{"id":118210,"date":"2014-03-01T12:00:00","date_gmt":"2014-03-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2014\/03\/woitek-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:20:26","modified_gmt":"2023-08-23T21:20:26","slug":"woitek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2014\/03\/woitek\/","title":{"rendered":"Haben sich die Eigenschaften konjunktureller Schwankungen ge\u00e4ndert?"},"content":{"rendered":"<p>Im Verlauf der Zeit hat sich die Definition von konjunkturellen Schwankungen gewandelt. Ein allgemein anerkanntes Konzept existiert nicht. W\u00e4hrend die traditionelle Vorstellung von sich \u00fcberlagernden Zyklen unterschiedlicher L\u00e4nge ausgeht, sprechen moderne \u00d6konomen eher von \u00abFluktuationen\u00bb als von Zyklen. Die L\u00e4nge des Konjukturzyklus ist ein wichtiges Merkmal, wobei man sich die Zyklusl\u00e4nge nicht als fix, sondern zeitvariierend vorstellen muss. Der \u00d6konom Ragnar Frisch hat in den 1930er-Jahren dieses Ph\u00e4nomen mit der Bewegung eines Pendels beschrieben, das von erratischen Schocks angetrieben wird.<a href=\"#footnote_1\" id=\"footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor\">[1]<\/a> Folgt man der Zyklendefinition des NBER,<a href=\"#footnote_2\" id=\"footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor\">[2]<\/a> dann betrug die durchschnittliche L\u00e4nge eines US-Konjunkturzyklus \u2013 jeweils als Abstand zwischen den oberen Wendepunkten gemessen \u2013 in der Periode 1945\u20132009 69 bis 70 Monate. Der k\u00fcrzeste Zyklus (Januar 1980\u2013Juli 1981) dauerte 18 Monate und der l\u00e4ngste (Juli 1990\u2013M\u00e4rz 2001) 128 Monate.&#13;<\/p>\n<h2>Wie steht es mit der L\u00e4nge des &shy;Konjunkturzyklus der Schweiz?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nVergleicht man die Ver\u00e4nderung der Varianzanteile von Juglar-Zyklen (7 bis 10 Jahre) und Kitchin-Zyklen (3 bis 5 Jahre) an der &shy;zyklischen Komponente des realen Brutto&shy;inlandprodukts (BIP) f\u00fcr eine Reihe von OECD-L\u00e4ndern mit der Schweiz (Zeitraum: 1970\u20132012), f\u00e4llt zun\u00e4chst auf, dass die Varianzanteile sehr stark \u00fcber die 27 L\u00e4nder im Datensatz<a href=\"#footnote_3\" id=\"footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor\">[3]<\/a> streuen. Man kann also sicher nicht von einem deutlichen gemeinsamen Zyklus in diesem Zeitraum sprechen. Der &shy;Interquartilsabstand schwankt um 25%; ein offensichtlicher gemeinsamer Trend ist nicht zu erkennen (siehe <i>Grafik 1<\/i>).<a href=\"#footnote_4\" id=\"footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor\">[4]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\n<a href=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/03\/201403_10D_Grafik01.eps1_.gif\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-4088\" src=\"http:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/content\/uploads\/2014\/03\/201403_10D_Grafik01.eps1_-600x345.gif\" alt=\"201403_10D_Grafik01.eps[1]\" width=\"600\" height=\"345\" \/><\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDas Ergebnis f\u00fcr die Schweiz zeigt, dass sich die zyklische Struktur bis auf wenige Jahre deutlich von den anderen OECD-L\u00e4ndern unterscheidet. Vor 1995 liegt der Varianzanteil des Juglar-Zyklus eher im unteren Bereich der Verteilung (bis auf die Jahre 1978, 1979 und 1980), w\u00e4hrend er von 1996 bis 2008 deutlich \u00fcber dem oberen Quartil liegt. Der Varianzanteil des Kitchin-Zyklus zeigt einen spiegelverkehrten Verlauf \u00fcber die Zeit. Anders ausgedr\u00fcckt, hat sich die L\u00e4nge des Schweizer Konjukturzyklus \u00fcber die Zeit ver\u00e4ndert: Der 7- bis 10-j\u00e4hrige Zyklus ist vor 1995 weniger wichtig f\u00fcr die zyklische Struktur des Schweizer BIP als danach. Der Varianzanteil beginnt ab 1985 zu steigen, was zu sp\u00e4t scheint, um das Ph\u00e4nomen mit der von Kehoe und Prescott (2002) identifizierten \u00abGrossen Depression\u00bb in der Periode 1974\u20132000 in Verbindung zu bringen. Seit 2008 scheint der lange Zyklus wieder an Bedeutung verloren zu haben und der kurze Zyklus zu dominieren, auch im Vergleich zu den anderen OECD-L\u00e4ndern, was sich mit der relativ raschen Erholung aus der aktuellen Krise erkl\u00e4ren l\u00e4sst.