{"id":118020,"date":"2014-04-01T12:00:00","date_gmt":"2014-04-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2014\/04\/baumberger-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:18:54","modified_gmt":"2023-08-23T21:18:54","slug":"baumberger-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2014\/04\/baumberger-3\/","title":{"rendered":"Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge in der Schweiz: Erneute Zunahme seit Mitte der 1990er-Jahre"},"content":{"rendered":"<p>Am 18. Mai 2014 wird das Schweizer Stimmvolk \u00fcber die Volksinitiative \u00abF\u00fcr den Schutz fairer L\u00f6hne (Mindestlohn-Initiative)\u00bb befinden. Die Initiative verlangt zweierlei: einerseits die Einf\u00fchrung eines nationalen gesetzlichen Mindestlohnes von 22 Franken pro Stunde;<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> andererseits sollen Bund und Kantone die Festlegung von orts-, berufs- und branchen\u00fcblichen Mindestl\u00f6hnen in Gesamtarbeitsvertr\u00e4gen (GAV) f\u00f6rdern. W\u00e4hrend die Forderung nach einem staatlich verordneten Mindestlohn Anlass zu lebhaften Diskussionen gibt, erhielt der zweite Teil der Volksinitiative bisher weniger Aufmerksamkeit. Welche Bedeutung haben GAV heute, und welche Entwicklung fand in den letzten Jahren diesbez\u00fcglich statt?&#13;<\/p>\n<h2>Vertrag versus Gesetz<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIn der Schweiz werden die L\u00f6hne entweder individuell zwischen dem Arbeitnehmenden und dem Unternehmen vereinbart oder kollektiv von den Sozialpartnern f\u00fcr ganze Branchen oder einzelne Firmen ausgehandelt. Um die Arbeits- und Lohnbedingungen gemeinsam vertraglich festzuhalten, nutzen die Sozialpartner meist das Instrument des GAV. Im Gegensatz zu einer <i>gesetzlichen<\/i> Regelung ist ein GAV ein zwischen &shy;Arbeitgebern oder deren Verb\u00e4nden und &shy;Arbeitnehmerverb\u00e4nden abgeschlossener schriftlicher <i>Vertrag (Privatrecht)<\/i>. Dieser gilt jeweils f\u00fcr eine bestimmte Laufzeit und wird danach meist neu verhandelt und angepasst.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDer Inhalt eines GAV ist grunds\u00e4tzlich frei, darf jedoch nur zum Vorteil der Arbeitnehmerseite von zwingendem Recht ab&shy;weichen. Die Schweizer GAV-Landschaft ist denn auch entsprechend vielf\u00e4ltig. Typischerweise enthalten GAV Bestimmungen zu Mindestl\u00f6hnen, Arbeitszeit, Ferien, Lohnentwicklung, K\u00fcndigungsfristen oder Weiterbildungen. &shy;Gewisse GAV regeln auch spezifische Leistungen wie den fr\u00fchzeitigen Altersr\u00fccktritt. Die meisten GAV enthalten weiter Vorgaben, wie die Vertragsparteien bei GAV-Verletzungen miteinander umzugehen haben. W\u00e4hrend der Laufzeit eines GAV besteht beidseitig eine sogenannte Friedenspflicht. Die Begriffe \u00abSozialpartnerschaft und GAV\u00bb werden denn auch oft mit der geringen Anzahl Streiks in der Schweiz in Verbindung gesetzt. Sozialpartnerschaftliche Vereinbarungen, festgehalten im Rahmen eines GAV, helfen mit, das potenziell konflikttr\u00e4chtige Verh\u00e4ltnis zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmenden zu stabilisieren. Damit \u00fcbernehmen GAV eine gewisse Ordnungsfunktion und entlasten indirekt den Staat. Der grosse Spielraum der Sozialpartner f\u00fcr die Gestaltung der Arbeitsbedingungen erm\u00f6glicht daher eine zur\u00fcckhaltende Arbeitsgesetzgebung.