{"id":117369,"date":"2014-11-10T16:10:53","date_gmt":"2014-11-10T16:10:53","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2014\/11\/faut-il-alleger-lineairement-la-fiscalite-des-entreprises\/"},"modified":"2023-08-23T23:16:36","modified_gmt":"2023-08-23T21:16:36","slug":"muessen-die-unternehmenssteuern-generell-gesenkt-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2014\/11\/muessen-die-unternehmenssteuern-generell-gesenkt-werden\/","title":{"rendered":"M\u00fcssen die Unternehmenssteuern generell gesenkt werden?"},"content":{"rendered":"<p>Kantonale Privilegien f\u00fcr Statusgesellschaften sind die Antwort auf ein klassisches \u00f6konomisches Problem: Wie setzt man den optimalen Preis fest f\u00fcr Kunden, deren Zahlungsbereitschaft unterschiedlich ist? Kann man diese absch\u00e4tzen, wird man von Kunden mit einer hohen Zahlungsbereitschaft einen h\u00f6heren Preis verlangen als von Kunden mit einer niedrigen. Die Schweizer Kantone tun genau dies: Sie \u00abverkaufen\u00bb ihren Standort billiger an hochmobile Statusgesellschaften und teurer an Unternehmen, denen sich weniger Ausweichm\u00f6glichkeiten bieten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGegenw\u00e4rtig liegt der durchschnittliche effektive Unternehmenssteuersatz f\u00fcr Statusgesellschaften je nach Kanton und Gesellschaftstyp zwischen 8% und 12% und derjenige f\u00fcr ordentlich besteuerte Unternehmen zwischen 12% und 24%.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a>In diesen S\u00e4tzen ist die direkte Bundessteuer (DBST) von knapp 8% mitgerechnet.&#13;<\/p>\n<h2 class=\"article-subtitle\">Auf der Suche nach dem optimalen Steuersatz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie EU und die OECD haben es darauf abgesehen, diese Verschiedenbehandlung zu unterbinden. Die zentrale Herausforderung der Unternehmenssteuerreform III liegt somit darin, den optimalen Steuersatz zu finden, wenn eine Sonderbehandlung von Statusgesellschaften nicht mehr m\u00f6glich ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDoch was heisst \u00aboptimal\u00bb? In den vorliegenden Studien zur Reform wird das Steueraufkommen aus Unternehmensgewinnen zumeist als zentrale Zielgr\u00f6sse in Betracht gezogen. Dabei wird ausgeblendet, dass Unternehmen auch Arbeitspl\u00e4tze und Privateinkommen schaffen und damit verbundene Steuereinnahmen generieren. Eine Fokussierung auf die direkten Steuereinnahmen ist jedoch insofern legitim, als viele Statusgesellschaften eher als lukrative Steuerzahler ins Gewicht fallen denn als grosse Arbeitgeber. Ausserdem sind die indirekten Auswirkungen von Steuerreformen auf nachgelagerte Steuern viel schwerer absch\u00e4tzbar als die direkt betroffenen Steuereinnahmen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNach dem Wegfall der privilegierten Besteuerung von Statusgesellschaften sind zwei grunds\u00e4tzliche Szenarien denkbar:&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li>Erstens k\u00f6nnte ein f\u00fcr alle Gesellschaftstypen geltender Steuersatz festgesetzt werden.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Zweitens k\u00f6nnte versucht werden, auch weiterhin gewisse hochmobile Unternehmensgewinne mit einem tieferen Steuersatz zu belasten.<\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>\n<p>&#13;<br \/>\nDie gegenw\u00e4rtig diskutierte Lizenzbox-L\u00f6sung zielt auf das zweite Szenario ab. Die tiefere Besteuerung von auslandorientierten Statusgesellschaften w\u00fcrde durch eine tiefere Besteuerung von forschungsintensiven Unternehmen ersetzt. Im Gegensatz zur gegenw\u00e4rtigen privilegierten Besteuerung von Statusgesellschaften scheint diese Form der Differenzierung von EU und OECD vorderhand akzeptiert zu werden.&#13;<\/p>\n<h2 class=\"article-subtitle\">Optimale Anpassung \u00fcber einen Einheitssteuersatz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAbstrahieren wir vorerst von der Option Lizenzbox. Im ersten Szenario stellt sich folgende Frage: Welcher ordentliche, f\u00fcr alle g\u00fcltige Steuersatz beschert uns die geringsten Einnahmeausf\u00e4lle? <i>Salvi und Zobrist (2013)<\/i>haben als Erste eine klare Antwort geliefert. Wenn ein schweizweit gleicher Einheitssatz erhoben werden w\u00fcrde, w\u00e4ren die Verluste bei einem Steuersatz von 15% am geringsten; sie w\u00fcrden sich aber immer noch auf 4,2 Mrd. Franken belaufen. Die Kantone k\u00f6nnen jedoch auch bei Gleichbehandlung verschiedener Unternehmenstypen ihre Steuers\u00e4tze frei auf das Niveau setzen, welches aus ihrer Sicht optimal ist. Gem\u00e4ss der Studie w\u00e4re die optimale kantonale Steuerbelastung nach Wegfall der Statusprivilegien in sieben Kantonen deutlich tiefer als der aktuelle ordentliche Satz.