&#13;<\/p>\n<h2>Wie synchron verlaufen die Zyklen?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Natur anderer wichtiger empirischer Regelm\u00e4ssigkeiten konjunktureller Schwankungen hat sich ebenfalls ge\u00e4ndert. F\u00fcr eine kleine offene Volkswirtschaft wie die Schweiz sind der internationale Konjunkturzusammenhang, der die aussenwirtschaftliche Verflechtung widerspiegelt, und die damit einhergehende potenzielle Synchronisierung von konjunkturellen Schwankungen wichtig: W\u00e4hrend der Zusammenhang etwas \u00fcber die St\u00e4rke der internationalen Verflechtung sagt, misst die Synchronisierung das Ausmass, in dem obere und untere Wendepunkte des &shy;Zyklus zur gleichen Zeit erreicht werden.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nEin Vergleich dieser Masse f\u00fcr die drei grossen Nachbarl\u00e4nder und die USA in den Phasen 1922\u20131939, 1960\u20131980 und 1980\u20132000 zeigt, dass der Zusammenhang nicht besonders stark ist und eher abgenommen hat; die Ausnahme bildet Deutschland. Die Synchronisierung mit dem franz\u00f6sischen Konjunkturzyklus hat sich \u00fcber das 20. Jahrhundert hinweg verst\u00e4rkt, w\u00e4hrend der Gleichlauf mit dem deutschen Zyklus ungef\u00e4hr gleich geblieben ist. Die Synchronisierung mit dem italienischen Zyklus und dem US-Zyklus ist am schw\u00e4chsten und hat bis 1980 abgenommen, bevor sie in der Periode 1980\u20132000 wieder leicht angestiegen ist.<a href=\"#footnote_5\" id=\"footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor\">[5]<\/a>&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nDie relativ hohe Synchronisierung in der Periode 1922\u20131939 l\u00e4sst sich sicherlich damit erkl\u00e4ren, dass alle L\u00e4nder von der Grossen Depression betroffen waren. Es gibt aber trotzdem Unterschiede bez\u00fcglich des Ausmasses des Konjunktureinbruchs sowie der ergriffenen wirtschaftspolitischen Massnahmen. So blieben Frankreich und die Schweiz \u2013 zusammen mit den anderen Goldblockl\u00e4ndern \u2013 auf dem Goldstandard, was die Erholung aus der Depression, die international 1933 begann, bis 1936 verz\u00f6gerte. Den R\u00fcckgang des Zusammenhangs ist zur\u00fcckzuf\u00fchren auf die Unterschiede bez\u00fcglich der geografischen Diversifikation der Schweizer Exporte sowie auf den Anstieg der Spezialisierung der Wirtschaft, hervorgerufen durch die zunehmende internationale Arbeits&shy;teilung.<a href=\"#footnote_6\" id=\"footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor\">[6]<\/a>&#13;<\/p>\n<h2>Geringere Volatilit\u00e4t vor der Finanzkrise: Reiner Zufall?<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nEine weitere bedeutende Eigenschaft des Konjunkturzyklus ist die Volatilit\u00e4t, d. h. die St\u00e4rke der zyklischen Bewegung. \u00dcber das ganze 20. Jahrhundert hinweg betrachtet, nimmt die Volatilit\u00e4t der Wachstumsraten des Schweizer BIP deutlich ab.<a href=\"#footnote_7\" id=\"footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor\">[7]<\/a> Die Periode von etwa der Mitte der 1980er-Jahre bis zum Beginn der Finanzkrise wird als <i>Great Moderation<\/i> bezeichnet. In diesem Zeitraum kam es zu einem R\u00fcckgang der Volatilit\u00e4t sowohl der Inflation als auch der Outputl\u00fccke.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nIn einer Rede vor der Eastern Economics Association am 20. Februar 2004 hat der sp\u00e4tere Chef des Federal Reserve Board (Fed), Ben Bernanke, drei m\u00f6gliche Erkl\u00e4rungen f\u00fcr den R\u00fcckgang der Volatilit\u00e4t genannt:&#13;<\/p>\n<ul>&#13;<\/p>\n<li>Strukturwandel, wie sich \u00e4ndernde Rahmenbedingungen oder technischer Fortschritt;<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>verbesserte makro\u00f6konomische Politik, insbesondere Geldpolitik;<\/li>\n<p>&#13;<\/p>\n<li>Gl\u00fcck: kleinere und weniger h\u00e4ufige \u00f6konomische Schocks in dieser Periode.