{"id":118114,"date":"2014-04-01T12:00:00","date_gmt":"2014-04-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2014\/04\/schneider-16\/"},"modified":"2023-08-23T23:20:18","modified_gmt":"2023-08-23T21:20:18","slug":"schneider-15","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2014\/04\/schneider-15\/","title":{"rendered":"\u00abDie Wirtschaft will keine Verteilungsschlacht f\u00fchren\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><b>Die Volkswirtschaft:<\/b> <i>Herr Schneider-&shy;Ammann, Sie haben im Nachgang zur Abstimmung \u00fcber die Zuwanderungsinitiative Anfang M\u00e4rz die Wirtschaftsvertreter getroffen. Wie gross war der Hilfeschrei?<\/i>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Es war kein Hilfeschrei. Aber es besteht ein grosses Interesse der Wirtschaft an Informationen. Einerseits sind die Wirtschaftsvertreter daran interessiert, die Prozesse rund um die Ausarbeitung des Umsetzungskonzepts zu kennen. Andererseits wollen sie ihre Vorstellungen und Bef\u00fcrchtungen einbringen. Sehr konstruktiv war unter anderem, dass sie unisono gesagt haben, dass sie sich nicht in einem Wettbewerb wiederfinden wollen, in dem die limitierte Anzahl Zuwanderer dort landet, wo man am lautesten ruft oder wo der Einfluss am h\u00f6chsten ist. Die Wirtschaftsvertreter haben sich sehr bem\u00fcht, als Einheit aufzutreten und ihre Interessen ganzheitlich zu \u00e4ussern. Die Wirtschaft will keine Verteilungsschlacht f\u00fchren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Sind das nicht bloss Lippenbekenntnisse? Der Verteilungskampf bei den Kontingenten ist doch vorprogrammiert.<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Lassen Sie den Bundesrat zuerst bis Ende Juni das Umsetzungskonzept erarbeiten. Damit d\u00fcrften erste Eckwerte bekannt werden. Wenn es dann gelingt, zusammen mit der Wirtschaft Kriterien f\u00fcr die Verteilung zu erstellen \u2013 umso besser!&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Kann man mit einem Kontingentsystem die Einwanderung von Arbeitskr\u00e4ften \u00fcberhaupt marktgerecht steuern?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Das ist eine grosse Herausforderung. Wie genau die Zuwanderung gesteuert werden soll, ist in der Initiative nicht festgeschrieben. Wir m\u00fcssen diesen Spielraum nutzen. Das System muss dem raschen strukturellen Wandel unserer Wirtschaft gerecht werden. Durch m\u00f6glichst einfache und klare Verfahren m\u00fcssen wir bestrebt sein, die Planungssicherheit f\u00fcr die Unternehmen m\u00f6glichst hochzuhalten. Die definierte Zulassungspolitik soll dem gesamtwirtschaftlichen Interesse dienen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Vor der Einf\u00fchrung der Personenfreiz\u00fcgigkeit kamen mehrheitlich tief qualifizierte Arbeitnehmende in die Schweiz. Wie kann man bei einem erneuten Kontingentsystem diese Fehlsteuerung der Vergangenheit vermeiden?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Ich glaube nicht, dass wir einen kompletten R\u00fcckfall in alte Zeiten bef\u00fcrchten m\u00fcssen. In den letzten zehn Jahren fragte die Wirtschaft vermehrt gut qualifizierte Arbeitskr\u00e4fte nach. Es ist klar, dass uns die Begrenzung der Zuwanderung zwingt, Zulassungskriterien festzulegen und eine Wahl zu treffen. Bereits heute haben wir bei der Zuwanderung aus Drittstaaten die Priorit\u00e4t ganz bewusst auf qualifizierte und spezialisierte Fach- und F\u00fchrungskr\u00e4fte gelegt. Auch in der Zuwanderung aus EU\/Efta-Staaten werden wir darauf achten, sie m\u00f6glichst nicht dort zu begrenzen, wo sie volkswirtschaftlich am meisten bringt.Die Volkswirtschaft: Ganz grunds\u00e4tzlich gefragt: Wenn die Personenfreiz\u00fcgigkeit f\u00e4llt, fallen auch die flankierenden Massnahmen zum Schutz der Lohnunterschreitung?