&#13;<\/p>\n<h2>Schweizweit bestehen rund 600 Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Rahmen der Erhebung \u00fcber die Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge in der Schweiz (EGS) untersucht das Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) alle zwei Jahre Struktur und Inhalt der GAV. Diese Erhebung gibt einen ersten Hinweis zur Bedeutung der GAV in der Schweiz. Die letzte Untersuchung bezieht sich auf das Jahr 2012.<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a>\u00a0 Laut BFS wurden in diesem Jahr die Arbeitsbedingungen von rund 1\u2009742\u2009100 Besch\u00e4ftigten in 592 verschiedenen GAV geregelt.<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> Davon waren 88% einem GAV mit Mindestlohn unterstellt (siehe <i>Kasten 2<\/i>).&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Wirtschaftsbranchen mit den meisten GAV-Unterstellten sind das Gastgewerbe (220\u2009000) und der Personalverleih (270\u2009000). Weitere Branchen, in denen GAV eine quantitativ wichtige Rolle spielen, sind der Detailhandel sowie das Bauhaupt- und das Baunebengewerbe. In der Industrie ist die Bedeutung der GAV wegen der H\u00f6herqualifizierung der Belegschaft und der Abnahme des Produktionspersonals r\u00fcckl\u00e4ufig; dennoch spielen GAV etwa in der Uhren- und Maschinenindustrie weiterhin eine wichtige Rolle. Von untergeordneter Bedeutung sind GAV in Dienstleistungsbranchen mit \u00fcberdurchschnittlichem Qualifikationsniveau und ohne gewerkschaftliche Tradition. Dies ist der Fall in der Forschung und Entwicklung, der Informatik, der Unternehmensberatung oder den Versicherungen. Aber auch in der Freizeitindustrie, dem Grosshandel, der Landwirtschaft oder in den pers\u00f6nlichen Dienstleistungen werden die Arbeitsbedingungen weniger in GAV geregelt.&#13;<\/p>\n<h2>Renaissance seit Mitte der 1990er-Jahre<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nSeit Anfang der 1990er Jahre ist die Anzahl GAV tendenziell r\u00fcckl\u00e4ufig. Interessanterweise w\u00e4chst die Anzahl der Besch\u00e4ftigten, deren Arbeits- und Lohnbedingungen im Rahmen eines GAV verbindlich festgehalten werden. Nach einem R\u00fcckgang zu Beginn der 1990er-Jahre nahm die Anzahl unterstellten Besch\u00e4ftigten ab 1996 wieder langsam, aber stetig zu.<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a> Ab 2001 stieg die Anzahl der GAV-Unterstellten sogar &shy;st\u00e4rker als die unterstellbare Besch\u00e4ftigung. &shy;Damit erh\u00f6hte sich der GAV-Abdeckungsrad von rund 41% im Jahr 2001 auf 49% im Jahr 2012.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a> Auffallend stark zugenommen haben die allgemeinverbindlich erkl\u00e4rten GAV &shy;(siehe <i>Kasten 3<\/i>). Ihre Anzahl verdoppelte sich zwischen 2001 (34) und 2012 (71). W\u00e4hrend dieser Zeitspanne nahmen die einem allgemeinverbindlich erkl\u00e4rten GAV unterstellten Arbeitnehmenden um knapp 80% (von rund 349\u2009600 auf 626\u2009200 Personen) zu.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nGem\u00e4ss Oesch (2012) haben drei Elemente wesentlich zur \u00abRenaissance\u00bb des GAV seit Mitte der 1990er-Jahre beigetragen.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a> Erstens konnten die Gewerkschaften auch ausserhalb ihres traditionellen Einflussbereiches (Industrie, Baugewerbe) Fuss fassen und damit \u2013 wenn auch versp\u00e4tet \u2013 auf den strukturellen Wandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft reagieren. Insbesondere die Unia konnten im Dienstleistungsbereich eine Reihe von neuen GAV unterzeichnen.