{"id":118006,"date":"2014-05-01T12:00:00","date_gmt":"2014-05-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2014\/05\/liechti_morlock-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:19:16","modified_gmt":"2023-08-23T21:19:16","slug":"liechti_morlock","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2014\/05\/liechti_morlock\/","title":{"rendered":"Was n\u00fctzen Kurse und Besch\u00e4ftigungsprogramme f\u00fcr Stellensuchende?"},"content":{"rendered":"<p>Um sicherzustellen, dass die Arbeitsmarktlichen Massnahmen (AMM) wirksam sind, m\u00fcssen der Bedarf und der Erfolg der einzelnen Massnahmen systematisch analysiert und kontrolliert werden. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse sind bei der Vorbereitung und der Durchf\u00fchrung zu ber\u00fccksichtigen.Um diese methodische Fallgrube zu umgehen, wurde im Rahmen der dritten Evaluationswelle zur aktiven Arbeitsmarktpolitik des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) eine neue Methodik verwendet. Statt einen Vergleich zwischen zwei Personen (Teilnehmer und Nichtteilnehmer) durchzuf\u00fchren, wurde die Situation vor und nach Start der AMM bei der gleichen Person verglichen. Dies bedingt Wirkungsindikatoren, die mehrmals gemessen werden k\u00f6nnen.&#13;<\/p>\n<h2>Drei Indikatoren zum Verhalten und Erfolg bei Bewerbungen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nF\u00fcr die Evaluation wurden drei Indikatoren ausgew\u00e4hlt, mit denen sich das Bewerbungsverhalten und der Bewerbungserfolg beobachten lassen (siehe <i>Grafik 1<\/i>):&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li>Die <i>Wahrscheinlichkeit, dass die Bewerbung in einem Vorstellungsgespr\u00e4ch m\u00fcndet<\/i>, zeigt die Qualit\u00e4t der Bewerbungen auf.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Die <i>Anzahl der Bewerbungen pro Monat<\/i> bildet die Quantit\u00e4t ab.<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Die <i>Anzahl der Vorstellungsgespr\u00e4che pro Monat<\/i> kombiniert beide Aspekte und fasst damit die Wirkung der AMM auf den Bewerbungserfolg zusammen.<\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>\n<p>&#13;<br \/>\nMit den drei Indikatoren wird der Bewerbungsprozess zwischen Jobverlust und dem Antritt einer neuen Stelle, welcher in der bisherigen Evaluationsliteratur kaum Beachtung fand, genauer untersucht. Die Indikatoren erlauben R\u00fcckschl\u00fcsse zu ziehen, inwieweit eine AMM-Teilnahme eine rasche Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt f\u00f6rdert. Sie erkl\u00e4ren zudem, wie die Wirkung zustande kommt: durch mehr Bewerbungen, bessere Bewerbungen oder beides. Die Studie betritt zudem Neuland, indem sie eine neue Datenquelle erschliesst: Im Rahmen der Evaluation wurde ein ausserordentlich umfangreicher Datensatz zum Bewerbungsverhalten von Stellensuchenden aus den f\u00fcnf beteiligten Kantonen aufbereitet, der insgesamt Daten zu 725&nbsp;000 Bewerbungen umfasst. Diese Informationen liegen auf Papier vor, und zwar in Form von meist handschriftlich ausgef\u00fcllten Formularen zu den monatlichen Bewerbungsbem\u00fchungen der Stellensuchenden. Diese Formulare wurden bisher nicht wissenschaftlich ausgewertet.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/05\/Liechti_Grafik1.