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Als Erstes geht es darum, den Volkswillen umzusetzen. Ein neues System, bestehend aus der Kontingentierung mit Inl\u00e4ndervorrang, wird das bisherige Modell abl\u00f6sen. Das ist ein Paradigmenwechsel. Sobald das Umsetzungskonzept Ende Juni erstellt ist, wird man dieses der Europ\u00e4ischen Union vorlegen und die Vertr\u00e4glichkeit mit der EU-Personenfreiz\u00fcgigkeit ausloten. Erst dann kann man diese Frage beantworten. Vorher ist es m\u00fcssig, dar\u00fcber zu spekulieren. Es braucht auf jeden Fall weiterhin einen Mechanismus, um den Arbeitsmarkt wettbewerblich auszugestalten und die Arbeitsmarktteilnehmer in einem gewissen Ausmass auch zu sch\u00fctzen. Ob das die bekannten, herk\u00f6mmlichen flankierenden Massnahmen sind, wird sich weisen. Das kann ich nicht vorwegnehmen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Der Bundesrat will die flankierenden Massnahmen ausbauen. Braucht es diesen Ausbau \u00fcberhaupt noch nach der Annahme der Zuwanderungsinitiative?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Wie gesagt, einen gewissen Schutz f\u00fcr die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer braucht es auch in Zukunft. Wie wir ihn benennen wollen und wie er ausgestaltet wird, das ist momentan noch offen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Wie sieht der Fahrplan aus? Wann wissen wir, ob die Personenfreiz\u00fcgigkeit f\u00e4llt oder nicht?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Die Verfassung gibt uns grunds\u00e4tzlich drei Jahre Zeit.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>\u2026\u2009das ist die Theorie\u2026<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Nein, das ist der Volksentscheid. Wir haben drei Jahre Zeit. Aber was Sie ansprechen, ist sicher richtig. Denn je fr\u00fcher die Kl\u00e4rung herbeigef\u00fchrt werden kann, desto fr\u00fcher kann die Unsicherheit aus dem Feld ger\u00e4umt werden. Und desto geringer f\u00e4llt der Schaden f\u00fcr die Wirtschaft aus. Ob die Personenfreiz\u00fcgigkeit f\u00e4llt oder nicht, ist im Moment reine Spekulation.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Wie wird sich die Zuwanderungsinitiative auf das Wirtschaftswachstum auswirken?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Die Initiative schafft eine unn\u00f6tige neue Unsicherheit. Zum einen ist unklar, wie stark die zuk\u00fcnftigen Rekrutierungsm\u00f6glichkeiten von ausl\u00e4ndischen Arbeitskr\u00e4ften f\u00fcr die Unternehmen erschwert werden. Zum anderen steht die Ausgestaltung des bilateralen Weges der Schweiz mit der EU generell in der Schwebe. Tats\u00e4chlich landen jetzt Projekte in der Schublade. In den kommenden Quartalen k\u00f6nnte sich die erh\u00f6hte Unsicherheit weiterhin negativ auf das Investitionsverhalten der Firmen auswirken und dadurch die Wirtschaftsentwicklung beeintr\u00e4chtigen. Die l\u00e4ngerfristigen wirtschaftlichen Konsequenzen sind jedoch derzeit kaum absch\u00e4tzbar. Sie h\u00e4ngen stark von der konkreten Umsetzung der Initiative und der zuk\u00fcnftigen Beziehung der Schweiz mit der EU ab.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft: <\/strong><em>Es gibt viele Fragezeichen: Das Entsendegesetz regelt die T\u00e4tigkeit ausl\u00e4ndischer Dienstleister in der Schweiz. Gilt dieses Gesetz \u00fcberhaupt noch nach der Annahme der Initiative?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Wir haben mit dem Personenfreiz\u00fcgigkeitsabkommen auch die grenz\u00fcberschreitende Dienstleistungserbringung liberalisiert. Konkret k\u00f6nnen heute Dienstleistungserbringer w\u00e4hrend 90 Tagen pro Jahr in der Schweiz Dienstleistungen erbringen. Sie sind melde- und nicht bewilligungspflichtig. Die Zahl dieser Dienstleistungserbringer stieg 2012 auf \u00fcber 200\u2009000. Es ist nun zu pr\u00fcfen, ob die Dienstleistungs&shy;erbringung vom neuen Verfassungsartikel tangiert wird und zahlenm\u00e4ssig zu beschr\u00e4nken ist. So oder so ist es in einem Kontingentsystem aber m\u00f6glich, dass entsandte Arbeitskr\u00e4fte weiterhin in der Schweiz arbeiten k\u00f6nnen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Der Bundesrat und die Wirtschaft schlagen in der Argumentation oft in die gleiche Kerbe. Bei der Abzockerinitiative und der Zuwanderungsinitiative stand man auf der Verliererseite. Hat die Schweizer Bev\u00f6lkerung das Vertrauen in die Schweizer Wirtschaft verloren?