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a> Damit liess sich der R\u00fcckgang der Anzahl GAV-Unterstellten \u2013 induziert u.a. durch die krisen- und strukturell bedingten Besch\u00e4ftigungsverluste in der Industrie und im Baugewerbe in den 1990er-Jahren \u2013 etwas wettgemachen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nAls weiteren Grund f\u00fcr die Zunahme erw\u00e4hnt Oesch die Abschaffung des Beamtenstatus beim Bund und bei den meisten Kantonen. Dies f\u00fchrte dazu, dass die Arbeitsbedingungen im (halb-)\u00f6ffentlichen Sektor vermehrt gemeinsam mit den Gewerkschaften im Rahmen eines GAV festgelegt wurden. Auf nationaler Ebene war dies bei den \u00f6ffentlichen Infrastrukturbetrieben wie Post, SBB oder Swisscom der Fall. Auf kantonaler Ebene konnten auch im Sozial- und Gesundheitswesen erstmals vereinzelt GAV unterzeichnet werden (Spit\u00e4ler, Altersheime).&#13;<\/p>\n<h2>\u00d6ffnung des Arbeitsmarktes als &shy;wesentlicher Grund<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAusschlaggebend f\u00fcr den Bedeutungsgewinn der GAV war jedoch die <i>Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit zwischen der Schweiz und der EU<\/i> im Jahr 2002. Die GAV \u2013 insbesondere die allgemeinverbindlichen \u2013 erhielten im Rahmen der flankierenden Massnahmen eine zentrale Rolle. Da die in allgemeinverbindlichen GAV enthaltenen Mindestl\u00f6hne gem\u00e4ss Entsendegesetz auch von Entsendebetrieben eingehalten werden m\u00fcssen, st\u00e4rkte die Arbeitsmarkt\u00f6ffnung gegen\u00fcber der EU\/Efta das gemeinsame Interesse von Arbeitgebern und Gewerkschaften, die Arbeitsbedingungen ihrer Branche in allgemeinverbindlichen GAV festzuhalten. Dies gilt insbesondere f\u00fcr bisher vor ausl\u00e4ndischer Konkurrenz gesch\u00fctzten Branchen der Binnenwirtschaft, welche mit der Erleichterung des grenz\u00fcberschreitenden Dienstleistungsverkehrs neue Konkurrenz aus der EU\/Efta erhielten.<a href=\"#footnote_8\" id=\"footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor\">[8]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn diesem Kontext stellte die Allgemeinverbindlicherkl\u00e4rung durch den Staat einen starken Anreiz dar, \u00fcberhaupt einen GAV abzuschliessen. F\u00fcr die GAV in der privaten Sicherheitsdienstleistungsbranche sowie in der Reinigungsbranche Deutschschweiz spielte die M\u00f6glichkeit der Allgemeinverbindlicherkl\u00e4rung eine wesentliche Rolle.&#13;<\/p>\n<h2>Wo liegt die Schweiz im internationalen Vergleich?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nZur\u00fcck zur Mindestlohn-Initiative: Die Forderung nach einem staatlichen Mindestlohn wird unter anderem damit begr\u00fcndet, dass in der Schweiz 50% der Arbeitsverh\u00e4ltnisse keinem GAV unterstellt sind. Dabei wird meist auf die h\u00f6heren Abdeckungsgrade im Ausland verwiesen. Internationale Vergleiche sind jedoch mit einiger Vorsicht zu interpretieren, da sich einerseits aus dem GAV-Abdeckungsgrad keine R\u00fcckschl\u00fcsse auf Inhalt, Verbindlichkeit und Aktualit\u00e4t der Vereinbarungen ziehen lassen. Andererseits k\u00f6nnen l\u00e4nderspezifische institutionelle Rahmenbedingungen die H\u00f6he des Abdeckungsgrades wesentlich beeinflussen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie Schweiz positioniert sich im OECD-Vergleich mit rund 50% im hinteren Mittelfeld.