{"id":117522,"date":"2014-10-09T12:00:00","date_gmt":"2014-10-09T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2014\/10\/kronthaler-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:16:47","modified_gmt":"2023-08-23T21:16:47","slug":"kronthaler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2014\/10\/kronthaler\/","title":{"rendered":"Gute Marktchancen und Potenziale f\u00fcr den Gesundheitstourismus in der Schweiz"},"content":{"rendered":"<p>Der <i>erste wesentliche Markttreiber f\u00fcr den Megatrend Gesundheitstourismus<\/i> ist das steigende Gesundheitsbewusstsein in der Gesellschaft. Dieses f\u00fchrt mehr und mehr dazu, dass pers\u00f6nliches Aussehen und k\u00f6rperliche Leistungsf\u00e4higkeit immer wichtiger werden. Auch psychosomatische Erkrankungen wie Burn-out oder Stress werden heute immer bewusster wahrgenommen. Das Thema Eigenvorsorge zum Erhalt der physischen und psychischen Leistungsf\u00e4higkeit f\u00fcr Beruf und Familie gewinnt zunehmend an Bedeutung.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAls <i>zweiter beg\u00fcnstigender Faktor<\/i> wirkt der demografische Wandel: Ab dem Jahr 2017 wird es in der Schweiz erstmals mehr Rentnerinnen und Rentner als Kinder und Jugendliche geben. Damit wird auch die Anzahl alterstypischer Erkrankungen wie Apoplex (Schlaganfall), Demenz (z. B. Alzheimer), Herzinfarkte und Oberschenkelhalsfrakturen zunehmen. Dies wird zu einem steigenden Bedarf an gesundheitsorientierten, speziell auf diese Zielgruppe ausgerichteten Angeboten unter dem Stichwort <i>Better Aging<\/i> f\u00fchren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer <i>dritte Markttreiber,<\/i> der sich gegenw\u00e4rtig positiv auf die Entwicklung des Gesundheitstourismus auswirkt, ist die \u00d6ffnung der Marktstrukturen. Laut Bericht des <i>Bundesamtes f\u00fcr Gesundheit (2013)<\/i> sind die Kosten in der obligatorischen Krankenversicherung in der Schweiz zwischen 1996 und 2011 von 13,4 auf 26,2 Mrd. Franken gestiegen. Daraus resultierende Einsparungen im Leistungsbereich der Kranken- und Unfallversicherungen werden dazu f\u00fchren, dass sich Kurorte und Heilb\u00e4der k\u00fcnftig neu ausrichten m\u00fcssen. Parallel dazu hat sich der bisherige Markt des traditionellen Kurtourismus f\u00fcr neue Anbieter ge\u00f6ffnet, beispielsweise in Form von selbstzahlerorientierten Angeboten oder betrieblichem Gesundheitsmanagement.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn der Zusammenarbeit von Medizin, Medizintechnologie und Kommunikationstechnologie ist schliesslich der <i>vierte Markttreiber des Gesundheitstourismus<\/i> zu sehen. Hier k\u00f6nnen sich insbesondere durch den Einsatz einfacher, endkundentauglicher Medizintechnik und der Verwendung von Kommunikationstechnologie neue Trainings- und Beratungsangebote im Bereich Stressmanagement, Ern\u00e4hrung und Sport entwickeln.&#13;<\/p>\n<h2>Sechs verschiedene Angebotssparten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWas genau ist unter Gesundheitstourismus zu verstehen? Unter Gesundheitstourismus wird jene Reiseform verstanden, \u00abin der der Reisende aus eigener Entscheidung f\u00fcr einen oder mehrere Tage seine gewohnte Umgebung verl\u00e4sst, um einen wesentlichen Teil der Zeit damit zu verbringen, in nicht-klinischer Umgebung seinen K\u00f6rper zu pflegen. [\u2026] Die Komponenten Erlebnis, Freizeitqualit\u00e4t, Geniessen sowie das Teilhaben an \u2039trendigen\u203a Aktivit\u00e4ten geh\u00f6ren ebenso dazu wie die Abgrenzung zum Leidensdruck des Kranken.