{"id":117973,"date":"2014-05-01T12:00:00","date_gmt":"2014-05-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2014\/05\/arni_wunsch-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:18:46","modified_gmt":"2023-08-23T21:18:46","slug":"arni_wunsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2014\/05\/arni_wunsch\/","title":{"rendered":"Wie Erwartungshaltungen und Einstellungen den Erfolg der Stellensuche beeinflussen"},"content":{"rendered":"<p>Welche Aspekte des Verhaltens, der Erwartungen und Einstellungen der Stellensuchenden beeinflussen den Sucherfolg? Die Beantwortung dieser Frage steht im Zentrum der hier vorgestellten Studie. Sie untersucht die Rolle dieser Aspekte f\u00fcr den Sucherfolg allgemein und speziell deren Zusammenspiel mit arbeitsmarktpolitischen Instrumenten. Erstmals konnten zu diesem Thema systematisch Daten aus den Kantonen Aargau und Z\u00fcrich (siehe <i>Kasten\u00a01<\/i> und <i>Kasten 2)<\/i> ausgewertet werden, welche die n\u00f6tigen Informationen aus Befragungen mit dem Informationssystem f\u00fcr die Arbeitsvermittlung und die Arbeitsmarktstatistik (Avam) verkn\u00fcpfen.&#13;<\/p>\n<h2>Welches Verhalten beg\u00fcnstigt eine erfolgreiche Stellensuche?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Untersuchungen im Kanton Aargau erlauben einen genauen Blick auf potenzielle Determinanten des Sucherfolgs von (\u00e4lteren) Stellensuchenden. Danach sind neben der Bewerbungszahl vor allem die <i>Lohnerwartungen<\/i> und der <i>Reservationslohn<\/i> entscheidend. Letzterer stellt jenen Lohn dar, der f\u00fcr den Stellensuchenden gerade noch akzeptabel ist. Der Reservationslohn dokumentiert also, wie konzessionsbereit und realistisch eine Person hinsichtlich erzielbarer L\u00f6hne in einer k\u00fcnftigen Stelle ist. Es zeigt sich, dass pessimistischere Erwartungen in Bezug auf den erzielbaren Lohn positiv mit der Abgangsrate in Besch\u00e4ftigung zusammenh\u00e4ngen, w\u00e4hrend ein h\u00f6herer Reservationslohn diese reduziert. Eine hohe Konzessionsbereitschaft und Motivation zur Stellensuche sind ebenfalls entscheidend f\u00fcr den Sucherfolg. Positiv wirken sich auf die Besch\u00e4ftigungsrate auch ein hohes Selbstvertrauen und eine hohe Zufriedenheit mit der Stellensuche sowie die Bewerbungsqualit\u00e4t aus. Bez\u00fcglich der Nutzung verschiedener Suchkan\u00e4le gibt es Anzeichen daf\u00fcr, dass eine zielgerichtete Suche \u00fcber einzelne, besonders erfolgversprechende Kan\u00e4le eher zum Erfolg f\u00fchrt als eine breite Suche. Interessant sind in diesem Zusammenhang die deutlichen Unterschiede zwischen verschiedenen Typen von Stellensuchenden. Jene, die bereits am Anfang der Arbeitslosigkeit pessimistisch sind, zeigen verst\u00e4rkt Lerneffekte in Bezug auf realistischere Erwartungen, Bewerbungsqualit\u00e4t, Konzessionsbereitschaft und Motivation. Dies schl\u00e4gt sich positiv in der Abgangsrate in Besch\u00e4ftigung nieder. Zus\u00e4tzlich zeigt sich, dass Frauen konzessionsbereiter sind als M\u00e4nner. Die geringere Konzessionsbereitschaft von M\u00e4nnern und Optimisten ist ein Thema, das beispielsweise in die Gestaltung von gezielteren Beratungsstrategien oder Massnahmeinhalten einfliessen k\u00f6nnte. Dasselbe gilt f\u00fcr die Thematisierung realistischer Lohnerwartungen und passgenauerer Stellensuchstrategien. Besonders das Verhalten erstmals arbeitsloser Stellensuchender ist durch starke Schwankungen in den erwarteten L\u00f6hnen, der Konzessionsbereitschaft und der Motivation gekennzeichnet. Bei ihnen k\u00f6nnten gezielte Interventionen die Unsicherheit im Umgang mit der Arbeitslosigkeitssituation reduzieren.