<a href=\"#footnote_9\" id=\"footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor\">[9]<\/a> In L\u00e4ndern mit hohem gewerkschaftlichen Organisationsgrad ist der Druck auf die Arbeitgeber h\u00f6her, einen GAV abzuschliessen. Daher liegt in diesen L\u00e4ndern \u2013 Schweden, Finnland, D\u00e4nemark, Belgien \u2013 auch der GAV-Abdeckungsgrad tendenziell h\u00f6her (siehe <em>Tabelle 1<\/em>). Auch beim gewerkschaftlichen Organisationsgrad k\u00f6nnen institutionelle Rahmenbedingungen eine Rolle spielen. So geh\u00f6ren zum Beispiel die skandinavischen L\u00e4nder sowie Belgien zum sogenannten Ghent-System. Dieses System beteiligt die Gewerkschaften an der Verwaltung der Arbeitslosenversicherung. Da Gewerkschaftsmitglieder dabei zum Teil bessere Leistungen erhielten, f\u00f6rderte dies auch den gewerkschaftlichen Organisationsgrad.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/04\/201404_07D_Tabelle01.eps1_.gif\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3842\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/04\/201404_07D_Tabelle01.eps1_-534x600.gif\" alt=\"201404_07D_Tabelle01.eps[1]\" width=\"534\" height=\"600\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEs gibt jedoch auch eine ganze Reihe von L\u00e4ndern, welche einen hohen GAV-Abdeckungsgrad erzielen, ohne dass sich die Gewerkschaften auf eine grosse Anzahl Mitglieder st\u00fctzen k\u00f6nnen. \u00d6sterreich, Frankreich, Spanien oder die Niederlande geh\u00f6ren in diese Kategorie. Hier sind die l\u00e4nderspezifischen institutionellen Rahmenbedingungen von Interesse. So besteht in Frankreich zum Beispiel f\u00fcr Unternehmen mit mehr als 50 Besch\u00e4ftigten per Gesetz eine GAV-Verhandlungspflicht. In \u00d6sterreich m\u00fcssen die Arbeitgeber Mitglied einer Handelskammer sein, welche sie bei den Kollektivverhandlungen vertritt (Koalitionszwang). Auch die Bedingungen, unter welchen der Staat einen GAV allgemeinverbindlich erkl\u00e4rt, sind je nach Land sehr unterschiedlich. In Spanien und Frankreich k\u00f6nnen Branchen-GAV auch auf benachbarte Wirtschaftszweige ausgedehnt werden, falls dort keine GAV vorhanden sind. Vergleicht man den Abdeckungsgrad von 50% mit dem Ausland, gilt es diese Besonderheiten zu ber\u00fccksichtigen.&#13;<\/p>\n<h2>Trotz sinkendem Organisationsgrad &shy;stabiler Abdeckungsgrad<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nWie in den meisten L\u00e4ndern liegt der GAV-Abdeckungsgrad auch in der Schweiz mit 50% deutlich h\u00f6her als der gewerkschaftliche Organisationsgrad von rund 18%. Dies ist unter anderem darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass verschiedene GAV allgemeinverbindlich erkl\u00e4rt sind und GAV-Bestimmungen durch die unterstellten Unternehmen in der Regel auch auf Nicht-Gewerkschaftsmitglieder &shy;Anwendung finden. Wie in <i>Grafik 1<\/i> ersichtlich, hat auch in der Schweiz der gewerkschaftlichen Organisationsgrad seit Anfangs der 1990er-Jahre abgenommen. Mit dem &shy;erw\u00e4hnten Bedeutungsgewinn der GAV seit\u00a0Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit &shy;verzeichnet die Schweiz jedoch als eines der &shy;wenigen OECD-L\u00e4nder mit einem geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrad einen stabilen Abdeckungsgrad. Die starke Zunahme der Allgemeinverbindlicherkl\u00e4rung von GAV d\u00fcrfte dazu einen Beitrag geleistet &shy;haben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/04\/201404_07D_Grafik01.eps1_.gif\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-3843\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/04\/201404_07D_Grafik01.eps1_-600x511.gif\" alt=\"201404_07D_Grafik01.eps[1]\" width=\"600\" height=\"511\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIm Kontext der Mindestlohn-Initiative gilt es schliesslich festzuhalten, dass ein hoher Abdeckungsgrad durch GAV nicht automatisch auch einen niedrigen Tieflohnanteil bedeutet. Kollektiv ausgehandelte Mindestl\u00f6hne tragen der wirtschaftlichen Situation und Wertsch\u00f6pfungsst\u00e4rke einer Branche Rechnung. Je nach Branche und T\u00e4tigkeit haben sich die Sozialpartner im Rahmen von GAV-Verhandlungen denn auch schon auf tiefere Mindestl\u00f6hne als die von der Mindestlohn-Initiative geforderten 22 Franken geeinigt: zum Beispiel im Gastgewerbe, im Coiffeur- oder im Reinigungsgewerbe. Somit sind auch in Branchen mit guter GAV-Abdeckung relativ hohe Tieflohnanteile m\u00f6glich.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Ein Beitrag mit dem Titel \u00abTiefl\u00f6hne in der Schweiz \u2013 eine Situationsanalyse\u00bb in der Ausgabe 9-2013 dieser Zeitschrift setzte sich mit dem ersten Teil der Volks\u00adinitiative auseinander.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Siehe http:\/\/www.bfs.admin.ch, Arbeit und Erwerb, Organisation des Arbeitsmarktes, Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Diese Zahlen beziehen sich auf GAV mit normativen \u00adBestimmungen. Siehe dazu BFS (2012).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">Mehr zur Entwicklung der GAV zu Beginn der 1990er-\u00adJahre siehe Oesch (2011).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">Der GAV-Abdeckungsgrad bezeichnet den Anteil der einem GAV unterstellten Arbeitnehmenden am Total der theoretisch unterstellbaren Besch\u00e4ftigten (ohne Kader, selbst\u00e4ndig Erwerbst\u00e4tige, mitarbeitende Betriebseigner und Familienmitglieder sowie \u00f6ffentliche Angestellte). Details zur Berechnung siehe Seco (2013), S. 80.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">Siehe Oesch (2012), S. 120.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">Beispiele sind die GAV im Verkauf auf kantonaler und kommunaler Ebene, bei den Tankstellenshops oder bei W\u00e4schereien.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_8\" class=\"footnote--item\">Siehe dazu auch Oesch (2007), S. 348.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_8\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_9\" class=\"footnote--item\">OECD (2012), S.136&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_9\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 18. 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Kollektive Arbeitsbedingungen und Neokorporatismus in der Schweiz seit den 1990, in: Swiss Political Science Review 13(3): 337-368.<\/li>&#13;\n\t<li>Oesch, D. (2011): Swiss Trade Unions and Industrial Relations After 1990: A History of Decline and Renewal, in: Trampusch, C., Mach, A. (Hrsg.): Switzerland in Europe. Continuity and Change in the Swiss Political Economy, London: Routledge.<\/li>&#13;\n\t<li>Oesch, D. (2012): Die Bedeutung von Gesamtarbeitsvertr\u00e4gen f\u00fcr die Arbeitsmarktregulierung in der Schweiz: in Arbeitsrecht, Zeitschrift f\u00fcr Arbeitsrecht und Arbeitslosenversicherung.<\/li>&#13;\n\t<li>OECD (2012): OECD Employment Outlook, OECD Publishing.