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Nein, so absolut w\u00fcrde ich es nicht sagen. Wir hatten Lohn&shy;exzesse, und das hat die Leute w\u00fctend gemacht. Es ist ein problematisches Bild der Wirtschaftselite gewachsen \u2013 ein Bild der Selbstbedienung. Und das ist verp\u00f6nt. Dadurch ist sicher eine Vertrauensproblematik entstanden. Gleichzeitig realisieren aber die Kritiker der Wirtschaftsf\u00fchrer nicht, dass sie offenbar in einer Firma arbeiten, die Geld verdient, und gerade weil das so ist, auch ihr Arbeitsplatz gesichert ist. Es ist kein grundlegender Vertrauensbruch. Die Menschen &shy;wissen genau, dass sie auf die Wirtschaftsf\u00fchrung angewiesen sind, wenn es darum geht, den Arbeitsplatz gesichert zu halten.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Am 18. Mai steht die n\u00e4chste sehr wichtige Abstimmung an, jene zur Mindestlohninitiative. Wie wollen Sie diesen Abstimmungskampf gewinnen?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Keine Frage, das ist die n\u00e4chste ganz wichtige Abstimmung, f\u00fcr die sich der Bundesrat stark engagiert. Er \u00fcberl\u00e4sst es nicht dem Zufall. Der Bundesrat will sich im Nachhinein keinen Vorwurf machen lassen, er habe zu wenig Aufkl\u00e4rungs&shy;arbeit geleistet. Die Stimmb\u00fcrgerinnen und Stimmb\u00fcrger sollen genau wissen, wozu sie Ja oder Nein sagen. Wir haben hierzulande ein flexibles System, das auf der Sozialpartnerschaft und auf einem liberalen Arbeitsmarkt basiert. Kombiniert mit der dualen Berufsbildung, bildet es das Erfolgsrezept des Bundesrates. Wir befinden uns in einem Standortwettbewerb. Bis anhin sind wir gut unterwegs. Wir werden international beneidet um unsere Besch\u00e4ftigungssituation.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Der Bundesrat hat Ende Februar die Kampagne gegen die Mindestlohninitiative er\u00f6ffnet. Welches ist aus Ihrer Sicht das zentralste Argument?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Die Initiative ist zwar gut gemeint, schadet aber gerade den&shy;jenigen am meisten, die davon profitieren sollten. Wo das Gesetzeskorsett so eng ist, stellt man die Leute nicht mehr ein. Der geforderte Mindestlohn \u2013 weltweit der h\u00f6chste \u2013 wird es wenig qualifizierten Personen und Jugendlichen zus\u00e4tzlich erschweren, den Einstieg ins Erwerbsleben zu finden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Sie wollen also am Lohnniveau nicht r\u00fctteln?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Wir sind heute gut aufgestellt, weil wir nicht \u00fcber alle Branchen, Berufe und Regionen den gleichen Mindestlohn vorschreiben. Zwei Beispiele: Wir lassen in den Branchen im Tessin einen regionalen Lohn festlegen. Die Sozialpartner haben f\u00fcr die Maschinenindustrie eine regional differenzierte L\u00f6sung gefunden. Damit ist man n\u00e4her am Markt und erh\u00f6ht die Wettbewerbsf\u00e4higkeit. Die Chance wird gr\u00f6sser, dass man besch\u00e4ftigt ist.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>\u00dcbersch\u00e4tzen Sie den Einfluss der Sozialpartnerschaft nicht?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Ich bin wirklich \u00fcberzeugt, dass die Sozialpartnerschaft das bessere Rezept ist als jedes Gesetz. In den letzten zw\u00f6lf Jahren haben wir den Abdeckungsgrad der Gesamtarbeitsvertr\u00e4ge von 38 auf 49 Prozent erh\u00f6ht. Wo es keine organisierten Sozialpartner gibt, die miteinander einen GAV festlegen k\u00f6nnen, haben wir die M\u00f6glichkeit, einen Normalarbeitsvertrag zu erlassen. Das wird auch gemacht. Aktuell gibt es einen schweizweiten Normalarbeitsvertrag f\u00fcr die Hauswirtschaft und sieben kantonale Normalarbeitsvertr\u00e4ge.