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-4073\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/05\/Liechti_Grafik1.png\" alt=\"Liechti_Grafik1\" width=\"999\" height=\"750\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/05\/Liechti_Grafik1_2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-4074\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/05\/Liechti_Grafik1_2.png\" alt=\"Liechti_Grafik1_2\" width=\"1015\" height=\"372\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/05\/Liechti_Grafik1_3.png\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-4076\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/05\/Liechti_Grafik1_3.png\" alt=\"Liechti_Grafik1_3\" width=\"1023\" height=\"657\" \/><\/a>&#13;<\/p>\n<h2>Knapp zehn Prozent mehr Vorstellungsgespr\u00e4che<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Resultate der Studie zeigen, dass der Besuch einer AMM die Zahl der Bewerbungen leicht reduziert. Dieser Effekt wird jedoch kompensiert durch eine starke Erh\u00f6hung der Bewerbungschancen. Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung daf\u00fcr k\u00f6nnte sein, dass sich Stellensuchende nach einer AMM gezielter bewerben. Insgesamt resultiert eine Erh\u00f6hung der Anzahl Vorstellungsgespr\u00e4che pro Monat um 9,7&nbsp;%.Der weitaus gr\u00f6sste Effekt ist w\u00e4hrend der AMM zu beobachten, also dann, wenn die Begleitung am intensivsten ist. Auch nach deren Abschluss zeigt sich weiterhin ein positiver, wenn auch etwas geringerer Effekt. F\u00fcr die h\u00e4ufig in der Literatur diskutierten Droheffekte (Stellensuchende melden sich ab, weil sie die AMM nicht besuchen wollen) oder Lock-in-Effekte (ein R\u00fcckgang der Bewerbungsanstrengungen w\u00e4hrend des Kurses oder des Programms) wurden im Durchschnitt \u00fcber alle AMM-Besuche keine Anzeichen gefunden.&#13;<\/p>\n<h2>Besch\u00e4ftigungsprogramme mit gr\u00f6sster Wirkung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Palette an AMM, die in den Kantonen verwendet wird, ist sehr vielf\u00e4ltig. In den f\u00fcnf untersuchten Kantonen wurden im Beobachtungszeitraum (April 2012 bis M\u00e4rz 2013) insgesamt \u00fcber 1200 verschiedene AMM besucht. F\u00fcr die Studie wurden die AMM nach ihren inhaltlichen Schwerpunkten in sieben Gruppen eingeteilt (siehe <i>Grafik 2).<\/i> Als einziger AMM-Typ zeigen die <i>(Ausbildungs- und Berufs-)Praktika<\/i> eine negative Wirkung; mit \u201312&nbsp;% ist dieser negative Effekt allerdings sehr ausgepr\u00e4gt. Die negative Wirkung k\u00f6nnte damit zu erkl\u00e4ren sein, dass viele Stellensuchende ihr Praktikum abschliessen wollen oder die (teilweise berechtigte) Hoffnung hegen, dass das Praktikum zu einer Festanstellung f\u00fchren wird.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/05\/Liechti_Grafik2.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-4079\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/05\/Liechti_Grafik2.png\" alt=\"Liechti_Grafik2\" width=\"979\" height=\"961\" \/><\/a>&#13;<\/p>\n<h2>Merkmale einer erfolgreichen Massnahme<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn einem n\u00e4chsten Schritt wurden verschiedene AMM-Merkmale auf die Frage hin untersucht, ob sie \u00fcber- oder unterdurchschnittlich h\u00e4ufig bei erfolgreichen AMM auftreten. Zu den Merkmalen, die h\u00e4ufiger bei erfolgreichen AMM vorkommen, geh\u00f6ren kleine Gruppengr\u00f6ssen, Coaching, Selbststudium\/Hausaufgaben sowie ein modularer Aufbau (d. h. die M\u00f6glichkeit, Kursbl\u00f6cke massgeschneidert zusammenzustellen). AMM, die einen relativ hohen Anteil an Bewerbungstraining umfassen, zeigen einen \u00fcberdurchschnittlich hohen Effekt. Zudem scheint ein Minimum an zeitlicher Investition \u2013 sowohl in Bezug auf die Wochenstunden wie auch hinsichtlich der gesamten Dauer der AMM \u2013 notwendig zu sein, damit sich die Wirkung \u00fcberhaupt entfalten kann.