\u00bb<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Innerhalb des Gesundheitstourismus existieren insgesamt sechs verschiedene Angebotssparten, die sich in zwei zentrale Gruppen unterteilen lassen: die <i>indikationsunabh\u00e4ngigen<\/i> und die <i>indikationsbezogenen<\/i> Angebote (siehe <i>Tabelle 1).<\/i> Indikationsunabh\u00e4ngige Angebote werden ohne medizinische Diagnose durchgef\u00fchrt und dienen entweder der Vorbeugung von Krankheiten (Prim\u00e4rpr\u00e4vention), der Steigerung der Leistungsf\u00e4higkeit oder der Erh\u00f6hung der Attraktivit\u00e4t. Demgegen\u00fcber basieren indikationsorientierte Angebote auf einer \u00e4rztlichen Diagnose und sollen die Verschlimmerung bzw. das Wiederauftreten einer Erkrankung verhindern (Sekund\u00e4r-\/Terti\u00e4rpr\u00e4vention), durch Rehabilitation die k\u00f6rperliche Gesundheit wiederherstellen oder Heilung bzw. Linderung einer bestehenden Erkrankung herbeif\u00fchren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/09\/kronthaler_heublein_tab1_de1.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-3572 size-large\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/09\/kronthaler_heublein_tab1_de1-1024x523.png\" alt=\"kronthaler_heublein_tab1_de[1]\" width=\"1024\" height=\"523\" \/><\/a>&#13;<\/p>\n<h2>Je nach Angebotssparte sind die Zielgruppen unterschiedlich<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEntsprechend der Differenzierung unterschiedlicher Angebotssparten sind auf Nachfrageseite gesundheitstouristischer Produkte und Dienstleistungen unterschiedliche Zielgruppen zu finden. In der wissenschaftlichen Theorie existiert eine Vielzahl m\u00f6glicher Segmentierungs- bzw. Unterscheidungsformen. In der Praxis ist eine trennscharfe Abgrenzung jedoch nur selten m\u00f6glich. Ungeachtet dessen ist es wichtig, die unterschiedlichen Bed\u00fcrfnisse der jeweiligen Zielgruppe zu kennen, um erfolgreiche gesundheitstouristische Produkte und Dienstleitungen lancieren zu k\u00f6nnen. Eine erste grunds\u00e4tzliche Differenzierung der Nachfrageseite ist aufgrund des allgemeinen Gesundheitszustandes einer Person m\u00f6glich. Daraus ergeben sich unterschiedliche Anforderungen an das jeweilige Produkt oder die jeweilige Dienstleistung im Gesundheitstourismus: Sich gesund F\u00fchlende interessieren sich vorrangig f\u00fcr Angebote zum Thema Wohlbefinden (Wellness), \u00c4sthetik (Kosmetik etc.), gesunde Lebensweise (Ern\u00e4hrung, Bewegung, Entspannung) und Gesundheitsvorsorge (Check-up). Demgegen\u00fcber haben chronisch Kranke und Hochbetagte einen Bedarf im Hinblick auf Barrierefreiheit (Bewegung, sehen, h\u00f6ren), k\u00f6rperliche Sicherheit (Notruf, betreutes Wohnen etc.) sowie erkrankungsspezifische Diagnostik und Therapie.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDar\u00fcber hinaus lassen sich vier unterschiedliche Anspruchsniveaus auf der Nachfrageseite gesundheitstouristischer Angebote unterscheiden: anspruchsvolle, selbstst\u00e4ndige, betreuungsintensive und erholungssuchende Gesundheitsg\u00e4ste. <i>Anspruchsvolle Gesundheitsg\u00e4ste<\/i> nehmen gesundheitstouristische Leistungen im Zusammenhang mit der Gesundheitsf\u00f6rderung, Sch\u00f6nheitspflege und dem Stressmanagement in Anspruch. Sie legen grossen Wert auf Betreuung und Information, Fachkompetenz, Ern\u00e4hrung sowie ein umfassendes Wellness-Infrastruktur-Angebot. Bei den <i>selbstst\u00e4ndigen Infrastrukturnutzern<\/i> stehen Wellnesseinrichtungen, Sauna, Dampfbad und Whirlpool im Vordergrund, wobei auch dieses G\u00e4stesegment grossen Wert auf Betreuung, Information und Fachkompetenz legt. Im Segment der <i>betreuungsintensiven Gesundheitsg\u00e4ste<\/i> stehen die Aspekte Heilung, Therapie und