{"id":117909,"date":"2014-05-10T12:45:13","date_gmt":"2014-05-10T12:45:13","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2014\/05\/lovato-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:18:32","modified_gmt":"2023-08-23T21:18:32","slug":"lovato","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2014\/05\/lovato\/","title":{"rendered":"Offene Daten: Wertvoller Rohstoff der \u00f6ffentlichen Verwaltung"},"content":{"rendered":"<p>In der Schweiz werden j\u00e4hrlich die neuen Krankenkassenpr\u00e4mien f\u00fcr die einzelnen Kantone ver\u00f6ffentlicht. Die Kostenunterschiede sind gross und beeinflussen das Budget jeder Familie. Die Daten der Krankenkassenpr\u00e4mien sind auf dem Pilotportal <i>opendata.admin.ch<\/i> frei verf\u00fcgbar. Daraus hat eine Gruppe von Entwicklern eine Anwendung in Form einer Karte programmiert, die es der breiten \u00d6ffentlichkeit erlaubt, die Preisunterschiede auf einen Blick zu erfassen. Man stelle sich vor, dass nicht nur die Krankenkassenpr\u00e4mien, sondern auch die Mietpreise, die Kriminalit\u00e4tsrate, die \u00d6V-Anbindung oder die Umweltbelastung kombiniert und f\u00fcr jede Gemeinde abrufbar w\u00e4ren. Diese Vision ist in England bereits Realit\u00e4t. Die Anwendung <i>illustreets.co.uk<\/i> kombiniert frei verf\u00fcgbare Datens\u00e4tze von verschiedenen Beh\u00f6rden zu einem Atlas, welchen die englische Bev\u00f6lkerung bei einem Umzug online konsultieren und durch den sie eine attraktive Wohngegend finden kann. Mit der Entwicklung von Anwendungen aus der Kombination von Datens\u00e4tzen k\u00f6nnen Anbieter von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) Geld verdienen. Der Staat profitiert von diesem Umsatz \u00fcber die Steuereinnahmen und kann Geb\u00fchrenausf\u00e4lle kompensieren, die er zugunsten der freien Verf\u00fcgbarkeit der Beh\u00f6rdendaten in Kauf genommen hat. Die Bereitstellung von <i>Open Government Data (OGD)<\/i> wird so trotz Geb\u00fchrenbefreiung zu einem rentablen Modell.&#13;<\/p>\n<h2>Volkswirtschaftlicher Mehrwert offener Beh\u00f6rdendaten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nInformationsdienstleistungen gewinnen allgemein an Bedeutung und Marktpotenzial. Begr\u00fcndete Entscheidungen basierend auf den richtigen Informationen zu treffen, ist ein Grundsatz f\u00fcr die Etablierung einer Informationsgesellschaft. IKT-Produkte und -Dienstleistungen machen Informationen vor allem im Internet schneller auffindbar. Nicht unter den Begriff \u00aboffene Beh\u00f6rdendaten\u00bb fallen jene Angebote, die speziell auf Kundenwunsch entwickelt werden. So werden diese aufwendig programmierten, kundenspezifischen Produkte wohl auch in Zukunft gegen Geb\u00fchren verkauft.&#13;<\/p>\n<h2>Erste wissenschaftliche Untersuchungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVerschiedene internationale Studien haben bereits den wirtschaftlichen Nutzen von OGD untersucht. Die Schwerpunkte dieser Studien sind sehr unterschiedlich: So gibt es Studien, die sich auf den Bereich der Geodaten beschr\u00e4nken, und andere, die den gesamten Themenbereich der <i>Public Sector Information<\/i> untersuchen. Die unterschiedliche Ausrichtung der Studien erschwert Vergleiche zwischen den einzelnen Publikationen.Untersuchungen zum wirtschaftlichen Nutzen von OGD in der Europ\u00e4ischen Union sch\u00e4tzen das volkswirtschaftliche Potenzial von OGD auf zwischen 10 und 48\u00a0Mrd. Euro. In der Schweiz stellte eine erste Studie fest, dass \u00abtrotz aller Unsicherheiten in Methodik und Datenlage (\u2026) sich der j\u00e4hrliche Wertsch\u00f6pfungsanteil aus OGD in der Schweiz etwa zwischen 0,9 und 1,2\u00a0Mrd. Franken bewegen d\u00fcrfte\u00bb.