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n\u00dcberraschenderweise schneiden jene AMM, die ein eher \u00abgesch\u00fctztes\u00bb Umfeld anbieten, besser ab als solche, die direkt dem Markt ausgesetzt sind. Massnahmen, die direkte Kontakte zu Arbeitgebern anbieten, zeigen zudem eine tiefere Wirkung als solche, die das nicht tun. Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung daf\u00fcr k\u00f6nnte sein, dass diese Unterschiede nicht durch die AMM selbst, sondern durch ihre Teilnehmenden zustande kommen: AMM wirken bei Personen mit tieferen Chancen besser als bei Personen mit hohen Chancen auf Wiedereingliederung.&#13;<\/p>\n<h2>H\u00f6chste Wirkung bei Ausl\u00e4ndern, Frauen und Fachkr\u00e4ften<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSchliesslich zeigen sich auch grosse Unterschiede zwischen den Gruppen von Teilnehmenden, die in ihrer starken Auspr\u00e4gung \u00fcberraschen. AMM wirken bei Stellensuchenden ausl\u00e4ndischer Nationalit\u00e4t doppelt so stark wie bei Schweizern und bei Frauen doppelt so stark wie bei M\u00e4nnern.Untersucht man die Wirkung der AMM getrennt nach der fr\u00fcheren beruflichen Funktion der Stellensuchenden, so zeigen sich ebenfalls grosse Unterschiede: Die h\u00f6chste Gesamtwirkung wird bei Fachkr\u00e4ften erzielt. Auch bei den Hilfskr\u00e4ften ist ein starker positiver Gesamteffekt zu beobachten. Bei Personen mit einem Kaderhintergrund wurde hingegen eine negative Wirkung gemessen. Dies mag daran liegen, dass die jetzige Produktepalette noch zu wenig auf diese Stellensuchenden zugeschnitten ist. M\u00f6glich ist auch, dass es den RAV-Personalberatenden bei diesen Gruppen besonders schwer f\u00e4llt, die richtige AMM auszuw\u00e4hlen.&#13;<\/p>\n<h2>Geeignete Massnahmen, richtig genutzt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZun\u00e4chst einmal kann man sich \u00fcber das positive Resultat freuen. Bei einer Wirkung von 10&nbsp;% auf den Bewerbungserfolg decken sich die AMM bereits zu zwei Dritteln selbst. Dabei sind weder die Wirkung der AMM auf den Prozess zwischen Vorstellungsgespr\u00e4ch und Anstellung noch die l\u00e4ngerfristig eingesparten Kosten durch eine tiefere Aussteuerungs- und Wiederanmeldequote ber\u00fccksichtigt. W\u00fcrden diese Kosten in die Rechnung mit einfliessen, ist zu vermuten, dass AMM auch finanziell eine rentable Investition seitens der Arbeitslosenversicherung darstellen.In Bezug auf die Frage, wie sich die Wirkung der AMM noch weiter steigern l\u00e4sst, gibt die Studie verschiedene Hinweise: So gibt es Teilnehmergruppen, die zurzeit noch unterdurchschnittlich von den AMM profitieren. Zudem werden sie auch in Situationen verf\u00fcgt, bei denen sie \u2013 zumindest was den Durchschnitt betrifft \u2013 keinen oder sogar einen negativen Effekt erzielen. Um einen gr\u00f6sstm\u00f6glichen Effekt zu erreichen, muss die Palette von AMM nicht nur auf die Bed\u00fcrfnisse der Stellensuchenden zugeschnitten sein, sondern die Palette muss auch richtig genutzt werden. Dies bedingt eine enge Zusammenarbeit zwischen den kantonalen Stellen, welche die AMM entwickeln, den zuweisenden Personalberatern der RAV und den Anbietern, welche sie umsetzen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/05\/Liechti_Grafik3.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-4081\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/05\/Liechti_Grafik3.png\" alt=\"Liechti_Grafik3\" width=\"863\" height=\"940\" \/><\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um sicherzustellen, dass die Arbeitsmarktlichen Massnahmen (AMM) wirksam sind, m\u00fcssen der Bedarf und der Erfolg der einzelnen Massnahmen systematisch analysiert und kontrolliert werden. 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