{"id":118359,"date":"2013-12-01T12:00:00","date_gmt":"2013-12-01T12:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/2013\/12\/froboese-2\/"},"modified":"2023-08-23T23:22:03","modified_gmt":"2023-08-23T21:22:03","slug":"froboese","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/2013\/12\/froboese\/","title":{"rendered":"Mobilit\u00e4t 2025: Vom System zum Nutzer"},"content":{"rendered":"<p>Als der <i>Channel Tunnel<\/i> zwischen Grossbritannien und Frankreich im Jahr 1994 er\u00f6ffnet wurde, dauerte die Zugreise von London nach Paris nur noch zwei Stunden und 50 Minuten. Doch sofort stellten sich Bahningeniere in Grossbritannien die Frage, wie man die Zugreise nach Paris weiter verbessern k\u00f6nne. Seit 2007 heisst ihre Antwort <i>High Speed 1<\/i>, eine g\u00e4nzlich neu verlegte Schienentrasse von London an die K\u00fcste. Sie hat 6 Mrd. Pfund gekostet und einige Firmen in den Ruin getrieben. Viel Land musste gekauft, viele Naturschutzprojekte angeschoben werden. Die Zugfahrt nach Paris dauert jetzt nur noch zwei Stunden und 15 Minuten, sie wurde um 35 Minuten verk\u00fcrzt. Ist das die Zukunft der Mobilit\u00e4t?&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nNein, sagt beispielsweise Rory Sutherland, Werbeguru mit internationalem Renomm\u00e9e und Vizedirektor der Ogilvy-Gruppe. Er bezeichnet es als fantasielos, eine Reise nur dadurch zu verbessern, indem man sie verk\u00fcrzt. Anstatt f\u00fcr 6 Mrd. Pfund eine neue Trasse zu bauen, h\u00e4tte man f\u00fcr 3 Mrd. Pfund s\u00e4mtliche Supermodels der Welt, m\u00e4nnlich wie weiblich, anstellen k\u00f6nnen, die den Zug auf- und abflanieren und den Passagieren kostenlos Wein des <i>Ch\u00e2teau P\u00e9trus <\/i>ausschenken. Man h\u00e4tte Geld gespart und die Zugreise wahrlich verbessert. Die Passagiere w\u00fcrden heute darum bitten, dass der Zug langsamer fahre.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nOb in der Schweiz ein weiterer Ausbau der Bahninfrastruktur notwendig sei oder im \u00d6V bald hochwertiger Rotwein serviert werde, bleibe dahingestellt. Die Geschichte zeigt aber in jedem Fall eines: Nicht das Wohlbefinden des Verkehrssystems, sondern das Wohlbefinden des mobilen Menschen sollte das Mass f\u00fcr die Zukunft der Mobilit\u00e4t sein. Der Bau von neuen Strassen und Schienen war lange Zeit Treiber der Mobilit\u00e4t, weil die Menschen erst durch sie mobil wurden. Heute sind die meisten Menschen in der Schweiz t\u00e4glich sehr mobil. L\u00f6sungen von gestern sind daher schlechte Antworten auf die Probleme von morgen. Zu fragen, wie statt dem Verkehr die Mobilit\u00e4t der Zukunft aussehe, bedeutet deshalb auch anzuzweifeln, ob wir immer mehr unterwegs sein sollten oder doch vielmehr einfach <i>anders<\/i>. Wagen wir einige Prognosen.&#13;<\/p>\n<h2>Information und Navigation<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDer Reisende durch die Welt von 2025 wird sein eigenes Mobilit\u00e4tsverhalten mit technischen Hilfsmitteln ganz genau beobachten k\u00f6nnen. Die Informationen helfen ihm bei Entscheidungen auf seinem Reiseweg \u2013 ob f\u00fcr die Wahl des Verkehrsmittels oder f\u00fcr die schnellste Route durch die Menschenmassen eines grossen Bahnhofs. Der Reisende wird sich nicht mehr einem vorgegebenen Fahrplan anpassen m\u00fcssen, sondern wird seinem eigenen Fahrplan folgen k\u00f6nnen. Verschiedene heute getrennte Systeme werden zu einem System verschmolzen sein: \u00d6V und Auto, aber auch verschiedene Routenplaner oder das Gastro-Angebot am Bahnhof. Bereits vor seiner Abfahrt kann der Reisende verschiedene Verkehrstr\u00e4ger entlang seines Reisewegs koordinieren: Das Velo \u00abweiss\u00bb, um welche Uhrzeit der Reisende auf den Zug muss; am Bahnhof wird ihm der Weg zum Velo-Stellplatz und auf einen freien Sitzplatz im Zug gewiesen; die L\u00e4den auf dem Weg kennen seine Bed\u00fcrfnisse und Pr\u00e4ferenzen.