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Somit sind die wirtschaftlichen Auswirkungen von OGD aufgrund der starken Vernetzung unterschiedlichster Bereiche noch schwer abzusch\u00e4tzen. Es ist auch davon auszugehen, dass die Wirtschaft das Vorgehen bei der Nutzung von digitalen Informationen noch optimieren wird. Das Potenzial bei der Datennutzung ist noch nicht ausgesch\u00f6pft. Entsprechende Kompetenzen und Infrastrukturen werden kontinuierlich aufgebaut. Es ist damit zu rechnen, dass es nach der Ver\u00f6ffentlichung der Daten mehrere Jahre dauern wird, bis die Wirtschaft darauf aufbauend gewinntr\u00e4chtige Produkte entwickelt haben wird.&#13;<\/p>\n<h2>Transparenz und Nachvollziehbarkeit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nNeben dem wirtschaftlichen Mehrwert erm\u00f6glicht OGD, den steigenden Anspr\u00fcchen der \u00d6ffentlichkeit nach mehr Transparenz und Nachvollziehbarkeit in Verwaltung, Politik sowie Wirtschaft gerecht zu werden. Gerade in der Schweiz, wo die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger dank der direkten Demokratie viele Gesch\u00e4fte (mit)entscheiden k\u00f6nnen, bieten gut aufbereitete Daten eine Hilfe f\u00fcr die Meinungsbildung. So wird die teure Sanierung einer Quartierstrasse m\u00f6glicherweise einfacher nachvollziehbar, wenn die Stimmenden auf der gerade neu erschienenen <i>Unfallkarte der Schweiz<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a><\/i>\u00a0sehen, dass es genau an dieser Strasse zu besonders vielen Unf\u00e4llen kommt.Um das Vertrauen von Bev\u00f6lkerung, Wirtschaft und Politik zu gewinnen, soll gerade die \u00f6ffentliche Verwaltung nachfrage- und nutzerorientiert handeln. Daf\u00fcr ist eine m\u00f6glichst breite Partizipation die Voraussetzung. Das OGD-Konzept befolgt genau diese Maximen, indem es \u00f6ffentliche Informationsquellen kostenlos und frei zur Verf\u00fcgung stellt. Wirtschaft, Forschung, Politik und Zivilgesellschaft sollen von den maschinenlesbar zug\u00e4nglichen Daten profitieren und deren Potenzial f\u00fcr die Informationsbeschaffung nutzen k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h2>Strategische Vorarbeiten und Pilotportal<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweizer Politik hat sich 2011 der Thematik OGD aus der Perspektive der Chancen und Risiken angen\u00e4hert. Ein politischer Vorstoss forderte damals die Abkl\u00e4rung des zu erwartenden Nutzens sowie des erforderlichen Investitionsumfangs einer st\u00e4rkeren F\u00f6rderung von OGD. Der Bundesrat ver\u00f6ffentlichte daraufhin im September 2013 den Bericht \u00abOpen Government Data als strategischer Schwerpunkt im E-Government\u00bb, der unter anderem strategische, rechtliche und technische Grundlagen von OGD untersuchte. Zudem erteilte der Bundesrat dem Informatiksteuerungsorgan des Bundes (ISB) den Auftrag, eine OGD-Strategie Schweiz 2014\u20132018 auszuarbeiten. Diese wurde am 16. April 2014 verabschiedet. Die Strategie definiert Zielsetzungen und Massnahmen zur Umsetzung von OGD bis 2018. Obwohl die Strategie nur f\u00fcr die Bundesverwaltung bindend ist, soll sie mit wenig Anpassungsaufwand auch Kantonen und Gemeinden als Grundlage f\u00fcr die Umsetzung dienen k\u00f6nnen. Die Erarbeitung der Strategie ist aus diesem Grund in Zusammenarbeit mit Vertreterinnen und Vertretern aller f\u00f6deralen Ebenen erfolgt. Auch Exponenten aus Wirtschaft, Wissenschaft und der Open-Data-Community sind mit einbezogen worden. Neben den strategischen Vorarbeiten erarbeitete eine Gruppe von Bundes\u00e4mtern unter der Leitung des Bundesarchivs ein Open-Data-Pilotportal. Auf <i>opendata.admin.ch<\/i> stellen Beh\u00f6rden wie Swisstopo, das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) oder der Kanton Z\u00fcrich Teile ihrer bereits zug\u00e4nglichen Daten neu zentral in einem Portal zur Verf\u00fcgung. Ziel des Pilots war es, die Machbarkeit eines solchen Zugangs zu Schweizer Beh\u00f6rdendaten aufzuzeigen. Auf dem Pilotportal stehen heute 1800 Datens\u00e4tze aus unterschiedlichsten Themengebieten und von acht verschiedenen Beh\u00f6rden, darunter ein Kanton, zur Verf\u00fcgung. Auch finden sich auf dem Portal bereits zehn <i>Anwendungen<\/i>, die alle zumindest teilweise aus Daten, die auf <i>opendata.admin.ch<\/i> zu finden sind, entwickelt wurden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Erfahrungen mit dem Pilotbetrieb werden beim Aufbau eines nationalen OGD-Portals ber\u00fccksichtigt, das im Rahmen der OGD-Strategie vorgesehen ist.