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":[{"kasten_title":"Hinweis","kasten_box":"Dieser Beitrag enth\u00e4lt Ausz\u00fcge aus dem Bericht des Staatssekretariats f\u00fcr Wirtschaft (Seco) \u00abGAV Standortbestimmung\u00bb, welcher im Mai dieses Jahres publiziert wird. Im\u00a0\u00adRahmen dieses Berichts verfasste Prof. Daniel Oesch von der Universit\u00e4t Lausanne \u00adeinen Beitrag zum Kapitel \u00abEntwicklung und Stand der Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge in der Schweiz\u00bb."},{"kasten_title":"Staatlicher Mindestlohn versus \u00adGAV-Mindestlohn","kasten_box":"Die meisten GAV enthalten verbindliche \u00adMindestl\u00f6hne, wobei die Regelungen sehr unterschiedlich ausfallen k\u00f6nnen. So gibt es z.B. in der privaten Sicherheitsdienstleistungsbranche bis\u00a0zum zw\u00f6lften Dienstjahr f\u00fcr jedes einzelne Dienstjahr einen anderen Mindestlohn. In gewissen GAV werden die Mindestl\u00f6hne regional unterschiedlich hoch angesetzt. Der vereinbarte \u00adMindestlohn f\u00fcr Ungelernte im aktuellen GAV der \u00adMaschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie) ist z.B. in Z\u00fcrich h\u00f6her als in Freiburg, wo der Mindestlohn wiederum h\u00f6her ausf\u00e4llt als im Tessin. Gegen\u00fcber einem staatlich festgelegten Mindestlohn hat die Festlegung von Mindestl\u00f6hnen im Rahmen eines GAV den Vorteil, dass die Sozialpartner ihre Branche genau kennen und auf die Besonderheiten der Betriebe und der Regionen R\u00fccksicht nehmen k\u00f6nnen. In einzelnen GAV haben sich die Sozialpartner zudem auf \u00abKrisenartikeln\u00bb geeinigt, welche es den Betrieben \u00aderlauben, in wirtschaftlich schwierigeren Situa\u00adtionen vom GAV abzuweichen, etwa um Besch\u00e4f\u00adtigungsverluste zu vermeiden.&#13;\n&#13;\nAuch die Entwicklung der GAV-Mindestl\u00f6hne verl\u00e4uft je nach Branche anders. Gem\u00e4ss Bundesamt f\u00fcr Statistik (BFS) wurden im Jahr 2013 die GAV-Mindestl\u00f6hne im Handel um 1,8% angehoben, w\u00e4hrend es im Gastgewerbe keine Minimallohnerh\u00f6hung gab.a Mindestl\u00f6hne in GAV erlauben es, auf die wirtschaftliche Situation der Branche R\u00fccksicht zu nehmen. Ein in der Verfassung verankerter Mindestlohn bietet diesbez\u00fcglich weniger Spielraum. Die Mindestlohn-Initiative verlangt zudem, dass der gesetzliche Mindestlohn regelm\u00e4ssig an die Lohn- und Preisentwicklung angepasst wird, mindestens aber im Ausmass des Rentenindexes der AHV. Sollte die Initiative angenommen werden, ist bei Inkrafttreten der neuen Regelung die seit 2011 aufgelaufene Lohn- und Preisentwicklung hinzuzurechnen. Die aktuelle Prognose des Bundesamtes f\u00fcr Sozialversicherungen (BSV) geht von einer Erh\u00f6hung des Mischindexes von rund 4,8% bis ins Jahr 2018 aus.&#13;\n&#13;\na Siehe: BFS 2014."},{"kasten_title":"Allgemeinverbindlicherkl\u00e4rung von Gesamtarbeitsvertr\u00e4gen","kasten_box":"Der Staat mischt sich grunds\u00e4tzlich nicht in die GAV-Politik der Sozialpartner ein. Die GAV bed\u00fcrfen weder von der Form, noch vom Inhalt her \u00adeiner staatlichen Genehmigung, sie sind direkt g\u00fcltig und anwendbar. Aktiv wird der Staat erst bei der so genannten Allgemeinverbindlicherkl\u00e4rung eines GAV. Unter bestimmten Voraussetzungen, welche im Bundesgesetz \u00fcber die Allgemeinverbindlicherkl\u00e4rung von Gesamtarbeitsvertr\u00e4gen (AVEG) festgehalten sind, k\u00f6nnen die Bundes- oder Kantonsbeh\u00f6rden auf Antrag der unterzeichnenden GAV-Parteien den Geltungsbereich eines GAV auf die ganze Branche ausdehnen. Es handelt sich dabei um