&#13;<\/p>\n<h2>Sharing und Pooling<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nAnstatt ein Auto alleine zu benutzen, teilen die Reisenden 2025 vermehrt eines mit anderen \u2013 das eigene oder das eines Car-Sharing-Dienstes. Selbst f\u00fcr die Fahrt ans weit entfernte Ferienziel wird eine junge Familie mit einer anderen zusammenspannen, ein Auto teilen, Geld sparen und sich beim Fahren und bei der Kinderbetreuung abwechseln. Velos und Autos werden zum Allgemeingut; f\u00fcr Wartung und Instandsetzung sind die Anbieter besorgt. Der \u00f6ffentliche Verkehr wird individuell, der individuelle Verkehr im Gegenzug auch \u00f6ffentlich. In diesem System des Teilens d\u00fcrfen weder Zuverl\u00e4ssigkeit, P\u00fcnktlichkeit oder Qualit\u00e4t leiden, noch darf die Bedienung kompliziert sein. Und wir d\u00fcrfen die gef\u00fchlte Kontrolle nicht verlieren. Schon heute sind diejenigen Reisenden, die einen grossen Einfluss auf ihren eigenen Reiseweg haben, die gl\u00fccklichsten \u2013 n\u00e4mlich die Velofahrer und Fussg\u00e4nger.&#13;<\/p>\n<h2>Drop-off und Pick-up<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDas Leben wird 2025 weiter flexibilisiert sein, das betrifft auch die Verkehrswege der Menschen. Daf\u00fcr braucht es eine neue Art von Sachtransport; Gep\u00e4ckst\u00fccke werden immer unabh\u00e4ngiger von ihren Besitzern unterwegs sein. Dazu werden Koffer, Sport- oder Einkaufstaschen mit den Reisenden und der Umgebung \u00abkommunizieren\u00bb. Das geht schon heute: Das selbstfahrende Auto von Google etwa bezieht Informationen \u00fcber die Verkehrslage von anderen Verkehrsteilnehmern. Und die Alterung der Gesellschaft tr\u00e4gt weiter dazu bei, dass immer weniger Reisende ihr Gep\u00e4ck immer selber tragen k\u00f6nnen. Beim Ausflug in die nahe gelegene Kleinstadt muss ein \u00e4lteres Ehepaar beispielsweise die M\u00f6glichkeit haben, in verschiedenen Gesch\u00e4ften einzukaufen, dabei einige Kleinigkeiten sofort mitzunehmen und gr\u00f6ssere Eink\u00e4ufe wahlweise an den n\u00e4chsten Bahnhof oder zu sich nach Hause liefern zu lassen. 2025 wird es ein Netz von Drop-off- und Pick-up-Stationen geben, die neue Reisewege von Gep\u00e4ckst\u00fccken m\u00f6glich machen.&#13;<\/p>\n<h2>W\u00e4hrung und Wertsch\u00e4tzung<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\nDie Kosten des Unterwegsseins werden bis 2025 nicht abnehmen. Energie, Infrastruktur und Umweltbelastung kosten viel. Politik und Steuerzahler sind nicht gewillt, die Defizite zu decken; sich bef\u00f6rdern zu lassen, wird deshalb massiv teurer werden. Sich hingegen selber zu Fuss oder mit dem Velo fortzubewegen, bleibt g\u00fcnstig und wird zur Senkung der Gesundheitskosten zudem gesellschaftlich gef\u00f6rdert werden. Mobilit\u00e4t wird nicht nur teurer, sondern auch wertvoller werden, und wir werden uns nicht <i>mehr<\/i>, sondern <i>bewusster<\/i> bewegen. Deshalb wird es 2025 ein Punktesystem geben: Selberbewegen wird mit Punkten belohnt, f\u00fcrs Bewegenlassen muss man Punkte abgeben. Auch die Nutzung der Drop-off-Pick-up-Systeme wird kosten. Wer hingegen Gep\u00e4ckst\u00fccke anderer Reisender mitnimmt, erh\u00e4lt Punkte. Diese Punkte werden unterwegs \u00fcberall einsetzbar sein, f\u00fcr Billette ebenso wie f\u00fcr den Kaffee am Bahnhof.