<a id=\"footenote_2_link\" class=\"footnoteAnchor\" name=\"footenote_2_link\"><\/a><a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>\u00a0Dies sind Kantone mit einem \u00fcberdurchschnittlich grossen Anteil an Statusgesellschaften. In diesen Kantonen d\u00fcrften die Steuerausf\u00e4lle durch eine Abwanderung eines Teils der Statusgesellschaften st\u00e4rker als die Steuerausf\u00e4lle durch die Senkung des Steuersatzes f\u00fcr ordentlich besteuerte Unternehmen ins Gewicht fallen. Die \u00fcbrigen Kantone t\u00e4ten am besten daran, ihren aktuellen ordentlichen Satz beizubehalten. Die Abwanderung eines Teils der Statusgesellschaften f\u00e4llt in diesen Kantonen zu wenig ins Gewicht, als dass sich eine Absenkung der allgemeinen Unternehmenssteuerbelastung in fiskalischer Hinsicht lohnen k\u00f6nnte. Solch kantonal differenzierte Anpassungen der Steuers\u00e4tze w\u00fcrden die Steuerausf\u00e4lle auf gesch\u00e4tzte 2,3 Mrd. Franken beschr\u00e4nken.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAus diesen Modellrechnungen wird klar, dass es doppelt suboptimal w\u00e4re, die Unternehmenssteuern sowohl zwischen Kantonen als auch zwischen Unternehmenstypen zu vereinheitlichen. Die unterschiedlichen Anpassungen der Kantone w\u00fcrden die helvetische Steuerlandschaft allerdings grundlegend ver\u00e4ndern. So hat der Kanton Basel-Stadt zurzeit um 4 Prozentpunkte h\u00f6here ordentliche S\u00e4tze als der Kanton Z\u00fcrich. Nach den \u00aboptimalen\u00bb Anpassungen gem\u00e4ss Salvi und Zobrist w\u00e4ren die S\u00e4tze in Basel-Stadt um 8 Prozentpunkte tiefer als in Z\u00fcrich. Es ist wahrscheinlich, dass dies zu weiteren Anpassungen im Wettbewerb um bisher ordentlich besteuerte Unternehmen f\u00fchren w\u00fcrde.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nSolche Sch\u00e4tzungen h\u00e4ngen massgeblich davon ab, wie stark Statusgesellschaften auf Steuererh\u00f6hungen reagieren w\u00fcrden. Niemand zweifelt an der Steuerempfindlichkeit der betroffenen Gewinne; doch diese Empfindlichkeit ist empirisch sehr schwer zu erfassen. Die meisten Autoren gehen davon aus, dass ein Anstieg der Steuerbelastung von einem Prozentpunkt eine Abwanderung im Bereich von 10% bis 20% solcher Firmen nach sich zieht.<a id=\"footenote_3_link\" class=\"footnoteAnchor\" name=\"footenote_3_link\"><\/a><a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a>\u00a0Es ist unklar, wie gut die internationale Evidenz auf die Statusgesellschaften der Schweiz zutrifft, aber die Gr\u00f6ssenordnung scheint plausibel.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAuch die Studie von <i>B,S,S. (2014)<\/i> sucht nach dem optimalen kantonalen Einheitssatz. Sie ber\u00fccksichtigt allerdings zus\u00e4tzlich die Mobilit\u00e4t der Statusgesellschaften innerhalb der Schweiz. Die gegenw\u00e4rtig tiefsten ordentlichen Gewinnsteuern (12% inklusive DBST) liegen etwa im Bereich der gegenw\u00e4rtig g\u00fcltigen Steuers\u00e4tze f\u00fcr die Mehrzahl der Statusgesellschaften. Somit k\u00f6nnten Statusgesellschaften in Hochsteuerkantonen nach Abschaffung der steuerlichen Privilegien ihre Steuerrechnung auch moderat halten, indem sie innerhalb der Schweiz umziehen w\u00fcrden. Unter der Annahme, dass die Statusgesellschaften je h\u00e4lftig ins Ausland und in Tiefsteuerkantone ausweichen w\u00fcrden, errechnen B,S,S. einen Ertragsausfall f\u00fcr Bund und Kantone von 0,7 Mrd. Franken bei einer ersatzlosen Streichung der Statusprivilegien. Diese Ausf\u00e4lle k\u00f6nnten gem\u00e4ss B,S,S. weiter begrenzt werden, indem einzelne Kantone ihre Tarife senken.<a id=\"footenote_4_link\" class=\"footnoteAnchor\" name=\"footenote_4_link\"><\/a><a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a>\u00a0Schweizweite Senkungen des Steuersatzes auf einheitliche 16% oder gar 13% w\u00fcrden gem\u00e4ss B,S,S. hingegen Ausf\u00e4lle um die 3 Mrd. Franken erzeugen.