{"id":118053,"date":"2014-04-01T12:00:00","date_gmt":"2014-04-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2014\/04\/hofstetter-4\/"},"modified":"2023-08-23T23:20:18","modified_gmt":"2023-08-23T21:20:18","slug":"hofstetter-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2014\/04\/hofstetter-3\/","title":{"rendered":"\u00abWir haben ein grosses Gewicht auf Asien gelegt. Das kann schon kritisch werden\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber die letzten Dekaden hat sich die G\u00fcterproduktion geografisch stark verlagert. W\u00e4hrend in der Schweiz und allen anderen Industrienationen die Wertsch\u00f6pfungstiefe der Industrie \u00fcber die letzten Jahre stetig gesunken ist, hat die Produktion im asiatischen Wirtschaftsraum sehr stark zugenommen. Bei G\u00fctergruppen, die als Vorleistungen in nachfolgenden Produktionsschritten weiterveredelt werden, machen asiatische Unternehmen einen Grossteil der gesamten Weltproduktion aus.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> So stellt sich aus volkswirtschaftlicher Sicht die Frage: Wie abh\u00e4ngig ist die Schweizer Wirtschaft von in Asien produzierten Vorleistungen?&#13;<\/p>\n<h2>Unterschiedliche Arten von &shy;Abh\u00e4ngigkeit\u2026<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAus statistischen Kennzahlen l\u00e4sst sich die Frage nur unzureichend beantworten. Grosse Warenstr\u00f6me weisen zwar auf eine Abh\u00e4ngigkeit hin. Diese wird aber erst entscheidend, wenn kaum alternative Lieferquellen vorhanden sind oder wenn deren Kapazit\u00e4ten mit hohem Aufwand erst ausgebaut werden m\u00fcssten. Eine Abh\u00e4ngigkeit besteht auch, wenn diese &shy;alternativen Lieferquellen von denselben &shy;Vorlieferanten beliefert werden oder die jeweiligen G\u00fcter nicht durch andere substituiert werden k\u00f6nnen. Eine Einsch\u00e4tzung der Abh\u00e4ngigkeit erfordert daher produkt- oder prozessspezifisches Wissen. Zudem binden Schweizer Unternehmen mit eigenen Produktionsst\u00e4tten in Asien den Bezug von Vorleistungen aus Asien anders ein als Unternehmen, die ausschliesslich in der Schweiz fertigen. Letztlich kann auch der Anteil des Absatzes eines Unternehmens nach Asien eine Rolle spielen, wenn gewisse Anteile an den beschafften Vorleistungen aus der &shy;Absatzregion gew\u00fcnscht oder gefordert sind.&#13;<\/p>\n<h2>\u2026 an konkreten Beispielen aufgezeigt<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nIm Rahmen einer Studie wurden neun mittelst\u00e4ndische Schweizer Unternehmen mit&shy;hilfe von Interviews und Sekund\u00e4rdatenanalysen auf ihre wahrgenommene Abh\u00e4ngigkeit von Vorleistungen aus Asien hin untersucht. Die Unternehmen entstammen den f\u00fcr die Schweizer Wirtschaft relevanten Branchen Pharma, Maschinenbau sowie Uhren und Pr\u00e4zisionsinstrumente. Sieben Unternehmen produzieren haupts\u00e4chlich in eigenen Werken in der Schweiz. Zwei Unternehmen sind Importeure, die vornehmlich Schweizer Produktionsst\u00e4tten beliefern. Aus den Ergebnissen lassen sich fundierte Hinweise, jedoch keine generell g\u00fcltigen Aussagen zur wahrgenommenen Abh\u00e4ngigkeit der Schweizer Wirtschaft von Vorleistungen aus Asien ableiten.&#13;<\/p>\n<h2>F\u00fcr Asien sprechen Kostenvorteile und mangelnde Alternativen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Schweizer Produktion der untersuchten Unternehmen zeichnet sich durch hochspezialisierte Prozesse und die N\u00e4he zu den Absatzm\u00e4rkten aus. Die Unternehmen gaben an, dass viele ehemals in der Schweiz durch&shy;gef\u00fchrten Produktionsprozesse \u2013 vor allem aus Kostengr\u00fcnden \u2013 \u00fcber die letzten Jahre entweder ins Ausland verlagert oder an Lieferanten im Ausland vergeben wurden. Ein grosser Teil der f\u00fcr die Produktion in