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Das ist ein Hohelied auf die Sozialpartnerschaft.<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Sozialpartnerschaft heisst, dass man miteinander ein Ziel erreichen will. Dieses Ziel muss sein, miteinander im globalen Wettbewerb zu bestehen. Nur so kann man Jobs sichern. An dieser Stelle m\u00f6chte ich daran erinnern, dass wir jeden zweiten Franken im Ausland verdienen und davon jeder zweite Schweizer Arbeitsplatz abh\u00e4ngt. Das ist es, was die Sozialpartner wissen m\u00fcssen. Insgesamt funktioniert die Sozialpartnerschaft unspektakul\u00e4r und gut. Das wissen beide Seiten. Ausnahmen gibt es immer.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Best\u00fcnden die Personenfreiz\u00fcgigkeit und die flankierenden Massnahmen nicht mehr \u2013 dr\u00e4ngte sich da der Mindestlohn nicht auf?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Nein, bestimmt nicht. Die Mindestlohninitiative stellt einen radikalen Systemwechsel dar. Stark negativ betroffen w\u00e4ren Gegenden mit tieferem Lohnniveau wie das Tessin oder touristisch und landwirtschaftlich gepr\u00e4gte Regionen. Die Masseneinwanderungsinitiative schr\u00e4nkt die Rekrutierungsm\u00f6glichkeiten der Unternehmen im EU-Raum ein. Damit d\u00fcrfte auch die potenzielle Gefahr von missbr\u00e4uchlicher Unterbietung der Schweizer L\u00f6hne abnehmen. Mit dem Kontingentierungssystem best\u00fcnde zudem die M\u00f6glichkeit, bei der &shy;Bewilligungserteilung Arbeits- und Lohnbedingungen zu kontrollieren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Der Schweizer Arbeitsmarkt steht wegen der Alterung der Gesellschaft vor Engp\u00e4ssen. Braucht es nach dem Abstimmungsresultat vom 9. Februar neben der Fachkr\u00e4fteinitiative zus\u00e4tzliche Massnahmen, um das inl\u00e4ndische Erwerbspotenzial auszusch\u00f6pfen?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Es war uns immer klar, dass die Zuwanderung kein Ersatz, &shy;sondern eine Erg\u00e4nzung zum inl\u00e4ndischen Fachkr\u00e4ftepotenzial ist. Die L\u00f6sungsans\u00e4tze der Fachkr\u00e4fteinitiative im Bildungs- und &shy;Arbeitsmarktbereich gewinnen nun m\u00f6glicherweise an Bedeutung. Wir m\u00fcssen uns \u00fcberlegen, ob die vorgesehenen Massnahmen schneller, sch\u00e4rfer oder umfassender &shy;ergriffen werden m\u00fcssen. \u00dcber zus\u00e4tzliche Massnahmen zu sprechen, ist heute sicher verfr\u00fcht.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Der freiwillige Lohngleichheitsdialog des Bundes und der Sozialpartner mit den Firmen hat die Erwartungen nicht erf\u00fcllt. Was ist falsch gelaufen?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Wir hatten Firmen, die uns gesagt haben, dass sie das selber machen und nicht vom Bund gef\u00fchrt werden wollen. Wenn also nur 50 von den erhofften 100 Firmen mitgemacht haben, ist das formell nat\u00fcrlich kein gutes Resultat. Es gibt aber Firmen, die nicht im Rahmen des Lohngleichheitsdialogs sichtbar geworden sind, sich aber sehr darum bem\u00fchen, die Gleichheit herzustellen oder sie sogar schon hergestellt haben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Die Lohndiskriminierung gibt es nach wie vor. Wie muss in Ihren Augen der Bundesrat weiterverfahren?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Ich sage das ganz offen: Mein Appell an die Unternehmen war, freiwillig mitzumachen, damit keine Gesetzesnorm droht. Unser liberaler Arbeitsmarkt ist ein Standortvorteil. L\u00e4nder, die Gesetze einf\u00fchrten, haben ein St\u00fcck Flexibilit\u00e4t verloren.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Was sind die weiteren Schritte?