einen beh\u00f6rdlichen Entscheid, durch den der Geltungsbereich eines GAV \u00fcber den Kreis der Beteiligten hinaus auf alle \u00adArbeitgeber und Arbeitnehmenden des betreffenden Berufs- oder Wirtschaftszweiges \u2013 und somit auch auf die Nichtmitglieder (Aussenseiter) \u2013 ausgedehnt wird. Damit m\u00fcssen die Aussenseiter nicht nur die Mindestbestimmungen hinsichtlich Lohn- und Arbeitsbedingungen des GAV einhalten, sondern \u2013 falls vom GAV vorgesehen \u2013 auch\u00a0Vollzugskostenbeitr\u00e4ge oder Beitr\u00e4ge \u00adzur Aus- und Weiterbildungen leisten.&#13;\n&#13;\nBei der Allgemeinverbindlicherkl\u00e4rung geht es einerseits darum, die so\u00adzialpartnerschaftlichen Vereinbarungen vor Niedriglohnkonkurrenz zu sch\u00fctzen. Andererseits sollen Aussenseiter nicht \u00adwirtschaftlich benachteiligt werden. Die AVE von Mindestlohnbestimmungen bedeutet nicht zuletzt auch ein Abweichen vom Prinzip der freien Lohnbildung, indem den Aussenseitern die L\u00f6hne und Arbeitsbedingungen vorgeschrieben werden. Da es nicht Ziel der AVE sein darf, unbequeme Konkurrenten auszuschalten und Markteintrittsbarrieren zu errichten, hat der Gesetzgeber im\u00a0Rahmen des AVEG klare Voraussetzungen definiert, unter welchen ein GAV allgemeinverbindlich erkl\u00e4rt werden kann. Eine zentrale Rolle spielen dabei die sogenannten Quoren, welche gewissermassen die demokratische Legitimation einer AVE sicherstellen sollen. Beim <i>Arbeitgeberquorum<\/i> m\u00fcssen am GAV mehr als die H\u00e4lfte aller Arbeitgeber der Branche beteiligt sein und beim <i>Arbeitnehmerquorum<\/i> mehr als die H\u00e4lfte aller Arbeitnehmenden; beim <i>gemischten Quorum<\/i> m\u00fcssen die\u00a0beteiligten Arbeitgeber mehr als die H\u00e4lfte der Arbeitnehmenden der Branche besch\u00e4ftigen. Mit\u00a0den Quoren wird sichergestellt, dass einer Mehrheit der Branche nicht Regelungen einer Minderheit aufgezwungen werden. Hingegen wird eine Regelung als akzeptabel erachtet, wenn sie f\u00fcr eine Mehrheit der Branche bereits gilt und mit der AVE auch f\u00fcr die Minderheit als anwendbar \u00aderkl\u00e4rt wird."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":118023,"main_focus":[156673,157280],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"2883","post_abstract":"","magazine_issue":"20140401","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/549187f8847fd"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118020"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3417"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=118020"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118020\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":127086,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118020\/revisions\/127086"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157280"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156673"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/0"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4025"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3417"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118020"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=118020"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=118020"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=118020"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=118020"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=118020"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}