der Schweiz ben\u00f6tigten Vorleistungen aus dem Ausland wird insbesondere aus dem asiatischen Raum bezogen. Die Wertsch\u00f6pfungstiefe in der Schweiz liegt bei diesen Unter&shy;nehmen zwischen 20% und 50%. Die Unternehmen erachten es unter dem Druck des Wettbewerbs als zwingend, dass sie die Kostenvorteile in Asien nutzen. Eine R\u00fcckverlagerung sch\u00e4tzen die Unternehmen zwar als prinzipiell machbar, aber aktuell als nicht wirtschaftlich ein. Die in Westeuropa verf\u00fcgbaren Produktionskapazit\u00e4ten seien hierf\u00fcr nicht ausreichend. Allerdings erw\u00e4gt man in der Medizin- und der Pharmaindustrie f\u00fcr die kommenden Produktgenerationen teilweise R\u00fcckverlagerungen an Lieferanten im europ\u00e4ischen Raum.&#13;<\/p>\n<h2>Herausforderungen geografischer und kultureller Natur\u2026<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie befragten Unternehmen sehen in der geografischen und kulturellen Distanz zwischen der Schweiz und den asiatischen Vorleistern besondere Herausforderungen. Die Identifikation geeigneter Lieferanten in Asien bedingt hohe Marktkenntnis und ein hohes Mass an physischer Pr\u00e4senz bei den Unternehmen vor Ort. Auch die Koordination mit den bestehenden Lieferanten erfordert intensive Pr\u00e4senz, damit Vertrauen entsteht und Missverst\u00e4ndnisse vermieden werden k\u00f6nnen. Ausserdem berichten die untersuchten Unternehmen nur rudiment\u00e4r von Problemen bei der Nachhaltigkeit: \u00abIn Asien ist man sich nicht immer der Nachhaltigkeitsproblematik bewusst, die wir in Europa schon seit Jahren leben. Dennoch sind Lieferanten durchaus bereit, sich im Rahmen der zuk\u00fcnftigen Partnerschaft in unsere Richtung zu bewegen.\u00bb Die langen Lieferzeiten und Transportwege verz\u00f6gern die Reaktivit\u00e4t bei \u00c4nderungen oder Problemen. Mit Lieferschwierigkeiten ihrer asiatischen Lieferanten haben die untersuchten Unternehmen nur selten Probleme, Verz\u00f6gerungen beim anschliessenden Transport in die Schweiz sind jedoch h\u00e4ufig.&#13;<\/p>\n<h2>\u2026\u2009durch aktives Lieferanten&shy;management\u00a0begegnen<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie untersuchten Unternehmen nutzen zur stabileren Verf\u00fcgbarkeit von Vorleistungen aus Asien ein aktives Lieferantenmanagement. Dieses setzt sich jeweils aus einer Kombination von kommunikativen Massnahmen, Lieferantenbesuchen durch Unternehmensvertreter aus der Schweiz, einer lokalen Beschaffungsorganisation in Asien und Anreizsystemen f\u00fcr Lieferanten zusammen. Neben der Einhaltung regulatorischer Anforderungen verfolgen alle untersuchten Unternehmen auch die Einhaltung der eigenen Anforderungen an die asiatischen Lieferanten hinsichtlich der Qualit\u00e4t, des Preises, der Lieferzuverl\u00e4ssigkeit und der Nachhaltigkeit. So berichten die befragten Unternehmen, dass die Kommunikation gegen\u00fcber den asiatischen Lieferanten zum Verst\u00e4ndnis dieser Anforderungen eine zentrale Grundvoraussetzung sei. Hierzu bedient man sich in der Praxis konkreter Anweisungen, intensiver Gespr\u00e4che und wiederkehrender Besuche bei den jeweiligen Lieferanten vor Ort.&#13;<\/p>\n<h2>Alternative L\u00f6sungen stehen kaum\u00a0&shy;bereit<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie untersuchten Unternehmen stellen fest, dass immer mehr G\u00fcter in Asien produziert werden, und leiten daraus eine kurz- bis mittelfristige beschaffungsseitige Abh\u00e4ngigkeit von diesem Wirtschaftsraum ab. Diese geografische Konzentration wird neben den Kostenvorteilen insbesondere auch damit begr\u00fcndet, dass die Hauptnachfrage f\u00fcr viele Vorleistungen mittlerweile ebenfalls in Asien generiert wird und sich B\u00fcndelungseffekte bei den Produktionsvolumina nur durch die Produktion in Asien realisieren lassen. Die bestehenden Produktionskapazit\u00e4ten f\u00fcr solche Vorleistungen ausserhalb Asiens \u2013 insbesondere in Europa und in Nordamerika \u2013 erachten die befragten Unternehmen als stark limitiert. Eine Verlagerung des Bezugs aus Asien bedarf in der Regel insofern erst eines kapital- und zeitintensiven Kapazit\u00e4tsaufbaus bei alternativen Lieferanten.