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Ende letztes Jahr hat der Bundesrat zwei Studien zum Thema Lohngleichheit zur Kenntnis genommen. Gest\u00fctzt auf diese Studien und die Evalua&shy;tion des Lohngleichheitsdialogs, wird der Bundesrat \u00fcber das weitere Vorgehen entscheiden. Mehr kann ich dazu im Augenblick nicht sagen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>In den F\u00fchrungsetagen sind Frauen auch im internationalen Vergleich untervertreten. Sehen Sie hier Handlungsbedarf?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Der Anteil von Frauen in F\u00fchrungspositionen sollte erh\u00f6ht werden. In Anbetracht des hohen Bildungsniveaus der Frauen und vor dem Hintergrund des Fachkr\u00e4ftemangels in der Schweiz muss dieses Humankapital genutzt werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Viele europ\u00e4ische L\u00e4nder f\u00fchren Quoten ein. Die EU-Kommis&shy;sion arbeitet zurzeit ein Gesetz aus, das f\u00fcr das Auswahlverfahren f\u00fcr die Gesch\u00e4ftsleitung &shy;eine Quote f\u00fcr Frauen vorsieht. Braucht es auch in der Schweiz vor\u00fcbergehende gesetz&shy;liche Bestimmungen zur Erh\u00f6hung des Frauen&shy;anteils?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Wir haben im letzten Jahr eine Geschlechterquote von 30 Prozent f\u00fcr die obersten Leitungsorgane von bundesnahen Unternehmen und Anstalten beschlossen. Es ist begr\u00fcssenswert, dass die Frauenanteile in Verwaltungsrat und Gesch\u00e4ftsleitung von b\u00f6rsenkotierten Unternehmen erh\u00f6ht werden. Der Bundesrat wird nun die Frage von gesetzlichen Bestimmungen im Rahmen der laufenden Aktienrechtsrevision pr\u00fcfen und allenfalls L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge einbringen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Das Abstimmungs&shy;resultat vom 9. Februar war ein St\u00fcck Wachstumskritik. <\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Auch ich interpretiere das Abstimmungsergebnis dahingehend, dass man kein ausuferndes Breitenwachstum m\u00f6chte. Es ist mir aber wichtig zu erw\u00e4hnen, dass dieses nie die Politik des Bundesrates war. Unser erkl\u00e4rtes Ziel der Wachstumspolitik war stets, die Arbeitsproduktivit\u00e4t in der Schweiz zu erh\u00f6hen, also das \u00abqualitative\u00bb Wachstum zu f\u00f6rdern, welches allen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern in der Schweiz zugutekommt.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Die Volkswirtschaft:<\/strong> <em>Ihr Departement wird in diesem Jahr ein Grundlagenpapier zur Wachstumsstrategie 2015\u20132018 erstellen m\u00fcssen. Wie lautet Ihre Antwort auf diese Wachstumskritik?<\/em>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Schneider-Ammann:<\/strong> Was viele Kritiker derzeit etwas vergessen: Wir brauchen Wachstum. Unser Wachstum muss \u2013 neben \u00f6konomischen \u2013 deutlich mehr auf \u00f6kologische und soziale Aspekte und somit auf ein qualitatives Wachstum ausgerichtet sein. Das Wachstum pro Kopf muss verbessert werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass man innovativer und wettbewerbsf\u00e4higer sein muss. Das wird in unserer neuen Wachstumsstrategie auf jeden Fall zum Ausdruck kommen.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<strong>Interview:<\/strong> Susanne Blank und Nicole Tesar<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Volkswirtschaft: Herr Schneider-&shy;Ammann, Sie haben im Nachgang zur Abstimmung \u00fcber die Zuwanderungsinitiative Anfang M\u00e4rz die Wirtschaftsvertreter getroffen. Wie gross war der Hilfeschrei?&#13; &#13; Schneider-Ammann: Es war kein Hilfeschrei. Aber es besteht ein grosses Interesse der Wirtschaft an Informationen. Einerseits sind die Wirtschaftsvertreter daran interessiert, die Prozesse rund um die Ausarbeitung des Umsetzungskonzepts zu kennen. 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