. In einer aktuellen Studie sch\u00e4tzen <i>Bonoli und Champion (2013)<\/i> den Anteil der arbeitslosen Erwachsenen, die Sozialhilfe beziehen und Zugang zu einer Eingliederungsmassnahme haben, auf 8% bis 15%. In der Arbeitslosenversicherung bel\u00e4uft sich dieser Wert hin&shy;gegen auf rund 30%. Ausserdem zielen die meisten Massnahmen in der Sozialhilfe auf eine \u00absoziale Eingliederung\u00bb und nicht auf den Zugang zum Arbeitsmarkt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEine sinnvolle Neuausrichtung der Sozialhilfe in der Schweiz auf eine berufliche Wiedereingliederung f\u00fchrt \u00fcber eine bessere &shy;Koordination der drei Pfeiler der sozialen Sicherheit f\u00fcr die Erwerbst\u00e4tigen. Einerseits stellt sich die Frage, ob jede Institution eigene Kompetenzen im Bereich der beruflichen Wiedereingliederung aufbauen muss. Andererseits ist die Frage der \u00dcbergabe von Personen zwischen den verschiedenen Komponenten des Sozialsystems nicht befriedigend gel\u00f6st. Zwar ist es den gesamtschweizerischen Sozialversicherungen gelungen, die Zunahme bei der Zahl der Leistungsbez\u00fcger einzud\u00e4mmen. Vermutlich hat dies aber &shy;dazu beigetragen, dass mehr Personen Sozialhilfe beziehen. Dieses Problem, das sich mit dem Bild kommunizierender R\u00f6hren ver&shy;anschaulichen l\u00e4sst, tritt auch in anderen L\u00e4ndern Europas auf. <em>Grafik 1<\/em> zeigt, dass in der Schweiz vermutlich ein solcher Mechanismus spielt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie kontinuierlich steigende Zahl von Personen mit Sozialhilfe weist darauf hin, dass diese Institution mit einer gezielten Neuausrichtung auf eine berufliche Wiedereingliederung entlastet werden k\u00f6nnte. Die Schweiz hat in diesem Punkt einen R\u00fcckstand gegen\u00fcber europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, die in den 1990er- und 2000er-Jahren ihre Sozialhilfe in diesem Sinne restrukturierten. Dies ist der Fall in den skandinavischen L\u00e4ndern, den Niederlanden und in Deutschland, das mit der Hartz-IV-Reform entschlossen handelte.&#13;<\/p>\n<h2>Das System ist weniger solide, als\u00a0es\u00a0heute scheint<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZusammenfassend zeigt unsere Analyse zum Sozialversicherungssystem der Schweiz, dass dieses bei einer Beurteilung anhand der \u00fcblichen Kriterien (finanzielle Lage, Leistungsumfang, Arbeitsmarktausrichtung) zu den besten Europas geh\u00f6rt. Trotzdem bestehen in zwei Bereichen ernsthafte Schw\u00e4chen: bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und bei der Koordination der einzelnen Pfeiler des Systems. Diese M\u00e4ngel scheinen heute vielleicht tolerierbar. Sie k\u00f6nnten aber wesentlich schwerwiegendere Folgen haben, sobald die Konjunktur weniger rund l\u00e4uft und die Zuwanderung abnimmt.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">OECD (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">H\u00e4usermann und Zollinger (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Die Situation kann je nach Gemeinde sehr unterschiedlich aussehen. F\u00fcr dieses Beispiel wurde die Stadt Z\u00fcrich herangezogen. Nicht subventionierte Betreuungspl\u00e4tze kosten dort rund 2400 Franken pro Monat. Eine Familie mit einem monatlichen Nettoeinkommen von rund 10000 Franken h\u00e4tte Anspruch auf eine Subvention von rund 1800 Franken, w\u00fcrde dann aber noch immer 3000 Franken monatlich f\u00fcr die Betreuung von zwei Kindern ausgeben.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufgrund dieser z\u00f6gerlichen Entwicklung erlebte der Sozialstaat in der Schweiz seine \u00abReifephase\u00bb in einem anderen Umfeld als in den meisten anderen L\u00e4ndern Europas. In den 1980er-Jahren, als der Schweizer Sozialstaat noch im Aufbau war, beeinflussten ung\u00fcnstigere Finanz- und Bev\u00f6lkerungsperspektiven die politischen Entscheidungen. 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