&#13;<\/p>\n<h2>Chancen st\u00e4rker gewichtet als Risiken<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAsien ist f\u00fcr die untersuchten Unternehmen ein wichtiger, grosser und f\u00fcr manche Vorleistungen exklusiver Beschaffungsmarkt. Eine Abh\u00e4ngigkeit wird dann als kritisch beurteilt, wenn die Verf\u00fcgbarkeit der Vorleistungen beeintr\u00e4chtigt ist, ohne dass kurz- bis mittelfristig alternative Beschaffungsquellen zur Verf\u00fcgung stehen. \u00abDer Worst Case w\u00e4re, wenn wir von heute auf morgen total \u00fcberrascht w\u00fcrden. Dann brauchten wir sechs Monate, bis wir einen geeigneten Lieferanten gefunden h\u00e4tten und die ersten Lieferungen bek\u00e4men. Darin sehe ich schon Abh\u00e4ngigkeiten\u00bb, machte ein Unternehmensvertreter deutlich.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Beispiele f\u00fcr China sind schwere Seltenerdmetalle (f\u00fcr die Ausfuhrbeschr\u00e4nkungen gelten), chemische \u00adBasisstoffe sowie Fotovoltaik- und Elektronikkom\u00adponenten. Beispiele f\u00fcr Thailand sind Festplatten.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die letzten Dekaden hat sich die G\u00fcterproduktion geografisch stark verlagert. 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Daneben hatten sie auch Produktionsausf\u00e4lle und Behinderungen im Warenverkehr mit kaum vorhergesehener direkter Auswirkung auf Schweizer Produktionsst\u00e4tten zur Folge. In einer neuen Studie nehmen neun Schweizer Unternehmen Stellung zu den Risiken einer zunehmenden Abh\u00e4ngigkeit von asiatischen Vorleistungen. Die Unternehmen befinden die Produktqualit\u00e4t und die Lieferperformance f\u00fcr Vorleistungen aus Asien allgemein als gut. Sie gewichten die Chancen st\u00e4rker als die Risiken fataler Lieferausf\u00e4lle. Das Management solcher Risiken \u00adgeschieht daher meist nur en \u00adpassant.","post_hero_image_description":"Bei etlichen G\u00fctergruppen machen die Vorleistungen asiatischer Unternehmen einen Grossteil der Weltproduktion aus. 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Diese Vorleistungen aus Asien sind dem beschaffenden Unternehmen in der Regel unbekannt. \u00adBedenkt man weiter, dass heutige Wertsch\u00f6pfungsketten aus zahlreichen Stufen bestehen, die potenziell Vorleistungen aus Asien ver\u00adarbeiten, wird die Schwierigkeit der umfassenden Einsch\u00e4tzung der Abh\u00e4ngigkeit von spezifischen Vorleistungen noch deutlicher."},{"kasten_title":"Internationale Plattform f\u00fcr \u00adLogistikmanagement","kasten_box":"Der <i>Lehrstuhl f\u00fcr Logistikmanagement der Universit\u00e4t St.Gallen<\/i> bildet eine internatio\u00adnale Plattform f\u00fcr den wissenschaftlichen und praxisbezogenen Dialog in den Bereichen \u00ad<i>Logistik, Supply Chain Management<\/i> und <i>Verkehr.<\/i> Der Lehrstuhl erforscht komplexe Problemstellungen und erarbeitet innovative Konzepte, Methoden und Instrumente in diesen Bereichen. Damit treibt er die Fortentwicklung des Logistikmanagements in Industrie-, Handels- und Dienstleistungsunternehmen wie auch in der \u00f6ffentlichen Verwaltung voran. Das berufsbegleitende Diplomstudium \u00adLogistikmanagement bietet ein Weiterbildungsforum f\u00fcr F\u00fchrungskr\u00e4fte an, das Entscheidungstr\u00e4ger auf die Herausforderungen in internationalen Wertsch\u00f6pfungsketten vorbereitet. 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