&#13;<\/p>\n<h2>Dorf-, Quartier- und Stadtzentrum<\/h2>\n<p>&#13;<br \/>\n2025 werden Menschen vermehrt in Metropolregionen wohnen und anstatt zwischen mehreren St\u00e4dten vor allem innerhalb dieser Regionen unterwegs sein. Daf\u00fcr braucht es innerhalb der Region neue Zentren. Neben Strassen werden vor allem Bahnh\u00f6fe sowie Haltestellen und L\u00e4den im Quartier zu echten Knotenpunkten. Hier wohnen und arbeiten die Menschen, hier kaufen sie ein. Die Vielzahl solcher neuer, kleinerer Zentren hilft, den Verkehrskollaps zu verhindern. Der Langsamverkehr wird aus Umwelt- und Gesundheitsgr\u00fcnden aufgewertet. Reisen von einer Metropolregion in eine andere werden einfach sein, aber teuer. Auf dem Land wird das Auto seine Monopolstellung behalten und durch den Sharing-Trend weiter beg\u00fcnstigt. Es wird \u2013 wie der Zug oder das Velo \u2013 vollumf\u00e4nglich in die pers\u00f6nlichen Reisewege eines jeden Einzelnen integriert sein und damit seine Funktion als Statussymbol weitgehend verloren haben.&#13;<br \/>\n&#13;<br \/>\nWohin f\u00fchren all diese Entwicklungen? Zum einen zu einer Zersplitterung des Mobilit\u00e4tsangebots in viele individuelle, aber vernetzte L\u00f6sungen. Zum anderen steht bei der Mobilit\u00e4t nicht mehr ein zentrales \u00d6V- oder Strassensystem im Zentrum. Entscheidend sind vielmehr die individuellen Reisewege eines jeden mobilen Menschen. Bis 2025 muss also nicht die Infrastruktur besser werden, sondern das Angebot f\u00fcr den Nutzer. Diejenigen Anbieter werden den Wechsel vom Verkehr zur Mobilit\u00e4t am besten meistern, welche die Nutzer auf der Reise durch ihren mobilen Alltag unterst\u00fctzen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als der Channel Tunnel zwischen Grossbritannien und Frankreich im Jahr 1994 er\u00f6ffnet wurde, dauerte die Zugreise von London nach Paris nur noch zwei Stunden und 50 Minuten. Doch sofort stellten sich Bahningeniere in Grossbritannien die Frage, wie man die Zugreise nach Paris weiter verbessern k\u00f6nne. 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Denn die grossen Ver\u00e4nderungen vollziehen sich derzeit nicht in der Verkehrsinfrastruktur, sondern in der Einstellung des Einzelnen zu seinem Unterwegssein. Der mobile Mensch von heute will keine schnelleren Verkehrsmittel, er will Unterst\u00fctzung auf seinen vielen Reisen durch den Alltag.","post_hero_image_description":"","post_hero_image_description_copyright_de":"","post_hero_image_description_copyright_fr":"","post_references_literature":"","post_kasten":[{"kasten_title":"Mobilit\u00e4t 2025 \u2013 neue Reisewege durch eine ver\u00e4nderte Welt","kasten_box":"Die GDI-Studie \u00abMobilit\u00e4t 2025 \u2013 unterwegs in der Zukunft\u00bb beschreibt die mobile Welt 2025 anhand acht zentraler Ver\u00e4nderungen. Zudem stellt sie in Form von sechs neuen Konzepten die Reisewege vor, welche durch die mobile Welt 2025 f\u00fchren. Die Studie ist als Gratis-Download verf\u00fcgbar auf <a href=\"http:\/\/www.gdi.ch\/mobilitaet\">http:\/\/www.gdi.ch\/mobilitaet<\/a>.