&#13;<\/p>\n<h2>Was sind die Voraussetzungen f\u00fcr Open Government Data?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Bereitstellung der Beh\u00f6rdendaten als OGD gehen Massnahmen und Abkl\u00e4rungen im Bereich Recht, Standardisierung und Finanzierung voraus. Soll sich OGD als Konzept etablieren, ist eine Neuorientierung der Verwaltung n\u00f6tig. Die systematische Freigabe und Bereitstellung von Beh\u00f6rdendaten muss zun\u00e4chst schrittweise in den Publikationsprozess einer Beh\u00f6rde integriert werden. Bevor eine Beh\u00f6rde OGD umsetzt, muss sie sich dar\u00fcber klar werden, dass nicht alle Daten, die sie produziert, offen und frei zur Verf\u00fcgung gestellt werden k\u00f6nnen. Und nicht alle Daten weisen ein gleich grosses Potenzial auf. Die Inventarisierungsarbeiten, welche die Datenbest\u00e4nde einer Verwaltungsstelle hinsichtlich Freigabem\u00f6glichkeit kategorisieren sollen, sind f\u00fcr den OGD-Freigabeprozess zentral. Den \u00d6ffnungsprozess pragmatisch und nachhaltig zu gestalten sowie den n\u00f6tigen Kulturwandel anzustossen, ist die wichtigste Voraussetzung f\u00fcr eine erfolgreiche Etablierung von OGD.&#13;<\/p>\n<h2>Eine zivilgesellschaftliche Bewegung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZu guter Letzt sind die offene Zug\u00e4nglichkeit und die freie Nutzung von Daten auch ein internationales gesellschaftspolitisches Anliegen. In der Schweiz vertritt der Verein <i>Opendata.ch<\/i>, der Schweizer Teil der <i>Open Knowledge Foundation<\/i>, die Forderung nach mehr offenen Beh\u00f6rdendaten. Der Verein f\u00fchrt erfolgreich Konferenzen und Veranstaltungen durch, an denen sich Softwareentwickler, Designer, Medienschaffende und weitere Interessierte treffen, um gemeinsam Anwendungen zu programmieren. Bisher haben \u00fcber 600 Personen an solchen Veranstaltungen teilgenommen und dabei \u00fcber 70 Anwendungen und Prototypen entwickelt.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a><\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Adelheid B\u00fcrgi-Schmelz (2013): Wirtschaftliche Auswirkungen von Open Government Data, S. 100.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe www.unfallkarte.ch.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Siehe make.opendata.ch.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Schweiz werden j\u00e4hrlich die neuen Krankenkassenpr\u00e4mien f\u00fcr die einzelnen Kantone ver\u00f6ffentlicht. 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Im Projekt \u00abOpen Government Data Schweiz\u00bb leitet das Informatiksteuerungsorgan des Bundes (ISB) zurzeit die Erarbeitung der Grundlagen f\u00fcr die F\u00f6rderung von offenen Beh\u00f6rdendaten in der Schweiz.","post_hero_image_description":"Der Vergleich der Krankenkassenpr\u00e4mien ist eine der Anwendungen auf dem schweizerischen Open-Data-Pilotportal.","post_hero_image_description_copyright_de":"Screenshot healthinsurance.opendata.ch","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":[{"kasten_title":"Was unterscheidet Open Data und Big Data?","kasten_box":"Die Begriffe \u00abOpen Data\u00bb und \u00abBig Data\u00bb werden h\u00e4ufig in enge Beziehung zueinander gesetzt. Sie sind aber klar voneinander abzugrenzen. 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