&#13;<\/p>\n<h2>Wie kann Coaching den Sucherfolg unterst\u00fctzen?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDerartige gezielte Beratungs- und Unterst\u00fctzungsmassnahmen wurden 2008\/09 im Kanton Aargau experimentell im Rahmen eines neuen Coachingprogramms f\u00fcr \u00e4ltere Stellensuchende getestet. Das Coaching versuchte, neben einer Verbesserung von Suchkompetenz, -effizienz und -strategie gezielt eine realistische Einsch\u00e4tzung der Stellensuchenden hinsichtlich realisierbarer L\u00f6hne und Jobcharakteristika zu erreichen. Es kann deshalb als Vorbild f\u00fcr eine fokussierte und effektive Massnahme dienen, die haupts\u00e4chlich die Einstellungen der Stellensuchenden ver\u00e4ndert. Tats\u00e4chlich erh\u00f6ht das Coaching die Abgangsrate der Teilnehmer in Besch\u00e4ftigung sowohl direkt nach dem Programm als auch l\u00e4ngerfristig deutlich. Untersucht wurden ebenfalls m\u00f6gliche Wirkungskan\u00e4le. Das Coaching scheint zu wirken \u00fcber eine Verbesserung des Bewerbungs-Know-hows, eine fr\u00fchzeitige Korrektur der Erwartungen hinsichtlich Jobchancen und L\u00f6hnen, eine Erh\u00f6hung der Konzessionsbereitschaft und der Motivation zur Stellensuche sowie l\u00e4ngerfristig durch eine Reduktion des Reservationslohns. Zus\u00e4tzlich sind positive Einfl\u00fcsse auf die Qualit\u00e4t der Stellensuche sichtbar: Die gecoachten Stellensuchenden bewarben sich gezielter auf erfolgversprechende, zu ihrem Profil passende Stellen.&#13;<\/p>\n<h2>Arbeitsmarktpolitische Instrumente mit messbarem Einfluss<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Projekt hat erstmals die Wechselwirkungen zwischen Erwartungen, Sucherfolg und ausgew\u00e4hlten arbeitsmarktpolitischen Instrumenten f\u00fcr den Kanton Z\u00fcrich untersucht (siehe <i>Kasten 2<\/i>). Dabei zeigt sich, dass Basisprogramme (mehrheitlich Standortbestimmungen), Zwischenverdienste und die Androhung bzw. die Verh\u00e4ngung einer Taggeldaussetzung ebenfalls die Erwartungen der Stellensuchenden beeinflussen. Wie sich dies schlussendlich auf die Abgangsrate in Besch\u00e4ftigung auswirkt, ist aber teilweise unklar. Es konnte jedoch erstmals nachgewiesen werden, dass sich die Wirkung der Instrumente auf die Abgangsrate in Besch\u00e4ftigung zwischen anf\u00e4nglich optimistischen und anf\u00e4nglich pessimistischen Stellensuchenden teilweise erheblich unterscheidet.&#13;<\/p>\n<h2>Negative Anfangseffekte bei Basisprogrammen vermeiden<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nBasisprogramme k\u00f6nnen je nach Zeitpunkt des Einsatzes und Personentyp erhebliche negative Anfangseffekte \u2013 sogenannte Lock-in-Effekte \u2013 aufweisen. Diese werden durch sp\u00e4tere positive Besch\u00e4ftigungseffekte nur teilweise kompensiert. Die negativen Effekte sind darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass Stellensuchende, die nicht an Programmen teilnehmen, zum Zeitpunkt des Programmeinsatzes relativ problemlos einen Job finden. Die Programmteilnahme h\u00e4lt die Suchenden in diesem Moment von einer sehr erfolgversprechenden Stellensuche ab, selbst wenn sich das Programm nach Beendigung positiv auswirkt.