&#13;\n&#13;\nEin Animationsfilm veranschaulicht zudem die Reisewege von Tobias, einem der Protagonisten der Studie. Er ist zu sehen auf <a href=\"http:\/\/www.gdi.ch\/mobi2025bilder\">http:\/\/www.gdi.ch\/mobi2025bilder<\/a>."},{"kasten_title":"Mobilit\u00e4t ist die Folge von Bed\u00fcrfnissen","kasten_box":"Mobilit\u00e4t wird h\u00e4ufig als Grundbed\u00fcrfnis betrachtet. Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur wird damit begr\u00fcndet, dass immer mehr Menschen immer mobiler werden \u2013 als Ausdruck von wirtschaftlichem Wohlstand. Dabei beruht Mobilit\u00e4t immer auf Defiziten. Sie entsteht, wenn Bed\u00fcrfnisse nicht an dem Ort befriedigt werden k\u00f6nnen, an dem man sich gerade befindet: Man m\u00f6chte zum Beispiel einkaufen, arbeiten oder ist neugierig auf ein neues Erlebnis. Wenn dies im eigenen Quartier nicht m\u00f6glich ist, entsteht Mobilit\u00e4t. Sie ist daher kein Bed\u00fcrfnis, sondern die Folge von Bed\u00fcrfnissen. Die Kunst wird es sein, bis 2025 die Bed\u00fcrfnisse der Menschen auf smarte Art und vor Ort zu bedienen, anstatt die Strecken immer schneller und so die Schweiz immer kleiner zu machen."}],"post_notes_for_print":"","first_teaser_header_de":"","first_teaser_header_fr":"","first_teaser_text_de":"","first_teaser_text_fr":"","second_teaser_header_de":"","second_teaser_header_fr":"","second_teaser_text_de":"","second_teaser_text_fr":"","kseason_de":"","kseason_fr":"","post_in_pdf":118362,"main_focus":[156676,157283],"serie_email":null,"frontpage_slider_bild":"","artikel_bild-slider":null,"legacy_id":"2779","post_abstract":"","magazine_issue":"20131201","seco_author_reccomended_post":null,"redaktoren":null,"korrektor":null,"planned_publication_date":null,"original_files":null,"external_release_for_author":"19700101","external_release_for_author_time":"00:00:00","link_for_external_authors":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/exedit\/54c63fbc6f8ad"},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118359"}],"collection":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3970"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=118359"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118359\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":127145,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/118359\/revisions\/127145"}],"acf:post":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/157283"},{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/main_focus_post\/156676"}],"acf:user":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3970"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=118359"}],"wp:term":[{"taxonomy":"post__type","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post__type?post=118359"},{"taxonomy":"post_opinion","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_opinion?post=118359"},{"taxonomy":"post_serie","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_serie?post=118359"},{"taxonomy":"post_content_category","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_category?post=118359"},{"taxonomy":"post_content_subject","embeddable":true,"href":"https:\/\/dievolkswirtschaft.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/post_content_subject?post=118359"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}