Rehabilitation im Vordergrund. Diese Gruppe hat hohe Anspr\u00fcche im Hinblick auf Fachkompetenz, individuelle Beratung und Betreuung. Bei den <i>anspruchslosen Erholungsg\u00e4sten<\/i> liegt der Hauptzweck des Aufenthaltes in der Erholung und Entspannung. Natur und Wetter spielen dabei eine grosse Rolle, wobei dieses G\u00e4stesegment im Hinblick auf die Wellnesselemente und die Rahmenbedingungen \u00fcber das geringste Anspruchsniveau verf\u00fcgt. Auf Nachfrageseite sollte daher sowohl das Motiv als auch das Anspruchsniveau im Zusammenhang mit der Entwicklung gesundheitstouristischer Produkte und Dienstleistungen ber\u00fccksichtigt werden. Aber auch die Art der jeweiligen Destination spielt eine entscheidende Rolle f\u00fcr eine erfolgreiche Positionierung im Gesundheitstourismus.&#13;<\/p>\n<h2>Arten von Destinationen und deren Perspektiven<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweiz verf\u00fcgt \u00fcber eine historisch gewachsene Kurtradition, welche bis in das 15. Jahrhundert zur\u00fcckreicht. Zun\u00e4chst wurden haupts\u00e4chlich Trinkkuren durchgef\u00fchrt; anschliessend kam es mit Entwicklung des Tourismus in den 1860er- und 1870er-Jahren zu einem Badeboom, im Zuge dessen zahlreiche Kuranstalten entstanden. Heute lassen sich gesundheitstouristische Destinationen in Abh\u00e4ngigkeit des jeweiligen Angebotes in Kurorte und Heilb\u00e4der, Fl\u00e4chendestinationen, St\u00e4dtedestinationen sowie Gesundheitsregionen unterscheiden:&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li><i>Kurorte und Heilb\u00e4der<\/i> verf\u00fcgen traditionell \u00fcber eine breite und qualitativ hochwertige gesundheitstouristische Anbieterlandschaft, sehen sich aufgrund r\u00fcckl\u00e4ufiger Tendenzen im klassischen Kurtourismus jedoch immer mehr mit einem starken Professionalisierungsdruck konfrontiert. In vielen Kurorten und Heilb\u00e4dern sind daher gegenw\u00e4rtig Impulse in Richtung einer Spezialisierung auf bestimmte Indikatoren, Zielgruppen oder Unternehmen mit einer entsprechenden Netzwerkbildung festzustellen. Als prominentes und heute erfolgreiches Beispiel kann Bad Ragaz genannt werden.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Bei <i>Fl\u00e4chendestinationen<\/i> handelt es sich dagegen vor allem um touristisch gepr\u00e4gte Regionen und Reisegebiete, die aufgrund einer zunehmenden Grenzverwischung zwischen dem Erholungs- und dem Gesundheitstourismus Marktchancen in sich bergen. Der Angebotsschwerpunkt liegt bei den Fl\u00e4chendestinationen in nicht-indikationsorientierten Formen des Erholungstourismus mit gesundheitlichem Mehrwert. Die Ferienregion Tessin bietet beispielsweise unter dem Titel <i>Ticino Health<\/i> umfassende gesundheitstouristische Angebote aus einer Hand in Form einer kompetenten Beratung f\u00fcr die Planung von Gesundheitsreisen, personalisierten Angeboten mit vorl\u00e4ufigen Behandlungspl\u00e4nen sowie umfangreichen Zusatzleistungen und pers\u00f6nlicher Betreuung vor Ort.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Demgegen\u00fcber zeichnen sich <i>St\u00e4dtedestinationen<\/i> durch hochqualifizierte medizinische Angebote der ortsans\u00e4ssigen Kliniken und Grosspraxen aus. Das gesundheitstouristische Potenzial der St\u00e4dtedestinationen liegt in der Verbindung der touristischen St\u00e4rken (Kultur, Einkaufsangebot, Sehensw\u00fcrdigkeiten etc.) mit der hohen medizinischen Kompetenz vor Ort. Deshalb konzentriert sich der Gesundheitstourismus in St\u00e4dtedestinationen auf den Patiententourismus ausl\u00e4ndischer und inl\u00e4ndischer G\u00e4ste. In der Schweiz bietet beispielsweise die Stadt Luzern mit der <i>Lucerne Health<\/i> Association massgeschneiderte medizinische, kulturelle und touristische Programme f\u00fcr internationale Patienten und ihre Angeh\u00f6rigen an.