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Aufgrund unterschiedlicher Abgangsraten ohne Programm sollte der Einsatz von Basisprogrammen zielgruppenorientiert und zeitlich optimiert erfolgen. Sinnvoll erscheint insbesondere der Einsatz eines sehr kurzen, maximal einw\u00f6chigen Programms direkt zu Beginn der Stellensuche. Es sollte vor allem der Abkl\u00e4rung dienen, wie schnell voraussichtlich eine Stelle gefunden werden kann und ob weiterer Handlungsbedarf besteht: Braucht es zum Beispiel eine Anpassung der Erwartungen, eine Dossier\u00fcberarbeitung oder ein Bewerbungstraining? Bei Stellensuchenden ohne anf\u00e4nglich erkennbare Vermittlungshemmnisse mit hohen erwarteten Abgangsraten sollte ein intensiveres Programm erst zum Einsatz kommen, wenn die Suche nach einiger Zeit immer noch erfolglos geblieben ist. Bei Personen mit niedrigen erwarteten Abgangsraten kann dagegen direkt ein intensiveres Programm anschliessen, ohne dass substanzielle Lock-in-Effekte zu erwarten sind.&#13;<\/p>\n<h2>Positive Effekte bei Zwischenverdiensten<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZwischenverdienste weisen ebenfalls Lock-in-Effekte auf. Diese fallen jedoch geringer aus und beschr\u00e4nken sich ausschliesslich auf anf\u00e4nglich optimistische Stellensuchende. Allerdings wirken sich Zwischenverdienste auch deutlich positiver auf deren Abgangsrate in Besch\u00e4ftigung aus, und die positiven Wirkungen treten fr\u00fcher ein als bei den pessimistischen Stellensuchenden. Eine Fokussierung auf optimistische Stellensuchende scheint deshalb sinnvoll \u2013 insbesondere bei schlechteren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, bei denen Lock-in-Effekte \u00fcblicherweise geringer sind.&#13;<\/p>\n<h2>Sanktionsdrohungen wirken nur bei optimistischen Stellensuchenden<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Androhung bzw. die Verh\u00e4ngung einer Taggeldaussetzung (Sanktion) scheint auf pessimistische Stellensuchende eher eine entmutigende Wirkung zu haben. Das zeigt sich auch durch stark negative Effekte auf ihre Erwartungen und Zufriedenheit. Bei optimistischen Stellensuchenden scheint dagegen die gew\u00fcnschte Drohwirkung einzutreten, welche zu verst\u00e4rkten Abg\u00e4ngen in Besch\u00e4ftigung f\u00fchrt. Deshalb sollte darauf geachtet werden, pessimistische Stellensuchende mit Sanktionierungen nicht noch weiter zu entmutigen, sondern die Motivation zur Stellensuche mit anderen Wegen zu steigern.&#13;<\/p>\n<h2>Neue Instrumente sind notwendig<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Analysen haben gezeigt, dass die Erwartungen und Einstellungen der Stellensuchenden den Sucherfolg entscheidend beeinflussen und deshalb st\u00e4rker in den Fokus der Arbeitsmarktpolitik zu r\u00fccken sind. Die Untersuchung der Determinanten des Sucherfolgs geben Aufschluss dar\u00fcber, in welchen Bereichen Interventionen besonders lohnenswert sind. Die Entwicklung neuer, erfolgversprechenderer Instrumente, welche direkt an den wichtigsten Determinanten des Sucherfolgs ansetzen, ist entscheidend f\u00fcr eine erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik. \u00dcberh\u00f6hte Lohnerwartungen und Reservationsl\u00f6hne, geringe Konzessionsbereitschaft in anderen Dimensionen, niedrige Motivation zur Stellensuche sowie unfokussierte Suche \u00fcber eine Vielzahl verschiedener Kan\u00e4le haben sich als besonders nachteilig f\u00fcr den Sucherfolg herausgestellt. Sie bieten deshalb direkt Ansatzpunkte f\u00fcr m\u00f6gliche Interventionen, welche das Potenzial haben, die Abgangsraten in