<\/li>\n<p>&#13;\n<\/ul>\n<p>&#13;<br \/>\nAls damaliger Gouverneur im Fed verwirft Ben Bernanke in seiner Rede verst\u00e4ndlicherweise die Gl\u00fcckshypothese und f\u00fchrt die Great Moderation auf verbesserte Geldpolitik zur\u00fcck. F\u00fcr den R\u00fcckgang der Inflationsvolatilit\u00e4t besteht in der Literatur in der Tat ein Konsens dar\u00fcber, was die Bedeutung der Geldpolitik anbelangt. Der R\u00fcckgang der Volatilit\u00e4t der Outputl\u00fccke l\u00e4sst sich hingegen offenbar eher mit \u00abGl\u00fcck\u00bb erkl\u00e4ren.<\/p>\n<ol class=\"footnote\"><li id=\"footnote_1\" class=\"footnote--item\">Eine \u00dcbersicht zu Theorie und Geschichte konjunktureller Schwankungen findet sich in Zarnowitz (1992).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_1\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_2\" class=\"footnote--item\">Internet: www.nber.org\/cycles\/cyclesmain.html.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_2\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_3\" class=\"footnote--item\">Australien, \u00d6sterreich, Belgien, Kanada, D\u00e4nemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, \u00adIrland, Island, Israel, Italien, Japan, Korea, Luxemburg, Mexiko, Niederlande, Neuseeland, Norwegen, Portugal, Spanien, Schweden, Schweiz, T\u00fcrkei, Grossbritannien, USA. Das Auswahlkriterium f\u00fcr die untersuchten L\u00e4nder ist die Datenverf\u00fcgbarkeit ab 1970.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_3\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_4\" class=\"footnote--item\">F\u00fcr eine Erl\u00e4uterung der Methode und weiterf\u00fchrende Literatur siehe Anhang A.1.3 zu M\u00fcller und Woitek (2012).&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_4\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_5\" class=\"footnote--item\">M\u00fcller und Woitek (2012), S. 143\u2013145, 158\u2013160.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_5\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_6\" class=\"footnote--item\">M\u00fcller und Woitek (2012), S. 160.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_6\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><li id=\"footnote_7\" class=\"footnote--item\">M\u00fcller und Woitek (2012), S. 133.&nbsp;<a href=\"#footnote-anchor_7\" class=\"inline-footnote__anchor hidden-print\">[<span class=\"icon-arrow-up\"><\/span>]<\/a><\/li><\/ol>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Verlauf der Zeit hat sich die Definition von konjunkturellen Schwankungen gewandelt. 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Veyrassat (Hrsg.), Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im 20. Jahrhundert, Kap. 1.1, S. 91\u2013222, Basel: Schwabe Verlag.<\/li>&#13;\n\t<li>Zarnowitz, V. (1992): Business Cycles. Theory, History, Indicators, and Forecasting. Chicago, London: University of Chicago Press.<\/li>&#13;\n<\/ul>","post_kasten":null,"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":118213,"main_focus":[156674,157281],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"2877","post_abstract":"","magazine_issue":"20140301","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/54afa7678d465"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118210"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4022"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=118210"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118210\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":127116,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118210\/revisions\/127116"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157281"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156674"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/4022"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118210"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=118210"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=118210"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=118210"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=118210"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=118210"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}