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li><i>Gesundheitsregionen<\/i> schliesslich bilden sich prim\u00e4r auf der Basis von Medizin, Wissenschaft und Gesundheitswirtschaft und entstehen weniger aus gesundheitstouristischer Motivation heraus. Sie zielen vorrangig auf das gesundheitlich-medizinische Innovationsmanagement sowie eine Verbesserung der gesundheitlichen Lebensqualit\u00e4t und der regionalen Versorgung ab. Als erfolgreiches Beispiel f\u00fcr die Entwicklung und Umsetzung einer gesundheitstouristischen Strategie in einer Gesundheitsregion kann das Projekt <i>Nationalparkregion \u2013 Gesundheitsregion<\/i> genannt werden. Im Jahr 2011 als regionales Entwicklungsprojekt lanciert, wurden mittlerweile bereits verschiedene Teilprojekte im Engadin erfolgreich umgesetzt, wie gluten- und laktosefreie Erholung sowie spezielle Wanderangebote und Wellnesspauschalen zum Thema Gesundheit. F\u00fcr jede Art von gesundheitstouristischer Destination ergeben sich somit Perspektiven f\u00fcr eine erfolgreiche Partizipation am Megatrend Gesundheitstourismus \u2013 sofern die Strategie stimmt.<\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>\n<p>&#13;<\/p>\n<h2>Erfolgreiche Strategieentwicklung im Gesundheitstourismus<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZwar birgt der Gesundheitstourismus derzeit vielf\u00e4ltige Entwicklungspotenziale in sich. F\u00fcr eine nachhaltige Positionierung im gesundheitstouristischen Markt sind jedoch verschiedene Erfolgsfaktoren von Relevanz: So ist es zwingend erforderlich, die jeweilige gesundheitstouristische Strategie unter Einbezug der beteiligten Akteure zu entwickeln, die spezifischen Kernkompetenzen der jeweiligen Destination zu ber\u00fccksichtigen und eine eindeutige Zielgruppendefinition vorzunehmen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn weiterer Pr\u00e4zisierung ergeben sich vier Aspekte, die bei der Entwicklung einer gesundheitstouristischen Strategie ber\u00fccksichtigt werden sollten: erstens die Profilbildung und Spezialisierung, zweitens die klare Ausrichtung auf den Kundennutzen, drittens die Initiierung und F\u00f6rderung von Anbieternetzwerken zur Schaffung und Nutzung von Synergien sowie viertens ein systematisches Innovationsmanagement der Akteure, d h. die permanente Einf\u00fchrung von Neuerungen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDar\u00fcber hinaus ist es wichtig, bei der Umsetzung der Strategie auf eine konsequente Qualit\u00e4tsorientierung unter Einhaltung der anerkannten touristischen und medizinisch-therapeutischen Standards sowie eine Bedienung der auf die jeweilige Kundengruppe zugeschnittenen Vertriebskan\u00e4le zu achten. Dies tr\u00e4gt wesentlich zum langfristigen Erfolg einer gesundheitstouristischen Strategie bei und hilft, das Potenzial des Megatrends Gesundheitstourismus in der jeweiligen Destination nachhaltig nutzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Berg (2008).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der erste wesentliche Markttreiber f\u00fcr den Megatrend Gesundheitstourismus ist das steigende Gesundheitsbewusstsein in der Gesellschaft. Dieses f\u00fchrt mehr und mehr dazu, dass pers\u00f6nliches Aussehen und k\u00f6rperliche Leistungsf\u00e4higkeit immer wichtiger werden. Auch psychosomatische Erkrankungen wie Burn-out oder Stress werden heute immer bewusster wahrgenommen. 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