Besch\u00e4ftigung nachhaltig zu erh\u00f6hen. Beispielsweise sollten die Personalberatenden in den Beratungsgespr\u00e4chen st\u00e4rker darauf hinarbeiten, die relativ stark schwankende Motivation der Stellensuchenden auf einem hohen Niveau zu halten. Hinsichtlich der Nutzung verschiedener Suchkan\u00e4le scheint sinnvoll, am Beginn der Stellensuche eine kurze, aber sehr gezielte Orientierung durchzuf\u00fchren, wie dem eigenen Profil entsprechende Stellenangebote am besten gefunden werden k\u00f6nnen. Bei optimistischen Stellensuchenden und M\u00e4nnern ist verst\u00e4rkt auf eine Erh\u00f6hung der Konzessionsbereitschaft hinzuwirken. Erstmals arbeitslose Stellensuchende zeigen oft eine gewisse Unsicherheit im Umgang mit der ungewohnten Arbeitslosigkeitssituation. F\u00fcr sie scheint eine bessere Vorbereitung auf die Stellensuche und ihre Anforderungen sowie das Gewinnen einer realistischen Einsch\u00e4tzung ihrer Situation erfolgversprechend.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Die ebenfalls in diesem Heft auf S. 55 ff. vorgestellte Studie von Morlok et. al. findet keine Evidenz f\u00fcr Lock-in-Effekte. Allerdings betrachtet diese Studie einen anderen Zeitraum (2012\u20132013) und neben Z\u00fcrich auch die Kantone Bern, St.\u00a0Gallen, Waadt und Zug, wo die Massnahmen anders ausgestaltet und implementiert wurden. Zudem werden in der Studie dieselben Personen vor und nach der Massnahme betrachtet, w\u00e4hrend wir Teilnehmer und Nichtteilnehmer betrachten. Es ist m\u00f6glich, dass sich Personen w\u00e4hrend der Massnahme nicht weniger stark um einen Job bem\u00fchen als davor; ohne die Teilnahme an der Massnahme h\u00e4tten sie jedoch noch intensiver gesucht. Die Ergebnisse der Studien stehen daher nicht im Gegensatz zueinander.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Aspekte des Verhaltens, der Erwartungen und Einstellungen der Stellensuchenden beeinflussen den Sucherfolg? 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Sie verbinden Informationen aus wiederholten Befragungen von Stellensuchenden mit Angaben zu ihrer Person und zum Verlauf der Arbeitslosigkeit aus dem System der Arbeitsvermittlung und der Arbeitsmarktstatistik (Avam) sowie dem Auszahlungssystem der Arbeitslosenkassen (Asal).a Zudem wurde mittels eines experimentellen Designs ein Coachingprogramm f\u00fcr \u00e4ltere Stellensuchende systematisch in die Evaluation eingebunden. Die thematisch breiten Befragungen erlauben es, ein Bild der Entwicklung von Aspekten wie pers\u00f6nliches Stellensuchverhalten, Erwartungshaltungen, Reservationsl\u00f6hnen, Motivation, Selbsteinsch\u00e4tzungen und Konzessionsbereitschaft zu zeichnen."},{"kasten_title":"Teilbereich der Studie zum Kanton Z\u00fcrich","kasten_box":"Die Analysen basieren auf kombinierten Befragungs- und administrativen Daten f\u00fcr den Kanton Z\u00fcrich und die Jahre 2005\u20132008. Diese enthalten Informationen \u00fcber die erwarteten Chancen, eine Stelle zu finden,b welche mit den Avam\/Asal-Daten verkn\u00fcpft wurden. Die Befragten waren Teil des \u00fcblichen Betreuungsprozesses mit entsprechendem Einsatz der Instrumente des Arbeitslosenversicherungsgesetzes (Avig). Die Daten erm\u00f6glichen es, den Einsatz folgender Instrumente zu untersuchen: Basisprogramme (mehrheitlich Standortbestimmungen), Zwischenverdienste und die Androhung bzw. die Verh\u00e4ngung einer Taggeldaussetzung. 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