&#13;<\/p>\n<h2 class=\"article-subtitle\">Optimale Anpassung mit Lizenzbox<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm zweiten Szenario wird versucht, auch weiterhin einen Teil der mutmasslich besonders mobilen Unternehmen mit tieferen Steuers\u00e4tzen zu belangen. Das Instrument der \u00abengen Lizenzbox\u00bb w\u00fcrde erlauben, f\u00fcr sch\u00e4tzungsweise einen Drittel der gegenw\u00e4rtig tiefer besteuerten Statusgewinne auch in Zukunft eine vergleichbar niedrige Steuerbelastung beizubehalten.<a id=\"footenote_5_link\" class=\"footnoteAnchor\" name=\"footenote_5_link\"><\/a><i><a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a>Chatagny, K\u00f6thenb\u00fcrger und Stimmelmayr (2014)<\/i> haben die Wirkung der engen Lizenzbox in die Modellrechnungen einbezogen. Dabei kommen sie auf das erstaunliche Resultat, dass die Einf\u00fchrung einer Lizenzbox ohne jegliche Ver\u00e4nderung der Unternehmenssteuers\u00e4tze bloss 0,9 Mrd. Franken an Steuereinbussen nach sich ziehen w\u00fcrde, w\u00e4hrend eine Lizenzbox plus eine Senkung aller kantonalen Gewinnsteuers\u00e4tze um 4\u00a0Prozentpunkte Ausf\u00e4lle von 2 Mrd. Franken generieren d\u00fcrfte. In dieser Studie wird zwar nicht gezeigt, wie sich kleinere oder nach Kantonen differenzierte Steuersenkungen auswirken w\u00fcrden. Aber sie deutet dennoch darauf hin, dass die Einf\u00fchrung einer Lizenzbox ausreichen k\u00f6nnte, um \u00c4nderungen am Steuertarif aus der Sicht der gesamten Steuereinnahmen weitgehend hinf\u00e4llig zu machen.&#13;<\/p>\n<h2 class=\"article-subtitle\">Fazit: Kein Anlass f\u00fcr landesweite Steuersenkungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZusammenfassend sehen wir aufgrund der vorliegenden Sch\u00e4tzresultate keinen Anlass zu landesweiten Unternehmenssteuersenkungen nach dem Wegfall der Statusprivilegien. Dies gilt insbesondere, wenn sich eine Lizenzbox f\u00fcr Patenteinnahmen als haltbare Option erweist. Aus dieser Sicht sind auch andere in der Vernehmlassung vorgeschlagene, generelle Steuererleichterungen skeptisch zu hinterfragen.<a id=\"footenote_6_link\" class=\"footnoteAnchor\" name=\"footenote_6_link\"><\/a><a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a>\u00a0F\u00fcr einzelne Kantone wird die optimale Reaktion allerdings trotzdem in einer allgemeinen Steuererleichterung liegen. Dies ist insbesondere der Fall f\u00fcr die Kantone Genf und Waadt, in denen ein \u00fcberdurchschnittlich hoher Anteil von Statusgesellschaften nicht von einer Lizenzbox betroffen w\u00e4re. F\u00fcr die meisten \u00fcbrigen Kantone zeigen die vorliegenden Studien keinen offensichtlichen Handlungsbedarf: Steuerausf\u00e4lle durch den Wegfall der Statusprivilegien k\u00f6nnten durch Steuersenkungen eher noch vergr\u00f6ssert werden.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Vgl. BSS (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Genf, Waadt, Zug, Basel-Stadt, Neuenburg, Schwyz und Schaffhausen.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Dies l\u00e4sst sich abst\u00fctzen auf internationale Studien zu den Ursachen grenz\u00fcberschreitender Gewinnverschiebungen multinationaler Unternehmen (z. B. Huizinga und Laeven, 2008).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Leider werden Simulationsresultate mit intra- und internationaler Mobilit\u00e4t der Statusgesellschaften und kantonal differenzierten Steuersatzanpassungen in der Studie nicht aufgef\u00fchrt.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Vgl. ESTV (2014).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Z. B. die Zinsbereinigung des steuerbaren Gewinns, die Abschaffung der Emissionsabgabe, unbefristete Verlustvortr\u00e4ge und die direkte Steuerbefreiung aller Beteiligungsertr\u00e4ge.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kantonale Privilegien f\u00fcr Statusgesellschaften sind die Antwort auf ein klassisches \u00f6konomisches Problem: Wie setzt man den optimalen Preis fest f\u00fcr Kunden, deren Zahlungsbereitschaft unterschiedlich ist? Kann man diese absch\u00e4tzen, wird man von Kunden mit einer hohen Zahlungsbereitschaft einen h\u00f6heren Preis verlangen als von Kunden mit einer niedrigen. 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